Zurück

Inhalt

Weiter
Ulf Skirke
Technologie und Selbstorganisation
Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs


5.3 Selbstorganisation und technologischer Fortschritt: Von der deterministischen Planung zur Antizipation offener Zukünfte

Auf der Suche nach Lösungsansätzen für ein neues postmechanistisches Fortschrittsmuster stößt man auf eine Reihe von Problemen, die im folgenden näher betrachtet werden sollen. Ich möchte zunächst vier Problemfelder nennen, aus denen sich dann weitere Problemzusammenhänge erschließen lassen. Da ist zunächst das Modellierungsproblem, d.h. wie kann ein neues Fortschrittsmuster qualitativ und systematisch charakterisiert werden, um insbesondere eine Vorstellung seiner komplexen Dynamik zu erlangen? Zum zweiten scheint mir das Zielsetzungsproblem bzw. das Zielfindungsproblem von Belang, d.h. existieren allgemeine übergeordnete Zielvorstellungen für einen neuartigen Fortschrittsbegriff bzw. gibt es Selektionskriterien zur Auswahl in Richtung auf eine vernünftige fortschrittliche Entwicklung? Damit eng verbunden ist ein Planungs- bzw. Steuerungsproblem der komplexen Mensch-Natur-Technologie-Dynamik. Und schließlich sehe ich ein Operationalisierungsproblem, d.h. läßt sich durch einen überschaubaren Satz von Regeln und Handlungsanforderungen fortschrittliches Tun umreißen?

Im Zusammenhang mit diesen Problemstellungen ist die dahinterstehende generelle Problematik zu beachten, daß es sich bei der Zielfindung eines Fortschrittsmusters neuen Typs um einen qualitativen Übergang handelt, der sich nicht einfach im Rahmen derzeitiger 'Fortschrittsideen' bewegt, sondern die Veränderung des Fortschrittsbegriffs selbst bedeutet. Dabei kann dieser 'innovative' Sprung nicht lediglich als formaler Wandlungsprozeß ohne Ziel verstanden werden. "Fortschritt setzt Wandel voraus; ohne Veränderung ist keine Höherentwicklung möglich. Das Charakteristikum unserer Zeit ist denn auch der als Fortschritt gedachte Wandel. Die Moderne läßt sich geradezu definieren als diejenige Epoche, in der nichts beständiger ist als der Wandel und der ganz selbstverständlich mit immer wieder veränderten, inhaltlich, noch völlig unbestimmten, neuartigen Verhältnissen gerechnet wird. Dabei droht die Veränderung zum Selbstzweck zu werden. Oft muß man sich fragen, ob wirklich bewußt ein [S.288] Fortschritt erstrebt wird (der dann bestimmte Veränderungen erforderlich macht) oder ob nicht vielmehr der sich selbst genügende Wandel (der dann als Fortschritt deklariert wird) das ursprüngliche Phänomen darstellt" (Rapp 1992, S. 198 ff.).

Es geht dabei nicht nur um die Frage, "ob das Neue wirklich das Fortschrittliche ist" (ebenda), sondern auch, ob der derzeitige Fortschrittshorizont in qualitativ neuartiger Weise verändert werden kann. Diese Frage ist auf der allgemeinen Ebene eindeutig zu bejahen, denn das moderne Fortschrittsdenken ist als historisches Produkt selbst der historischen Veränderungsdynamik unterworfen. "Wenn alles in den Strudel des kontingenten historischen Geschehens hineingerissen wird, kann die Fortschrittsidee, die ja ihrerseits das Resultat einer bestimmten geistesgeschichtlichen Konstellation ist, davon keine Ausnahme machen" (ebenda, S. 210).

Dies führt auf ein weiteres Problem, nämlich nach der Beurteilung zukünftiger Leitbilder und Wertmaßstäbe auf die einerseits Bezug genommen werden soll, die aber andererseits nur begrenzt vorhersehbar sind. "Wir kennen weder den zukünftigen Entwicklungsgang noch sind uns die Wertmaßstäbe bekannt, an denen man sich in Zukunft orientieren wird. Hier zeigt sich, daß wir auch für die künftigen Generationen entscheiden, so wie frühere Geschlechter, etwa durch die Aufklärung und die Industrialisierung, Vorgaben für uns gesetzt haben, hinter die wir kaum zurück können. Und es zeigt sich, daß die Menschheit stets ins Dunkle geht, weil zum Zeitpunkt der 'Entscheidung' die weiterreichenden Folgen gar nicht absehbar sind" (ebenda, S. 203). Dies darf allerdings nicht als 'Freibrief' für die Beliebigkeit von Entscheidungen verstanden werden, sondern muß das Augenmerk auf die kreativen Entscheidungen für zukünftige Entwicklung richten, die ständige Fehlerkorrekturen zulassen und Lösungsvielfalt dergestalt gestatten, daß zukünftige Entwicklungen bewußt offengehalten werden. "Auch für das Fortschrittsproblem gilt, daß jede echte Produktivität Freiheit zur Voraussetzung hat. Doch ohne ein inneres Zentrum und ohne tragenden Grund ist die Freiheit stets in doppelter Hinsicht gefährdet. Sie kann abgleiten in eine tödliche, orthodoxe Erstarrung (um die Ordnung zu erhalten) oder in eine willkürliche, nichtssagende Beliebigkeit (um die Offenheit zu wahren). Hier läßt sich eine geheime Verwandtschaft zwischen Restauration und Postmodernismus feststellen: Beide sind maßlos gewordene Verfallsformen der produktiven Freiheit. Die Anhänger des Überkommenen wollen die Gefahren des Neuen, den Schritt ins Unbekannte und Ungewisse, vermeiden und bestehen deshalb auf einer starren Ordnung. Und die Vertreter der Veränderung um jeden Preis übersehen, daß Freiheit ohne Bindung und Festlegung zu einem ebenso lebensfeindlichen, undefinierten Chaos führen muß. Eine Abhilfe gegen diese Formen der Maßlosigkeit ist die immanente Kritik. Sie führt zur Einsicht in Defizite und Grenzen, wobei man gleichwohl innerhalb des offenen, pluralistischen Modells verbleibt, das die Möglichkeit zur Selbstkorrektur bietet" (ebenda, S. 216). Mit diesem ab- [S.289] strakt allgemeinen Orientierungsvorschlag verläßt Rapp m.E. den derzeitigen Fortschrittsbegriff, dessen krisenhafte Folgenproblematik eben ihre Ursache in der immanenten Maßlosigkeit hat. Von daher wäre näher zu bestimmen, wie ein neues Fortschrittsmuster in Form eines "offenen, pluralistischen Modells" aussieht, das die "Möglichkeit zur Selbstkorrektur" bietet. Allerdings möchte ich diese Fragestellungen wie im bisherigen Verlauf der Untersuchung auf das Problemfeld der Modellierung eines neuartigen technologischen Fortschrittsmusters eingrenzen. Dabei handelt es sich nicht nur um die Selektion allgemeingültiger Kriterien für einen neuen Fortschrittstypus, sondern auch um die Bedingungen der Möglichkeit für den Übergang in eine zukunftsfähige Mensch-Natur-Technologie-Dynamik.

Um mich Lösungsansätzen der Antizipation und Steuerungsmöglichkeit zukünftiger technologischer Entwicklung anzunähern, werde ich zunächst auf die derzeitig gängigen, klassischen Methoden der Technikprognostik eingehen.

Im wesentlichen lassen sich drei Leitbilder der Technikplanung idealtypisch darstellen (vgl. dazu Golin 1995, S. 96 ff.): Das erste Leitbild setzt bei den Technologien selbst an und projiziert das 'technisch Machbare' auf zukünftige Entwicklungen (Technologieorientierung). Diese Fixierung auf eine herkömmliche Wissenschafts- und Technologieplanung birgt allerdings stets die Gefahr, am gesellschaftlichen Bedarf und an öffentlicher Akzeptanz vorbei zu produzieren. Von daher versucht ein zweites Leitbild sich an Nutzungsmöglichkeiten zu orientieren, d.h. am Problemlösungs- und Funktionswert (Anwendungsorientierung).

Beim dritten Aspekt der Technologieplanung gilt das Hauptaugenmerk gesellschaftlichen Bedürfnissen und sozialer Technikakzeptanz sowie der Suche nach konsensfähigen Leitbildern, die aus anerkannten Problemfeldern heraus den gesellschaftlichen Bedarf umreißen (Bedarfsorientierung).

Allerdings besteht bei der Umsetzung des bedarfsorientierten Leitbildes die Schwierigkeit, gesellschaftliche Gebrauchswerte und Bedarfe überhaupt festzustellen. Jedoch weisen die Befürworter der bedarfsorientierten Technikplanung darauf hin, daß es ihnen weniger um das Aufstellen konkreter Plandaten, sondern vielmehr um den Aufbau einer "Diskussionskultur" zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und der breiten Öffentlichkeit gehe.

Aufgrund der jeweiligen Stärken und Schwächen der Leitbilder zeichnet sich eine reale Tendenz zur Integration der verschiedenen Aspekte ab, so daß sich ein pragmatischer Leitbild-Mix zunehmend herauskristallisiert. "Weder Technologie- noch Anwendungs- oder Bedarfsorientierung vermag allein die Richtung zu weisen. Vielmehr sollten technische Entwicklungslogik, wirtschaftliche Rationalität und gesellschaftlicher Bedarf in geeigneter Weise in ein gemeinsames Leitbild integriert werden. Das bedeutet, daß mittel- und [S.290] langfristige Technikplanung diese Aspekte gleichzeitig zu berücksichtigen hat, ohne den einen oder den anderen zu vernachlässigen" (ebenda, S. 97 ff.).

Ein weiteres Mittel derzeitiger Technikplanung stellt die 'Technikvorausschau mittels Expertenbefragung' (vgl. Breiner 1995, S. 98 ff.) dar. Mit dieser "Delphi-Methode" werden Fachleute nach ihrer Erwartung zukünftiger Technikentwicklung befragt, um damit eine umfassende Vorausschau in Wissenschaft und Technik zu erzielen. Dem Vorteil, mit dieser Methode konkrete Leitthemen für die zukünftige Technikentwicklung zu präzisieren, steht der Nachteil gegenüber, alternative Entwicklungsmöglichkeiten nicht zu erfassen. Diesem Mangel versucht die Szenario-Methode zu begegnen, die sich bewußt von traditioneller Prognostik abhebt.

Szenarien gleichen eher Bühnenbildern, vor deren Hintergrund die Akteure das Stück 'Zukunft' inszenieren. Charakteristisch ist zum einen, daß man sie für Fragen entwickelt, die durch hohe Komplexität und Unsicherheit gekennzeichnet sind und eine langfristige Orientierung erfordern. Zum zweiten lassen sich aus ihnen begründete Hypothesen ableiten, wobei auch an sich unvorhersehbare Ereignisse oder Trendbrüche in die Analyse einbezogen werden können. Schließlich suchen sie nicht die Zukunft definitiv vorauszusagen, sondern spezifizieren mehrere mögliche Zukünfte, die jede für sich durchaus plausibel aus der Gegenwart herzuleiten sind. Sie bilden also gleichsam einen Vorrat von Visionen und reflektieren einerseits die Nichtbestimmbarkeit der Zukunft, vermitteln aber andererseits, daß sie auch gestaltbar ist (Minx/Böhlke 1995, S. 101 ff.). Szenarien werden in einer Reihe von Schritten erarbeitet, die sich teilweise gegenseitig beeinflussen. So stellen erste alternative Zukunftsentwürfe und die sich beschreibenden Größen (Deskriptoren) bereits Szenarien dar; mittels daraus abgeleiteter Annahmen und unter Berücksichtigung möglicher Störeinflüsse lassen sie sich zwar nicht überprüfen, aber ihre Spielräume und Bandbreiten erweitern und jeweils modifizieren. Kennt man die mit einem Themenkomplex verbundenen strategischen Ziele, vermag man aus den Zukunftsbildern mögliche Auswirkungen von Handlungen abzuleiten und dementsprechende Empfehlungen zu geben. "Was sollte nun aufgrund der Denkanstöße, die Szenarien liefern, getan werden? Dies ist die Frage nach einem weiteren Schritt: Das Handeln - bzw. die Leitlinie dafür - folgt nicht zwangsläufig aus den Visionen selbst. Empfehlungen lassen sich vor dem Hintergrund von Szenarien nur formulieren, wenn auch die Ziele transparent gemacht werden. Erfolgreich Entscheidungen treffen heißt, Handlungsfolgen vorweg zu denken. Das wird um so wichtiger, aber auch schwieriger, je weiter diese Folgen reichen" (ebenda, S. 102).

Eine weitere Methode der Technikprognostik stellt die Modellierung technischer Wachstumsprozesse dar. Dabei wird der Versuch unternommen, technische Systeme - als Ausschnitte der materiellen Welt verstanden, in denen technische Prozesse ablaufen - mit Hilfe mathematischer Modelle als Wachstums- oder Schrumpfungsprozesse zu deuten (vgl. [S.291] Trömel 1995). Es zeigt sich, daß technologische Prozesse trotz ihrer Komplexität mit geeigneten Parametrisierungen in eine relativ einfach modellierte Form überführt werden können (z.B. als logistische Gleichung). "Technische Entwicklungen sind außerordentlich komplexe Vorgänge, auf die Einflüsse verschiedenster Art wirken: ideelle, gesellschaftliche, ökonomisch-politische und naturgesetzliche. Die Funktionen, mit denen sie häufig beschrieben werden können, wirken demgegenüber allerdings erstaunlich einheitlich und einfach. Der Grund dafür ist wohl, daß beim Zusammenwirken verschiedener Teilvorgänge der jeweils langsamste den Gesamtablauf bestimmt. Darum sind die Hemmungen und Widerstände, die einer Entwicklung entgegenstehen, ausschlaggebend für ihren Verlauf" (Trömel, S. 106). Als paradigmatisch wird in diesem Zusammenhang der Energieverbrauch angesehen, dessen ständiges Wachstum nach überkommener Vorstellung technischen Fortschritt garantieren sollten. Jedoch lassen die jüngeren Daten erkennen, daß eine Sättigung des Energieverbrauchs absehbar ist. "Technischer Fortschritt wäre dann nur noch durch die bessere Nutzung von Energie möglich" (ebenda). Allerdings stellt Trömel die berechtigte Frage, wie ein System, das auf ständigem Wirtschaftswachstum beruht, eine solche Situation bewältigen wird. ...

Insgesamt ist bei der derzeitigen Diskussion um Methoden der Technikprognostik erkennbar, daß zum einen ein herkömmliches Technikwachstum in Frage gestellt ist und zum anderen ein "Perspektivwechsel" (Golin) bei den Leitbildern der Technikplanung gefordert wird. Es besteht zunehmendes Interesse an einem strategisch ausgerichteten, also auch vorausschauenden Umgang mit Technik in Politik und Wirtschaft (vgl. Golin, S. 96). Trotz Verunsicherungen und Modifikationen scheint demzufolge die Planung und Steuerung technologischer Prozesse nicht in Frage gestellt. Demgegenüber bestreitet Guggenberger (1993) jegliche Planbarkeit des (technologischen) Fortschritts. "Fortschritt in eine geglückte Zukunft ist nie das Ergebnis eines rationalen Entwurfs oder einer geplanten Konstruktion. Das Wissen, das wir als Menschen von der Wirklichkeit haben können, bleibt stets weit hinter jenem Wissen zurück, das wir haben müßten, um die Zukunft, planend und konstruierend, wirklich 'in den Griff' zu bekommen" (Guggenberger, S. 47). Allerdings müsse der Mensch den "Raum für spielerisches Erproben unterschiedlicher Möglichkeiten" wiederentdecken und damit, daß die Welt gestaltbar ist. "Entdecken wir also aufs Neue, daß wir machen, was wir immer gemacht haben; daß die Welt gestaltbar ist, weil sie uns selbst immer schon als Ergebnis von Gestaltung entgegentritt! ... Zur Entdeckung und Wiedergewinnung der Gestaltbarkeit gehört vor allem der richtige Umgang mit unserer unvermeidlichen Unsicherheit. Der Mensch hat immer schon die Welt gestaltet. Doch er hat ebenso beharrlich den Modus dieser Gestaltung und seine Bedingungen verkannt: Wir haben uns nicht emporgeplant und emporgedacht, wir haben uns emporgeirrt"! (ebenda) Offensichtlich zeigen diese widersprüchlichen Beurteilungsweisen von Planbarkeit, Beherrschbarkeit und Steuerungsfähigkeit technologischer Fortschritts- und Entwicklungsprozesse [S.292] tieferliegende Ursachen für die Planungsproblematik. Insbesondere vor dem Hintergrund der Erkenntnisse über dynamisches Verhalten komplexer nichtlinearer Systeme müssen die Bedingungen der Möglichkeit von Planung genauer untersucht werden. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit mangelnde Planbarkeit eine Folge unzureichender Planungsinstrumente oder überzogener Planungshoffnungen ist. "Gegenüber einer Verbesserung der Planungsinstrumente ist Skepsis angebracht, denn die Erkenntnisse der Theorie selbstorganisierender Systeme verweisen eher auf eine grundsätzliche Schranke hinsichtlich der Möglichkeiten, das Verhalten komplexer Systeme einschließlich ihrer Reaktionen auf Steuerungen vorherzusagen" (Krohn/Küppers 1990 (b), S. 109). Allerdings stellt als ein mögliches Reaktionsmuster auf Planungsversagen bzw. Planungsunsicherheit die schlichte Nichtplanung kein Ausweg dar, da aufgrund komplexer Rückkopplungsmechanismen Fortschrittsfolgen sowohl durch technologisches Tun als auch Unterlassen erzeugt werden. "Denn offensichtlich würde ein Verzicht auf langfristige und interessenübergreifende Planungen bei den gegebenen politischen und wirtschaftlichen Randbedingungen der modernen Gesellschaft ja keineswegs auf die Unterlassung von technologischen und/oder organisatorischen Innovationen mit unübersehbaren ökologischen und sozialen Folgelasten hinauslaufen. Und selbst wenn es Chancen gäbe, einige durch ethische und politische Vorsicht motivierte Forderungen nach Verzicht auf Technologien mit unkalkulierbaren Zukunftsbelastungen durchzusetzen: Die Umsetzung einer solchen Programmatik des Umsteigens auf 'sanfte' und 'angepaßte' Technologien wäre wiederum auf einen umfangreichen Planungsaufwand angewiesen, der den eigenen Defekten und daher unkalkulierbaren Risiken nicht weniger ausgeliefert wäre" (ebenda, S. 110).

Es besteht also ein grundsätzliches Problem bezüglich der Steuerung eines gezielten Übergangs von einem komplexen Systemzustand in einen qualitativ anderen. Dies gilt natürlich insbesondere für den Übergang in ein neues technologisches Fortschrittsmuster.

Dabei ist zunächst festzuhalten, was das Grundkonzept einer jeden Steuerung darstellt: "Grundidee jeder Steuerung ist, erwartete Ereignisketten so zu beeinflussen, daß sie einer selbstgesetzten Erwartung entsprechen ... - und zwar aufgrund eines Realitätsmodells, eines Ist- Zustandes, einer Soll-Vorstellung und eines Aktionsplans" (ebenda, S. 111). Im allgemeinen wird davon ausgegangen, daß eine derartige Steuerung beim Typus linearer Maschinen, die in ihrem Funktionsablauf vorhersehbar sind, tendenziell realisierbar ist. Jedoch funktioniert diese Art von Steuerung bei nichtlinearen, nichttrivialen, komplex dynamischen 'Maschinen' nicht mehr. "Problematischer wird daher die Situation bei nichtlinearen Systemen, wo die Linearität der Operationsweise nicht mehr gilt und einem Input stets mehrere Outputs entsprechen oder wo die Unabhängigkeit der Teilsysteme nicht mehr gegeben ist und ein Steuerungsimpuls in einem Teil auch Wirkungen in allen anderen Teilen erzeugt" (S. 113). Aber gerade für das konkrete Entwicklungsverhal- [S.293] ten und damit die Steuerungsmöglichkeiten des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges spielt die rekursive Prozeßdynamik eine zentrale Rolle, was zu einer qualitativ neuartigen Begrenzung und Unbestimmtheit von Planung und Steuerung komplexer (technologischer) Systeme führt. "Wo Zustand auf Zustand folgt, d.h. jeder Zustand eine Folge des unmittelbar vorhergehenden ist, gibt es nur noch in wenigen Fällen eine vorhersagbare Systementwicklung, auch wenn ihr Mechanismus bekannt ist, die Systeme deterministisch sind und Störungen nicht vorkommen. Solche Systeme können 'chaotisches Verhalten' zeigen. Da in diesem Fall ihre 'Geschichte', d.h. Zustandsfolge völlig von den Anfangsbedingungen abhängt, ist ihr Verhalten unvorhersehbar. Die klassische Planung sah sich schon immer vor das Problem der Komplexität gestellt. Empirische Systeme enthalten zuviele Variablen. Rekursive Systeme verschärfen das Problem auf eine unerwartete Weise: Schon im Falle weniger Variablen und einfacher Funktionen entsteht die große Unübersichtlichkeit - das Chaos. Induktives Lernen über das Verhalten chaotischer Systeme ist selbst durch die Beobachtung paralleler Fälle unmöglich. Wegen der Rekursion verstärken sich geringste Abweichungen in den Anfangsbedingungen, so daß ähnliche Ausgangszustände schon nach kürzester Zeit zu völlig entgegengesetzten Systementwicklungen führen können. Das bedeutet, daß das Planungsversagen in solchen Fällen nicht eine Folge der unzureichenden Beschreibung des Systems ist, sondern eine Folge seiner gesetzmäßigen Unbestimmtheit ... Im Falle einer nichtlinearen und rekursiven Systemdynamik ist wegen der prinzipiellen Unschärfe bei der Beobachtung der Anfangsbedingungen keine Vorhersage der Systementwicklung möglich" (ebenda, S. 115). Dies verdeutlicht, daß im Kontext komplexer technologischer Fortschrittsdynamik die Instrumente einfacher Prognostik versagen müssen und daher als Mittel vorausschauender antizipierender Technologieentwicklung ungeeignet sind. Dies gilt natürlich erst recht beim Übergangsproblem in einen neuartigen Technologietypus bzw. ein neues technologisches Fortschrittsmuster.

Das Problem der Unbestimmtheit von Planung und Steuerung komplexer Systeme verschärft sich dadurch, daß Steuerung und Planung in der Regel nicht von außen vollzogen werden können, sondern sie selbst ein Teil der Systemdynamik darstellen. Steuerung wird so zur selbstreferenten Prozedur, tritt aber dennoch in Wechselwirkung mit ihrer angrenzenden Systemumwelt: "Die durch Selbstreferenz nach innen verlegte Steuerung greift nun als Selbststeuerung in ein anderes System ein. Und dies geschieht umgekehrt auch aus der Perspektive dieses anderen Systems" (ebenda, S. 119). Diese reflexive Systemperspektive ist nun deshalb von großer Bedeutung, da sie die Möglichkeit zur "intersystematischen Steuerung" eröffnet und über einen längeren Zeitraum auf einen 'Attraktor' führen kann und damit zur festen Kopplung mindestens zweier Systeme. Daraus wird ersichtlich, daß es nicht um einen Planungsverzicht, sondern um die "Einrichtung einer komplexeren Planungsstruktur" geht. "Die Ambivalenz der Planung beruht gerade daraus, daß sie zugleich Beschleunigungseffekte wie Selbstblockaden produziert. Täte [S.294] sie nur das zweite, wären die Planungsprobleme durch Unterlassung gelöst und die 'ungebremste' Evolution die bessere Lösung, soweit sich eine solche überhaupt für eine reflexiv gewordene kulturelle Entwicklung definieren ließe. Realistischerweise kann es also nur um die Modifikation der Planungskonzepte gehen" (ebenda, S. 122). Komplexe Steuerung muß sich also zugleich mit evolutionären Selbstorganisationsprozessen und der Selbstbegrenzung eben dieser Prozesse beschäftigen, um einen plausiblen Referenzrahmen für die intersystematische Dynamik und deren Steuerung gewinnen zu können.

Krohn/Küppers nennen drei Typen komplexer Planungs- und Steuerungskonzepte: Erstens wird als Konzept einer systeminternen Steuerung die experimentelle Planung dargestellt. Hier handelt es sich um einen "Mittelweg zwischen einer klassischen rationalistischen Steuerung und einem reinen Versuchs-/Irrtums-Verfahren", der sowohl theoretische Erwartungen als auch das kontrollierte Risiko des Fehlschlags enthält, so daß ständige Fehlerkorrekturen möglich sind. "Geht man von dem systeminternen Beobachtungsstandpunkt aus, dann ist jede Selbststeuerung ein geplanter Umbau eines Systems, eine durch Einfügung innovatorischer Elemente veränderte Funktionsweise dieses Systems; zugleich ist die Planung selbst der Einbau einer neuen Funktionskomponente. Soll diesem Einbau ein 'experimenteller' Charakter gegeben werden, dann müssen die Vorschriften des Experimentierens zu befolgen versucht werden: Explizite Formulierung der Planungshypothesen und der ... Operationalisierung, Einrichtung von Instrumenten der Beobachtung und explizite Auswertung des Verlaufs. Der Absicherung gegen Fehlschläge muß dadurch Vorsorge getragen werden, daß das Planungsszenarium keine untragbaren Risiken enthält; sie müssen durch zeitliche, räumliche und soziale Begrenzungen dekomponierbar und modifizierbar gehalten werden. Der steuernde Eingriff ist zwar ein endgültiger Schritt, muß aber in retroaktiver Weise umbaubar sein, indem die reflexive Selbstbeschreibung der Planung durch den Planungsprozeß revidiert werden kann" (Krohn/Küppers 1990, S. 122 ff.).

Trotz der Idealtypisierung, die mit dem Konzept der experimentellen Planung verbunden ist, bietet sich jedoch damit eine Perspektive, "die Fehler rationalistischer Planung, die aus der Fiktion gesicherter Extrapolation erwächst, und die Mängel dezisionistischer Planung, die auf die Fiktion evolutionärer Selbstkorrektur baut, zu vermeiden" (ebenda, S. 124).

Ein zweiter Fall komplexer Steuerung ist die interventionistische Planung, in der nun der Beobachtungs- bzw. Einwirkungsstandpunkt nach außen verlegt ist und das zu steuernde System eine 'Black box' darstellt, deren Funktionsweise nahezu unbekannt ist. "In dieser desillusionierenden Sachlage gibt es nur eine Hoffnung, auf die Planung setzen kann: Selbstorganisierte Systeme können aufgrund von Stö- [S.295] rungen neue Eigenwerte128 realisieren. Planung kann also versuchen, durch mehr oder weniger gezielte Störungen Systeme anzuregen, sich in Systemzustände hineinzubewegen, die mit den angestrebten Zielen kompatibel sind. Für die Planung entscheidend wäre dann, den Zusammenhang zwischen der Systemdynamik und den sie stabilisierenden Randbedingungen zu entdecken, um über die Einrichtung neuer Randbedingungen und 'gezielt' erzeugte Instabilitäten das System in einen neuen Zustand zu überführen. ... Die Stärke dieses Planungsinstruments besteht in seiner Schwäche: es überläßt der Systemdynamik möglichst weitgehend die Art und Weise des Umbaus. Die Modellierung konzentriert sich darauf, über die Randbedingungen wirkungsvolle Eingriffschancen in das System zu identifizieren" (ebenda, S. 124 ff.).

Schließlich wird als dritter Typus komplexer Planung die transformatorische Planung genannt, die eine Symmetrisierung von externer und interner Steuerung anstrebt, so daß es zur Planung bzw. Steuerung zwischen Systemen oder Subsystemen kommt. Das damit verbundene zentrale Problem besteht darin, die Kommunikation zwischen den Systemen zu gewährleisten und die Transformation von einem System ins andere sicherzustellen, da dafür kein übergeordneter Referenzrahmen zur Verfügung steht (vgl. Krohn/Küppers a.a.O., S. 126 ff.).

Offensichtlich beruht die transformatorische Steuerung noch weniger auf deterministischer Zielplanung als vielmehr auf der Herstellung systemischer Kommunikation sowie günstiger Entwicklungsbedingungen von Systemen und Subsystemen. Einen Lösungsansatz für das Transformationsproblem sehe ich also darin, nach den Kommunikationsinhalten und Formen zu suchen, die Synergieeffekte für die Gesamtsystematik erzeugen sowie solche Randbedingungen experimentell erschließen zu lassen, die eine günstige Gesamtdynamik ermöglichen. Von daher wird das Leitbild für komplexe Steuerung nicht in einem einzigen Planungstypus zu finden sein, sondern besteht wahrscheinlich in einer parallelen bzw. gleichzeitigen Anwendung sowie Integration von experimenteller, interventionistischer und transformatorischer Planung. So wird für die Entwicklung einer interdisziplinären Komplexitätsforschung (vgl. Kapitel 5.1) experimentelle Planungs- und Steuerungsformen eine zentrale Rolle spielen, um ein ständig iteriertes, fehlerkorrigiertes und folgenabgeschätztes Wissen mit geringstmöglichen Eingriffsrisiken über dynamische komplexe Prozesse erlangen zu können. Allerdings wird hier auch die transformatorische Steuerung als Lösung der 'Übersetzungs'probleme insbesondere zwischen Natur, sozial-und geisteswissenschaftlichen Erkenntnis- und Praxisbereichen von Bedeutung sein: Es geht um kein geringeres Problem als um die Steuerung der "Komplex-Kommunikation" des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges.

[S.296] Für die Entwicklung eines neuartigen Technik-Typus, verstanden als komplex-adaptives selbstorganisierendes System, gewinnt der Steuerungstyp 'interventionistische Planung' deshalb große Bedeutung, da hier weitgehend mit einem 'Black box'-Verhalten technologischer 'Evolution' zu rechnen ist und auf der Basis menschlicher Soll-Werte selbständige technologische 'Eigenlösungen' gefragt sind, die beispielsweise zu Lösungsansätzen einer nachhaltigen Entwicklungsproblematik wesentlich beitragen.

Schließlich sehe ich für die Entwicklung eines neuartigen, nachhaltigen technologischen Fortschrittsmusters Steuerungsbedarf, insbesondere mit Hilfe der transformatorischen Planung, die sowohl auf das Gesamtsystem des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges als auch deren 'Subsysteme' (Mensch, Natur, Technologie) anzuwenden wäre. Dies würde auch noch einmal unterstreichen, daß wirkliche technologische Fortschrittsprozesse nicht mit einfachen Prognostikinstrumenten zu erfassen sind, sondern bestenfalls mit dem Entwurf verschiedener Zukünfte (Szenario-Ansatz), die Bedingungen der Möglichkeiten offener, 'verzweigter' Zukunftsprozesse ansatzweise antizipierbar und verstehbar machen.

Eine wesentliche Einsicht komplexer Steuerungsformen besteht darin, daß ständig mit Unvorhersehbarem und der kreativen Entwicklung von Neuem zu rechnen ist, das sich nicht nur auf die gewünschten oder unerwünschten Produkte der Entwicklung bezieht, sondern auf die geplanten Zielsetzungen, Sollwerte und der Planung zugrunde liegenden Maßstäbe selbst!

Von daher werden wir uns im folgenden mit dem Problem der Entstehung von Neuem bzw. dem sogenannten Emergenz-Problem näher beschäftigen.

Wie bereits in Kapitel 2.5 angedeutet, möchte ich mich nun ausführlicher dazu einem interessanten Ansatz von Eisenhardt/Kurth (1990) zuwenden, deren 'Emergenztheorie' mir für die Modellierung eines nachhaltigen Fortschrittsmusters fruchtbar erscheint - wenngleich mit kritischen Einschränkungen.

Eisenhardt/Kurth stellen als Ausgangslage fest: "Der Prozeß der Entstehung neuer Eigenschaften eines Systems ist wissenschaftlich völlig unerklärt und ungeklärt" (a.a.O., S. 129). Zwar befaßten sich theoretische Ansätze wie die der Selbstorganisation, der Synergetik oder der Theorie zellulärer Automaten etc. mit dem Problem der Emergenz, doch seien dies lediglich sog. "phänomenologische Theorien", die die Entstehung neuer Eigenschaften eines Systems zwar beschreiben, aber nicht erklären. "Wir nennen so die Synergetik eine Intertheorie, d.h. eine Theorie, die völlig verschiedene andere Theorien in ihrem Anwendungsbereich hat und diese Theorien bzw. die Phänomene, die sie beschreiben, durch mathematische Analogien verknüpft" (ebenda). Wonach aber gesucht werden müsse, sei ein grundlegendes Gesetz, auf dem Evolutionsprozesse generell basieren. Der Zusammen- [S.297] hang zwischen Evolution und Emergenz ergibt sich folgendermaßen: "Während mit 'Evolution' die Gesamtheit komplexer Strukturveränderungen (struktureller Instabilitäten) in zeitlicher Extension bezeichnet wird, bezeichnet 'Emergenz' den jeweils lokalen kleinsten Wirkungsübertrag, wobei die Verkettung bzw. Verstärkung dieser Emergenzereignisse in iterativer Folge das evolutive Resultat, letztlich die neue Phase relativer Stabilität bewirkt" (S. 130). Dabei soll das "Geschehen nahe am Bifurkationspunkt" erhellt werden. Insgesamt geht es also um folgenden Zusammenhang: "Das für die strukturelle Veränderung in einer Vorgänger- /Nachfolger-Relation entscheidende Faktum ist das Emergenzereignis, während bei bestimmten, auf Emergenzereignissen beruhenden Prozessen, z.B. die Artenentstehung in der Stammesgeschichte, man von 'Evolution' als einer Verkettung mehrerer Emergenzereignisse mit eventuell selektiver Wirkung sprechen kann" (ebenda).

Um ein derartiges Emergenzereignis zu erfassen, wird ein System als 'Ordnungsparameterraum' sowie ein Ko- System bzw. eine Wirkungsumwelt mit Hilfe äußerer Parameter konstruiert. Dies wird an einem Modell, nämlich an einem einfachen Organismus kurz erläutert. Das System 'einfacher Organismus' wird also mit Hilfe von Ordnungsparametern charakterisiert wie Körpertemperatur, Energieumsatz, physiologischer Aufbau oder biochemische Struktur, wobei diese Parameter in einem bestimmten Wertebereich bzw. "Werteraum" existieren. Das Ko- System bzw. die Wirkungsumwelt wird nun definiert durch entsprechende externe Parameter der Ökologie, der Populationsbiologie oder der Klimatologie, wie z.B. Temperatur, Nahrungsdichte, Größe des Aufenthaltsbereichs etc.. Durch eine spezifische Veränderung der Wirkungsumwelt bzw. des Ko-Systems kommt es im System zu einem bestimmten Emergenzereignis, d.h. die äußeren Parameter wirken in charakteristischer Weise auf die Systemparameter - und zwar in fraktaler bzw. selbstähnlicher Wirkungsweise, so daß Emergenz als eine fraktale Veränderung eines oder mehrerer Systemparameter beschrieben werden kann. Oder zusammengefaßt: "Neue Eigenschaften eines Systems entstehen durch die fraktale Einwirkung äußerer Parameter auf den Wertebereich von Ordnungsparametern" (S. 130). Dabei sind jedoch die Wirkungen, die auf das System Einfluß haben, nicht etwa beliebige oder von dem System völlig unabhängige Wirkungen, sondern es besteht eine funktionale Korrelation. "Das System filtert Wirkungen über Reichweiten und Größenordnungen" (S. 140). Dies bedeutet allerdings, daß die Betrachtung des System- /Ko-System-Verhältnisses bzw. die darauf beruhende Hypothese der Ordnungsparameter/Fraktalisierung nicht eine Voraussagbarkeit des Verhaltens des entsprechenden Systems gestattet. Bezogen auf unser Modell 'einfacher Organismus' läßt sich dies folgendermaßen illustrieren: Bei einer Veränderung der Wirkungsumwelt des Organismus, etwa der Nahrungsdichte, kann das System 'einfacher Organismus' in sehr verschiedener Weise reagieren bzw. Emergenzverhalten zeigen. "In unserem fiktiven Fall könnte der Organismus z.B. durch Verringerung des Energieumsatzes oder die Generierung einer zusätzlichen anderen Aufnahme der Energie oder aber, wie wir unterstellen wollen, durch die Entwick- [S.298] lung der Fähigkeit zu aktiver Bewegung ... auf diese Veränderung seiner Wirkungsumwelt reagieren" (S. 141). Die Emergenzereignisse spielen sich also auf einem 'Feld' verschiedener Möglichkeiten, also einer Art Ereigniskorridor ab. Emergenz soll dabei kein beliebiges oder gar systemzerstörerisches Verhalten zeigen, sondern es kommt darauf an, "jeden Bifurkationsvorgang (Gesamtsystem) so im System und Ko-System einzuteilen, daß Erhaltungssätze gelten müssen" (S. 141 ff.). Gerade für das Verhalten komplex-dynamischer, offener Systeme sind derartige Erhaltungssätze von zentraler Bedeutung. "Da sich in einem emergenten Schritt immer nur ein Teil des Systems ändert und der Rest innerhalb eines Konfidenzspielraumes invariant bleibt, müssen für das System Restriktionsbedingungen gelten, die verhindern, daß das ganze System aus dem Ruder läuft. Es muß also beschrieben werden, was sich verändert und was gleichbleibt. Aus einer Mücke entsteht kein Elefant, sondern eine etwas variierte Mücke. In unserer obigen Terminologie heißt das: In einem emergenten Schritt ist ein Objekt nur dann strukturell total instabil, wenn es 'zerstört' wird. Dies ist kein emergenter Schritt" (S. 138).

Eisenhardt/Kurth betrachten insgesamt vier Erhaltungssätze von emergenten Systemen , die sinnvollerweise im paradigmatischen Fall biologischer Evolution als verallgemeinerte darwinsche Systeme betrachtet werden, die durch die Eigenschaften Metabolismus, Mutabilität und Reproduktion charakterisiert sind.

Der erste Erhaltungssatz betrifft die allgemeine Formerhaltung, was bezogen auf ein darwinsches System bedeutet, daß durch Emergenz wiederum ein darwinsches System entsteht. Allerdings ist Form von Formerhaltung zu unterscheiden: "Form ist neue Form. Mit diesem Gedanken kommt der emergente Charakter aller Formerhaltung vorgängigen Formentstehung zum Ausdruck. Formerhaltung ist alte Form. Was soviel heißt, daß die ursprüngliche neue Form als Attraktor fungiert, also die Duplikation von Objekten mit eben dieser Form bewirkt" (S. 145).

Ein zweiter Aspekt der Formerhaltung ist die Konstanz der System-/Ko-System-Relation: Es geht dabei um sozusagen Komplementäreigenschaften zu den wesentlichen Eigenschaften des jeweils betrachteten Systems. "Betrachtet man die Eigenschaften des Ko-Systems näher, so kann man allgemein sagen, daß sie die notwendigen Funktionsbedingungen für das Bestehen des Systems umfassen" (S. 146). Bezogen auf darwinsche Systeme bedeutet dies: Die bekannten Eigenschaften Metabolismus, Mutabilität und Reproduktion entsprechen den Umwelteigenschaften Dissipation, Fluktuation und Homogenität.

Als dritter Erhaltungssatz soll eine allgemeine Stabilitätserhaltung in bezug auf die Vorgänger- /Nachfolge-Relation gelten: Nämlich die Stabilität des Vorgängers, die immer erhalten bleibt, und zwar auch im emergenten Fall. "Erhalten wir dabei immer notwendig die Stabilität der alten Struktur bzw. richtiger des Vorläufers, muß daher der [S.299] Entropiewert der Strukturveränderung, die bei der emergenten Entstehung eines Nachfolgers aus einem Vorgänger aufgetreten ist, mit einer geeigneten Vergleichsgröße, die etwas über die Aufrechterhaltung der Stabilität des Vorgängers aussagt, in Beziehung gesetzt werden. ... Strukturveränderung ist letztlich ein zusätzlicher Aufwand, den der Vorläufer leisten muß, schließlich ist das emergente System oder das der Emergenz unterworfene, solange der Vorgänger, bis es als Nachfolger subsistiert, und das ist bei biologischen System erst der Fall, wenn sie Nachkommen haben, die ihrerseits subsistieren ... Dementsprechend muß der Aufwand der Strukturveränderung letztlich von den Vorgängern getragen werden, und daher auch mit der Aufrechterhaltung desselben vereinbar sein" (S. 147).

Als viertes schließlich wird der restriktivste Erhaltungssatz betrachtet, nämlich der der Strukturerhaltung, die die relative Invarianz innerhalb der Veränderung bezeichnet. Denn es bedarf "im Rahmen einer Theorie der Emergenz, also einer Theorie der Entstehung von Neuem bzw. der Veränderung vorhandener Strukturen, eines Kriteriums zur Bestimmung einer relevanten Invarianz bzw. der Identität eines Gleichbleibenden" (S. 148). Strukturerhaltung ist immer dann gegeben, wenn sich das 'Gesamtvolumen' des Werteraums der Systemparameter nicht ändert, auch wenn sich die Werte einzelner Parameter ändern können. "Das impliziert also innerhalb eines bestimmten Konfidenzspielraums, also einer Schwankungsbreite des Volumens insgesamt, daß darüber hinausgehende Werteveränderungen einzelner Parameter durch entsprechende Veränderungen anderer Parameter kompensiert werden müssen, dabei ist für die einzelnen empirisch zu berücksichtigen, daß es für die einzelnen Parameter kritische Schwellenwerte gibt, die ohnehin nicht über- oder unterschritten werden können, ohne daß das betreffende Objekt zugrundegeht" (S. 148).

Diese Erhaltungssätze stellen m.E. den größten Gewinn dieses Emergenzmodells dar, da es allgemeine Bedingungen formuliert, unter denen Emergenz überhaupt möglich wird. Die Dialektik von Emergenz und Erhaltung innerhalb von Evolutionsprozessen wird so auf fruchtbare Weise konkretisiert. Umgekehrt bewirken die totale Instabilität und Destruktivität einer Systementwicklung die Zerstörung der Emergenzfähigkeit.

Diese Erkenntnisse bzw. Eigenschaften emergenter Systeme möchte ich mir für die Formulierung von Bedingungen für ein nachhaltiges Fortschrittsmuster zunutze machen, da für nachhaltige Fortschrittsentwicklung sowohl Kreativität und Emergenz als auch Stabilität und Erhaltung des 'Evolutions'prozesses von zentraler Bedeutung sind. Allerdings bleibt festzuhalten, daß - im Unterschied zur eigenen Einschätzung der Autoren - dies noch keine "Theorie der Emergenz" darstellt: Auch in diesem Ansatz werden Evolutionsprozesse und emergente Ereignisse - konkreter als in so manchem anderen Ansatz - beschrieben und nicht erklärt. Ein allgemeines Emergenzgesetz läßt also noch auf sich warten. Allerdings erschließt sich mit diesem Emergenzmodell ein [S.300] neuer interessanter Baustein innerhalb der evolutionären Komplexitätsforschung und scheint mir daher für eine pragmatische Modellierung von Merkmalen und Regeln für ein nachhaltiges Fortschrittsmuster von Bedeutung. Eine weitere interessante Erkenntnis dieses Ansatzes besteht darin, daß Emergenz auch als wesentlich zeitliches Problem angesehen wird, "wenn man sich vor Augen hält, daß die zeitliche Abfolge eigentlich (beim emergenten Schritt) das Neue 'an sich' konstruiert" (Eisenhardt/Kurth a.a.O., S. 142). Und zwar ist diese zeitliche Abfolge eine fraktale Einwirkung, die die 'gebrochene' Bewegung bzw. den "gebrochenen Zusammenhang" hervorbringt. Allerdings bleibt dabei das Problem der unterschiedlichen Zeitskalen von menschlichen, natürlichen und technologischen Prozessen oder das der zeitlichen Kohärenz von emergenten Ereignissen unbeachtet. Es ist also grundsätzlich zu klären, inwieweit trotz der zeitlichen Symmetriebrüche bei emergenten Ereignissen eine ständige Synchronisation und zeitliche Kompatibilität der unterschiedlichen Einzelprozesse zu einem evolutionären Gesamtprozeß möglich ist. Von daher wäre die Erforschung des Verhältnisses von Emergenz und Zeit insbesondere zeitlicher 'Erhaltungssätze' bei der Entstehung von Neuem von zentraler Bedeutung - mit weitreichenden Konsequenzen für die Innovationsdynamik des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges! Es sei dazu nochmals auf den Forschungsgegenstand der 'Ökologie der Zeit' verwiesen.

Festzuhalten bleibt, daß wir zwar die Bedingungen für die Emergenz von Einzelereignissen innerhalb eines dynamischen Systems konkretisiert haben, damit aber noch nicht die Möglichkeit zum kreativen Hervorbringen von systemspezifischen Leistungen in bezug auf gewünschte Zielsetzungen und Randbedingungen. In Kapitel 3.2 wurde bereits darauf hingewiesen, daß eine wesentliche Eigenschaft eines neuartigen technologischen Fortschrittsmusters in der Fähigkeit zur Selbsterneuerung liegt - unter der Voraussetzung der Stabilität des Gesamtgefüges. Diese Eigenschaft hing eng mit der Fähigkeit des Gesamtsystems zur Selbstbegrenzung zusammen, d.h. mit der Selektion bestimmter technologischer Lösungsmuster, die nicht grenzenlos wachsen, aus der Fülle technologischer Möglichkeiten. Dies ist nicht nur ein wichtiges Kriterium der Nachhaltigkeit, sondern verweist noch einmal auf das Problem der Steuerungsfähigkeit komplex-dynamischer technologischer Prozesse hin, die offensichtlich eine Balance zwischen Emergenz und Erhaltung, zwischen Selbsterneuerung und Selbstbegrenzung zur Voraussetzung hat. Diese Balance wiederum führt auf zwei komplementäre Aspekte selbstorganisierender Systeme, nämlich die der Erstmaligkeit und der Bestätigung: "Reine Erstmaligkeit, d.h. Einmaligkeit, enthält keine Information; sie ist Chaos. Reine Bestätigung bringt nichts Neues; sie ist Stagnation oder Tod. Dazwischen aber muß es je nach der Komplexität der ausgetauschten Information ... ein endliches Maximum geben" (Jantsch a.a.O., S. 89 ff.). Komplex-dynamische Ungleichgewichtsstrukturen bzw. -systeme wandeln ständig Erstmaligkeit in Bestätigung um, während Gleichgewichtsstrukturen bzw. Systeme sich auf einen Zustand maximaler Bestätigung hin entwickeln; komplex-dynamische Ungleichgewichtssysteme [S.301] können über Zustände maximaler Erstmaligkeit, d.h. einer Instabilitätsschwelle, zu einer neuen Balance zwischen Erstmaligkeit und Bestätigung, d.h. Selbstorganisation, gelangen (vgl. ebenda). Die Lösung des Problems der Steuerungsfähigkeit komplex- dynamischer Systeme führt also wiederum auf die dynamischen Eigenschaften selbstorganisierender Systeme, mit deren Hilfe nicht nur einzelne Emergenzereignisse, sondern die Emergenz von systemspezifischen Leistungen modelliert werden kann. Dies scheint mir für die Charakterisierung eines nachhaltigen Fortschrittsmusters für die Mensch-Natur- Technologie-Dynamik - unter der Voraussetzung der Ko- Evolution von Mensch, Natur und Technik - von besonderem Interesse.

Betrachten wir also das Verhältnis von Emergenz und selbstorganisierenden Systemen sowie ihrer Subsysteme etwas näher.

Ich greife hier auf einen Ansatz von Krohn/Küppers (1992, a.a.O.) zurück, um diesen weiterzuentwickeln. Dabei ist zum einen das Problem der Selbstbegrenzung bzw. Randbildung und zum anderen das Problem der Subsystembildung von Bedeutung: Subsysteme sind einerseits in eine Umwelt eingebettet, die selbst systemisch ist, aber andererseits sind Subsysteme als selbstorganisierende Systeme autonom, d.h. mit klar abgrenzbarem 'Rand', und stehen dennoch mit den anderen Subsystemen und ihrer Umwelt in ständiger Wechselwirkung. "Bei Subsystemen besteht also zwischen diesen und ihren Umwelten ein differenziertes Austauschgeschehen, das sich in Abhängigkeit von beiden verändern kann und wegen seiner im Konflikt zwischen Funktionalität und Selbstorganisation angelegten Instabilität ständig neuer Lösungen bedarf" (Krohn/Küppers a.a.O., S. 17). Das Modell von Krohn/Küppers läßt sich in mehreren Schritten darstellen, wobei zunächst die Grundcharakteristika selbstorganisierender Systeme festzuhalten sind, die zu systemspezifischen informationellen und kommunikativen Leistungen fähig sind. Ganz allgemein läßt sich in diesem Zusammenhang Selbstorganisation als "Autonomisierung durch systemische Randbildung" definieren, wobei wir die Existenz stationärer Zustände (Attraktoren) annehmen wollen. An welche Bedingungen sind nun Autonomie und die Existenz von Attraktoren geknüpft? Wer oder was legt die Systemvariablen fest und definiert ihre Verknüpfung? "Ganz allgemein sind es Strukturen in der Umwelt, die als Randbedingung im System als Selektionskriterien Bedeutung erlangen, weil sie die systemspezifische Wechselwirkung festlegen. Selbstorganisation ist daher immer an die Existenz einer in diesem Sinne strukturierten Umwelt gebunden" (ebenda, S. 167). Die genaue Prozeßdynamik ist jedoch damit nicht festgelegt, sondern gebunden an das Maß, wie weit entfernt ein System sich vom Gleichgewicht befindet. Dieses Maß wird durch sogenannte 'Kontrollparameter' charakterisiert, wobei nur zu ganz bestimmten Werten dieser Kontrollparameter Attraktor- Zustände existieren. Randbildung läßt sich insgesamt zum einen als die operationale Abgrenzung eines Systems von seiner Umwelt aufgrund externer Randbedingungen charakterisieren und zum anderen als Reproduktion dieser Abgrenzung aufgrund einer internen Variation einzelner Teile des rekursiven Netzwerkes der Wechselwirkung - und zwar solange, bis der rekursive Prozeß stationär geworden ist (Attraktor-Zustand). [S.302] "Definiert man Selbstorganisation über die hier vorgestellten Mechanismen der Randbildung, ist sie nicht mehr eine Folge einer willkürlich von einem Beobachter getroffenen Entscheidung über die Festlegung der Systemgrenzen, sondern eine Leistung des Systems selbst" (ebenda, S. 169). Diese Erkenntnis ist besonders wichtig bei der Charakterisierung eines Entwicklungskorridors, innerhalb dessen Grenzen sich die Entwicklung des Mensch-Natur- Technologie-Gefüges entwickeln muß, soll diese Entwicklung eine nachhaltige sein.

Bei z.B. sozialen Systemen müssen nun zusätzliche Regeln des Operierens erzeugt werden, um einen 'Rand' zu bilden, in dem gemeinsam getragene Absichten, Einstellungen und Überzeugungen zum Ausdruck kommen. Dieser Rand ist dynamisch, da er durch innere Variation und Wechselwirkung mit der äußeren Umwelt ständig modifiziert wird. Wesentlich ist, daß derartige Systeme informationell offen sind und in der Weise mit ihrer systemischen Umwelt koppeln, daß sie sinnvolle Information importieren oder exportieren können. Die Subsysteme sind dabei um so leistungsfähiger für Bestandserhaltung, Komplexitätssteigerung und Innovationsfähigkeit, als sie selbst als eigengesetzliche selbstorganisierende Systeme operieren. "Die Leistung der Systeme besteht dabei in der Erzeugung spezifischer Informationen, die durch rekursives Operieren innerhalb der Systeme entstehen (positive Rückkopplung) und außerhalb der Systeme gebraucht werden (negative Rückkopplung)" (vgl. Krohn/Küppers 1992, S. 175). Diese spezifische Informationsentstehung kann auch als Auswahlprozeß zwischen einer Vielzahl gleichwertiger Alternativen sinnvoller Unterscheidungen - in einem Möglichkeitsraum - gekennzeichnet werden.129 Das Finden von stationären Zuständen (Attraktoren) mit Hilfe spezifischer, rekursiver Operationen ist von besonderem Interesse, da es sich hier um die wesentlichen Charakteristika und Eigenschaften des Systems bzw. der Subsysteme in bezug auf die systemische Umwelt handelt.

[S.303] Der Transfer von derartigen 'Attraktoren' in eine systemische Umwelt stellt jedoch keine einfache Informationsüber tragung dar, sondern ist ein komplex-dynamischer "aktiver systemisch strukturierter Prozeß". Von besonderer Bedeutung ist dabei die Antizipation bzw. die "antizipierten Einpas sungen" von Attraktoren in die jeweiligen systemischen Umwelten, denn "sie sind die kommunikativen Mittel für die Erzeugung bzw. Aufrechterhaltung von komplexen Systemen: Sie erzeugen soziale Strukturen und kognitive Muster" (ebenda, S. 187).

Mit Hilfe dieser Erkenntnisse über die Emergenz von systemspezifischen Leistungen selbstorganisierender Systeme möchte ich ein zukünftiges nachhaltiges Mensch-Natur- Technologie-Gefüge modellieren und konkretisieren, wobei dieses als Gesamtsystem und die 'Subsysteme' Mensch, Natur, Technologie als jeweilige 'Umwelten' fungieren. Diese Um welten werden ihrerseits als selbstorganisierende Systeme angenommen, so daß damit ein ko- evolutionäres Gesamtsystem entstehen kann. In Anlehnung an Ebeling/Feistel (1994) be trachte ich die evolutionäre Dynamik in Natur und Gesellschaft als ein Schema von hochvernetzten Ketten von (zykli schen) Prozessen der Selbstorganisation. Die Technosphäre der Zukunft soll in diesem Ansatz ebenfalls als selbstorganisierendes System modelliert werden bzw. als relativ autonome Techno- Evolution - allerdings auf der Basis eines neuartigen Technik-Typus und eines neuen Fortschrittsmusters. Die Grundidee dieser Systemkonstruktion liegt darin, eine human- und naturverträgliche technologische Entwicklung nicht als von außen vorgegebenen normativen oder determini stischen Plan zu begründen, sondern als spezifische emergente Leistung des selbstorganisierenden Systems selbst! Diese systemspezifischen Leistungen betreffen zunächst die selbstbegrenzende Randbildung ("Entwicklungskorridor"), wobei die Strukturen der jeweiligen 'Umwelten' als Randbedingungen dienen, die aus den möglichen Formen der Wechselwirkung diejenigen auswählen, die mit ihnen verträglich sind, und diese rekursiv vernetzen (Autonomisierung). Des weiteren soll das System verschiedenartige stabile Zustände (Attraktoren) hervorbringen, die mit den Funktionsweisen der jeweiligen 'Umwelten' kompatibel sind. Diese Attrakto ren sind je nach Betrachtungsebene und Detaillierungsgrad bezogen auf die Umwelt-Systeme, auf das Gesamtsystem oder auf betrachtete Subsysteme verschiedenartig. So können bei spielsweise im System 'Natur' bzw. natürliche Evolution bestimmte Öko-Systemzustände als Attraktoren fungieren oder aber auch die Physiologie des Menschen, wobei hier Schnitt stellen zum System 'Mensch' berührt sind. Für das System 'Mensch' sind natürlich nicht nur körperlich- physiologische 'Attraktoren' von Belang, sondern auch soziale Merkmale und Verhaltensweisen sowie geistige Produkte oder wissenschaftliche Paradigmen. Für das System 'Technologie' bzw. Techno-Evolution, das mit den Systemen 'Mensch' und 'Natur' kompatibel wäre, haben wir die Attraktorzustände symbiotischer Technoprozesse angenommen, wobei die materielle Stoffwechselproblematik als Grenzzyklus betrachtet wurde und die [S.304] ideelle bzw. informationelle Dynamik als komplex-adaptiver evolutionärer Prozeß modelliert wurde. Zu jeder dieser drei Umwelten des Gesamtsystems Mensch-Natur-Technologie-Gefüge gehört nun ein Satz von 'Kontrollparametern' (vgl. Abbildung 2c), die sowohl die "Offenheit" des Systems, aber auch dessen Stabilität charakterisieren. Für das System 'Natur' würden diese beispielsweise Eigenschaften umschreiben, die für die Erhaltung der Biosphäre von Bedeutung sind. Für das System 'Technologie' wären die Kontrollparameter von Bedeu tung, die wesentlich die Reproduktion eines symbiotischen Technik-Typus charakterisieren würden. Beim System 'Mensch' wären die Kontrollparameter von besonderem Belang, die als soziale und geistige Produkte eine nachhaltige Entwicklung charakterisieren würden. Wie in Abbildung 2c ersichtlich wird, kommt nun dem gemeinsamen Satz von Kontrollparametern für das Gesamtsystem, sprich Mensch-Natur-Technologie-Gefüge eine besondere Funktion zu: Diese drücken die Steue rungsgrößen für den Attraktorzustand des Gesamtsystems und dessen selbstbegrenzende Randbildung ("Entwicklungskorridor") aus und sind ihrerseits von den genannten menschlichen, natürlichen und technologischen Kontrollparametern der jeweiligen 'Subsysteme' abhängig. Dieser Rand ist dynamisch, weil er durch die Entwicklungsprozesse der 'Subsysteme' ständig modifiziert wird. Dennoch bedeutet diese Dynamik nicht Beliebigkeit der Entwicklung, sondern sie wird über die Attraktorzustände des Gesamtsystems gesteu ert. Damit sind auch die Kontrollparameter des Gesamtsy stems dynamische Größen und spiegeln die komplex-dynami schen Wechselwirkungsprozesse wider. Ich deute und bezeichne diese dynamischen Kontrollparameter des Gesamtsy stems als kennzeichnende Eigenschaften eines neuartigen, nachhaltigen Fortschrittsmusters! Ein derartiges Fortschrittsmuster ist daher insbesondere dadurch charakterisiert, daß es nicht allein als menschliches Produkt, sondern auch als ein aus natürlichen und (komplex-adaptiven und symbiotischen) technologischen Wechselwirkungen hervorgegangenes gekennzeichnet ist. Dieses konviviale und ko-evolutionäre Gesamtsystem von Mensch, Natur und Technologie kann nun selbst als komplex-adaptives, selbstorganisierendes, evolutionäres System gekennzeichnet werden, das wie alle evolutionären Systeme seine dynamische Entwicklung über kritische Zustände steuert, die selbstorganisiert sind ("selbstorganisierte Kritizität"). "Die Idee der selbstorganisierten Kritizität, für die es inzwischen überzeugende Argumente gibt, besteht darin, daß solche Systeme von allein kritische Bedingungen einstellen. Es besteht einige Evidenz, daß selbstorganisierte Kritizität ein wesentliches Element von Evolutionsprozessen ist" (Ebeling, Feistel 1994, S. 211 ff.). Unter Hinweis auf Kapitel 2.2 seien die grundlegenden Eigenschaften der selbstorganisierten Kritizität noch einmal in Erinnerung gerufen.

Sie beschreibt eine schwach-chaotische Ordnungsänderung,d.h. prinzipiell sind Vorhersagen genereller Art möglich. Das System besitzt also prinzipielle Steuerungsfähigkeit, ohne allerdings im Detail determiniert zu sein. Der kritische Zustand wirkt somit als (seltsamer) Attraktor, auf den sich unter- und überkritische Zustände hinbewegen: Das Sy- [S.305] stem ist zwar in vielen Bereichen (Subsystemen) instabil, aber der kritische Zustand selbst weist hohe Stabilität auf. Genauer gesagt handelt es sich um einen metastabilen Zustand, in dem sich ein System der selbstorganisierten Kritizität befindet. Dies bedeutet, daß die Kopplung der Subsysteme in besonderer Weise ausgeprägt ist, so daß destabilisierende Fluktuationen gedämpft werden können, obwohl sich das Gesamtsystem bereits oberhalb einer 'makroskopischen' Schwelle befindet, wo es eigentlich instabil werden sollte. "Dieses Resultat läßt sich auch dahingehend interpretieren, daß die Umgebung eines 'innovierenden', individualistisch abweichenden Subsystems immer versuchen wird, die Fluktuationen zu dämpfen und das Gesamtsystem im stabilen Zustand zu halten, auch wenn dieser vom Standpunkt der makroskopischen Theorie bereits instabil sein sollte. Dies ist ein Beispiel dafür, wie der in den Fluktuationen verkörperte 'Zufall' und die aus der Koppelung der Subsysteme innerhalb des Gesamtsystems erwachsende 'Notwendigkeit' in der zeitlichen Evolution dissipativer Strukturen als Komplementarität auftreten" (Jantsch a.a.O., S. 82). Die Eigenschaft der Metastabilität tritt insbesondere als enge flexible Koppelung der Subsysteme bei Prozessen des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges auf und kennzeichnet die Verknüpfung von Stabilität, Evolutionsfähigkeit und Innovationsfähigkeit (vgl. Jantsch, S. 347). Dies führt auf eine weitere Eigenschaft, nämlich die der Ko-Evolution der Sub systeme, so daß ein hochorganisierter kritischer Zustand des Gesamtsystems mit komplex-dynamischen Konfigurationen entsteht und die Komplexität der globalen Dynamik dabei in enger Beziehung zu ihrer Kritizität steht.

Von daher scheint es mir hilfreich und angemessen, einen nachhaltig-emergenten Fortschrittsprozeß des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges als evolutionsfähiges System - inklu sive Subsysteme (Mensch, Natur, Technologie) - der selbstorganisierten Kritizität zu modellieren!

Ein derartig beschriebener nachhaltiger Fortschrittsprozeß kommt also durch die Wechselwirkung der Subsysteme zustande und erweitert den Raum des Möglichen, erweitert also die Möglichkeiten des Menschlichen, des Natürlichen und des Technologischen. Wir haben es also auch hier mit dem Charakteristikum der 'Komplizität' zu tun (vgl. Cohen/Stewart a.a.O., S. 529 ff.). Die wesentliche Eigenschaft der Komplizität besteht darin, daß völlig unterschiedliche Regeln (von Subsystemen) konvergieren, um ähnliche Merkmale zu erzeugen, so daß dieselben großräumigen Strukturmuster entstehen. Diese Strukturmuster bestehen in Meta- Regeln, in großräumigen Universalien (ebenda, S. 530). Cohen und Stewart betrachten die Evolution als das wichtigste Beispiel für Komplizität, wobei die Dynamik des DNS-Raumes (als Sub system) mit der Dynamik des Geschöpf-Raums der Organismen (als weiteres Subsystem) so wechselwirkt, daß sie in Richtung auf eine gemeinsame Dynamik ko- evoluieren.

In analoger Weise habe ich die nachhaltige Entwicklung des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges als Ko-Evolution der verschiedenartigen Dynamiken der menschlichen, der natürlichen [S.306] und der technologischen Sphäre modelliert - mit dem Charakteristikum der Komplizität. Worin besteht nun das Muster, die Meta-Regel dieser Komplizität? Schlußfolgernd können wir nun die Eigenschaft der 'selbstorganisierten Kritizität' als diese Meta-Regel identifizieren! Dabei soll diese Meta-Regel nicht nur für den erweiterten Möglichkeitsraum der gesamten Mensch-Natur-Technologie-Dynamik gelten, sondern auch für die evolutionäre Dynamik des jeweiligen Mög lichkeitsraums der Subsysteme. Ich verallgemeinere nun die Eigenschaft der selbstorganisierten Kritizität als Meta-Regel insofern, indem ich sie als grundlegende 'kritische Instanz', als Selektionsprinzip betrachte, das die Dynamik nachhaltigen Fortschritts eingrenzt.

Rapp (1992) hatte als Perspektive für die zukünftige vernünftige Entwicklung des Fortschritts ein "offenes, pluralistisches Modell" gefordert, das die "Möglichkeit zur Selbstkorrektur bietet" und "immanente Kritik" gegen jede Form maßlosen Fortschritts richtet. Ich möchte diesen Gedanken aufgreifen, konkretisieren und weiterentwickeln, wenn ich diese immanente Kritik in meinem Ansatz als verallgemeinerte, selbstorganisierte Kritizität modelliere, um damit die Mensch-Natur-Technologie- Dynamik dahingehend einzugrenzen, daß sie sich als nachhaltiger Fortschritt entwickelt. Das Selektionsmerkmal bzw. die Meta-Regel 'selbstorganisierte Kritizität' hat für die 'Subsysteme' Mensch, Natur, Technologie analoge evolutionäre Bedeutung:

  1. Im Subsystem 'Natur' bedeutet die 'kritische Instanz'die Aufrechterhaltung der Bioevolution, also im weitesten Sinne den Schutz, die Pflege und Entwicklung natürlicher 'Eigenwerte'.

  2. Im Subsystem 'Mensch' könnte die kritische Instanz alsAufrechterhaltung der "Ko- Evolution des Menschen mit sich selbst" (Jantsch) beschrieben werden, d.h. also Schutz, Pflege und Entwicklung menschlicher 'Eigenwerte' wie Menschenwürde, soziokulturelle Reproduktion oder Vernunftgebrauch, natürlich unter Voraussetzung der Arterhaltung.

  3. Für das Subsystem 'Technologie' formulieren wir folgendeSelektionskriterien: Herstellen und Aufrechterhalten einer wirklichen 'Techno-Evolution' als komplex-adaptives System (neuer Technik-Typus) bei selbstbegrenzender Dynamik, d.h. Kommunikationsfähigkeit, künstliche Kreativität/Emergenz/Lernfähigkeit, Herstellen von Lösungsvielfalt.

Diese bilden in verallgemeinerter Form die Basis-Kriterien für eine ständig zu überprüfende und zu korrigierende nachhaltige Fortschrittsdynamik; diese sollten durch drei weitere eingrenzende Selektionskriterien ergänzt werden, die sich aus den jeweiligen Schnittstellen der Subsysteme 'Mensch-Natur', 'Mensch-Technologie' sowie 'Natur- Technologie' ergeben (vgl. Abbildung 3).

[S.307]

Abb. 3:
(a) Das Möglichkeitsfeld der Mensch (M)-Natur (N)-Technologie (T)-Dynamik ist als Vereinigungsmenge mit den 'Eigenräumen' (Subsystemen) M, N und T dargestellt.
(b) Die Schnittstellen M-N, M-T und N-T symbolisieren die physiologische Problematik (P), die Stoffwechselproblematik (S) und die künstliche Informations-/ Kommunikationsproblematik (I).
(c) Der Entwicklungskorridor (E) eines nachhaltigen (technologischen) Fortschritts (als Durchschnittsmenge) ist in die Randbedingungen aus M, N, T sowie I, P, S eingebettet.

[S.308]

  1. Mit der 'Mensch-Natur'-Schnittstelle ist insbesondere die körperlich-physiologische Problematik angesprochen ("Einspruchsrecht des Körpers" gegenüber Planungen).

  2. Mit der Schnittstelle 'Mensch-Technologie' ergeben sich selektive Bedingungen für die Mensch-Maschine-Kommunikation, wie es in Kapitel 5.2 als Anforderung für einen symbiotischen, lernfähigen Technik-Typus formuliert wurde.

  3. Mit der Schnittstelle 'Natur-Technologie' ist schließlich die Stoffwechselproblematik angesprochen, deren Selektionskriterien sich ebenfalls aus den Anforderungen an eine symbiotische Technik ergeben.

Mit Hilfe dieser Selektionskriterien als kritische Instanzen haben wir nicht nur das Meta-Regelwerk 'selbstorganisierte Kritizität' näher konkretisiert, sondern zugleich eingrenzende Randbedingungen für einen 'Entwicklungskorridor' formuliert, innerhalb dessen eine nachhaltige Entwicklung des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges sich sinnvollerweise bewegen müßte. Mit Hilfe der o.g. menschlichen, natürlichen und technologischen 'externen' Rand-Bedingungen wird ein qualitativ neuartiges "Evolutionsfenster" eröffnet - als neues Möglichkeitsfeld für eine ko-evolutionäre Entwicklung von Mensch, Natur und Technologie. Dabei sind die Randbedingungen des Entwicklungskorridors dynamisch, so daß sich die 'Anfangswerte' im Laufe der Zeit meta-stabilisieren mit ständiger innovativer Dynamik (Selbsterhaltung und Selbstkorrektur).

Bereits früher (vgl. Kapitel 3.1) hatten wir die Wechselwirkungen zwischen menschlichen, natürlichen und technologischen Prozessen als 'Komplex-Kommunikation' bezeichnet, um damit insbesondere die Bedeutung von Informationsverarbeitung und Informationsaustausch zwischen den 'Subsystemen' hervorzuheben. Diese Komplex-Kommunikation kann nun als rekursives Operieren und interne Variation einzelner Teile des rekursiven Netzwerkes der Subsystem-Wechselwirkung gedeutet werden, deren Regeln des Operierens sich aus den o.g. 'externen' Rand-Bedingungen ergeben. Der damit zusammenhängende meta-stabile Attraktor-Zustand des ko-evolutionären Gesamtsystems wurde mit Hilfe der selbstorganisierten Kritizität modelliert, um damit die Nichtgleichgewichtsdynamik, die Stabilität und einen nachhaltigen Entwicklungsprozeß des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges zum Ausdruck zu bringen. Dieser Zustand wiederum ist nur möglich bei bestimmten Werten bzw. einem bestimmten Maß der variablen 'Umweltparameter' ('Kontrollparameter'), die zum einen Eigenschaften des Mediums beschreiben, in dem die Wechselwirkung der 'Subsysteme' abläuft oder Eigenschaften der Elemente mit Bezug auf die zwischen ihnen möglichen Formen der Wechselwirkung130 , und die zum anderen Durchfluß- [S.309] raten für Materie und Energie beschreiben und damit den Grad des Nichtgleichgewichts bzw. die 'Offenheit' des Systems gegenüber seiner Umwelt charakterisieren. Für eine Mensch-Natur-Technologie-Evolution könnten im übertragenen Sinne entsprechende 'Kontrollparameter' in Bereichen wie Energiezufuhr, Nahrungsmittelangebot, informationelle Offenheit zu finden sein oder kurz: sie kennzeichnen also günstige Evolutions- bzw. Entwicklungsbedingungen für Mensch, Natur und Technologie gleichermaßen - auf der Basis der natürlichen Evolution.

Gemäß dieser Modellierung setzt sich nun ein qualitativ neuartiges, nachhaltiges Fortschrittsmuster aus folgenden Eigenschaften zusammen:

  1. der Kennzeichnung des Attraktor-Zustandes (selbstorganisierte Kritizität),

  2. den Kennzeichen der Rand-Bedingungen desEntwicklungskorridors und

  3. den Kennzeichen der 'Kontrollparameter'.

Im folgenden sollen nun diese aggregierten Eigenschafteneines derart "evolutionären Fortschrittsmusters" (ich lehne mich hier an die Begrifflichkeit von Jantsch an) weiter konkretisiert werden.

Der mit Hilfe eines 'evolutionären Fortschrittsmusters' beschriebene neuartige Möglichkeitsraum des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges kann am ehesten dadurch aufgehellt werden, daß Ansätze für ein Evolutionsmodell der technischen Entwicklung exemplarisch dargestellt werden. Dabei muß es um allgemeine Systemprinzipien gehen, wie sie aus organismischem Verhalten abzuleiten sind und insbesondere eine Kerneigenschaft der Evolution betreffen, nämlich die systematischen und stabilisierbaren Innovationsmechanismen. "Innovationsmechanismen sind nicht nur für biologische Evolutionsprozesse von Bedeutung. Sie spielen überall dort eine Rolle, wo Evolutionsprozesse ablaufen, also auch bei der gesellschaftlichen und der technischen Evolution, der Entwicklung der Sprache, des Verhaltens, der sozialen Beziehung der geistigen Prozesse usw." (Ebeling 1990, S. 42). Evolutionäre Systeme müssen aus existenziellen Gründen Innovationen hervorbringen, um die eigene langfristige Entwicklungsdynamik zu erhalten: "Auf allen Organisationsstufen ist die Fähigkeit eines Systems, Innovationen hervorzubringen, zu selektieren und die günstigsten Varianten zu verbreiten, die entscheidende Voraussetzung für seine Fähigkeit, sich evolutiv zu verhalten" (ebenda, S. 43). Unbedingte Voraussetzung für die Erzeugung neuer Qualitäten ist die Existenz eines genügend großen unausgeschöpften 'Möglichkeitsraumes' für dynamische Entwicklung, der aus Möglichkeiten mit "bipolaren" (Whitehead) Eigenschaften besteht, nämlich in Form materieller Realisierungsmöglichkeiten und informationeller, theoretischer, geistiger (Denkmöglichkeiten). "Die bestehenden Möglichkeiten müssen nicht unbedingt in materieller Form realisiert und dann geprüft [S.310] werden, ... sondern sie können auch als reine Denkmöglichkeiten erzeugt und selektiert werden. Diese Möglichkeit bildete die Grundlage für den enormen Fortschritt der Evolutionsgeschwindigkeit beim Auftreten des homo sapiens auf der Erde. Insbesondere die Evolution der Wissenschaften und der Technik basiert wesentlich - aber nicht ausschließlich - auf dieser 'Mutationsstrategie'. Die 'theoretische Mutation' tritt zwar als neue und sehr effektive Methode neben die 'reale Mutation', vermag die letztere jedoch nicht vollständig zu ersetzen. Beispiele dafür sind die Notwendigkeit des experimentellen Tests neuer Theorien ... Auch diese Form der Mutation, das reale Experiment mit dem Neuen, ist für den Evolutionsfortschritt im technischen Bereich unabdingbar" (ebenda). Um das Verhältnis von 'theoretischer Mutation' und 'realer Mutation' innerhalb der technologischen Evolution genauer zu bestimmen, ist eine differenziertere Modellierung innovativer Prozesse - wie sie im Grundsatz aus der Bio-Evolution bekannt sind - er forderlich. Ich greife daher auf einen Ansatz von Tembrock (1990) zurück, der Innovationsstrategien im organismischen Verhalten genauer untersucht hat. Dabei möchte ich mich allerdings im wesentlichen auf die Bereiche konzentrieren, die auf Selbstorganisationsprozesse bezogen sind.

Tembrock unterscheidet im wesentlichen drei Innovationsstrategien, die im organismischen Verhalten zum Tragen kommen. Erstens: zielgerichtetes, planbezogenes Handeln mit rationaler oder 'ratiomorpher' Zwecksetzung, zweitens: strategische Spiele, die im Prinzip von der Realisierbarkeit des jeweiligen Zieles ausgehen und dabei eine 'B/C-Rechnung' zugrundelegen - wobei B für 'Benefit' (Gewinn) und C für 'Cost' (Aufwand) stehen -, und drittens: gibt es Strategien, "die als systeminhärente Eigenschaften der Selbstorganisation wirksam werden. Hier wird die Wertsteuerung vom System selbst vorgenommen und in die eigengesetzliche Entwicklung integriert. Diese systemeigene Optimierungsstrategie ist eine Grundlage der Entwicklung selbst, eine Evolutionsstrategie" (Tembrock, S. 49).

Letztere Innovationsstrategie ist in unserem Zusammenhangvon besonderem Interesse, da hier sowohl der kommunikativen Kooperationsstruktur des 'Planungssystems', der Komplexität der Entscheidungsmöglichkeiten als auch der für die nachhaltigen Innovationen erforderliche 'Suchraumeinschränkung' ("Entwicklungskorridor") und insbesondere der prozessualen Integration von Innovationen in den Vorgang der Entwicklung Rechnung getragen wird.

"Eine besondere Bedeutung kommt als Quelle für 'Neues' derKo-Evolution zu, oder noch allgemeiner der 'Ko-Entwicklung'. Der Grundgedanke ist einfach: Es handelt sich um eine wechselseitige Anpassung unabhängiger Teile, die zum gleichen oder zu verschiedenen Organismen gehören. Dahinter steht aber wohl ein grundsätzliches Entwicklungsprinzip der Selbstorganisation" (ebenda, S. 51). Bereits an anderer Stelle wurde darauf hingewiesen, daß Strategien der Selbstorganisation wesentlich adaptive Strategien sind, wobei die Bedeutung von 'adaptiv' in diesem Zusammenhang unter neuen [S.311] Gesichtspunkten zu definieren ist: "Es ist eine Systemeigenschaft, die ihre systemspezifische Form der Selbstorganisation nur unter Einschluß von relevanten Umweltparametern vollziehen kann. Diese bilden sich in systemspezifischer Weise in diesem ab. Adaption ist in diesem Sinne Ergebnis innerer und äußerer Selektion. Selbstorganisation verändert die Möglichkeitsfelder und implementiert entwicklungsspezifische Ziele aus diesen Feldern heraus (Teleonomie). Selbstorganisation schließt autoregulative Prozesse, Stabilität und Störfestigkeit, Zunahme an Redundanz und Negentropie und Autoreduplikation mit ein" (ebenda, S. 51 ff.). Es handelt sich hier also um 'Lernstrategien', die uns wiederum auf das bereits oben erwähnte Planungs- bzw. Steuerungsproblem komplex-dynamischer Systeme führt - allerdings im weiterführenden Kontext. Denn im Bereich der evolutionären selbstorganisierten Lernstrategien, die auch als 'Tiefenstruktur' innovativer Kreativität verstanden werden können, zeigen sich drei entscheidende Stufen: Erst prozessuales "Versuch- und Irrtum-Lernen", dann funktionelles Lernen und Erfassen der Bedeutung und schließlich "Outcome-Lernen" - wobei das gewünschte Ergebnis den Lernprozeß bestimmt - und Erfassen des Sinnbezuges (vgl. Tembrock, S. 61). Diese Lernstrategien adaptiver selbstorganisieren der Systeme können ebenso als Steuerungs-Strategien interpretiert werden: Wir treffen also wiederum im anderen Kontext auf die Möglichkeiten der experimentellen, der interventionistischen und der transformatorischen Steuerung von komplex-dynamischen Systemen.

Mit diesen Lern- bzw. Steuerungsstrategien sind wiederum Optimierungsprinzipien verbunden, die eng mit der selektiven Eingrenzung des Möglichkeits- bzw. Suchraumes zusammen hängen. Dafür sind zwei Selektionsprinzipien, nämlich die r- und die K-Selektion von Bedeutung. "Bei der r-Selektion erfolgt die Bewertung über die Umwelt, es gibt eine hohe 'Ausschußrate', da sehr viel mehr Nachkommen erzeugt werden als überleben; dann erfolgt eine Stabilisation mit schneller Reifung und hoher Anpassung gegenüber Umweltänderungen. Die r-Selektion bewährt sich also unter schnell wechselnden Umweltbedingungen. ... K-Selektion beruht auf einer Nutzung der vollen Kapazität der Umwelt durch hohe Qualität der Individuen, starke Investitionen durch die 'Erzeuger' ..., langsame Reifung und ist auf eine relativ stabile Umwelt angelegt" (ebenda, S. 61 ff.). Diese beiden Selektionsprinzipien lassen sich verallgemeinern und übertragen, wobei Tembrock beispielhaft auf einen Wesenszug der Kulturgeschichte des Menschen zurückgreift: Dieser habe sich im Verlaufe seiner Entwicklung vom K-Selektionisten zunehmend zum r-Selektionisten gewandelt - erzeugt also weit mehr Nachkommen und kurzlebige technisch-ökonomische Produkte, als der natürliche Lebensraum tragen kann ...

Jedoch liefert m.E. eine bloße Umkehrung dieser sozio-ökonomischen Selektionsprinzipien keine Lösung für ein zukünftiges Fortschrittsmuster, sondern es bedarf der Differenzierung der beiden Selektionsprinzipien: Für eine nachhaltige Entwicklung halte ich einerseits auf der stofflichen und physiologischen Ebene das Prinzip der K-Selektion für [S.312] absolut vorrangig, d.h. z.B. höchste Stoffproduktivität, ökologisches Nachhaltigkeitsprinzip, körperliche Gesunderhaltung, Herstellen langlebiger Produkte etc. Während ich für die informationellen, sozio-kulturellen oder geistigen Bereiche das Prinzip der r- Selektion für entscheidend ansehe, d.h. z.B. kulturelle Vielfalt, Förderung vielfältiger kreativer Lösungen geistiger 'Produkte', Förderung künstlicher Kreativität etc.

Diese Selektionskriterien für eine nachhaltige Technoevolution bzw. konkretisierten Eigenschaften eines neuartigen, technologischen Fortschrittsmusters setzen natürlich voraus, daß auch zukünftig günstige Bedingungen für die natürliche Evolution erhalten bleiben, wie z.B. Sicherung der Zukunftsfähigkeit der Biosphäre, der Artenvielfalt etc., wobei dazu insbesondere ein nachhaltiges wissenschaftlich-technisches Fortschrittsmuster beitragen müßte. Es geht also um den Übergang in eine neue Epoche des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, der nicht nur in der Lage ist, sich selbst zu stabilisieren, sondern vor allem mit Mensch und Natur in eine neue Phase der Kompatibilität und Ko-Evolution tritt.

Wölfling (1990) hat dazu ein Vier-Stufen-Konzept des wissenschaftlich-technischen Fortschritts entworfen, die eine kontinuierliche Interpretation von der Mitte des 18. Jahrhunderts "bis in die ferne Zukunft" ermöglichen soll. Die Stufen werden als Mechanisierung, dann Elektronisierung, darauf folgend Automatisierung und schließlich Selbstorganisation charakterisiert, wobei jede Stufe Elemente der vorhergehenden Stufen in sich einschließt und sie voraussetzt. "Alle vier Stufen bestehen gegenwärtig gleichzeitig nebeneinander, wenngleich mit unterschiedlichem Gewicht. Der wissenschaftlich- technische Fortschritt in der heutigen Zeit ist vor allem durch die Elektronisierung und die Automatisierung charakterisiert. Die Mechanisierung ist in den entwickelten Ländern im Abklingen begriffen. Sie war dadurch charakterisiert, daß Massenbasis der industriellen Produktion und Inkorporation der Wissenschaft in die Produktion zeitlich zusammenfielen. Sie entwickelten sich in enger Wechselwirkung. Die Stufe der Selbstorganisation be findet sich noch im Experimentierstadium" (Wölfling, S. 172). Ich stimme Wölfling ausdrücklich zu, wenn er davon ausgeht, daß die Überwindung der ökologischen Probleme nur auf der Basis eines anderen Musters des wissenschaftlich-technischen Fortschritts möglich ist und dieser dem zentralen Grundprinzip der Evolution organischer Systeme folgt, nämlich der Selbstorganisation. Allerdings scheint mir die ses Vier-Phasen-Konzept etwas zu mechanistisch konstruiert und legt den Übergang in einen selbstorganisierenden neuar tigen Fortschrittstypus quasi als automatischen Prozeß nahe. Demgegenüber handelt es sich jedoch um Möglichkeiten und Optionen, wobei derzeit bereits vielversprechende Ansätze in Richtung auf einen nachhaltigen Fortschrittstypus erkennbar sind. Von daher scheint es mir methodisch sinnvoller zu sein, die derzeit erkennbaren Möglichkeitsfelder [S.313] für eine neuartige Mensch-Natur-Technologie-Dynamik aufzuzeigen, um die Bedingungen für ein zukunftsfähiges Fortschrittsmuster offenzulegen.

Jantsch (1988) nennt fünf Grundtypen derartiger Möglichkeitsfelder, wie sie sich aus der gegenwärtigen Diskussion herauskristallisieren:

  1. Dominanz über die Umwelt mittels Energie und Materietechnik, so daß die Umwelt durch Umstrukturierung planbar, vorhersehbbar und kontrollierbar gemacht wird. "Mit anderen Worten, es wird Bestätigung maximiert. Angestrebt wird ein Gleichgewichtszustand, in dem die Umwelt nicht evolvieren kann und damit die Menschwelt ebensowenig. Dieser Weg führt zur Verstopfung der Prozesse der Eigenstruktur" (S. 380).

  2. Anpassung der Eigenstruktur an die Umwelt - auch hiermit dem Ziel eines Gleichgewichtszustandes, wobei Bestätigung überwiegt und damit statische Sicherheit gewähr leistet wird. Dieser Entwicklungstyp führt auf eine Konservierung eines scheinbar "ursprünglichen" statischen Naturzustandes, der komplexe und nichtlineare Prozesse einer Ungleichgewichtsdynamik außer acht läßt.

  3. Symbiose mit der Umwelt, die vor allem Kreisprozesse nach biologischem Muster vorsieht. "Diese Haltung betont Autopoiese, aber noch nicht Evolution" (S. 381).

  4. Evolution und Erschließung neuer Entfaltungsmöglichkeiten durch Erweiterung der Umwelt z.B. auch durch Kolonisierung des Weltraums. "Diese Haltung stellt eine Art 'technische Flucht nach vorn' dar, die für den derzeit dominierenden Wirtschaftsprozeß (gem. Punkt 1) neue räumliche Möglichkeiten erschließen will und auch eine breitere Basis für symbiotische Prozesse anstrebt. ... Es geht buchstäblich um Kreation neuer Welten in ihrer ganzen vielschichtigen Realität" (ebenda).

  5. Evolution und Erschließung neuer Möglichkeiten durch Erweiterung des Bewußtseins. Dazu gehört beispielsweise eine Informationstechnik, die nicht nur der Steuerung von Energie und Produktionsprozessen dient, sondern vor allem der Differenzierung unserer eigenen persönlichen Erfahrung (S. 382).

"Von diesen fünf Varianten, die hier zur besseren Unterscheidung einigermaßen extrem dargestellt worden sind, führen die ersten zwei zur Erstarrung des Lebens. Variante 3 beschreibt eine harmonische, lebendige, autopoietische Existenz ohne Evolution. Die Varianten 4 und 5 beziehen sich auf scheinbar unvereinbare Alternativen. Die eine erfordert mehr Energie und Materietechnik, die andere schwenkt auf eine Technik ein, die Information auf einer höheren Ebene evolvieren läßt, also einen neuen Geist ins Leben ruft. Vielleicht aber entspricht eine Mischung - oder, besser gesagt, eine Ökologie - aus den Varianten 3 [S.314] bis 5 einer Offenheit der sozio-kulturellen Evolution, die der Menschheit eine schöpferische Rolle bei der Gestaltung ihrer eigenen Zukunft zuweist" (ebenda, S. 382 ff.).

Auch wenn ich diesem Ansatz tendenziell zustimme, unterschätzt Jantsch m.E. einerseits die Notwendigkeit und Bedeutung der Evolutionsfähigkeit der Biosphäre, die es unbedingt aufrechtzuerhalten gilt, und andererseits die Notwendigkeit eines neuartigen autokatalytischen Technik-Typus, der selbst kreativ und ko- evolutionsfähig zu sein zur Eigenschaft hat. Ein auf dieser Basis eröffneter, tatsächlich zukunftsfähiger Fortschrittsprozeß wäre dann nicht einfach die Fortsetzung eines expansionistischen Weges 'nach außen', sondern bedeutete eine integrative Balance zwischen Innen- und Außen-Entwicklung (im Unterschied zu Wachstum). "Frühere Kulturen haben den Weg nach innen gepflegt. Unsere westliche Kultur hat in der Suche nach Erkenntnis ebenso wie nach schöpferischer Wirkungsmöglichkeit vor allem den Weg nach außen entwickelt. Am Kreuzweg unserer Zeit können wir uns für jeden der beiden Wege entscheiden - oder aber, zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, für ihre Symbiose in einer Komplementarität" (ebenda, S. 384).

Eine derartige "Symbiose" von Innen- und Außen-Entwicklunghätte sich aber zunächst in jedem Fall in irdischen Maßstäben zu bewähren!

Nachdem wir uns nun eingehender mit der evolutionären und selbstorganisierenden Innovationsdynamik des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges beschäftigt haben, kommen wir auf die Konkretisierung und Operationalisierung eines neuartigen Fortschrittsmusters zurück. Dabei gehe ich von einer grundlegenden These aus: Die zunehmend klarer werdende Option eines neuartigen Fortschrittsmusters wird deswegen bereits in Ansätzen erkennbar, da einerseits das krisenhafte Verhalten der komplexen Rückkopplungsprozesse von Mensch, Natur und Technologie erkennbar wird und andererseits erfolgversprechendere Entwicklungsmuster für eine Ko-Evolution von Mensch, Natur und Technologie als plausibles Möglichkeitsfeld auf Basis des Selbstorganisations-Paradigmas modellierbar werden. "Im Kern des vielfältig sich abzeichnenden Fortschrittswandels geht es um ein neues Verständnis von komplexen Werdensprozessen in Natur und Gesellschaft. Gerade ökologisch und sozialverträgliche Organisations-, Arbeits- und Produktionsprozesse scheinen nun in den Konzepten der Evolution und Selbstorganisation neue erfolgversprechende Wandlungsmuster zu finden. ... Aufschlußreich ist beispielsweise die Erkenntnis aus Evolution, Chaosforschung und Selbstorganisation, daß destabilisierte Strukturen gerade die wichtigen Potentiale für das Entstehen neuer Ordnungen enthalten können. Und somit: Krisen können Chancen sein, wenn sich das System selbst bzw. selbstverantwortlich organisiert" (vgl. Balck/Kreibich 1991, S. 8).

[S.315] Davon ausgehend, mit dem Blick auf die Theorie und Praxis selbstorganisierender Systeme, formuliert Kreibich (1991) Bausteine und "Elemente eines neuen Fortschrittsmusters", die im folgenden kurz referiert werden sollen.

  1. Fortschritt darf sich nicht mehr gegen die Natur oderaus einer Vorstellung, die natürliche Evolution überrumpeln zu können, begründen, sondern aus der Eingebundenheit in sie und damit aus der zeit-räumlichen, natürlichen und sozialen Bindung an sie.

  2. Fortschritt darf sich nicht primär an der wissenschaftlich-technischen Machbarkeit neuer Systeme und Prozesse orientieren, sondern vielmehr an der Erkennbarkeit und Beherrschbarkeit ihrer Folgen erster und zweiter Ordnung.

  3. In der Technikentwicklung und Technikgestaltung sind frühzeitig Alternativen und vielfältige Lösungen zu entwickeln, für die in einer Gesamtsystembetrachtung jeweils Chancen und Risiken gegeneinander abzuwägen sind.

  4. Soziale und ökologische Systeme stehen in komplexer Wechselbeziehung, ihre Systementfaltung beruht auf Ko-Evolution, wobei optimale Systemzustände einerseits durch eine hohe Fähigkeit zur Selbstorganisation und zum autonomen Handeln gekennzeichnet sind, andererseits durch aktive Einflußnahme auf die Systemumwelt im Sinne der Gesamtsystemstabilität.

  5. Offene Systeme, die sich turbulenten Entwicklungen stellen und diese als natürliche Fluktuationen bzw. Innovationsanstöße auffassen, sind mittel- und langfristig stabiler, weil sie neue, den Umfeldbedingungen besser angepaßte Ordnungs- und Qualitätszustände einnehmen können.

  6. Im Hinblick auf die Gestaltung wünschenswerter Zukünftemuß die Monotonie unserer Vorstellungswelt durch phantasievolle, kreative und visionäre Zukunftsbilder ersetzt werden. Selbstorganisation setzt Bilder über mögliche und wünschbare Zukünfte voraus.

  7. Selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Handeln in einer komplexen dynamischen Umwelt ist nur möglich, wenn man lernt, mit Unbestimmtheit zu leben und umzugehen. Gerade unbestimmte, scheinbar chaotische Zustände sind im Gegensatz zu kausalen und determinierten Bahnen als Quellen für schöpferische Phantasie und Ausgangs punkte neuer Ordnungszustände zu begreifen und zu nutzen.

  8. Die Selbstorganisation in dezentralen Einheiten ist zentralen Entscheidungsstrukturen bei der Ko-Evolution überlegen. Dezentrale Techniken sind im allgemeinen fehlerfreundlicher und eher rückholbar als zentrale.

    [S.316]

  9. Eingebettet in Netzwerkstrukturen wirken Subsysteme mit autonomen Verantwortungsbereichen besonders innovativ auf das Umfeld und die Zentralen ein.

  10. Ein neuer Fortschritt muß in der sich ko-evolutiv entwickelnden Welt von einem global vernetzten Denken ausgehen. Nur so sind sinnvolle und langfristig stabile Handlungsalternativen für lebensfähige und lebenswerte lokale Zukünfte zu entwickeln.

Kreibich sieht diese Elemente eines neuen Fortschrittsmusters als Grundlage zur Zurückgewinnung der "gesesellschaftlichen Steuerungsfähigkeit" von Wissenschaft, Technik und industrieller Dynamik an, wobei er m.E. die Möglichkeiten von Steuerung komplexer dynamischer Systeme nur unzureichend analysiert. Ansonsten sehe ich eine Reihe konkreter Übereinstimmungen mit dem von mir dargestellten nachhaltigen Fortschrittsmusters, das mit Hilfe der Meta-Regel 'selbstorganisierte Kritizität', selbstbegrenzenden Randbedingungen ("Entwicklungskorridor") sowie autokatalytischer 'Parameter' für günstige Entwicklungsbedingungen modelliert worden war (s.o.). In diesem Modell wurde das angesprochene Planungs- bzw. Steuerungsproblem als Problem einer angemessenen, vernünftigen Selbststeuerung charakterisiert.

In der Studie "Das Grundgesetz vom Aufstieg" formuliert Kafka (1989) Ansätze für "Wege zum wirklichen Fortschritt", deren Grundprinzipien allerdings in sehr aggregierter Form klärungs- und interpretationsbedürftig erscheinen. Dennoch möchte ich tendenzielle Übereinstimmungen mit diesem Ansatz zum Ausdruck bringen. Kafkas Leitideen für ein neues Fortschrittsmuster lassen sich in drei Grundprinzipien darstellen:

  1. Das Wahrscheinlichere in der Evolution von Welt und Mensch ist nicht der Niedergang, sondern der Aufstieg zu Komplexerem und zu Wertvollerem.

  2. Wahrer, die Welt und den Menschen erhaltender Fortschritt ist denkbar.

  3. Die Bedingungen dieses Fortschritts: Vielfalt statt einfältiger Größe, Gemächlichkeit statt rasender Beschleunigung, Selbstorganisation statt zentralistischer Macht.

Gegen eine grenzenlose Innovationsbeschleunigung und zunehmende Vereinheitlichung wird also eine selbstbegrenzende maßvolle Innovationsdynamik und vor allem Diversität gesetzt, die - paradoxerweise - möglichst schnell durchgesetzt werden soll. "Es muß sich so schnell wie möglich et was ändern - und zwar überall. Also 'in Eile zur Gemächlichkeit' und 'global zur Vielfalt'. Dies ist der Sprung im Raum der Möglichkeiten, die Revolution, die wir herbeiführen müssen. Sie muß haltbare Schranken setzen, die künftig verhindern, daß die Bedingungen der Evolution verletzt werden. Und siehe da: Die Evolution hat in uns, in den Gestalten, die die Krise herbeiführen mußten, auch die Fähigkeit entwickelt, sie zu überwinden. Das Rettende ist, wie immer [S.317] mit der Gefahr gewachsen. Im Menschen hat sich die Freiheit entwickelt, sich selbst Schranken zu setzen" (vgl. Kafka, S. 82). Dabei kommt dem Menschen und seinen inneren Entwicklungspotentialen für den Übergang zu wahrem Fortschritt, d.h. dem Aufstieg zum Besseren und Wertvolleren eine zentrale Rolle zu. "Wo das Bessere zu finden ist, wissen wir schon: an der Front der Evolution, in unseren seelischen und geistigen Fähigkeiten" (ebenda, S. 96). Ich halte diese unkritische Überhöhung menschlicher Potentiale für problematisch, und in bezug auf Kafkas Einschätzung von Wissenschaft und Technik möchte ich darüberhinaus offenen Dissens anmelden. Wenngleich ich einigen zentralen Kritikpunkten an der derzeitigen Fehlentwicklung von Wissenschaft und Technologie zustimme, scheint mir jedoch seine Analyse technologischer und wissenschaftlicher Entwicklungspotentiale oberflächlich und undifferenziert. Dies führt Kafka auf eine entsprechende Forderung, sich 'von Wissenschaft und Technik emanzipieren' zu müssen sowie der wissenschaftlich-technischen Entwicklung eine strikt "dienende" Rolle zuzuweisen. "Die Wissenschaft darf nicht frei sein - so wenig wie jede andere Macht, die Abhängigkeit schafft. Sie wird dienen müssen - und zuerst, sicher für lange Zeit, bei der Rettung und Pflege dessen, was von Natur und Kultur nach dem bisher leider unvermeidbaren Wissenschaftsmißbrauch noch überlebt hat. Wie alle anderen Menschen, die erkennen, was Freiheit bedeutet, werden auch die Wissenschaftler und Techniker sich nicht für die Planung und Organisation des Fortschritts verantwortlich fühlen, sondern für die Schaffung und Bewahrung seiner Voraussetzungen: der Bedingungen evolutionärer Wertschöpfung" (ebenda, S. 145 ff.). Demgegenüber vertrete ich die Position, daß gerade zur Entwicklung "evolutionärer Wertschöpfung" die Freisetzung kreativer Potentiale von Wissenschaft und Technologie für den Aufbau einer interdisziplinären Komplexitätsforschung sowie die Entwicklung eines symbiotisch-partnerschaftlichen, lernfähigen qualitativ neuartigen Technik-Typus von zentraler Bedeutung sind. Es ist gerade das Anliegen meiner Arbeit nachzuweisen, daß im Umfeld der derzeitigen Selbstorganisations-, Chaos- und Evolutionsforschung bedeutsame Ansätze für einen 'Paradigmenwechsel' in Richtung auf ein neuartiges wissenschaftlich-technisches Fortschrittsmuster zu finden sind! Des weiteren ist eine zweite zentrale These gegenüberzustellen, daß nämlich die 'Selbstheilungskräfte' des Menschen allein für die Stabilisierung einer nachhaltigen Mensch-Natur- Technologie-Dynamik nicht ausreichen, sondern es bedarf günstiger Evolutionsbedingungen, um einerseits die Natur und Naturerfahrung zu erhalten sowie andererseits die Entwicklung einer selbstorganisationsfähigen technologischen Dynamik zu fördern, so daß diese positiv autokatalytisch verstärkend auf die Evolutionsbedingungen von Mensch und Natur zurückwirkt und dabei eigenständige Lösungsbeiträge zur Stabilisierung eines nachhaltigen Fortschrittsmusters als 'Partner' von Mensch und Natur liefert.

Ein weiterer pragmatischer 'Test' für ein nachhaltiges evolutionäres Fortschrittsmuster läßt sich bei Ebeling/Feistel (1994) finden. Sie stellen sich die Frage, "ob die Resul tate der Erforschung der Selbstorganisation und Evolution [S.318] in irgendeiner Weise weiterhelfen können, um Auswege aus heute sichtbaren Sackgassen zu finden und gangbare Wege zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft der Menschheit zu weisen. Wie geht es weiter mit der Evolution auf unserem Erdball?" (S. 225). Wie die Geschichte der Evolution lehrt, gibt es dafür keinen "Königsweg", dennoch könnte ein selbstorganisierter, lernfähiger Suchprozeß weiterhelfen. "Die überlebenssichernden Wege in die Zukunft waren niemals vorprogrammiert, sie müssen auch in der gegenwärtigen Krise in einem langwierigen adaptiven Suchprozeß aus einer riesigen Diversität potentieller Möglichkeiten erst gefunden werden" (ebenda, S. 230). Dennoch zeichnen sich Umrisse einer "Strategie für die Rettung der Zukunft" ab, deren Grundgedanken lauten: "Eingeschränkte Selbstorganisation und entfaltete Diversität in Verbindung mit Toleranz und Weitblick sind Gebote für die Gestaltung der ökologisch-ökonomischen und sozio-kulturellen Zukunft" (ebenda). Diese Strategiegrundsätze lassen sich für Ebeling/Feistel in fünf "Geboten" zusammenfassen:

  1. Jeder Mensch ist verpflichtet, sich an einen ökologisch vertretbaren Durchschnitt der Produktion von Entropie zu halten.

  2. Jeder Mensch ist verpflichtet, die natürliche Umwelt zu erhalten und zu schützen.

  3. Jeder Mensch ist verpflichtet, der Sicherung der Lebensqualität künftiger Generationen höchste Priorität zu geben. Das Wachstum der Weltbevölkerung und ihres gesamten Umsatzes an Energie und Rohstoffen muß auf freiwilliger Basis auf das energetisch-ökonomisch Mögliche und ökologisch Verträgliche beschränkt werden.

  4. Jeder Mensch ist verpflichtet, auf der Basis beschränkter thermodynamischer Ströme, Diversität in jeder Hinsicht, beginnend von der Vielfalt der biologischen Arten bis hin zur Vielfalt in ethnischen, sprachlichen, sozialen, geistigen und kulturellen Bereichen zu fördern.

  5. Jeder Mensch ist verpflichtet, Kreativität, Innovativität und Suche nach neuen Lösungen in jeder Hinsicht zu fördern. Intoleranz, welche die Kreativität und Innovativität der anderen einschränkt, sind durch "positive Mechanismen" zu ersetzen.

Dabei bleibt als Quintessenz festzuhalten, daß trotz aller notwendigen Beschränkungen eine Strategie zur Rettung der Zukunft die "Vielfalt von möglichen Wegen in die Zukunft und entsprechenden Lösungsmöglichkeiten für Probleme offen halten" soll.

Auch diese strategischen Ansätze bestätigen und unterstützen wesentliche Inhalte meines vorgestellten Modells eines selbstorganisierenden Fortschrittsmusters, das allerdings weniger auf die Addition normativer Gebote ausgerichtet ist, sondern auf die systematische Modellierung und ansatzweise Operationalisierung eines "adaptiven Suchprozes- [S.319] ses" im Möglichkeitsraum der Mensch-Natur-Technologie-Dynamik, um die Bedingungen der Möglichkeit eines zukunftsfähigen Fortschrittsmusters zu charakterisieren.

Ich hatte ein neuartiges technologisches Fortschrittsmuster mit Hilfe eines Meta- Regelwerkes 'selbstorganisierter Kritizität', ferner mit spezifisch-selektiven, menschlichen, natürlichen und technologischen Rand-Bedingungen sowie bestimmten 'Kontrollparametern' für günstige Entwicklungsbedingungen modelliert, was einen hochdynamischen, sich ständig selbst korrigierenden und reflektierenden überkritischen Iterationsprozeß umschreibt. Es handelt sich also um eine potenzierte Form von Selbstorganisation bzw. Evolution von Selbstkorrektur und Selbstreflexion, d.h. um eine Meta- Repräsentation. Dieser Begriff wird meist im Zusammenhang mit der Modellierung von mentalen Prozessen genannt, die im Zusammenhang mit neuronalen Verschaltungsmustern stehen. "Wir erinnern zunächst noch einmal daran, daß ein wahrgenommener Sachverhalt der Außenwelt durch ein typisches neuronales Verschaltungsmuster repräsentiert werden kann. Denkt man über diese wahrgenommenen Sachverhalte nach, spricht man traditionell von Reflexion, d.h. in einem neuen Gedanken wird auf einen vorherigen Gedanken Bezug genommen. Man kann sich nun vorstellen, daß der Output des zerebralen Verschaltungsmusters, das den früheren Gedanken repräsentiert, als Input im nachgeschalteten neuronalen Muster des späteren Gedankens wirkt und dort Selbstorganisationsprozesse auslöst. Damit entsteht eine Meta- Repräsentation, die beliebig iteriert werden kann: Ich denke darüber nach, wie ich über das Nachdenken des Nachdenkens ... nachdenke. Iterierte Meta- Repräsentationen von neuronalen Verschaltungsmustern sollen den Zustand der Bewußtseinsbildung modellieren. Der Grad des Bewußtseins hängt von der Geschwindigkeit ab, mit der iterierte Meta-Repräsentationen gebildet werden können" (vgl. Mainzer 1995, S. 102).

Diese gedankliche Figur gilt auch für das o.g. Modell eines zukunftsfähigen selbstorganisierenden Fortschrittsmustes, das eben nicht als eine einfache Repräsentation von Regeln, Eigenschaften oder Handlungsweisen darstellbar ist, sondern in ständiger 'Komplex-Kommunikation' die eigenen Meta-Regeln überprüft. Es sei nochmals darauf hingewiesen, daß in diesem Prüfungsprozeß auch der neuartige (symbiotische, komplex- adaptive) Technologie-Typus aktiv einbezogen ist: Er liefert als '(selbst)kritische Instanz' eigene Lösungsbeiträge zur ständigen Überprüfung günstiger ko-evolutionärer Bedingungen des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges, d.h. zur Überprüfung der nachhaltigen Entwicklung selbst! Damit würde erstmals in der Geschichte eine wirkliche Mensch- Maschine-Kommunikation in Gang gesetzt, die ihrem Wesen nach nicht gegen natürliche und menschliche Belange gerichtet ist. Wesentlich dabei scheint mir, daß ein derart modelliertes technologisches Fortschrittsmuster nicht wie Gleichgewichtsstrukturen (z.B. Kristalle) kumulativ neue Zustände 'ansetzt', sondern eben als Nichtgleichgewichtsprozeß von Zeit zu Zeit über Instabilitäts- und Innovationsphasen zu einer neuen Struktur evolviert, wobei bestimmte Erhaltungssätze gelten müssen.

[S.320] Neben diesem inneren Nichtgleichgewicht des Prozesses nachhaltigen Fortschritts ist die zentrale Kategorie der Offenheit gegenüber menschlichen, natürlichen und technologischen Zukunftsentwicklungen von Bedeutung. Jantsch nennt drei "Dimensionen" der Offenheit als "dynamische Maßstäbe für evolutionären Fortschritt", nämlich die Intensität, die Autonomie und den Sinn.

Intensität meint "die Wirksamkeit des Gesamtphänomens der Evolution in der Gegenwart eines bestimmten Systems" (Jantsch, S. 399). Sie bezeichnet also den Grad an "Zeitverschränkung", d.h. also die Wechselwirkungs-Dichte von vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Evolutionsprozessen, wie sie sich in der jeweiligen Gegenwart darstellt.

Auf dieser Ebene prozessualer Offenheit meint Autonomie"den aktiven, dynamischen Einsatz von Komplexität", um da mit Flexibilität von Gesamtsystem und Subsystemen gegenüber der Umwelt zu erreichen. Es geht also um "die Offenheit gegenüber dem Auftreten von Erstmaligkeit in der weiteren Evolution sowohl des Systems wie auch seiner Umwelt" (eben da).

"Ein drittes Maß schließlich ist Subtilität der Einstimmungauf die vielfältige Dynamik einer unteilbaren Evolution, der Grad an evolutionsgerechtem Verhalten, das weder völlige Anpassung noch völlige Unabhängigkeit zur Maxime hat. Wir können es als evolutionäre Verbundenheit oder Sinn be zeichnen" (S. 400).

Diese drei Dimensionen sind dynamische Begriffe, die autokatalytisch wirken, also die eigenen Voraussetzungen für ihre eigene Zunahme bzw. Selbstverstärkung schaffen. Dabei wird deutlich, daß das gemeinsame verbindende Maß dieser Dimensionen der Offenheit die Zeit darstellt: Offenheit ist wesentlich zeitliche Offenheit, Offenheit der Zukunft. Dies sei für die Dimension des Sinnes etwas näher erläutert. Ich greife dazu auf Ansätze von Picht bzw. Heidegger zurück (vgl. dazu Kap. 4.1).

"Danach ist Sinn das, worin sich die Verstehbarkeit von etwas hält, ohne daß es selbst ausdrücklich und thematisch in den Blick kommt. Sinn bedeutet das Woraufhin des primären Entwurfs, aus dem her etwas als das, was es ist, in seiner Möglichkeit begriffen werden kann" (vgl. Heidegger 1993, S. 324). Dabei ist der Sinn grundsätzlich auf das 'Dasein' bezogen, "nur Dasein kann daher sinnvoll oder sinnlos sein" (S. 151). Dieses sinnhafte Dasein gründet sich prinzipiell auf Möglichkeiten, die sich ihrerseits nur mittels Antizipation, eines zeitlichen Vor-Griffs erschließen lassen. "Sinn ist das durch Vorhabe, Vorsicht und Vorgriff strukturierte Woraufhin des Entwurfs, aus dem her etwas als etwas verständlich wird" (ebenda). Dies führt unweigerlich auf die Offenheit von Zukunft, ja die Zukunft wird selbst zum Schlüssel für das Erschließen von sinnhaften Bedingungen der Möglichkeiten, die die menschliche Existenz selber betreffen. "Wenn das Dasein je seine Möglich- [S.321] keit ist, und sich als Seiendes aus dieser Möglichkeit bestimmt, so bestimmt sich das Dasein aus seiner Zukunft. Es kann dann gar nicht anders sein als so, daß es seine Zukünftigkeit vorwegnimmt. Die Antizipation der Zukunft ist dann sein Sein. Und wenn es sich in seinem Sein aus dieser Möglichkeit heraus versteht, so ist die wie immer verstan dene Erkenntnis der Zukunft, nicht irgendeine zusätzliche Erkenntnis, die man neben anderen Erkenntnissen auch noch haben kann, vielmehr ist dann die Erkenntnis der Zukunft, die Bedingung der Möglichkeit dafür, daß der Mensch überhaupt Mensch sein kann" (vgl. Picht 1992, S. 78 ff.). Die Antizipation von Zukunft ist also nicht die Durchführung eines ausgedachten Plans oder die Durchsetzung eines projektierten Ziels von selbstgesetzten Zwecken, sondern bedeutet die Sorge um die Aufrechterhaltung menschlicher Daseins-Bedingungen. "Der Mensch ist vielmehr so konstituiert, daß er gar nicht umhin kann, sich in irgendeiner Weise auf eine antizipierte Zukunft zu orientieren. Nur durch die Antizipation von Zukunft, nur im Vollzug der Seins-Verfassung des Entwurfes, nur in der Orientierung auf das, was kommt, kann der Mensch eine Gegenwart haben; unentschieden ist lediglich die Frage, ob ihn bei der Vorwegnahme seiner zukünftigen Möglichkeiten ein Wissen und eine Erkenntnis leiten, oder ob er die Zukunft blindlings antizipiert und dann für seine Verblendung bezahlen muß" (eben da, S. 142). Letztere Einsicht ist um so wichtiger, als es sich bei dieser Antizipation nicht nur um gedankliche, sondern auch um technologische Prozesse handelt, die grundsätzlich unsere Daseinsmöglichkeiten in qualitativ neuartiger Weise erweitern - unter der Voraussetzung, daß diese technologische Antizipation sinnvolle Daseinsgestaltung ermöglicht und die Zukunft offenhält. Erst dann kommt es zu einem sinnvollen technologischen Fortschritt, der aus der tatsächlichen Vor-Sorge um die zukünftigen Daseins-Bedingungen der menschlichen, natürlichen und künstlichen Welt hervorgeht. Picht hat Recht, wenn er feststellt: "Die künstliche Umwelt ist nicht eine Gegenwelt, sondern sie entsteht durch die Entdeckung von wirklichen Möglichkeiten der wirklichen Welt. Deswegen bedeutet Heideggers Analyse der Umwelt des Menschen nicht nur einen eminenten Fortschritt in der Aufklärung der Situation des heutigen Menschen in der heutigen Welt, sondern sie eröffnet darüber hinaus einen völlig neuen Zugang zum Entdecken der wirklichen Welt" (ebenda, S. 108 ff.). Ich halte darüber hinaus einen derartig "völlig neuen Zugang zum Entdecken der wirklichen Welt" für eine notwendige Vorbedingung, damit sich aus der jetzigen künstlich-technologischen Umwelt, die sich in vielen Bereichen tatsächlich zu einer "Gegenwelt" entwickelt hat, eine ko- evolutionsfähige Mitwelt entwickeln kann. Es geht also darum, sinnvolle Möglichkeiten von technologischer Entwicklung im Kontext von Mensch und Natur in ihrer eigenen Qualität und komplexen Vielfalt zu erkennen, um mit Hilfe eines neuen Entwurfes menschlich, natürlich und technologisch evolutionärer Möglichkeiten den zeitlichen Horizont für den Sinn unseres Daseins neu zu erschließen.


128 - Gemeint sind Attraktoren.

129 - Heidegger nennt einen Möglichkeitsraum auch "Entwurf" (vgl. Sein und Zeit, _ 31).

130 - Beispiele hierfür sind in physikalischen Systemen Materialkonstanten wie Viskosität, Leitfähigkeit oder Brechungsindex.