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Ulf Skirke
Technologie und Selbstorganisation
Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs


Technologie und Selbstorganisation:

Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs

von Ulf Skirke

Zusammenfassung

Mit Hilfe von Ansätzen und Erkenntnissen aus der aktuellen Selbstorganisations- und Chaosforschung werden neuartige und tragfähige Entwicklungsmöglichkeiten der Mensch-Technik-Beziehung aufgezeigt und modellhaft dargestellt. Ausgangspunkt sind dabei Kernfragen zeitgenössischer Natur- und Technikphilosophie, deren herkömmliche Lösungsansätze unzureichend erscheinen und daher kritisch hinterfragt werden. Die vorliegende Studie versucht naturwissenschaftliche, technikphilosophische, systemtheoretische und ontologische Überlegungen dadurch zu verbinden, daß zu einem neuen Naturverständnis übergegangen wird, wofür paradigmatisch der Titel Selbstorganisation steht.

Auf der Suche nach einem maßvoll begrenzten, aber dennoch offenen, technologischen Fortschrittsmuster, folgt die vorliegende Arbeit Modellansätzen nichtlinearer, komplex-dynamischer Systeme und selbstorganisierender Prozesse.

Dies macht den Übergang zu einem anderen, komplexen Zeit-Begriff erforderlich. Zur Charakterisierung von 'Zukunftsfähigkeit' ist die Untersuchung der tiefgreifenden Verbindung der Modalität der Möglichkeit und dem Zeitmodus der Zukunft hilfreich, wobei ontologische Darstellungen von Heidegger und Picht aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Dies erlaubt, einerseits das Verhältnis von Zeitlichkeit und Technologie offenzulegen und andererseits Lösungsbeiträge zu grundlegenden Bedingungen der Möglichkeit für einen zukunftsfähigen Technik-Typus zu gewinnen.
Um Fortschritt als kreativen Prozeß zu analysieren, erfolgt eine diskursive Betrachtung der Prozeßphilosophie Whiteheads und des Selbstorganisationsparadigmas.

Die Technosphäre der Zukunft wird in diesem Ansatz als komplex-adaptives System bzw. als neuartig autonome Techno-Evolution innerhalb eines eingeschränkten 'Entwicklungskorridors' modelliert. Der damit entstehende neue Technik-Typus ist deshalb als 'symbiotisch' zu kennzeichnen, da er sich positiv auf Mensch und Natur auswirken soll, um als 'Dialogpartner' fungieren zu können - mit dem Ziel, eigenständige Beiträge für einen ko-evolutionären und kompatiblen Fortschritt des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges zu liefern.
In diesem Zusammenhang werden Vorschläge und Lösungsansätze zur interdisziplinären Komplexitätsforschung, zur Stoffwechselproblematik von Mensch, Natur und Technik sowie zum Problem der Steuerung und Antizipation technologischer Entwicklungen vorgestellt.

Im Ergebnis werden Basiselemente einer kultur- und technikphilosophischen Neubestimmung von zukunftsfähigem Fortschritt geliefert. Dabei erfolgt die Modellierung mit Hilfe eines verallgemeinerten Meta-Regelwerkes 'Selbstorganisierter Kritizität' und umschreibt einen 'überkritischen' Iterationsprozeß, der sich ständig selbst reflektiert und korrigiert.