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Ulf Skirke Technologie und Selbstorganisation Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs |
In Kapitel 3.2 hatten wir eine erste Näherung der Bedingungen für die Möglichkeit eines nachhaltigen, symbiotischen Technik-Typus dargestellt und dabei als notwendige Bedingung für eine stabile und dauerhafte Entwicklung von Mensch, Natur und Technik die Herstellung von Konvivialität und Selbstorganisationsfähigkeit einer relativ eigenständigen Techno-Evolution gefordert. Wie läßt sich nun ein derartiger neuer Technik-Typus weiter konkretisieren? Um diese Frage zu beantworten, werde ich auf bereits bestehende Ansätze der technologischen Forschung zurückgreifen, um diese in bezug auf Potentiale künstlicher Kreativität zur Herstellung einer globalen Nachhaltigkeit zu untersuchen. Um die Zukunftsfähigkeit eines qualitativ neuartigen Technik- Typus in seinen Grundzügen zu bestimmen, ist darüber hinaus das konkrete Zeitverhalten technologischer Prozesse wesentlich zu beachten, um die Forderung nach einer grundlegenden zeitlichen Kohärenz der Mensch-Natur- Technologie-Entwicklung einhalten zu können.
Die Möglichkeitsbedingungen für eine symbiotische Technik müßten allerdings nicht nur Merkmale für einen neuen Artefakt-Typus, sondern auch die damit verbundenen Entwicklungsziele sowie die Herstellungsbedingungen für eine derartige Technik erfassen. Die drei wesentlichen Problemschwerpunkte, die es dabei zu lösen gilt, ergeben sich aus den jeweiligen 'Schnittstellen' des Mensch-Natur- Technologie-Gefüges: erstens die Stoffwechselproblematik (Natur-Technologie-Schnittstelle); zweitens das Problem der Informationsverarbeitung (Mensch-Technologie-Schnittstelle) und schließlich drittens die physiologische Problematik (Mensch-Natur- Schnittstelle). Ein neuer Technik-Typus ist also dahingehend zu überprüfen, inwieweit die komplex-dynamischen Rückkopplungsprozesse des ökologisch-energetischen Stoffwechsels, der Informations- und Kommunikationsbeziehungen sowie der physisch-körperlichen Vorgänge in eine nachhaltige, symbiotische und dynamische Stabilität gebracht werden können.
Des öfteren wird in der zeitgenössischen Technik- Diskussion die These vertreten, daß die gegenwärtige und vor allem die zukünftige Technik immer stärker einen 'immateriellen' Mediencharakter bekomme und sich "schrittweise vom Bezug zum Natürlichen, Organischen und Stofflichen" (vgl. Rammert 1989, S. 135 ff.) ablöse. Auch wenn unbestritten die informationelle und kommunikative Seite der technischen Entwicklung an Bedeutung gewonnen hat, so möchte ich doch den notwendigen Zusammenhang zur metabolischen, bio-ökologischen, [S.266] physisch-körperlichen und energetischen Seite technischer Problemlösungen hervorheben. Insbesondere in bezug auf die Ökologie-Problematik ist das Energie- und Stoffproblem technologisch bislang nicht gelöst. Es wäre m.E. ein schwerer Fehler, einen vermeintlichen Körper-Geist- Dualismus - mit dem Primat des 'Geistigen' - nunmehr auch auf die Technologiesphäre zu projizieren, um die informationell-immateriellen Technikanteile in ihrer Bedeutung zu überhöhen und sie vom stofflich-physiologischen Anteil loszulösen. Gerade die Ausbildung einer symbiotischen Technosphäre macht die Rückkopplung zur materiellen und 'immateriellen' Gesamtsystematik des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges unabdingbar.
Vor dem Hintergrund dieses Zusammenhangs soll zunächst die Stoffwechselproblematik behandelt werden. Ich stütze mich dabei auf Konzepte von Böhme (1993c) sowie von L. Schäfer (1993), um diese weiterzuentwickeln.
Zunächst geht der Begriff des Stoffwechsels von der materiellen Aneignung der Natur aus: "Die materielle Beziehung des Menschen zur Natur stellt sich als Stoffwechsel dar, d.h. wenn man den Ausdruck im engeren Sinne nimmt, als Austausch von Stoffen, im weiteren Sinne dann aber auch als Austausch von Energie und Information" (Böhme 1993c, S. 256). Wird nun diese naturwissenschaftlich-physiologische Bedeutung des Begriffs Stoffwechsel in einem erweiterten Zusammenhang zwischen Mensch und Natur angewendet, kann dieser erweiterte Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur als "gesellschaftlich organisierter Naturprozeß" verstanden werden. Diese erweiterte und verallgemeinerte Deutung und Begriffsdefinition des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur geht auf Marx zurück, der diesen erweiterten Stoffwechselbegriff im Zusammenhang mit der Arbeit als Gebrauchswert schaffenden Produktionsprozeß charakterisiert. "Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur" (MEW 23, S. 129). Jedoch hatte Marx bereits erkannt, daß diese Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur nicht einfach nach beliebig vorgegebenen Zielen erfolgen kann, sondern daß Störungen dieses Stoffwechsels vermieden und dieser Stoffwechsel in "adäquater Weise" zu regeln sei. "Mit dem stets wachsenden Übergewicht der städtischen Bevölkerung, die sie in großen Zentren zusammenhäuft, häuft die kapitalistische Produktion einerseits die geschichtliche Bewegungskraft der Gesellschaft, stört sie andererseits den Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde, d.h. die Rückkehr der von Menschen in der Form von Nahrungs- und Kleidungsmitteln vernutzten Bodenbestandteile zum Boden, also die ewige Naturbedingung dauernder Bodenfruchtbarkeit. Sie zerstört damit zugleich die [S.267] physische Gesundheit der Stadtarbeiter und das geistige Leben der Landarbeiter. Aber sie zwingt zugleich durch die Zerstörung der bloß naturwüchsig entstandenen Umstände jenes Stoffwechsels, ihn als systematisch regelndes Gesetz der gesellschaftlichen Produktion und in einer der vollen menschlichen Entwicklung adäquaten Form herzustellen" (ebenda, S. 528). Böhme hebt aus diesen Aussagen von Marx drei Aspekte hervor, nämlich erstens den materialistischen Aspekt des Stoffwechsels, zweitens den historischen Aspekt und schließlich drittens den normativen Aspekt. Gerade letzterer Aspekt bedeutet für Böhme, daß "die Stoffwechselbeziehungen Mensch/Natur ... überhaupt erst in adäquater Form herzustellen" (sind). Um dieses Ziel zu erreichen, fordert Böhme die Einrichtung eines neuen Typs von Naturwissenschaft, nämlich die sog. "Soziale Naturwissenschaft". Die erste Aufgabe einer Sozialen Naturwissenschaft ist es, die faktische Natur in ihrer Abhängigkeit von gesellschaftlich geregelten Stoffwechselprozessen darzustellen. Darüber hinaus stellt sich die Aufgabe einer normativen Konstruktion möglicher Naturen, damit der Mensch auf der Basis dieser Erkenntnis seine Stoffwechselbeziehungen so einrichten kann, daß ihn eine wünschenswerte Umwelt umgibt. "Der nicht mehr vernachlässigbare Einfluß des Menschen auf die Natur verlangt nach einer sozialen Rekonstruktion der Natur, nach einem Entwurf von Reproduktionszusammenhängen, in dem gesellschaftliche Ziele mit den Möglichkeiten der Natur abgestimmt werden" (Böhme 1993c, S. 261). Für ihn ist klar, daß deshalb "nicht beliebige soziale und technische Zwecke verfolgt werden" dürfen, sondern daß mit Hilfe der sozialen Naturwissenschaft ein Entwurf von Reproduktionsniveaus für den regionalen und globalen Stoffwechsel erzielt werden soll, der gleichermaßen mit den Bedürfnissen der Menschen wie mit den ökologischen Regelvorgängen verträglich ist (vgl. S. 262). Ziel ist also eine Entwicklungsleitlinie mit Hilfe des Stoffwechselkonzeptes bzw. der Sozialen Naturwissenschaft zu entwickeln, die ihrerseits andere Rahmenbedingungen für den naturwissenschaftlich- technischen Forschungsprozeß setzt, der wiederum neue Erkenntnisse über die Dynamik des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur zugänglich macht. "Die Soziale Naturwissenschaft hebt mit ihrem Gegenstand Stoffwechsel und Reproduktionsniveau auf eine neue, komplexere Ebene ab, auf wirkliche Funktions-und Lebenszusammenhänge in einem sozialen Kontext und regionalen Besonderheiten (soweit es nicht um globale Themen geht). Die Ausdehnung der Naturerkenntnis auf neue Detailgebiete gewinnt ihren Stellenwert aus dieser Stoffwechselperspektive und nicht daraus, daß noch nicht alle Kombinationsmöglichkeiten der chemischen Elemente ausprobiert und die Skalen der Maßsysteme (Länge, Zeit, Temperatur, Energie usw.) noch nicht experimentell in jeder Größenordnung abgearbeitet sind" (ebenda, S. 264). Böhme ist zuzustimmen, wenn er versucht, mit Hilfe des Stoffwechselkonzepts einen 'Entwicklungskorridor' für die Mensch-Natur-Entwicklung zu definieren, die sowohl ökologisch als auch sozial stabil ist. Jedoch scheint mir dabei die zentrale Rolle der Technologie etwas zu kurz zu kommen, insbesondere die Entwicklungsziele und Leitlinien für einen neuen Technik-Typus auf der Basis eben dieses Stoffwechselkonzeptes.
[S.268] Gerade diesen Aspekt hebt L. Schäfer hervor, wenn er die zentrale Bedeutung der Physiologie innerhalb des Mensch-Natur- Technologie-Verhältnisses herausstellt, um daraus "strukturelle Forderungen an eine zukunftsorientierte Technologie" abzuleiten, d.h. Bedingungen der Möglichkeit für einen anderen Technik-Typus darzulegen. Der Körper als Indikator für die Verträglichkeit der jeweiligen Umweltbedingungen tritt daher ins Zentrum: "Zu den unser Wohlbefinden beeinflussenden Faktoren müssen wir Architektur und Wohnverhältnisse, Arbeitswelt und Sozialstruktur und vieles mehr zählen. Aber den physikalisch-chemisch nachweisbaren Faktoren fällt doch eine sehr wichtige Bedeutung zu, zumal sie es sind, die wir direkt durch unsere technologischen Eingriffe in die Naturprozesse beeinflussen. Aufgrund des metabolischen Eingelassenseins unseres Körpers in die Zirkulationsprozesse der Natur können wir unseren Körper als Sensorium für die Verträglichkeit der äußeren Bedingungen, unter denen wir leben, betrachten" (L. Schäfer 1993, S. 225). In der bisherigen, vor allem sozialen und politischen Betrachtung stand zu stark das 'vernünftige' Interesse, das zielorientierte, planmäßige Gestalten und Bearbeiten der Natur im Vordergrund, wobei die physikalisch-physiologischen Rückkopplungsprozesse zu wenig Beachtung fanden. Auch die sinnliche Wahrnehmung wurde dabei tendenziell auf Datenerfassung und Informationsverarbeitung reduziert. "Demgegenüber möchte ich darauf hinweisen, daß wir als Organismen ja nicht nur Informationen aufnehmen, sondern im realen Stoffwechsel mit der Natur stehen; in diesem Stoffwechsel bildet die sinnliche Wahrnehmung eine echte Teilmenge. Auch die Information, die wir über unsere Sinne aufnehmen, erhalten wir nur in realer Wechselwirkung mit unserer Umwelt" (ebenda, S. 226). Schäfer hebt also weniger die sozialen Aspekte des Stoffwechselbegriffs hervor, sondern befaßt sich primär mit der "physiologischen Austauschbeziehung des menschlichen Organismus mit der Natur" als Voraussetzung und Grundlage für die Rahmensetzung des technologischen Stoffwechsels. In Anbetracht unserer "organismischen Daseinsweise" wird dann klar, "daß wir keine Technologie unterhalten dürfen, deren nichtintendierte Effekte sich ruinös auf den Stoffwechsel mit der Umwelt auswirken; denn wir sind verpflichtet, die Verhältnisse aufrechtzuerhalten, die die Bedingungen unserer organismischen Existenz sind" (ebenda, S. 257 ff.). Schäfer kennzeichnet den bisherigen Technik-Typus als "Pyro-Technik", d.h. als reine Verbrennungstechnologie, die Rohstoffe verbraucht und den physiologischen Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur krisenhaft zuspitzt. Für eine langfristig und global einsetzbare Technologie müßten daher mindestens drei Bedingungen erfüllt sein: "
Auf dieser energetischen Betrachtungsebene der Stoffwechselprozesse ist dementsprechend ein anderer Technik- Typus erforderlich, den Schäfer als "Inklinationstechnologie" bezeichnet, die die vorgegebenen Energieströme der Sonnenstrahlung intelligent und günstig ausnutzt. "Die Technologie der Inklination schaltet sich ein in die durch die Sonneneinstrahlung mehr oder weniger konstant und stabil gehaltenen Energieflüsse, um aus der von der Natur ständig geleisteten Gesamtarbeit etwas für unsere eigenen Zwecke abzuzweigen. In der Metapher könnte man von einem System der Kanalisierung und Verteilung fließender Energie auf verschiedene Turbinen sprechen. Man könnte auch diese Form der Technologie eine 'partizipative' nennen, weil sie sich in einen Prozeß einschaltet, der ohnehin abläuft, und die Verfeuerungstechnologie eine 'konsumtive', weil sie zur Erzeugung der Energie Rohstoffe verbraucht" (ebenda, S. 264 ff.).
Ich halte diesen Ansatz zwar für tendenziell richtig, aber für eine langfristige globalisierte Entwicklungsperspektive der Technik noch nicht ausreichend. Denn es stellt sich einerseits die Frage nach den quantitativen und qualitativen Grenzen des Stoff- und Energieverbrauchs und zum anderen die Frage nach den Bedingungen der Stabilität für einen derartigen komplex-dynamischen Stoffwechselprozeß. Ich möchte daher Ergebnisse, Tendenzen und Interpretationen der Selbstorganisationsforschung zugrunde legen, um den Ansatz der eben erwähnten 'partizipativen Inklinationstechnologie' noch einmal qualitativ weiterzuentwickeln hin zu einem Typus, den ich oben als 'symbiotische' Technologie bezeichnet habe.
Gerade in bezug auf die Stoffwechselproblematik bietet die thermodynamische Beschreibung von Selbstorganisationsprozessen einen vielversprechenden Ansatz (vgl. Ebeling 1991a, S. 77 ff.). Es zeigt sich dabei, daß neben der Dynamik von Stoffflüssen und Energie gerade bei der Modellbildung von ökologischen und technischen Evolutions- bzw. Produktionsprozessen die Einbeziehung der Entropie unabdingbar ist. Diese führt auf allgemeine Rahmenbedingungen für den Mensch-Natur-Technologie-Stoffwechsel, d.h. notwendige Bedingungen für dessen dynamische Stabilität und Innovationsfähigkeit.
"Das entscheidende thermodynamische Maß für die Effektivität der Strukturbildung ist die Entropieproduktion sowie der zur Selbstorganisation erforderliche Entropieexport. Mit anderen Worten, es muß wertvolle Energie aus den Res- [S.270] sourcen zugeführt werden. Die thermodynamische Situation qualifiziert Produktion als einen Ordnung und Strukturen schaffenden Vorgang, als Prozeß der Selbstorganisation im Sinne der Physik. Wie jeder andere Evolutionsprozeß wird Produktion nicht von außergesellschaftlichen Faktoren gesteuert, sondern entwickelt sich aufgrund innerer Triebkräfte. Natürlich ist die Thermodynamik nicht imstande, diese inneren Triebkräfte, zu denen auch die Innovationsmechanismen ... gehören, zu erklären, sie bildet jedoch das Wirken dieser Faktoren korrekt ab. Ganz im Sinne der Auffassung von der Persistenz der physikalischen Bewegungsform in allen höheren Bewegungsformen können thermodynamische Gesetze niemals verletzt werden" (Ebeling 1991a, S. 78). Dies führt auf allgemeine Rahmenbedingungen bzw. Nutzungsgrenzen von Stoffen und Energie, wenn die Selbstorganisationsfähigkeit der Biosphäre nicht gefährdet werden soll. Unser derzeitiger 'konsumtiver' Technik-Typus akkumuliert nicht nur stofflichen Abfall, sondern vor allem Entropie-Abfall! "Die zu beachtenden Schranken ergeben sich aus physikalischer Sicht insbesondere aus der Begrenztheit der verfügbaren Ströme von wertvoller Energie bzw. von Entropie und aus den Grenzen der Stabilität des ökologisch-ökonomischen Gesamtsystems unserer Erde. Der Strom wertvoller Sonnenergie, welcher der Erde im Durchschnitt zufließt ... fließt in geringerer Qualität (niedrigere Temperatur) wieder in den Weltraum zurück. Dieser Strom treibt alles komplexe Geschehen auf unserem Planeten, vom Wetter bis zur Photosynthese; in diesem Zusammenhang wurde der Begriff Photonenmühle geprägt. Dieser Energiestrom entspricht auch einem Entropiestrom, einem Exportstrom, von etwa einem Watt pro Kelvin bezogen auf den Quadratmeter Erdoberfläche. Wenn auf lange Sicht mehr als ein Watt pro Kelvin Entropie pro Quadratmeter Erdoberfläche produziert wird, so wird 'Entropie-Müll' angehäuft. Hier liegen die letzten, physikalisch verbindlichen Grenzen des Wachstums" (ebenda, S. 80). Hier liegt also auch ein tieferer Grund für die mangelnde 'Zukunftsfähigkeit' des derzeitigen Technik-Typus, indem damit die Selbstorganisationsfähigkeit der Biosphäre in kritischer Weise eingeschränkt und damit Zukunft 'verbraucht' wird. Es geht also um die Suche nach einem plausiblen, idealtypischen Modellansatz, der die Möglichkeit für einen zukunftsfähigen technologischen Symbioten aufzeigt, der keinen 'Entropie- Müll' akkumuliert. Um nicht ein rein spekulatives Konstrukt heranzuziehen, wähle ich eine pragmatische Modellierung, die sowohl die natürlichen als auch künstlich-technologischen Stoffwechselprozesse systematisch erfaßt. Als Orientierung dient mir daher erstens ein natürlicher Symbiont als reales 'Vorbild' für einen künstlichen Symbionten und umgekehrt zweitens ein theoretisch-künstlicher Prototyp zur Nachbildung von symbiosefähigen, lebensähnlichen Stoffwechselprozessen.
In diesem Zusammenhang kommt m.E. der Photosynthese eine paradigmatische Bedeutung als natürliches Modell für eine symbiotische Technik zu, da diese einerseits eine optimale energetische Grundlage für die Biosphäre sicherstellt und andererseits im Zusammenhang mit der Atmung eine symbiotische Beziehung zwischen Flora und Fauna ermöglicht (vgl. [S.271] dazu Grimmel 1993; Hoffmann 1991). Auch wenn es bis heute nicht umfassend gelungen ist, die Photosynthese technisch nachzubilden (vgl. dazu Michel-Bayerle/Ogrodnik 1991), so scheint mir doch der Modellansatz der Photosynthese für das technologische Vorbild eines 'universellen Symbionten' aussichtsreich zu sein. Zum einen lassen sich hier die komplex-dynamischen Stoffwechselprozesse in ihrer strukturellen Funktionsweise verstehen, zum zweiten wird eine in den thermodynamischen Grenzen 'erlaubte' Energienutzung realisiert - wobei die Photosynthese als solares Wasserstoffkraftwerk funktioniert - und zum dritten wird hier Stabilität durch ein symbiotisches Fließgleichgewicht (Homöostase) erreicht. Interessanterweise zeigt die mathematische Modellierung von Symbioseprozessen die gleiche Struktur wie die Beschreibung von Benard-Zellen oder der bekanntgewordenen Lorenz-Gleichungen mit entsprechendem dynamischen Verhalten, d.h. es können verschiedene Attraktorzustände erreicht werden. In der Symbiose kommt ferner der dissipative Charakter dieses komplex- dynamischen Systems zum Ausdruck: Die Symbioseteilnehmer haben also nur eine Überlebenschance, wenn sie gleichzeitig vorhanden sind, denn nur so finden sie in der Regel Zugang zur 'Nahrungsquelle'. Eine symbiotische Technologie müßte also prinzipiell auf der Ebene der Stoffwechseldynamik nicht nur Stoffe und Energie verbrauchen, sondern in synergetisch-unterstützenderweise ökologisch relevante 'Produkte' wieder an die Natur zurückgeben, ohne nichtbeseitigbaren Abfall zu erzeugen. Ein universeller Symbiont würde also nicht nur 'Natur' verbrauchen oder an ihr partizipieren, sondern sie im beiderseitigen Interesse nachhaltig positiv gestalten. Diese Nachhaltigkeit des Symbionten setzt bestimmte Randbedingungen voraus, wenn sie zu Stabilität bei gleichzeitiger dynamischer Weiterentwicklung und zur Selbsterhaltung führen sollen. Die Frage ist, ob ein solches symbiotisches System, das wesentlich aus künstlichen Teilkomponenten besteht, als begrenzt selbstorganisierendes System stabilisierbar ist. Als Prototyp für ein derart funktionierendes Modellsystem möchte ich daher auf die theoretische Konstruktion der 'Protozelle' zurückgreifen (vgl. Schwegler 1990). "Das Modell der Protozelle benutzt Mechanismen der klassischen Physikochemie, die biochemisch nicht unplausibel sind, nämlich Stofftransport durch Diffusion, eine katalysierte Stoffwechselreaktion und einen Polymerisationsvorgang" (Schwegler, S. 92). Das System besteht aus einem Material in einem polymerisierten Zustand mit poröser Struktur. Ein 'Nährstoff' aus einer flüssigen Umgebung wird am Rande des Systems mit konstanter Konzentration zur Verfügung gestellt. Der Nährstoff kann in die Materialstruktur hineindiffundieren, wobei er von dem Material katalytisch umgewandelt wird in einen Aufbaustoff, der ebenfalls diffundiert und dabei sich zusätzlich noch mit einer gewissen Zerfallsrate zersetzt. Die Moleküle des Aufbaustoffes sind die Bausteine der Materialstruktur; es erfolgt eine Polymerisation zu dem Material nur, wenn die Konzentration von dem Aufbaustoff einen Schwellenwert überschreitet. Da in der Materialstruktur schon alle Plätze besetzt sind, kann die Polymerisation nur an der Oberfläche des Systems erfolgen, weshalb dort die Konzentration vom Aufbaustoff immer exakt gleich dem Schwellenwert ist. "Eine [S.272] Folge dieses Prozesses ist es, daß wir es mit einer bewegten, d.h. zeitabhängigen Oberfläche zu tun bekommen" (ebenda, S. 93). Insgesamt haben wir es mit einem Netzwerk von fünf Prozessen der Produktion, des Transports und der Destruktion zu tun, die sich als selbstorganisierender Prozeß stabilisieren lassen. "Schließlich konstituiert das System in autonomer Weise seine eigenen Grenzen und hält damit für die Dauer seiner Existenz in kontinuierlicher Weise seine Identität aufrecht" (ebenda, S. 95). Das globale Verhalten der Protozelle hängt in besonderer und kritischer Weise von dem aus der Umwelt bereitgestellten Nährstoffangebot ab, welches ab einer bestimmten Größe die Stabilität des Systems sicherstellt. "Diese Stabilität bedeutet für das stoffwechselnde dynamische System die Eigenschaft der Selbsterhaltung" (ebenda). So verhält sich die Protozelle bei mittlerem Nährstoffangebot als eine selbsterhaltende Kugel, bei großem Nährstoffangebot teilt sich die Protozelle und die proliferierende Population ist selbsterhaltend. "Dies sind alles Erscheinungen, wie wir sie von Lebewesen kennen. Außerdem kann man im Hinblick auf die Tatsache, daß bei der Proliferation alle Eigenschaften von der Mutter auf die Töchter weitergegeben werden, von 'Vererbung' sprechen. Schließlich kann es durch zufällige Abwandlungen der chemischen Strukturen auch zu 'Mutationen' und damit zu einer Evolution kommen ... Der ununterbrochene Zusammenhang dieses Prozesses trotz der Veränderungen im kleinen (Stoffwechsel) wie im großen (Evolution) soll im Begriff der Selbsterhaltung erfaßt werden. Selbsterhaltend ist ein System, das mit seiner Oberfläche, seiner räumlichen Grenze, die ihm als System - abgehoben von der übrigen Welt - kontinuierliche Identität gibt, für unbegrenzte Zeit persistiert ... Selbsterhaltend ist möglich für eine 'autopoietische Maschine', wie z.B. unsere Protozelle, und deshalb möglich innerhalb der physikalischen Gesetzlichkeit" (ebenda, S. 96 ff.).
Von daher scheint es möglich, selbstorganisierende und selbsterhaltende künstliche Stoffwechsel-Systeme zu konstruieren, die homöostatische oder besser symbiotische Eigenschaften mit ihrer natürlichen Umgebung aufweisen können. Und zwar habe ich versucht, dies in zweierlei Richtung nachzuweisen: einmal in Form des Beispiels eines symbiotischen Verfahrens als Vorbild für eine abstrahierte technologische Modellierung, nämlich die Photosynthese als paradigmatischer 'Bio-Reaktor', und zum anderen als theoretisch-systematischen Modellansatz der Protozelle, die als künstliches Konstrukt dennoch wesentliche natürliche Eigenschaften einer Bio-Zelle aufweist. Von daher scheinen natürliche und technologische Stoffwechselprozesse dann kompatibel und konvivial gestaltbar zu sein, wenn sie als symbiotische, selbstorganisierende und selbsterhaltende Systeme funktionieren. Als wissenschaftsphilosophische 'Folie' für einen derartigen Modellansatz scheint mir inhaltlich Whiteheads Begriff einer "strukturierten Gesellschaft" und einer "lebenden Zelle" besonders geeignet, da sie verallgemeinerte Charakteristika von komplex-dynamischen, selbstorganisationsfähigen Stoffwechselprozessen treffend zum Ausdruck bringen (vgl. Kap. 4.2). Eine symbiotische [S.273] Mensch-Natur-Technologie-Entwicklung könnte dann als komplexe Verschachtelung mit zellenartigem Modulaufbau angesehen werden, die einen möglichst hohen Grad an 'individueller' und koevolutionärer "Erfüllung" und dynamischer Erneuerung aufweist.
Ein weiterer zentraler Gesichtspunkt bei der Herstellung von 'Konvivialität' künstlicher und natürlicher Stoffwechselsysteme scheint mir die Kategorie der zeitlichen Kohärenz zu sein: natürliche Stoffwechselsysteme - wie z.B. die Photosynthese - bestehen aus vielen Ebenen unterschiedlicher Komplexität und Zeitstrukturen, die in kohärenter Weise aufeinander abgestimmt sein müssen. Folglich müßte auch ein künstliches Stoffwechselsystem, das symbiotisch korrespondiert, als Bedingung eine vergleichbare Kohärenz der technischen komplex-dynamischen Prozesse aufweisen. Zur Untersuchung der Bedingungen der Möglichkeit eben solcher Kohärenz scheint mir deshalb das Forschungsgebiet der 'Ökologie der Zeit' von grundlegender Bedeutung.
Bei der Untersuchung und Eingrenzung der Bedingungen der Möglichkeit für einen (künstlichen) 'universellen Symbionten' habe ich mich von der Idee Stanislaw Lems leiten lassen, der u.a. die Möglichkeiten eines "universalen Homöostaten" untersuchte. Lem hat in seinem diskursiven Hauptwerk "summa technologiae" bereits 1964 (!) Denkmodelle und Möglichkeitsbetrachtungen über eine zukünftige Techno-Evolution analysiert, wobei er kybernetische Regelsysteme und Strukturgesetze der natürlichen Evolution zum Vorbild hat. Lem wendet sich dabei gegen die üblichen Muster der Futurologie und Prognostik als bloße Verlängerung der Gegenwart in die Zukunft, sondern versucht eine kritisch vernünftige Durchdringung von Umrissen ferner Möglichkeiten des Verhältnisses von Mensch, Natur und Technik, wobei dieses Verhältnis sich prinzipiell in einem ständig wandelnden, aber dennoch stabilen homöostatischen Gleichgewichtszustand bewegen soll. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe 1976 erläutert Lem die Grundidee seines Hauptwerkes. "Darüber, wie die Zukunft aussehen wird, kann man von den Menschen weder in ihrer Vergangenheit noch in ihren gegenwärtigen Ansichten, Hoffnungen und Ängsten etwas erfahren. Auf der Suche nach Modellen muß man über die Zivilisation, die Gesellschaft und die Kultur hinausgehen. Die Denkmodelle sind in der natürlichen Evolution zu suchen - denn nur so halten wir uns zugleich von Größenwahn und Misanthropie fern. Dabei meine ich mit den evolutionären Denkmodellen nicht nur die technologischen Muster, die Produktionsanweisungen, welche die Evolution beim Bau lebender Organismen benützte. Die wichtigste Lehre ist die, welche man der Evolution insgesamt entnehmen kann. Es geht also nicht darum, ihr die konstruktiven Erkenntnisse, sondern das Verfahren abzuschauen, nach dem sie diese Erkenntnisse gesammelt hat. Erkenntnisse - das sind wahre Informationen. Die Evolution ist eine milliardenjährige Zucht solcher mit konstruktiven Absichten gesammelten und überprüften Informationen. Ließe sich diese Aufgabe nicht derart generalisieren, daß man nach der evolutionären Methode jegliche Information züchtet? Jegliche Art von Wissen? Wenn ich das sage, formuliere [S.274] ich keine Aufgabe, sondern stelle nur eine Frage. Aber schon eine so gestellte Frage schafft Raum für neue Chancen" (Lem 1981, S. IV ff.). Für die zukünftige Techno- Evolution soll ein Möglichkeits- und Problemhorizont bzw. ein 'Entwicklungskorridor' abgesteckt werden, der das Mögliche bzw. 'Erlaubte' vom Unmöglichen bzw. 'Verbotenen' trennt. "Wir leben in einer Epoche des Niedergangs und verzweifeln über ihren Niedergang, weil vom Ende einer Epoche her die nächste wegen ihrer Ungewißheit stets als bedrohliches Dunkel erscheint. Man kann dieses Dunkel nicht erhellen, doch man kann es zumindest mit Vermutungen so weit durchdringen, wie der begriffliche Horizont reicht, der das Denken begrenzt. Dieses Buch ist weder ein Bekenntnis des Glaubens an eine herrliche Zukunft der Menschheit noch eine Vorhersage ihres schrecklichen Endes. Es ist ein riskanter Versuch, den ich unternommen habe, weil die Alternative dazu in Untätigkeit, im Verzicht auf den Gebrauch der Vernunft besteht. Ich denke, für diesen Verzicht ist es immer zu früh" (ebenda, S. V). Ziel sei es, die schlummernden Potenzen von Technologien freizusetzen, die in der Lage sind, sich selbst zu programmieren, sich selbst zu organisieren, also echte emergente und evolutionäre Eigenschaften aufweisen. Nur so könne der bisherige Technik-Typus überwunden werden, der auf einer engen Spezialisierung beruht und der Produktionsweise biologischer Universalität weit unterlegen ist. Um sich dieser Universalität anzunähern, scheint der Technik-Typus komplex adaptiver und selbstorganisierender Systeme am geeignetsten. "Chancen der Universalität scheinen in der weiteren Entwicklung der Theorie sich selbstorganisierender Systeme zu liegen, die zu einer adaptiven Selbstprogrammierung fähig sind" (ebenda, S. 43 ff.). Ein mit der Biosphäre verträglicher technischer Fortschritt wird allgemein "durch eine Zunahme der homöostatischen Wirksamkeit, die als ihr unmittelbares Ziel ein ultrastabiles Gleichgewicht anstrebt" (S. 33), definiert. In diesem Rahmen sind also künstliche Expertensysteme zu entwickeln, die selbst lernfähig sind, über eigene 'Sinneserfahrung' und Problemlösungsvorschläge verfügen, um damit die eigenen Homöostaten-Eigenschaften zu vervollkommnen (vgl. S. 212). Auch wenn diesen universellen lernfähigen Expertensystemen ein bedeutsamer Anteil relativer Autonomie zugestanden wird, bleibt doch der Mensch letztlich Entscheidungsträger: "Sie werden lediglich das Versuchsgelände der Forscher sein, ein Instrument, um Antwort auf solche Fragen zu finden, die der Mensch ohne ihre Hilfe nicht zu beantworten vermag. Die letzte Entscheidung und die Planung des Handelns muß aber stets beim Menschen bleiben" (ebenda, S. 187). Lem hebt hervor, daß mit Hilfe eines "gnostischen Maschinentypus" nicht nur eine deutlich höhere Problemlösungs-Vielfalt, sondern auch eine wesentliche Erhöhung des Problem-Horizontes erreicht werden kann, indem neben der formalisierten und begrenzten Wissenschafts-'Sprache' auch intuitive und qualitative Informations- und Verständigungsmuster erschlossen werden (vgl. S. 464). Allerdings könne keine Rede davon sein, daß in diesem Kommunikationsprozeß "solche Maschinen die geistige Herrschaft über uns antreten", sondern in Zukunft wird immer bedeutsamer sein, daß es zu einer "Symbiose oder auch Synergie zwischen Wis- [S.275] senschaftlern und Informationsmaschinen kommt" (S. 465).
Inwieweit der Mensch in diesem Wechselwirkungsprozeß des Mensch-Technologie-Gefüges die Kontrolle über das Geschehen behält, ist für Lem eine relative Frage des Standpunktes, da es für ihn darauf ankommt, ein gemeinsames Entwicklungsziel zu erreichen. "Daraus, daß der Mensch ohne Hilfe schwimmen kann, folgt nicht, daß er imstande ist, ohne ein Schiff den Ozean zu durchschwimmen, um von den Möglichkeiten, die ihn die Düsenmaschinen und kosmischen Raketen gegeben haben, ganz zu schweigen. Eine ähnliche, gewissermaßen parallele Evolution wird sich in der Welt der Information vollziehen. Der Mensch kann die gnostische Maschine auf ein Problem einstellen, daß er vielleicht auch selbst lösen könnte (er oder seine Urenkel), doch die Maschine kann ihm durch ihre Arbeit die Augen für ein Problem öffnen, von dessen Existenz er nicht einmal ahnte. Wer hat in dem zuletzt genannten Beispiel eigentlich die führende Initiative? Es fällt schwer, sich auch nur annäherungsweise vorzustellen, welch hochgradige funktionale Einheit das 'Erkenntnisgespann Mensch- Maschine' erreichen kann" (ebenda). Letztlich bleibt also das Entwicklungsziel der Homöostase von entscheidender Bedeutung für die Techno-Evolution, d.h. ein selbstorganisierender iterativer ständig innovativer und neuen Umweltbedingungen anpassungsfähiger technologischer Entwicklungsprozeß hin zu einer globalen dynamischen Balance. Die Selbsterhaltung eines stabilen Attraktorzustandes ist zugleich das Wertungskriterium für die Möglichkeit des Fortschritts: "Gemeint ist damit das Auftreten homöostatischer Lösungen, die sich nicht nur trotz innerer und äußerer Störungen zu behaupten vermögen, sondern sich außerdem entwickeln, also den Bereich jener Homöostase erweitern können. Es handelt sich dabei um Systeme, die nicht nur unter dem erörterten Gesichtspunkt der Anpassung an den jeweiligen Umweltzustand, sondern auch als veränderungsfähige Systeme vollkommen sind, wobei diese Veränderungen sowohl den Erfordernissen der Umwelt genügen als auch weitere Veränderungen ermöglichen müssen, weil sonst der Weg der sukzessiven existenziellen Lösungsversuche versperrt würde und die Entwicklung in einer Sackgasse steckenbliebe" (ebenda, S. 524 ff.). Lem wendet sich damit gegen jeden Automatismus bzw. jede Determiniertheit von technologischen Entwicklungsprozessen sowie Handlungsweisen und hebt die Entscheidungsfreiheit und Verantwortung hervor. Er plädiert für die Selektion und Optimierung der Lösungsvielfalt mit Hilfe von "Informationszucht", d.h. der wechselseitigen iterativen vernünftigen Auswahl homöostasefähiger Lösungen, die im o.g. 'Mensch- Maschine-System' erzielt werden. Eine solche 'Informationszucht' präsentiert jedoch nicht eindeutige 'objektiv' determinierte Lösungen, sondern eröffnen Lösungsalternativen bzw. einen Lösungs'korridor' verschiedener Wahlmöglichkeiten, "weil eine solche 'Zucht' lediglich alternative Handlungsweisen darstellen und klären wird, was man tun kann, niemals aber, ob man handeln soll. Die Entscheidung darüber läßt sich nicht mechanisieren ... Die wachsende 'informationale' Freiheit, anders gesagt, die wachsende Zahl der Wege eines möglichen [S.276] Vorgehens, impliziert eine erweiterte Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen, für die Akte der Wahl" (ebenda, S. 629).
Einerseits greifen die Vorschläge von Lem weit über die Technikvorstellung seiner Zeit hinaus - so entwirft er spekulativ eine computerisierte "Phantomatik", die sich später tatsächlich als 'virtuelle Realität' verwirklicht hat -andererseits bleibt er des öfteren mit seinen Beispielen technischer Entwürfe in einem technokratischen Mechanizismus stecken. Jedoch greift eine gängige Kritik an der Technikphilosophie Lems, nämlich daß er in Science-Fiction-Manier ohne moralische Skrupel humane und kulturelle Belange ausblendend, in ihrer "eiskalten Logik beklemmende Perspektiven" eröffne, die "ganz auf das wissenschaftlich und technisch Machbare" ausgerichtet seien (vgl. Rapp 1978, S. 146 ff.), m.E. viel zu kurz bzw. daneben: Gerade Lem versucht die Bedingungen und Möglichkeiten der zukünftig wesentlichen und unverzichtbaren Rolle des Humanen innerhalb des Mensch- Technologie-Gefüges aufzuzeigen, die geeignet sind, einen globalen Gleichgewichtszustand zu erhalten. Mitnichten soll "dem technischen Handeln völlig freie Bahn gelassen" (Rapp a.a.O., S. 149) werden, sondern es sind vielmehr die Handlungsalternativen bzw. Entwicklungskorridore zu bestimmen, die eine universelle Homöostase sicherstellen können.
Ein schwerwiegendes Problem in der Darstellung Lems sehe ich in der zukünftigen Bedeutung der natürlichen, der ökologischen sowie der physiologischen 'Evolution' in ihrer Eigenwertigkeit. So wird bei ihm der Eindruck erweckt, als ob die 'Bioevolution' zukünftig tendenziell der 'Techno-Evolution' untergeordnet erscheint, was dem Ziel einer beiderseitigen globalen Homöostase widersprechen würde. Um diesen Fehler zu vermeiden, möchte ich daher begrifflich und inhaltlich den Technik-Typus eines 'universellen Symbionten' unterstreichen, um gerade aufgrund des aufeinander Angewiesenseins von Mensch, Natur und Technik innerhalb einer stabilen Balance ihre jeweilige notwendige Eigenständigkeit hervorzuheben - als Bedingung der Möglichkeit für eine nachhaltige Mensch-Natur-Technologie-Dynamik! Nur unter der Voraussetzung einer funktionsfähigen nachhaltigen natürlichen bzw. naturnahen Entwicklung sowie einer physiologischen und geistig- kulturellen Entfaltung des Humanums als Eigenwerte macht eine symbiotische, relativ autonome 'Techno-Evolution' einen Sinn. Umgekehrt entscheidet die Durchsetzung eines symbiotischen Technik-Typus über die Gleichgewichtsbedingungen von Mensch und Natur. Je weitgehender sich ein derartiger Technik-Typus durchsetzt, desto mehr sollten auch umgekehrt Schutz, Pflege und Entwicklung menschlicher und natürlicher Belange möglich sein. Es wird für die weitere Entwicklung der Biosphäre von entscheidender Bedeutung sein, wie weitgehend eine zukünftige Technosphäre mit ihr eine materielle Symbiose eingeht. Um die natürliche Artenvielfalt und komplexe Evolutions-Dynamik zu erhalten, darf die Techno- Evolution weder qualitativ noch quantitativ zu Lasten natürlicher sowie gesundheitlicher Eigenwerte gerichtet sein - im Gegenteil: ein symbiotischer [S.276] Technik-Typus müßte in seiner eigenen 'Arten'vielfalt und Lösungsvielfalt tendenziell der natürlichen auf höchstmöglichem Niveau korrespondieren.
Nachdem ich versuchte, Eigenschaften und Bedingungen symbiotischer Technik auf der Ebene des Stoffwechsels näher zu konkretisieren, stellt sich dazu komplementär das Problem einer entsprechenden Kommunikations- und Informationstechnik, die sich nicht nur in den Symbioseprozeß eingliedert, sondern als komplex adaptives System selbst Problemlösungsbeiträge zum Erreichen des Symbiose- Ziels beiträgt.
Auch wenn für dieses Entwicklungsziel die Forschungsergebnisse der klassischen 'künstlichen Intelligenz' (KI) in Form von Expertensystemen heranzuziehen sind, so scheinen mir doch diese Ansätze zu eng begrenzt und zu wenig kreativ zu sein, um eine symbiotische Dynamik modellieren und repräsentieren zu können: "Sie verfügen nur über ein begrenztes Expertenwissen und keinen 'common sense'. Sie berücksichtigen keine Widersprüche, Fehlertoleranzen oder zeitliche Änderungen des Wissens. Der Zugang zum Wissen ist abhängig von der Filterung durch einen Wissensingenieur. Es fehlen Lernprozesse. Regelbasiertes Wissen wird mit Intuition konfrontiert" (Mainzer 1993, S. 121). Von daher stimme ich in der Tendenz Mainzer (1993) sowie Eckmiller (1993) zu, wenn sie die Möglichkeiten der Neuroinformatik sowie von evolutionären Modellen im Rahmen der Forschung des 'Künstlichen Leben' (KL) für die informationelle Einbeziehung von Lernprozessen eigener Wahrnehmungsverarbeitung sowie einer erweiterten Realitätssicht als aussichtsreicher ansehen. So können kreativ-künstliche Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Intelligenzabläufe in einem neuronalen Modell integriert repräsentiert werden. "Mentale Prozesse entsprechen Netzwerktransformationen. Begriffe bzw. Ideen können als Prototypvektoren im neuronalen Phasenraum aufgefaßt werden, die bei Signalen typischer Merkmale aktiviert werden. Die Stärke des geometrischen Ansatzes liegt offenbar vor allem in der Darstellung sensomotorischer Koordination, bei denen auch Lernprozesse zu berücksichtigen sind" (Mainzer 1993, S. 122). Ziel dieser Orientierung an menschlich-neuronalen Prozessen ist jedoch nicht deren Imitation, sondern die Entwicklung eines qualitativ neuen technologischen Möglichkeitsraumes, in dem ein eigenes 'Bild' von der Realität entstehen kann, das aber mit der menschlichen und natürlichen kommunizierbar ist. Von daher stellt Eckmiller die Frage: "Ist es nicht denkbar, und falls technisch machbar sogar wünschenswert, technische neuronale Netze zu entwickeln, die nicht vollständig an die von menschlichen neuronalen Netzen erdachten Theorie-Räume gebunden sind und daher auch ein weniger verzerrtes und weniger eingeschränktes Bild der physikalischen Außenwelt liefern können" (Eckmiller 1993, S. 96)? Analog zur oben beschriebenen Stoffwechselebene - hier wurde die Bedingung einer konvivialen und koevolutionären Wechselbeziehung des Natur-Technologie- Gefüges in bezug auf Stoff- und Energieumsatz gefordert - muß sich auch auf der informationellen Ebene das Verhältnis Mensch-Technologie qualitativ verändern. "In diesem Zusammenhang möchte ich den Hinweis wagen, daß wir [S.278] als von einer Schöpfungsinstanz ... verursachte Lebewesen mit biologischen neuronalen Netzen die von uns selbst erzeugten technischen Computer nicht nur als tunneltechnische Hilfsmittel, sondern in zunehmendem Maße auch als ernstgenommene Berater und evtl. sogar als Partner einsetzen könnten ... Computer als Intelligenz- Verstärker" (ebenda, S. 98 ff.). Gerade für die Zwecke der globalen Zukunftsvorsorge halte ich die Entwicklung von lernfähigen (neuronalen) Technologien für eine Schlüsselfrage, sowohl um dem Ziel eines 'universellen Symbionten' näherzukommen, als auch dem Menschen als Partner und Berater zur Seite zu stehen. "Die Existenz neuronaler Computer mit gegenwärtig zwar zunächst nur in kleinen Teilbereichen ebenbürtigen oder gar den Menschen überlegenen Funktions-Eigenschaften, eröffnet den Menschen eine neue Sicht ihres eigenen Wesens, ihrer eigenen Grenzen und ihrer Beziehung zu technischen Produkten. ... Gerade in der Phase, in der es auf der Erde gefährlich eng, gefährlich schmutzig und lebensgefährlich wird, schafft die Menschheit leistungsfähige Technologien, um komplexe Systeme in den Griff zu bekommen und das eigene Bewußtsein von einer regionalen auf eine globale ... Perspektive neu anzupassen" ... (von daher kommt es darauf an, daß die Menschen) "bald mit ihren in Entwicklung befindlichen neuronalen Computern als Intelligenz-Verstärker den Umschwung zu einem stabilen Welt-System mit einer akzeptablen Balance von Bevölkerungszahl, Abfall-Menge und Ressourcen-Verbrauch schaffen werden" (Eckmiller, S. 101).
Der Einsatz von derartigen lern- und anpassungsfähigen neuronalen Informationstechnologien enthielte also die Möglichkeit, ein langfristiges Entwicklungsziel des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges so anzustreben und iterativ umzusetzen, daß sich insgesamt die "Überlebens-Weisheit" (Eckmiller) erhöht. Ein dergestaltiger Technik-Typus wäre nicht einfach ein jeweils konkret abgeschlossenes Artefakt, sondern eine dynamische Prozeß-Technologie, die in ständiger Rückkopplung auf das eigene Funktionieren hin sich zu einem symbiotischen Attraktorzustand zu optimieren versucht und eine nachhaltige Balance zwischen stofflich- materiellen und geistig-informationellen Belangen des Mensch- Natur-Technologie-Gefüges anstrebt. Das langfristige technologische Entwicklungsziel eines universellen Symbionten in Form eines begrenzten Selbstorganisationsprozesses scheint mir jedoch nicht allein mit Hilfe einer künstlichen 'Intelligenz-Verstärkung' mentaler Operationen allein herstellbar zu sein, sondern es sind Erfahrungen und Verfahren realer und künstlicher "Intelligenz" von Lebensprozessen erforderlich, wenn eine umfassende 'Überlebens-Weisheit' erzielt werden soll. Es geht also um die Herstellung einer geeigneten technologischen bzw. informationellen Lebens-Verstärkung! Erst dann könnte die Qualität einer tatsächlich symbiotischen Technologie erreicht werden, indem sie menschliche und natürliche Lebensprozesse positiv unterstützt und zu deren Entwicklung beiträgt. Dies betrifft zum einen die umfassenden Entwicklungsmöglichkeiten von Biotechnologien - etwa in Form von 'Bio-Reaktoren' - und zum anderen diejenigen des sog. 'Künstlichen Lebens' (KL). Eine rückgekoppelte prozessuale und kohärente Entwicklung von natürlicher [S.279] Evolution, Biotechnologie und künstlichem Leben ist für das Erreichen des Ziels einer 'Überlebens- Weisheit' bzw. von 'Lebens-Verstärkung' von zentraler Bedeutung. Dazu sei zum einen das Verhältnis von natürlicher und künstlicher Evolution in bezug auf die technologischen Möglichkeiten und zum anderen die Entwicklungsbedingungen für eine nachhaltige zukunftsfähige Bio-Technologie erläutert. Wie bereits früher dargestellt, soll der Entwicklungskorridor nachhaltiger technologischer Entwicklung mit Hilfe der zentralen Kategorien 'zeitliche Kohärenz' und begrenzte 'Selbstorganisationsfähigkeit' charakterisiert werden. Dies gilt auch für die Charakterisierungen eines zukünftigen Biotechnologie- Typus, der mit menschlichen und natürlichen Belangen verträglich wäre. Da diese aber insbesondere der 'Lebens-Verstärkung' dienen soll, muß sie eine weitere Kohärenz zur Bioevolution aufweisen, die sie vom derzeitigen Technik-Typus unterscheidet. Der derzeitige Technik-Typus ist durch einseitige effizienzsteigernde Verminderung der Vielfalt, durch technische Mono-Kultur gekennzeichnet - abgesehen davon, daß der derzeitige Technologie- und Industrie-Typus für die drastische Verminderung der natürlichen Arten-Vielfalt hauptverantwortlich ist. Im Unterschied dazu bedeutet Evolution die Vermehrung von Vielfalt, um den Lebensprozeß ständig zu erhalten und zu erneuern. "In Wirklichkeit ist es aber so, daß es ein kunstvoller Mechanismus der Evolution ist, den allergrößten Teil der Variation vor der Selektion zu verstecken und zu schützen. Das eigentliche Wunder der Evolution ist nicht das Überleben der Tüchtigsten - das ist trivial -, sondern das der weniger Tüchtigen. Und das findet dauernd statt, sonst gebe es ja keine Vermehrung von Vielfalt. In Wirklichkeit wird kunstvoll dafür gesorgt, daß die Zahl der weniger Tüchtigen vermehrt und nicht etwa vermindert wird ... Eine Monokultur von Übertüchtigen ist nach dem Wortverständnis einer durch Tüchtigkeit und Fehlerfreundlichkeit charakterisierten Evolution der Fälle eine Sackgasse, aus der man mangels offengehaltener Optionen nicht mehr herauskommt" (von Weizsäcker 1993, S. 283). Biotechnologie kann also dann zum Evolutionsrisiko werden, "wenn sie zu einer massenhaften direkten oder indirekten Freisetzung von übertüchtigen Plasmiden führt, die die Artschranken freilebender Arten durchbrechen können" (ebenda, S. 284). Eine nachhaltige symbiotische Biotechnologie müßte einerseits die natürliche Artenvielfalt fördern oder zumindest erhalten und andererseits durch künstliche Vielfalt und Fehlerfreundlichkeit ausgezeichnet sein.
Eine so verstandene Biotechnologie könnte als wichtiger modularer Baustein zur Entwicklung eines universellen Symbionten dienen und insbesondere zur Lösung des technologischen Stoffwechselproblems wesentlich beitragen. Diese Möglichkeit scheint deshalb besonders aussichtsreich zu sein, da kontrollierte Evolutionsexperimente im Bereich der Molekularbiologie gezeigt haben, daß die natürliche Evolution und die im Experiment induzierte nicht- natürliche oder künstliche Evolution denselben Prinzipien folgt (vgl. B.-O. Küppers 1993). Mit Hilfe dieser neuen Perspektive [S.280] einer "Evolutionsbiotechnologie" lassen sich evolutive Optimierungsprozesse nicht nur nachweisen, sondern künstlich realisieren. "Mit dieser neuen Technik wird man auf evolutivem Weg Biomoleküle herstellen können, die in der freien Natur keine Überlebenschancen und damit faktisch keine Realisierungsmöglichkeiten besitzen. Auf der anderen Seite wird man bereits vorhandene Biomoleküle weiter optimieren können. Im Rahmen dieser Technologie werden zwar die Prinzipien der biologischen Evolution benutzt, aber die Produkte selbst sind nicht Gegenstand der natürlichen Auslese, sondern unterliegen allein den Kriterien einer künstlichen Auslese und Optimierung. Die evolutionäre Biotechnologie braucht weder 'natürliches' Material noch den Funktionsapparat des lebenden Organismus bzw. der lebenden Zelle. Sie ist nichts anderes als angewandte molekulare Evolution unter den kontrollierten und reproduzierbaren Bedingungen des Experiments. Von den Produkten einer künstlichen Evolution geht somit keine größere Gefährdung für unsere Umwelt und das ökologische Gleichgewicht aus, als dies für jede andere, im Labor eines Chemikers synthetisierte Substanz auch der Fall sein mag" (ebenda, S. 274).
Dennoch ist für die Herstellung dieser Art 'künstlicher Vielfalt' unbedingt zu fordern, daß erstens diese zur Symbiose des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges positiv beiträgt (d.h. nicht nur Gefährdungen für die Umwelt gering hält) und zweitens die 'zeitliche Kohärenz' zwischen menschlichen, natürlichen und biotechnologischen Prozessen einhält, um damit Dynamik und Selbstbegrenzung verbindlich zu machen.
Vergleichbare Bedingungen wie an die Biotechnologie wären an Verfahren und Technologien zu stellen, die sich aus dem Forschungszweig des sog. 'künstlichen Leben' (KL) ableiten lassen (vgl. dazu Kapitel 2.6 der vorliegenden Arbeit). Die Ansätze der bisherigen KL-Forschung erstrecken sich im wesentlichen auf drei Bereiche: erstens die Erforschung und Entwicklung künstlicher Welten bzw. Kreaturen als reine Informationsprozesse im Computer, die mit Hilfe genetischer Algorithmen Zellularautomaten o.ä. komplexe Eigenschaften des Lebens nachbilden oder simulieren. Zweitens die Entwicklung lernfähiger Automaten mit lebensähnlichem Verhalten, die sich im tatsächlichen Raum bewegen können. Und drittens Evolutionsstrategien zur Optimierung von komplexem Systemverhalten.
Doch stehen zu diesem Forschungszweig eine Reihe von Fragen im Raum, die bisher nicht eindeutig zu beantworten sind: "Kann die Natur durch eine symbolische Manipulation von Informationen tatsächlich simuliert werden? Kann die Erzeugung künstlichen Lebens unser Wissen über lebende Prozesse vergrößern? Kann dadurch unser undifferenziertes Verständnis der komplexen Kräfte der Natur verbessert werden? Können wir letztlich lernen, diese Kräfte zu beherrschen, um Organismen zu bauen, die so lebendig sind wie die, die wir kennen? Werden sie wirklich lebendig sein" (vgl. Levy 1993, S. 62)?
[S.281] Es geht mir deshalb an dieser Stelle nicht darum, diesen Forschungszweig umfassend zu beurteilen, sondern die Möglichkeiten auszuloten, die dieser für die Entwicklung eines symbiotischen Technik-Typus bietet. Mir scheinen alle drei o.g. Bereiche dazu einen wichtigen Beitrag leisten zu können, damit mit Hilfe einer derartigen 'evolutionären Informationsverarbeitung' die Komplexität, Dynamik und Wirkungszusammenhänge von Lebensprozessen modellierbar und Symbioseprozesse an der Schnittstelle zwischen Natur und Technik überhaupt erst konkret charakterisierbar und überprüfbar werden. So können mit Hilfe spezieller Computermodelle Stoffwechselprozesse nachgebildet werden, deren Dynamik in hohem Maße organismisches selbstorganisierendes und selbstreproduzierendes Verhalten zeigt und kooperierende bzw. koevolutive Strukturen aufweist. Und es zeigt sich weiter, daß die 'Evolution' und 'Lebensfähigkeit' dieses künstlichen Stoffwechselsystems von den symbiotischen Strukturen innerhalb des Systems abhängt (vgl. Levy, S. 173 ff.). Wenn für eine funktionierende Stoffwechseltätigkeit sowohl bei einem lebenden als auch einem künstlichen 'Organismus' die inneren symbiotischen Strukturen entscheidend sind, so liegt es nahe zu versuchen, die Symbiosefähigkeit eines nachhaltigen Technik-Typus auf der Stoffwechselebene mit Hilfe von KL-Modellen zu optimieren. Dies könnte mit entsprechender Unterstützung von geeigneten Evolutionsstrategien geschehen. Gerade weil es unmöglich ist, einen symbiotischen Technik-Typus nach einem detailgenauen Konstruktionsplan "top-down" zu programmieren, muß ein prozeßoffenes Verfahren "bottom up" gewählt werden, das zwar qualitative Entwicklungsziele, Rahmen- und Randbedingungen enthält, die konkreten Entwicklungsschritte sowie die ständige Konkretisierung des Entwicklungsziels jedoch adaptiv gewonnen werden. "Die Effizienz der Evolutionsstrategie rührt insbesondere daher, daß sie von vornherein auf umfassende Information über die Ordnungsstrukturen der Problemstellung verzichtet und statt dessen danach strebt, die Schrittfolge lokalen Ordnungsstrukturen optimal anzupassen. Aufgrund dieses globalen Informationsdefizits vermag die Strategie zwar zu keinem Zeitpunkt der Generationenfolge den Beweis antreten, das globale Optimum gefunden zu haben. Diesem theoretischen Mangel steht jedoch als großes Plus die hohe Effizienz der Lösungsfindung in der Praxis gegenüber" (vgl. Ablay 1990, S. 90 ff.). Weitergehendes Ziel ist dabei die "Selbstorganisation von Optimierungsprogrammen", d.h. innerhalb eines Programms werden Strategiebausteine, 'Schrittweiten', Variations- und Selektionskriterien selbst evolutionären Spielregeln ausgesetzt, um selbständig effiziente Optimierungsalgorithmen zu konstruieren (ebenda, S. 99 ff.).
[S.282] Weiterhin lassen sich mit erweiterten Modellen genetischer Algorithmen127 künstliche Organismen klassifizieren, die nicht nur ihre Umwelt erkunden, sondern sich auch dieser anpassen können. Mit Hilfe von Sensoren und "Effektoren" ist eine Kommunikation mit der Umwelt möglich, so daß Informationen aus der Umwelt durch einen Prozeß der 'Bekanntmachung' und des 'Vergleichs' verarbeitet werden. "Daraus ergibt sich dann das weitere Verhalten. Nach jedem Schritt wird das Ergebnis des Verhaltens überprüft, und die internen Regeln werden modifiziert. Schließlich kristallisieren sich die effektivsten Regeln heraus, einschließlich durchgreifender neuer Regeln, die durch einen evolutionären Prozeß entstanden sind. Die Kreatur paßt sich an ihre Umgebung an" (vgl. Levy a.a.O., S. 303).
Auf diese Weise lassen sich ebenso künstliche Ökosysteme modellieren und die wesentlichen Funktionscharakteristika simulieren bzw. nachbilden. Dies lieferte wiederum Möglichkeiten zur 'künstlichen' Umweltverträglichkeitsprüfung, um in antizipierender Weise Folgewirkungen und Rückkopplungseffekte auf jeder wichtigen Entwicklungsstufe des Symbionten durchführen zu können. Auf diese Weise werden wertvolle Erkenntnisse und Hinweise auf durchzuführende Real-Experimente mit der natürlichen Umwelt gewonnen, die ihrerseits dem Entwicklungsziel der 'Lebens-Verstärkung' dienen.
Schließlich soll ein Zweig der KL-Forschung nicht unerwähnt bleiben, der sich mit realem 'künstlichen Leben' beschäftigt, nämlich mit komplex adaptiven Robotersystemen. "Die Bewegungen des Roboters resultieren aus einfachen Regeln, die ein komplexes, selbstorganisiertes Verhalten hervorbringen, das einer interessanten Konfiguration eines Zellularautomaten ähnelt - oder einem Tier" (Levy, S. 339). Die Analogie zum Tierverhalten wird um so deutlicher, als komplex adaptive Roboter kooperatives und kommunikatives Verhalten erlernen und praktizieren können. Gerade in dieser Lern- und Kommunikationsfähigkeit, die eine relativ autonome 'Erfahrung' der Umwelt gestattet und nicht nur einseitiger Zwecksetzung des Menschen gehorcht, sehe ich die Möglichkeiten eines partnerschaftlichen Technik-Typus, der auch mit den Menschen eine symbiotische Beziehung eingehen kann. "Es schien vielmehr einen Konsens darüber zu geben, daß die Roboterforscher, indem sie nach einer Intelligenz auf der Ebene von Tieren suchten und nicht nach der Nutzung [S.283] einer Technik, die ein von oben aufgezwungenes symbolisches Wissen propagierte, um menschenähnliches Denken in Robotern zu erreichen, durchaus eine Ergänzung zur natürlichen Ökologie schaffen könnte, die für symbiotische Beziehungen zu menschlichen Wesen sorgen würde" (Levy, S. 379).
Es gilt also die neuronale und evolutionäre 'Intelligenz' so zu verknüpfen, daß Neuro-Technik und KL-Technik optimal integriert sind, um erstens die Intelligenz- Verstärkung und die Lebensverstärkung technologisch zu optimieren sowie zweitens die Symbiosefähigkeit zwischen Mensch und Technik bzw. Natur und Technik zu entwickeln. Hauptmerkmal einer derartig symbiotischen Prozeß-Technologie ist dabei die Entfaltung künstlicher Kreativität bzw. kreativer Künstlichkeit, um als neuartiger Technik-Typus, als 'Neo- Technik', nunmehr als kommunikativer 'Partner' fungieren zu können. Die Realisierung einer derartigen Partnertechnik ist neben technologiespezifischen Bedingungen an zwei fundamentale Voraussetzungen geknüpft: erstens an Schutz, Pflege und Entwicklung einer intakten Umwelt mit natürlicher Vielfalt, also an günstige natürliche Evolutionsbedingungen sowie zweitens: an die uneingeschränkte Förderung menschlicher bzw. soziokultureller Kreativität, kritischer Intelligenz und verantwortlicher Vernunft.
Neben der Bedeutung von Intelligenzverstärkung und Lebensverstärkung für den 'universellen Symbionten' scheint mir ein drittes Merkmal für die technologische Kreativität relevant zu sein, nämlich die Sinnes- Verstärkung, d.h. die Erweiterung der Möglichkeiten der sinnlichen Wahrnehmung mit Hilfe von Informationstechnologien. Dazu sehe ich die Technologie der sog. "Virtuellen Realität" (VR) als besonders bedeutsam an, deren Grundzüge und Möglichkeiten im folgenden skizziert werden sollen.
Wesentliches Charakteristikum der VR-Technologie ist eine neuartige sensorische Kommunikation zwischen Mensch und Computer. "Diese Mensch-Maschine-Schnittstelle umfaßt den gesamten Körper. Die Grenze zwischen den Menschen auf der einen Seite und dem Computer auf der anderen Seite verwischt. Man taucht ganz in die vom Computer erzeugte Welt ab und wird selbst ein Teil von ihr" (vgl. Rempeters 1994, S. 32). Dabei ist die VR-Technik an bestimmte Grundregeln und bestimmte Kriterien geknüpft: "Der Benutzer eines VR-Systems muß in der Lage sein, mit ihm in Interaktion zu treten. Mit anderen Worten, er muß in der Lage sein, sich in dieser Welt zu bewegen, Objekte oder Zustände zu verändern und zu bestimmen, was als nächstes passieren soll. Und dabei darf es zwischen dem Befehl oder der Anweisung und der Ausführung praktisch keine Zeitverzögerung geben; Computerfachleute sprechen in diesem Fall davon, daß der Prozeß in 'Echtzeit' abläuft. Außerdem ist die Interaktion mit einem VR- System eine sehr intensive und aktive Erfahrung. Es ist nicht möglich, sich davon einfach passiv 'berieseln' zu lassen, wie man das gelegentlich bei einer Fernsehsendung oder einem Film tut" (vgl. Sherman/Judkins 1993, S. 17). Ein weiteres maßgebliches Kriterium ist, daß die Benutzer die virtuelle Welt glaubhaft finden müssen, d.h. [S.284] daß Aktions-Reaktions-Abläufe wiedererkennbare Ähnlichkeit mit der 'echten' Realität aufweisen ("Immersion"). Dies bedeutet umgekehrt, daß eine virtuelle Realität nur dann existiert, wenn der Benutzer von allen Sinneseindrücken der Normalwelt abgeschnitten ist. Weiterhin müssen die Sinneseindrücke des Menschen in hohem Maße synchronisiert sein, nur wenn alle Bewegungen des Betrachters mit den optischen und akustischen Eindrücken übereinstimmen, wird er die Szene als 'natürlich' empfinden. D.h., daß die durch die komplexen Berechnungen verursachte Verzögerung minimal bleiben muß (vgl. Rempeters, S. 38 ff.). Die virtuelle Realität ist also nicht eine beliebige Sinnestäuschung, sondern erfordert in hohem Maße eine zeitliche Kohärenz von Abläufen der natürlichen, sinnlichen Wahrnehmung und synthetisierten Sinneseindrücken. Zusammenfassend läßt sich das Wesen der virtuellen Realität in folgenden fünf Eigenschaften charakterisieren:
Die Verbindung von Interaktion, Immersion und Intensität machen die VR zu einem aktiven Erlebnis.
Die Möglichkeit, Planungsfehler aufzuspüren, ist wohl einer der größten Vorzüge der VR-Technologie. Denn es ist wesentlich leichter, mögliche Fehler oder Probleme zu erkennen, wenn man sich in einem dreidimensionalen 'Entwurf' selbst bewegen kann, als wenn man im Unterschied dazu lediglich einen zweidimensionalen Plan hat, der nur von außen betrachtbar ist. "Die meisten scheinbar unvermeidlichen Feh- [S.285] ler entstehen durch einen Mangel an sorgfältiger Vorbereitung und Weitsicht. VR bietet die Gelegenheit, den virtuellen Spaziergang so oft zu wiederholen, bis ein zufriedenstellendes Ergebnis erzielt ist. Fehler können korrigiert werden, ehe sie tatsächlich gemacht werden oder sich verhängnisvoll auswirken" (Sherman/Judkins, S. 83). Diese Möglichkeit der weitgehenden immateriellen Antizipation zukünftiger materieller Prozesse eröffnet Praxisfelder, die auf Ansätze diskursiver Planung in alternativen Szenarien bzw. die Vorstellung der Gesamtheit aller möglichen Abfolgen von Ereignisketten, d.h. von einem sog. "Handlungsbaum" führen (vgl. Rempeters, S. 160).
VR-Technologie liefert somit den Einstieg in die Möglichkeiten eines 'universellen Simulators', der für Modellierungen, Lernprogramme, Plausibilitätskontrollen sowie Folgenabschätzungen einsetzbar ist. Gerade komplexe Vorgänge werden dadurch in neuartiger Weise zugänglich: Komplexe Realität und komplexe Virtualität können so effektiv korrespondieren.
Ein weiteres Kennzeichen der VR-Technologie ist die erweiterte Möglichkeit der Kommunikation einerseits in bezug auf die Mensch-Computer-Schnittstelle und zum anderen in bezug auf die soziale Verständigung der Benutzer. Gerade letztere Eigenschaft sieht Lanier als entscheidendes Kriterium, um Technik-Typen positiv oder negativ zu qualifizieren. "Ich glaube, wenn eine Technik die menschliche Macht oder auch die menschliche Intelligenz vermehrt und sonst nichts bewirkt, dann ist sie im Ursprung eine schlechte Technik. Wir sind schon mächtig genug und klug genug, um eine Menge zu Wege zu bringen. ... Wenn die Technik dagegen die Tendenz hat, die menschliche Kommunikation zu vermehren, den Austausch zwischen Menschen, dann ist sie, glaube ich, insgesamt gut, auch wenn sie in vieler Hinsicht zu schlechten Zwecken benutzt werden könnte ... Ich hoffe in der Tat, daß die virtuelle Realität ein Mehr an Begegnung zwischen den Menschen bringen wird" (zitiert nach Waffender (HG.) 1991, S. 80). Mit der VR-Technik werden allerdings nicht nur künstliche und soziale Kommunikationsformen berührt, sondern diese sind rückgekoppelt mit der natürlich-physiologischen Kommunikation. "Der eigene Körper ist im Grunde der Teilbereich der physischen Welt, mit dem man in Echtzeit kommunizieren kann, aber man kann damit so schnell kommunizieren, wie man denkt" (ebenda, S. 78). Eine sinnvolle Weiterentwicklung der VR-Technologie wäre m.E. dann gegeben, wenn diese verschiedenen Kommunikationsformen kohärent und kompatibel gestaltbar sind, d.h. wenn die Mensch-Computer-Kommunikation, die soziale Kommunikation sowie die Kommunikation mit dem eigenen Körper beim Umgang mit VR nachhaltig verträglich wären. Gerade die unbedingte Beachtung einer unversehrten bzw. 'gesunden' körpereigenen Kommunikationsfähigkeit, d.h. die optimale Entwicklung einer nicht- technischen sinnlichen Wahrnehmung, ist erforderlich, um dem Problem eines drogenähnlichen Rauschzustandes zu entgehen, der mit einer VR-Nutzung als Ersatz-Wahrnehmung bzw. Ersatz-Realität verbunden wäre. Weder der Ersatz noch die Nachahmung der realen Wahrnehmung/Welt wäre eine vernünf- [S.286] tige Entwicklungstendenz der VR-Technologie, sondern die Erweiterung von sinnlicher Wahrnehmung und Realität! Realität und virtuelle Realität könnten einen erweiterten Kommunikations-Prozeß eröffnen, der als Beispiel einer früher definierten "Komplex-Kommunikation" im Mensch-Natur-Technologie-Gefüge anzusehen ist. Als Beitrag für die Realisierung eines 'universellen Symbionten' kann die VR-Technologie insofern einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie die Möglichkeit befördert, mit Hilfe einer erweiterten virtuellen Wahrnehmung eine positive Rückwirkung auf die Wahrnehmung der physischen Realität zu leisten. "Die stärkste Erfahrung einer virtuellen Realität hat man, wenn man aus ihr herausgeht, denn nach dem Aufenthalt in der Realität, die man selbst gemacht hat, mit allen Beschränkungen und der darin liegenden relativen Geheimnislosigkeit, erscheint einem die Natur wie Aphrodite persönlich. Man erblickt in ihr eine Schönheit von einer Intensität, wie man sie vorher schlicht niemals wahrnehmen konnte, bevor man etwas hatte, womit man die physische Realität vergleichen konnte. Das ist eines der größten Geschenke, die virtuelle Realitäten uns machen, ein neu gewonnener Sinn für die physische Realität. ... Alles in allem werden sie die Aufgeschlossenheit der Menschen für die Natur eher verstärken, für die Bewahrung der Erde, weil sie dann eine Vergleichsmöglichkeit haben werden" (vgl. Lanier, zitiert nach Waffender, S. 86 ff.).
Natürliche Sinnlichkeit und künstliche Phantasie können so wechselseitig zu einem produktiven Selbstverstärkungsprozeß werden, sowie 'hypothetischer' Realismus und künstliche bzw. virtuelle Realität eine neue Verbindung eingehen. Wie bereits in Kapitel 2.6 dargestellt, ist die sinnliche Wahrnehmung kein passiv-rezeptiver Vorgang, sondern ein aktiver, kreativer, selbstorganisierender, antizipierender Prozeß, der in realer Wechselwirkung mit unserer Umwelt steht. In diesem Sinne ist die Technologie der virtuellen Realität ein künstliches Pendant mit entsprechenden Eigenschaften und ermöglicht eine aktive kreative Antizipation (Simulation) hypothetischer Welten (Szenarien), die wesentliche Rückschlüsse auf die reale Welt und ihre Entwicklung zulassen. Eine zentrale Bedingung der Möglichkeit für den Einsatz von VR als echter 'Sinnesverstärker' ist die weitreichende Ausbildung eigenständiger unmittelbarer sinnlicher Wahrnehmung einer intakten Körper-Natur-Beziehung, d.h. die physiologische Selbstorganisationsfähigkeit! Die Ausbildung des sinnlichen Be-Greifens ist nicht nur für das vernünftige Begreifen unverzichtbar, sondern es stellt auch die Bedingung für eine sinnvolle Erweiterung der Realität mit Hilfe von virtueller Wahrnehmung dar. Diese Sichtweise wendet sich allerdings entschieden gegen den Einsatz von VR-Technologie als Ersatz für die reale Wahrnehmung, um letztere so perfekt wie möglich künstlich zu kopieren, sondern plädiert für das Entwicklungsziel einer echten Wahrnehmungs- bzw. Realitätserweiterung. Innerhalb dieses Entwicklungskorridors als Erweiterungstechnologie kann VR einen wichtigen Beitrag zur Entfaltung künstlich-technologischer Vielfalt bei gleichzeitigem Erhalt von physiologisch- natürlicher Vielfalt leisten.
[S.287] Nachdem wir nun den symbiotischen Technik-Typus als Intelligenzverstärker, Lebensverstärker und Sinnesverstärker näher konkretisiert haben, läßt sich der positive Selbstverstärkungsprozeß dieses neuartigen Technik- Typus nur dann realisieren, wenn sich diese drei Eigenschaften in einer eigenständigen Dynamik tatsächlich ausbilden können, um dem Menschen als Dialog-Partner gegenüberzustehen. Die Entwicklung eines 'universellen Symbionten' wäre somit ein selbstorganisierender Optimierungsprozeß innerhalb des Mensch-Natur- Technologie-Gefüges, wobei die neue lernfähige Technologie selbst Lösungsbeiträge zur nachhaltigen Entwicklung liefert - allerdings innerhalb definierter Leitziele bzw. eines Entwicklungskorridors. Letztere gilt es im folgenden näher zu bestimmen.
127 - Der Begriff und die Grundidee 'genetischer Algorithmen' stammt von Holland (1992), der in Anlehnung an die biologische Evolution einen Programmtypus konstruierte, der eine zielgerichtete Optimierung von Anfangsstrukturen bzw. Zuständen ermöglichen sollte. Dazu wurde die heterosexuelle Reproduktion simuliert, also die 'Kreuzung' zweier Genotypen und die Selektion der Phänotypen ("crossing over"), so daß nur die jeweils 'fittesten' Genotypen weiteren Kreuzungen unterzogen werden. Genetische Algorithmen imitieren zwar Effekte der natürlichen Selektion, aber in einem viel kleineren Maßstab (vgl. auch Klüver 1995, S. 60 ff.).