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Ulf Skirke
Technologie und Selbstorganisation
Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs


Einleitung

Trotz unbestreitbarer Erfolge technologischer Entwicklungen werden diese zunehmend durch negative Begleiterscheinungen wie katastrophische Risiken, unbeherrschbare Nebenwirkungen oder mangelnde Akzeptanz charakterisiert. Die derzeitige technologische Entwicklungsdynamik erscheint so nicht nur ambivalent, sondern vielmehr krisenhaft und instabil. Das so erzeugte kritische 'Außenbild' von Naturwissenschaft und Technik führt dabei auf neue Anforderungen nach Sozial- und Umweltverträglichkeit des technologischen Fortschritts sowie auf ein verändertes Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Vielfach wird insbesondere die ökologische Krise auf das herkömmliche Fortschrittsmodell zurückgeführt und ein anderes verantwortliches Denken und Handeln von Naturwissenschaft und Technik gefordert. Im Zentrum der Kritik steht dabei das historische Projekt, nach dem Natur lediglich als Mittel zum Zweck für die Verbesserung menschlicher Verhältnisse und Erkenntnisse manipulierbar erscheint. Überwiegend wird die daraus resultierende mechanistisch-technologische Rationalität für destruktive Konsequenzen naturwissenschaftlich-technischer Produkte verantwortlich gemacht und ein anderes verträglicheres Technologieprojekt gefordert. Gerade in der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion über »Nachhaltigkeit« und »Zukunftsfähigkeit« sehe ich dafür eine Bestätigung: Bei dieser 'gängigen' Kritik mit ihrer wünschenswerten Zielsetzung nach human- und umweltverträglicheren Arbeitsweisen, Ergebnissen und Anwendungen von Naturwissenschaft und Technik entsteht jedoch das Problem, daß diese Anforderungen meist 'von außen' an Forschung und Entwicklung herangetragen werden. Wenn naturwissenschaftliche Praxis und ihre technologischen Konsequenzen anders sein sollen, heißt dies nicht automatisch, daß sie es mit den herkömmlichen Methoden auch können. Ich halte es deshalb für erforderlich, technologische Prozesse begrifflich und strukturell 'von innen' zu analysieren, um die grundlegenden Charakteristika des derzeitigen Technik- und Fortschritts-Typus offenzulegen. Einen ersten Zugang liefern dazu die unbeabsichtigten Nebenwirkungen mechanistisch-technologischer Prozesse selbst: Häufig legen die krisenhaften Folgen selbst das interdependente Mensch-Natur-Technologie-Gefüge frei - mit nichtmechanistischen, nichtlinearen und komplex-dynamischen Eigenschaften. Dies führt auf Phänomene und Begrifflichkeiten, die andere neuartige Betrachtungsweisen erfordern, um den gesamten Problemhorizont der vielfältig verknüpften menschlichen, natürlichen und technologischen Entwicklungsprozesse zu erfassen. Dies wiederum legt nahe, die herkömmliche Technikkritik selbst einer Kritik zu unterziehen, um ein vertieftes Verständnis für die Ursachen, für die ungeheure Dynamik und Beschleunigung technologischer Innovationen sowie die parallel dazu verlaufende mangelnde Beherrschbarkeit destruktiver Folgeprobleme des derzeitigen Technologietypus - aber auch mögliche Alternativen dazu - zu gewinnen.

Obwohl sich die technologische Entwicklung in ständigem Wandel vollzieht, scheint dennoch aus diesen 'flachen' Innovationen ständig ein gleichbleibender Technik-Typus hervorzugehen. Da jedoch Technik-Typus und technologische Entwicklungsmuster historisch entstanden und gewachsen sind, sind sie prinzipiell auch veränderbar: Die vorliegende Arbeit versucht nachzuweisen, daß 'tiefe' Innovationen, ein »Paradigmawechsel« möglich sind. In jedem Fall kommt der Qualität von Technologie eine grundlegende Schlüsselrolle für die zukünftige, menschliche und natürliche Entwicklung zu.

Betrachtet man den naturwissenschaftlich-technischen Forschungsprozeß von 'innen' so ist ein Wandlungsprozeß des eigenen Natur-(wissenschaftlichen) Verständnisses bzw. des Selbst-Bildes unübersehbar. Dies betrifft z.B.:

  1. Die Wiederentdeckung nichtmechanistischer Prinzipien, von Kreativität und Evolutionsdynamik der Natur im makroskopischen Bereich.
  2. Die Erforschung von komplexen Ordnungs- und Chaoszuständen.
  3. Die Erforschung der Entwicklungsgesetze und Stabilität lebendiger sowie künstlicher komplex-adaptiver Systeme.
  4. Die Darstellung und Erprobung ganzheitlicher Prinzipien in Abgrenzung zum Reduktionismus.

Dieser unter dem Begriff »Selbstorganisation« zusammenfaßbare Wandlungsprozeß ist in seiner Tragweite noch nicht vollständig abzuschätzen, er zeigt jedoch bereits wesentliche Ansätze einer weitreichenden Veränderung der naturwissenschaftlich-technischen Denkweise und Praxis. Dabei ist eine interessante Übereinstimmung und Parallelität zwischen Charakteristika des gewandelten gesellschaftlichen Außenbildes und dem veränderten Selbstbild in Naturwissenschaft und Technik festzustellen. In dem »neue Wege naturwissenschaftlichen Denkens« (Prigogine) deutlich werden, konkretisieren sich entsprechend Möglichkeiten für ein internes naturwissenschaftliches und technologisches Reformprojekt, dessen Grundzüge in dieser Arbeit offengelegt werden sollen.

Ein wesentliches Ergebnis von Selbstorganisations- und Chaosforschung betrifft die Tatsache, daß der weitaus größere Teil von Naturerscheinungen nicht mit linear-kausalen und klassisch-geometrischen Methoden beschreibbar, sondern in der Regel mit komplex-dynamischen, nichtlinearen, fraktalen sowie evolutionären Darstellungs- und Analyseformen modellierbar oder erklärbar ist. Von daher hat eine klassische, mechanistische Naturwissenschaftspraxis in der Tendenz bisher einen entsprechenden Technik-Typus hervorgebracht, der der Natur offenbar wie ein Fremdkörper gegenübersteht. Umgekehrt läßt sich zeigen, daß mit Hilfe eines interdisziplinären »Möglichkeitsdiskurses« (Spohn), einer Auswertung und Anwendung wissenschaftsphilosophischer Konsequenzen aus den Prinzipien der Selbstorganisation Grundcharakteristika und Rahmenbedingungen für ein nicht fremdbestimmtes Verhältnis zwischen erster und zweiter Natur darstellbar sind, die ein nachhaltig lebensfähiges bzw. zukunftsfähiges 'Mensch-Natur-Technologie-Gefüge' plausibel machen.

Auch die derzeitige natur- und technikphilosophische Diskussion befaßt sich vor dem Hintergrund krisenhafter Technikfolgen zunehmend mit theoretischen Modellen für ein neues Verhältnis des Menschen zur Natur, wobei jedoch Inhalte und Methoden der Selbstorganisationsforschung bisher kaum Beachtung finden. Auf der anderen Seite trifft sich der Selbstorganisations-Ansatz in bezug auf seine wissenschaftsphilosophischen Konsequenzen mit den Überlegungen zeitgenössisch-kritischer Betrachtungsweisen und eröffnet neue Lösungsmöglichkeiten für natur- und technikphilosophische Problemfelder. Umgekehrt sind wissenschaftsphilosophische Modelle, die aus der Selbstorganisationstheorie abgeleitet werden, wie z.B. der »Dialog mit der Natur« (Prigogine), daraufhin philosophisch zu überprüfen, ob diese den Horizont traditioneller Naturwissenschaftspraxis tatsächlich überschreiten oder lediglich der Projektion einer scheinbar 'neuen' Naturbeziehung aufsitzen, die tatsächlich eine noch reibungslosere bzw. totalere Natur-Nutzung zur Folge haben könnte.

Ich plädiere daher für einen wesentlich intensiveren Diskurs zwischen Selbstorganisationsforschung und insbesondere Technikphilosophie, um neue Dispositionen und Möglichkeiten für einen neuartigen Typus technologischer Rationalität zu gewinnen. Dieser Diskurs ist auch deshalb nötig, um der derzeitigen Tendenz entgegenzuwirken, den bestehenden Technik-Typus weiter zu verfestigen und ihn weiterhin von der Gegenwart in die Zukunft fortzuschreiben. Die damit verbundene eindimensionale Ausdehnung technologischer Gegenwart schränkt nicht nur die Möglichkeiten zukünftiger Generationen erheblich ein, sondern vermindert überhaupt die Möglichkeiten, technologische Qualitäten 'von der Zukunft' her zu entwerfen.

Dabei stoßen wir auf einen weiteren grundlegenden Zusammenhang, nämlich die inhaltliche Verbindung der Modalität der Möglichkeit und dem Zeitmodus der Zukunft. Ich greife daher die diesbezügliche Analyse von Georg Picht auf, um einerseits das Verhältnis von Zeitlichkeit und Technologie offenzulegen und andererseits auf die grundlegenden Bedingungen der Möglichkeiten für einen zukunftsfähigen Technik-Typus vorzustoßen.

Methodisch orientiert sich ein derartiger »Möglichkeitsdiskurs« am Konzept des sogenannten »hypothetisch-kritischen Realismus« (vgl. Hedrich 1990, S. 1 ff.), der wie folgt zu konkretisieren ist:

Vor diesem methodischen Hintergrund werden mit Hilfe von Selbstorganisationsprinzipien plausible Modellierungen möglicher technologischer Prozesse entworfen, die nicht nur realisierbar erscheinen, sondern auch in einem kompatiblen Verhältnis zu menschlichen und natürlichen Belangen stehen: Es geht um die Bedingungen der Möglichkeit von Modellierung und Selektion einer neuartigen Fortschrittsdynamik als 'komplex-adaptives, selbstorganisierendes' System innerhalb eines vernünftig eingegrenzten 'Entwicklungskorridors', die es ständig kritisch an der Realität zu überprüfen gilt. In diesem ko-evolutionären Prozeß des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges kann die Beziehung zwischen Mensch, Natur und Technologie als komplexer Dialog, als verallgemeinerte Kommunikation verstanden werden, in der die Dialogpartner als qualitativ verschieden, aber dennoch als prinzipiell gleichwertig anzusehen sind. Dieser angestrebte 'Kommunikationsprozeß' bedarf dreier grundlegender Bedingungen bzw. Voraussetzungen: Erstens müßte der Mensch einen Entwurf von der Welt so entwickeln, daß er selbst dialogfähig bleibt bzw. wird; zweitens müßte der Eigenwert von Natur als kreativer Evolutionsfähigkeit - nicht zuletzt auch als körperliche Existenz des Menschen - anerkannt und zugelassen werden und drittens müßte ein neuartiger Technik-Typus selbst eine relativ autonome, aktive und dynamische Rolle übernehmen, um als echter Dialogpartner fungieren zu können - mit dem Ziel, eigenständige Beiträge und Vorschläge für einen ko-evolutionären und kompatiblen Fortschritt des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges zu liefern. Bei dieser letzteren, ungewohnten Denkfigur geht es also darum, kreative Künstlichkeit und künstliche Kreativität für eine zukunftsfähige Daseinsgestaltung zu entwickeln und einzusetzen.

Der Untersuchungsgang der Arbeit befaßt sich zunächst mit dem Problemhorizont der Kritik des wissenschaftlich-technischen Fortschrittsbegriffs und umschreibt die dafür erforderlichen grundlegenden Kategorien Mensch, Natur und Zeit.

Im zweiten Kapitel wird ein weitreichender Überblick über den gegenwärtigen Stand der Selbstorganisationsforschung geliefert, wobei insbesondere neue Phänomene und neue methodische Ansätze gegenüber herkömmlichen Erkenntnissen und Vorgehensweisen der Einzelwissenschaften Berücksichtigung finden.

Im dritten Kapitel wird ein Diskurs zwischen Selbstorganisationsparadigma und derzeitiger Natur- und Technikphilosophie versucht, um letzteren neue inhaltliche und methodische Möglichkeiten zu erschließen, die geeignet sind, ein alternatives Technologie- und Fortschrittsmodell zu entwickeln.

Bezugnehmend auf Kapitel 2.4 wird in Kapitel 4 die systematische und wissenschaftstheoretische Bedeutung der Zeit für ein postmechanistisches Technikverständnis untersucht, um dafür erforderliche Ansätze eines komplexen Zeit- und Prozeßverhaltens vorzustellen.

Aufbauend auf den vorangegangenen Kapiteln möchte ich schließlich in Kapitel 5 einen neuartigen Fortschrittsbegriff als zukunftsfähigen Selbstorganisationsprozeß modellieren und zur Diskussion stellen. Die Alternativentwürfe sind dabei auf drei Bereiche bezogen: Erstens wird ein neuartiges Wissenschaftsprojekt in Form interdisziplinärer Komplexitätsforschung umrissen, zweitens ein neuartiger 'symbiotischer' Technik-Typus vorgestellt, und schließlich wird drittens das Problem von Technologie und Planung bzw. Zukunftsgestaltung erörtert, um die Möglichkeit der nötigen Antizipation technologischer Prozesse einerseits und das Offenhalten von Zukunft andererseits zu verdeutlichen.