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Ulf Skirke Technologie und Selbstorganisation Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs |
Der tradierte klassische 'Entwurf' wissenschaftlich-technischer Rationalität beruht im wesentlichen auf der paradigmatischen Geltung eines mechanistischen, "reinen" Naturwissenschaftsverständnisses. Dabei ist die Verbindung von mechanischen Gesetzen und reinen, vor aller Erfahrung existierenden, Vernunftprinzipien keineswegs selbstverständlich. Für Kant war klar, daß "reine Naturwissenschaften" möglich sind und daß es nur noch um die zu klärende Frage gehen könne, wie diese möglich sind; "denn daß sie möglich sein müssen, wird durch ihre Wirklichkeit bewiesen. ... Von der reinen Naturwissenschaft könnte mancher dieses letztere noch bezweifeln. Allein man darf nur die verschiedenen Sätze, die im Anfange der eigentlichen (empirischen) Physik vorkommen, nachsehen, als den von der Beharrlichkeit derselben Quantität Materie, von der Trägheit, der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung usw.: so wird man bald überzeugt werden, daß sie eine physicam puram (oder rationalem) ausmachen, die es wohl verdient, als eigene Wissenschaft in ihrem engen oder weiten, aber doch ganzem Umfange abgesondert aufgestellt zu werden" (B 21). Ohne Zweifel weisen diese Charakteristika einer "physica pura" be- [S.247] griffliche und inhaltliche Nähe zur Newtonschen Mechanik auf, die aus der Beschreibung der Planetenbewegungen auf der Basis des heliozentrischen Modells hervorgegangen war.124 Dabei wird jedoch klar, daß die dynamische Stabilität der Planetenbewegungen in der großen Klasse von Möglichkeiten dynamischer Prozesse lediglich einen Sonderfall darstellt. "Nun konnte die Newtonsche Mechanik, aus der das mechanistische Weltmodell extrapoliert ist, immer nur die Gesetzmäßigkeit partikularer Zusammenhänge aus Prinzipien konstruieren. So konnte die Konstruktion der Planetenbahnen mit Hilfe der Newtonschen Gesetze nur gelingen, weil die Bewegungen der einzelnen Planeten in erster, schon sehr guter Näherung voneinander unabhängig sind, die wechselseitige Beeinflussung der Planeten untereinander sich nur als relativ sehr kleine Störung der Bahnen bemerkbar macht. Damit hat die Einsicht in die einheitliche Struktur des Sonnensystems zur Voraussetzung, daß dieses System aus voneinander fast völlig unabhängigen Einzelsystemen von je einem Planeten und dem Zentralkörper, der Sonne, konstruierbar ist" (Bulthaup 1973, S. 97). Von daher kann der 'Entwurf' einer mechanistischen Wissenschaft nicht aus der reinen Phronomie, also einer bloßen Bewegungslehre abgeleitet werden, sondern muß sich auf empirische Bedingungen stützen. "Das heißt aber, daß die Entdeckung der Gesetze der Mechanik an empirische Bedingungen gebunden ist, die aus der objektiven Geltung dieser Gesetze nicht notwendig folgen ... Kontingente empirische Bedingungen können die Funktion transzendentaler Bedingungen der Möglichkeit der Entwicklung einer Wissenschaft haben" (ebenda, S. 99).
Reine und empirische Naturwissenschaftsbegriffe sind also notwendig aufeinander bezogen, die Art und Weise ihres Bezuges jedoch ist wesentlich historisch geprägt: "Es bedurfte der Idee, daß der Regularität der Erscheinungen am Himmel die gleichen Naturgesetze zugrunde liegen, die auf der Erde gelten, um über die bloße Phronomie hinauszukommen und von der Interpretation von Beobachtungsdaten zu deren theoretischer Konstitution, endlich zur experimentellen Erzeugung von Meßwerten zu gelangen. Ohne die Erfahrung der Anstrengung, des Kraftaufwandes bei der Arbeit, und ohne die der Wucht eines Projektils, dem sinnlichen Korrelat des Impulses und der kinetischen Energie, ist die Konstruktion des physikalischen Kraft- und die des Impulsbegriffs kaum vorstellbar, darum auch nicht die der Mechanik" (ebenda, S. 104).
Es ist aber keineswegs selbstverständlich, daß aus dieser Besonderheit und Einfachheit der Beschreibung mechanischer Phänomene sich historisch die Universalität, die paradigmatische Bedeutung eines wissenschaftlichen Entwurfs durchgesetzt hat, demgemäß die natürliche Welt zu beschreiben war und darüber hinaus als technologische Konstruktions- sowie [S.248] soziokulturelle Ordnungsprinzipien herangezogen wurden. "Die 'Reinheit' der klassischen Wissenschaften ist vor allem eine strukturelle Reinheit, die darauf angelegt ist, die kosmologische Ordnung auf die Menschheit zu übertragen" (B. Wartmann .a.a.O., S. 270).
In einer vorangegangenen Analyse (vgl. Kapitel 4.1) hatten wir gesehen, worin die Verbindung zwischen einerseits reinen Vernunftprinzipien und andererseits empirischen und mechanistischen Wissenschaftsprinzipien besteht, nämlich im Begriff der Zeit: Die Reinheit der Vernunftprinzipien beruht im wesentlichen darauf, daß Zeit als "ständige Gegenwart der Ewigkeit" bzw. als "ewige Präsenz" der unwandelbaren Substanz angesehen wird, während die Erfahrung des Zeitflusses auf einen reversiblen, linearen Parameter reduziert wird. Entwicklungsprozesse, Kreativität und Emergenz sind in diesem Wissenschaftsentwurf prinzipiell nicht enthalten und damit große Teile der Realität überhaupt nicht erfaßbar. "Das, was hier als Kriterium der klassischen Naturwissenschaften genannt wird, läßt sich allerdings dahingehend verallgemeinern, daß das Weltbild unserer Kulturgeschichte ein generelles Unverständnis gegenüber Entwicklungsprozessen, die nichtlinear, nicht kausal, nicht harmonisch, nicht zweiwertig verlaufen, befördert hat" (ebenda, S. 272). Die Forderung, daß 'zeitlose', transzendentale Ideen die Möglichkeit liefern sollten, eindeutig und für immer die Grenzen der Vernunft zu bestimmen, und diese Ideen in Verbindung mit einem reduzierten Zeitverständnis mechanistischer Naturwissenschaften zu setzen seien, führt jedoch nicht nur auf ein reduziertes Naturverständnis, sondern auch auf prinzipiell eingeschränkte Möglichkeiten technologischer Entwicklung. Wissenschaftlicher und technologischer 'Entwurf' reduziert sich so tendenziell auf mechanistische Projektion! Von daher ist die 'Dynamik' der klassischen Technik- und Naturwissenschaften lediglich in der Lage, Gegenwärtiges in ihrer Identität fortzuschreiben, nicht jedoch kreative und emergente Prozesse struktureller Veränderungen zu erfassen und damit die Bedingungen der Möglichkeiten zur Einordnung der Folgen technologischer Prozesse. "Demgemäß befinden sich die nach Objektivität und Absolutheit strebenden klassischen Wissenschaften in einem gravierenden Widerspruch: Sie können ihre eigenen Zukunftsbedingungen vom Prinzip her nicht in das Kalkül ihrer Untersuchungen einbeziehen. Ihre Prognostik kann sich nur an einem bereits existierenden Weltverständnis ausrichten. Und insofern kann auch der Prozeß der Geschichte und der struktureller Veränderungen mit den Kriterien der klassischen Wissenschaften nicht beschrieben werden. Für die Natur- und Technikwissenschaften schien dies solange unproblematisch zu sein, wie die bedrohlichen ökologischen Folgen der Industrie noch nicht so präsent wie heute waren" (Wartmann a.a.O., S. 273).
Von daher ist ein Technik- und Naturwissenschaftsentwurf gefragt, der das komplexe und ereignisreiche eigene Zeitverhalten, die eigene Historizität zum Gegenstand hat: Die wissenschaftliche Rationalität eines offenen Fortschrittsprozesses sollte sich selbst von Anfang bis Ende reflektie- [S.249] ren können. "Nunmehr wird deutlich, daß ein wissenschaftlich-technisches Instrumentarium entwickelt werden muß, das in der Lage ist, den Prozeß der Hervorbringung des Fortschritts zu begreifen und zu befördern, um damit die bisher gemachten Fehler an ihrem Ursprung zu eliminieren" (ebenda, S. 274). Es gilt einen solchen 'reinen' Vernunftbegriff aufzugeben, der zeitlose Subjekte in einer zeitlosen Welt versucht zu identifizieren. Vielmehr müßten die empirisch praktischen Subjekte ihr eigenes technologisches Tun einer gegenstandsgemäßen Vernunftkritik unterziehen, die theoretischen Entwurf und praktische Folgen in einem gemeinsamen Aufklärungsprozeß erfaßt, der die Bedingungen der eigenen Möglichkeiten offenlegt. "Das setzt eine grundsätzliche und tiefgreifende Abwendung der Wissenschaften von einer ontologisch begründeten Orientierung an 'reinen Wahrheiten' voraus und führt zu einem Wissenschaftsverständnis, daß Subjektivität als Praxis der Erkenntnis und des Handelns begreift und nicht als eine auf ein abstraktes Subjekt ... gerichtete Beziehung zwischen einer ursächlichen Kraft und einer bloß abbildenden oder nachvollziehenden menschlichen Tätigkeit" (ebenda).
Daraus folgt auch, daß eine nachsorgende 'Technikfolgenabschätzung' unzureichend bleibt, da bereits in der entwerfenden Zielsetzung, im Entstehungs- und Entwicklungsprozeß der vorsorgende, Folgen einbeziehende Möglichkeitshorizont zum eigentlichen Forschungsgegenstand gehört. Erst mit Hilfe komplex dynamischer Prozesse scheinen derartige wissenschaftliche 'Produktionsweisen' ansatzweise möglich, in denen chaotische 'Unreinheiten' und selbstorganisierende 'Ereignisse' in den Mittelpunkt rücken und eine Entwicklungsdynamik der Kreativität für eine interdisziplinäre Forschungsweise entstehen könnte. "Die strukturelle und nicht ausgedeutete Ungeordnetheit ist die Bedingung für die Produktion neuer Erkenntnisse ... Dies betrifft die Dimension der Entwicklung neuer Forschungs- und Technologieansätze und die Ausschöpfung des neuen Potentials von Erkenntnismöglichkeiten, die mit den digitalen Informations-und Kommunikationssystemen gegeben sind - und dies betrifft einer Abschätzung der Technikfolgen, die auch außerhalb der Technologien zu suchen sind. Unter diesen Voraussetzungen bezeichnet Interdisziplinarität eine experimentelle Verknüpfung von Bekannten und Unvorhergesehenen, von visuellen und sprachlichen Dimensionen, von mathematischen und beschreibenden Kategorien, von Wissenschaft und Kunst, von Technologie und Gestaltung usw." (ebenda, S. 280).
Brigitte Wartmann ist zuzustimmen, wenn sie das wissenschaftlich "gemiedene und tabuisierte Chaos" grundsätzlich als einen "produktiven Faktor" ansieht, und "daß Irrtum, Uneindeutigkeiten, Widersprüchlichkeiten, Disharmonien, keine Tragödien der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern deren Voraussetzung sind" (ebenda, S. 279). Allerdings bleibt dabei unklar, wie diese Ansätze einer neuen wissenschaftlichen Rationalität tatsächlich und konkret in eine andere naturwissenschaftlich-technologische Verfahrensweise überführt werden könnten bzw. wie also ein "transklassisches" Naturwissenschafts- und Technologieverständnis zu [S.250] erreichen wäre. Dennoch ist bereits in dieser Situation klar: "Für die Zukunft wird nicht entscheidend sein, ob es gelingt, die Erkenntnisse eines nunmehr - transklassischen - naturwissenschaftlichen Verständnisses auf die Gesellschaft zu übertragen, sondern ob es gelingt, die Erkenntnisse der transklassischen Wissenschaften in ein verändertes Verständnis der 'Machbarkeit' von Fortschrittsprozessen einfließen zu lassen. Für die Zukunft der Wissenschaft und damit verbunden für die Frage nach der Qualität der Technologieentwicklung wird sich voraussichtlich als unverzichtbar erweisen, ob und wie die daran beteiligten Forscher und Ingenieure in der Lage sind, adäquate und überzeugende Hypothesen über zukünftige Entwicklungsprozesse zu formulieren. Die Überprüfung der eigenen Wahrnehmungs-Barrieren und Selbst-Verständnisse wird einen unverzichtbaren Bestandteil darstellen, wenn es darum geht, auf die Entwicklung von Technologien einzuwirken und die bislang wirksamen Kausalitäten von Technikentwicklung und ihren 'unabgeschätzten' Folgen zu durchbrechen" (ebenda, S. 278).
Dies führt aber auf die notwendige Bedingung einer 'transklassischen' Wissenschaft, nämlich eine transmechanistische Dynamik zu formulieren, die komplexe und emergente Ereignisse und Prozesse erfaßt, also im Kern einen transklassischen Zeitbegriff aufgreift und operationalisiert. Deshalb ziehen Coveney und Highfield die Schlußfolgerung: "Wir brauchen eine neue Theorie, eine Theorie, die uns ein tieferes Verständnis der Zeit bietet ... Die traditionellen Methoden der Physik, entstanden aus einer unangemessenen Betonung sehr einfacher und idealisierter Situationen, sind zu schwach, um auch nur die alltäglichen Phänomene erklären zu können. Wir müssen die innere Komplexität der Wirklichkeit anerkennen und eine radikale Revision unserer Begriffssysteme in Angriff nehmen. ... Wir leben in einer Welt, in der die Vergangenheit unwiederbringlich hinter uns liegt, die Zukunft hingegen unendliche Möglichkeiten verspricht. Der Zeitpfeil ist unabdingbar, um die Integrität der Wissenschaft zu bewahren. Er ist das Medium der Kreativität, mit dessen Hilfe das Leben verstanden werden kann. Nur wenn wir uns dieser Tatsachen bewußt sind, können wir beginnen, wissenschaftliche und menschliche Erfahrungen zu versöhnen" (Coveney/Highfield 1992, S. 392).
In ähnlicher Weise sehen Prigogine und Stengers (1993) die Möglichkeit und Notwendigkeit, den Zeitpfeil mit produktivem Chaos und aktiver Materie eng miteinander zu verknüpfen, um auf eine vereinheitlichte (natur)wissenschaftliche Theorie zu kommen, "die das Chaos auf der fundamentalen Ebene der Physik einbezieht" ..., aber ... "nicht zu einer reduktionistischen, zeitlosen Beschreibung führen" würde. "Es müßten höhere Ebenen berücksichtigt werden, die sich jedoch nicht aus den tieferen Ebenen herleiten ließen. Das Chaos als vereinheitlichendes Element entspricht der Vorstellung von einer offenen, sich entwickelnden Welt" (Prigogine/Stengers 1993, S. 321; vgl. auch S. 83 ff. der vorliegenden Arbeit). Eine transklassische Natur- und Technikwissenschaft müßte sich dahingehend qualitativ weiterent- [S.251] wickeln und verändern, daß sie als Teil-'Modul' innerhalb einer übergreifenden kohärenten prozeßorientierten Komplexitätstheorie inhaltlich und kategorial mit den Humanwissenschaften kommunikationsfähig wäre. Inwieweit dies auch Veränderungen eben in diesen Humanwissenschaften erforderlich macht, kann jedoch an dieser Stelle nicht weiterverfolgt werden.
"Diese neue Formulierung der Dynamik bringt einen einschneidenden Wandel des Konzepts der 'Naturgesetze' mit sich. Diese drücken jetzt nicht länger Gewißheiten, sondern Möglichkeiten aus, und sie führen in der Sprache der Physik ein narratives Element ein, das mit der Idee des Ereignisses zusammenhängt, die von der herkömmlichen Formulierung nur als Illusion oder als Ergebnis einer approximativen Beschreibung verstanden werden konnte. Die Auflösung des Zeitparadoxons ist daher wesentlich für die Überbrückung der Kluft zwischen den von C.P. Snow charakterisierten 'zwei Kulturen'. Sowohl die dynamische Welt-Bastion der zeitlosen geometrischen Beschreibung, die in den 'harten' Wissenschaften dominierte, als auch die historische Welt der menschlichen Angelegenheiten unterliegen jetzt einer gemeinsamen evolutionären Sichtweise" (ebenda, S. 16).
Ohne es näher zu reflektieren, überschreiten hier Prigogine und Stengers die meta-physischen Voraussetzungen und kategorialen Vorgaben des klassischen Naturwissenschaftsverständnisses, obwohl sich andererseits ihre neue (mathematische) Formulierung der Dynamik innerhalb klassischer Naturwissenschaft bewegt. Von daher reicht das begrifflich-inhaltliche Potential für eine neue wissenschaftliche Rationalität wesentlich weiter, als dies in ihrem eigenen Formalismus zum Ausdruck kommt. Dies scheint mir allerdings weniger Anlaß zu einer aufwendigen Kritik an den Autoren als vielmehr zu einem nötigen Hinweis, der auf die objektive Schwierigkeit des adäquaten Übergangs zu einer transklassischen Wissenschaftssystematik aufmerksam macht. Die derzeitige Chaos- und Selbstorganisationsforschung liefert dafür zwar wertvolle und weiterreichende Ansätze, ist jedoch von der Lösung des Gesamtproblems noch ein Stück entfernt. Dazu müßten nämlich die Bedingungen der Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Erkenntnis dahingehend neu reflektiert werden, als sie die wesentliche zeitliche Verfaßtheit sowohl des naturwissenschaftlich-technologischen Forschungssubjektes als auch des natürlichen und technischen Forschungsgegenstandes materiell und formal in einen neuen Wissenschafts-Entwurf überführt. Dieser Entwurf steht jedoch nicht einfach im planerischen und projektiven Belieben des Forschungssubjektes, sondern bewegt sich innerhalb der Möglichkeiten der existentiellen Daseinsbedingungen, die vor dem Hintergrund der Zeitdimension auf einen Subjekt-Objekt- übergreifenden Horizont verweisen. Dabei erinnern wir uns an Heidegger: "Warum dringt das Verstehen nach allen wesenhaften Dimensionen des in ihm Erschließbaren immer in die Möglichkeiten? Weil das Verstehen an ihm selbst die existentiale Struktur hat, die wir den Entwurf nennen ... Das Entwerfen hat nichts zu tun mit einem Sichverhalten zu einem ausgedachten Plan, gemäß dem das Dasein [S.252] sein Sein einrichtet, sondern als Dasein hat es sich je schon entworfen und ist, solange es ist, entwerfend. Dasein versteht sich immer schon und immer noch solange es ist, aus Möglichkeiten ... Das Verstehen ist, als Entwerfen, die Seinsart des Daseins, in der es seine Möglichkeiten als Möglichkeiten ist" (Heidegger 1993, S. 145).
Ein naturwissenschaftlicher Entwurf müßte daher grundsätzlich alle Möglichkeiten des menschlichen, natürlichen und technologischen 'Gegenstands'bereiches enthalten, wenn der Gesamthorizont des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges erfaßt werden soll. Es geht also um eine wissenschaftliche Vernunft, die die dynamischen Gesetzmäßigkeiten über die Antizipation von Zukunftsmöglichkeiten und ihrer Folgen mit der Vor-Sorge um das Zukünftigsein verbindet. Ein derartiger Wissenschaftsentwurf führt notwendig auf ein interdisziplinäres Forschungsprogramm, das Naturwissenschaften und Humanwissenschaften umfaßt. Gell- Mann faßt ein derartiges Forschungsprogramm wie folgt zusammen: "Sorge um die Bewahrung biologischer Vielfalt ist untrennbar mit Sorge um die Biosphäre als Ganzer verbunden; das Schicksal der Biosphäre wiederum hängt eng mit praktisch allen Aspekten der Zukunft der Menschheit zusammen. An dieser Stelle will ich eine Art Forschungsprogramm für die Zukunft des Menschengeschlechts und der übrigen Biosphäre entwerfen. Allerdings verlangt dieses Forschungsprogramm keine zeitlich unbegrenzten Vorhersagen. Es erfordert hingegen Menschen aus zahlreichen Institutionen und den vielfältigsten Disziplinen, die gemeinsam über irgendwelche evolutionären Szenarios nachdenken, die im Verlauf des 21. Jahrhunderts aus der derzeitigen Situation heraus und zu einer annähernd bewahrbaren Welt führen könnten. Mehr als bloße Spekulation konzentriert sich ein solcher Ansatz darauf, was in Zukunft geschehen könnte" (Gell-Mann 1994, S. 475).
Ein solches Programm sollte zumindest in der Lage sein, komplex-dynamische Musterbildung und -prozesse zu modellieren, und die Kategorie der 'zeitlichen Kohärenz' berücksichtigen. Möglicherweise kann es selbst als komplex adaptives selbstorganisierendes System verstanden werden, das in einem iterativen Prozeß die eigene Transformation in eine transklassische Wissenschaftspraxis zu modellieren hilft. Vor diesem Hintergrund versucht auch P. Schuster eine "Wissenschaft komplexer Systeme" zu skizzieren und zu begründen: "In den letzten zwei Jahrzehnten gab es ... eine Reihe von Versuchen, komplexe Systeme durch neue Methoden einer Naturbeschreibung besser zugänglich zu machen. Eine ganze Reihe von Institutionen, die sich der Erforschung komplexer Systeme widmen, sind entstanden. Was können nun die Aufgaben einer Wissenschaft komplexer Systeme sein? Ein naheliegendes Ziel ist die Erforschung von schwer erkennbaren Zusammenhängen. Als Paradebeispiel kann hier der Komplex von Ökonomie und Ökologie dienen. Weitere Hauptziele sind naturgemäß die Entwicklung und Verbesserung von Kontroll- und Vorhersagemöglichkeiten komplexen Verhaltens, um bessere Resultate zu erzielen und unerwünschten Ergebnissen rechtzeitig gegensteuern zu können. Gleichzeitig ist es auch äußerst wichtig, die Grenzen der Vorhersagbarkeit zu [S.253] erkennen. Gerade auf dem Gebiet der Vorhersage und Steuerung komplexer Prozeßabläufe wurden und werden intensive Untersuchungen durchgeführt. Besonders in den letzten Jahren ist es durch das Einbeziehen des Wissens über komplexe Systeme in den Prognosetechniken zu großen Fortschritten gekommen" (P. Schuster 1991, S. 216).
Einen anderen, wenngleich verwandten, Forschungsansatz verfolgt B.O. Küppers (1991), der einen neuen Typ von "Strukturwissenschaft" als Komplexitätstheorie zu etablieren versucht. Eine Strukturwissenschaft der Komplexität untersucht dabei gesetzmäßiges Verhalten von komplexen Strukturen, und zwar unabhängig davon in welcher Form diese Strukturen in der Realität vorkommen. "Trotz ihrer wachsenden Bedeutung führen die Strukturwissenschaften im Bewußtsein der Öffentlichkeit eher ein Schattendasein. Viel zu spektakulär sind die Erfolge der Realwissenschaften wie Physik, Chemie und Biologie, um das Interesse auf die abstrakten Wissenschaften lenken zu können. Dabei sind es gerade die Strukturwissenschaften, in denen sich die Einheit der Wissenschaften manifestiert, eine Einheit, die die Natur- und die Geisteswissenschaften umfaßt" (B.O. Küppers 1991, S. 95).
Auch K. Mainzer sieht in den Problemfeldern von Chaos und Selbstorganisation neue Möglichkeiten für interdisziplinäre Forschung: "Systematisch stehen diese Begriffe heute für Forschungsprogramme, die fachübergreifend in Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften Anwendung finden" (K. Mainzer 1992, S. 259). Dabei kommt gerade Chaos und Selbstorganisation eine wesentlich paradigmatische Leitfunktion für zukünftige wissenschaftliche Entwicklungen zu: "Im Forschungsprozeß gibt es offenbar Ideen, die durch die Jahrhunderte mehr oder weniger stark wirken und bei geeigneten Nebenbedingungen das Erkenntnisinteresse vieler Forscher auf sich ziehen können, wie z.B. ... Chaos und Selbstorganisation. Solche Leitideen wirken dann wie Attraktoren im Entwicklungsstrom des Forschungsprozesses. Sie können einzelne Forschungsdisziplinen in einem neuen fachübergreifenden Forschungsthema vereinigen (z.B. Synergetik in Physik, Chemie, Biologie, Ökonomie, Soziologie, Neurologie). ... Wir sind also bereits dabei, die Paradigmen von ... Chaos und Selbstorganisation auf den Forschungsprozeß anzuwenden. Sie zeigen uns einerseits, daß jeder Schritt von uns nicht plan- und prognostizierbar wäre. Sie regen uns aber andererseits an, Maßnahmen und Strategien zu überlegen, die synergetische Innovationseffekte fördern. Die Theorie der Selbstorganisation sagt uns ja auch, daß in einem Meer von Chaos und Unordnung Bedingungen geschaffen werden können, die wenigstens lokal zu neuen Ordnungsmustern führen. Kreativität und Innovation sind gefordert. Und wer möchte nicht angesichts weltweit drohender Bevölkerungs-, Klima-und Umweltkatastrophen auf diese Chance einer Rationalität setzen, die sich ihrer Grenzen wohl bewußt ist" (ebenda, S. 277 ff.).
Auch wenn jedoch in diesen Forschungsansätzen bereits komplex-dynamische Prozesse und emergente Phänomene einer wissenschaftlichen Erklärung zugänglich werden, handelt es [S.254] sich im Prinzip noch um eine Betrachtungsweise der "Simplexität" (vgl. Cohen/Stewart)125 , d.h. komplexe Muster oder die Emergenz von Merkmalen werden jeweils sektoral in einem einzigen Raum des Möglichen erreicht: Der Geltungsbereich der jeweiligen 'Attraktoren' bleibt auf einen Möglichkeitsraum beschränkt. Die bisherigen Ansätze der Komplexitätsforschung versuchen nun mit Hilfe von Wechselwirkungen, Bestimmung von Schnittstellen oder Analogieschlüssen, die verschiedenen Betrachtungsräume interdisziplinär zusammenzusetzen. Was aber fehlt, ist ein panwissenschaftlicher Ansatz, der von Anfang an die Bedingungen der Möglichkeiten mehrerer Räume inklusive ihrer Attraktoren des gesamten Mensch- Natur-Technologie-Gefüges umfaßt. Wie bereits oben erwähnt, befinden wir uns hier auf der Ebene der "Komplizität", "wo die Wechselwirkung mehrerer Räume des Möglichen zu einer 'Explosion' des kombinierten Raums und zur Emergenz von Merkmalen führt, die in keiner Weise auf die Komponenten zurückgeführt werden können" (Cohen/Stewart, S. 563). Erst auf dieser Basis bietet sich m.E. die Möglichkeit für Ansätze einer wirklich transklassischen Wissenschaft, für die die Chaos- und Selbstorganisationsforschung allerdings einen wichtigen Zwischenschritt bedeutet. Cohen und Stewart erläutern dies an einem Beispiel: "Was wir also brauchen, ist eine Theorie der Merkmale, ein Verständnis davon, wie die Geographien von Räumen des Möglichen gemeinsam neue Muster und kombinierte Dynamiken erzeugen. Eine solche Theorie würde das Wetter als Bewegung von Zyklonen und Regenwolken erfassen, nicht als Bewegung von Milliarden winziger, ununterscheidbarer Teilchen eines Fluidums. Diese Merkmale würde sie jedoch exakt darstellen, anders als die veraltete qualitative Meteorologie. Sie könnte durchaus Computer verwenden, würde aber auf ihnen Programme laufen lassen, die die großräumigen Merkmale verstehen würden, statt sie lediglich als Nebenprodukt von Milliarden Informationsbits entstehen zu lassen. Sie würde das Wetter nicht besser vorhersagen können, als es uns derzeit möglich ist, weil das Wetter nach unserem derzeitigen Verständnis inhärent unvorhersagbar ist aufgrund des Schmetterlingseffekts. Sie würde den Schmetterlingseffekt aber nicht mehr als einen der Mechanismen anerkennen, die uns das Wetter verstehen lassen" (ebenda, S. 565).
Der wissenschaftliche Formalismus wäre dabei zwischen dem Quantitativen und dem Qualitativen angesiedelt, um damit weniger die internen Details, wohl aber die "universalen Meta-Muster" erfassen zu können. Die wissenschaftsphilosophischen Grundlagen von Meta-Regeln zur Merkmalserkennung und die Herausbildung von Merkmalen von Mustern könnte nun als "konvergenter Prozeß" verstanden werden, der in einem erweiterten Raum der Möglichkeiten zu einer gemeinsamen System-Emergenz führt. Vernunftprinzipien und Naturprinzipien, das Erkennen und das Entstehen von Merkmalen ließe sich in einem kohärenten Schema verbinden, ohne daß die jeweils gleichen Regeln zugrunde gelegt werden müßten: Die [S.255] zentrale Einsicht Kants, "daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt", erscheint nun in einem neuen Licht, nämlich als Bedingung der Möglichkeit für eine nichtprojektive Erkenntnis, die Kreativität und Emergenz einschließt. Damit würde nicht nur der Horizont der reinen Vernunft bzw. reiner Naturwissenschaftsprinzipien überschritten, sondern die dynamischen Entwicklungsprinzipien universeller hochkomplexer Prozesse wären Hauptgegenstand einer derartig transklassischen Wissenschaft. Eine wesentliche wissenschaftsphilosophische Zukunftsaufgabe bestünde also darin, die metaphysischen Voraussetzungen zur 'Kritik der komplexen Vernunft' zu durchdringen. Mir scheint die Whiteheadsche Prozeßphilosophie bisher derjenige Ansatz zu sein, der am weitesten in die Nähe eines solchen Vorhabens reicht. Insofern könnte eine kreative Weiterentwicklung der Prozeßphilosophie in Rückkopplung mit der aktuellen Komplexitätsforschung selbst einen Prozeß in Richtung zur Formulierung von Bedingungen der Möglichkeiten einer transklassischen Wissenschaft in Gang setzen. Die empirischen und wissenschaftsphilosophischen Erkenntnisse über Selbstorganisations- und Chaosprozesse könnten dabei als wichtiger Zwischenschritt sowie als orientierender Indikator für den Übergang hin zu einer Lösung der universellen Komplexitätsprobleme angesehen werden, wenngleich sie selbst noch nicht dafür die Lösung darstellen.
Daß bereits Tendenzen in Richtung interdisziplinärer Komplexitätsforschung vorhanden sind, soll im folgenden in Form von pragmatischen Tests plausibel gemacht werden, indem 'gegenstandsgemäße' Lösungen von dynamischen Komplexitätsproblemen in verschiedenen Bereichen des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges vorgestellt werden. Dabei sind gerade solche paradigmatischen Modellbildungen von Interesse, die verallgemeinerbare Aussagen über 'Schnittstellen' oder innere Verbindungen zwischen Strukturmerkmalen sozio-kultureller, natürlicher und technologischer Phänomene gestatten. Ich möchte im folgenden dazu drei Beispiele vorstellen:
Das erste Beispiel soll verdeutlichen, wie mit Hilfe der Selbstorganisations- und Chaosforschung "Chancen für ein neues Erkenntnis- und Gestaltungsmuster der Natur" (K. Meyer 1991) aufzufinden sind. Dabei müssen bestimmte Faktoren zusammenkommen, damit sich ein derartiges neues Erkenntnismuster durchsetzen kann - unabhängig davon, ob es sich dann auch tatsächlich durchsetzt. Ich greife hier auf fünf Kriterien zurück, die bei Klaus Meyer (1991) in einer historisch-systematischen Betrachtung über den Wandel wissenschaftlicher Erkenntnismuster dargelegt sind.
Als erstes Kriterium ist eine qualitative Umwälzung, eine "Revolution" des wissenschaftlichen Weltbildes innerhalb bestehender und anerkannter wissenschaftlicher Forschungssystematik zu nennen. "Forschungen zu Nichtlinearität, Selbstorganisation und Evolution führten die Wissenschaft über die Untersuchung isolierter Kausalzusammenhänge hin- [S.256] aus zur Erforschung komplexerer Strukturen und Verhaltensweisen in Natur, Technik und Gesellschaft" (K. Meyer a.a.O., S. 247).
Selbstorganisations- und Chaosforschung haben zweifellos zu einem wesentlich erweiterten wissenschaftlichen Erkenntnishorizont geführt, wie er mit Hilfe von 'Mechanismus' und Reduktionismus nicht erreichbar wäre.
Dies führt auf ein zweites Kriterium: Es ist eine wesentliche qualitative Erweiterung der Erkenntnismethoden erforderlich, wie dies paradigmatisch in der Selbstorganisationsforschung zum Ausdruck kommt, indem dort die Analyse und Modellierung von Beziehungen und Prozessen dynamischer Komplexität möglich wurde. Insbesondere mit Hilfe neuerer mathematischer Verfahren oder sog. halbformaler Modelle ist es gelungen, wesentliche Ansätze für eine Beschreibung des Komplexen zu gewinnen, während im Unterschied dazu die euklidische Mathematik exakte Beschreibungen und Berechnungen von mechanistisch- kausalen Abstraktionen unserer Welt ermöglichte. So läßt sich beispielsweise mit Hilfe der fraktalen Geometrie oder rekursiven Algorithmen ein adäquateres bzw. gegenstandsgemäßeres mathematisches Modell für komplexe Strukturen und Vorgänge entwickeln.
Zum dritten Kriterium gehört die Einsicht, daß Erkenntnistätigkeit die Kommunikation mit dem jeweiligen Untersuchungsgegenstand voraussetzt und diese wiederum gewisse technische Hilfsmittel erfordert. Insbesondere für die Analyse und Modellierung dynamischer Komplexität bedurfte es eines "neuen Typs von Forschungstechnik", der zum einen auf der erweiterten Informationsverarbeitung und zum anderen auf der Möglichkeit einer kontext- und strukturbezogenen, weitgehend zerstörungsfreien Analysetechnik beruht. Erst die computergestützte moderne Rechentechnik öffnete das Tor zur Analyse, Simulation und Konstruktion immer komplexerer Prozesse. Des weiteren können gerade die komplex-dynamischen Eigenschaften z.B. des Lasers - als Prototyp eines synergetischen Selbstorganisationsprozesses - technische Möglichkeiten hervorbringen, um "in immer mehr Gebieten von der harten Laborwissenschaft zu einer sanften, strukturbezogenen Interaktion mit komplexen Wirkungszusammenhängen überzugehen" (ebenda, S. 251).
Viertens ist für den Wandel in Richtung auf ein neues Erkenntnis- und Gestaltungsmuster der Natur die Fähigkeit zur Folgenabschätzung des eigenen wissenschaftlichen Tuns und die Anerkennung von Grenzen in der Beherrschbarkeit komplexer Dynamik von entscheidender Bedeutung. Es geht also um eine selbstkritische Reflexion und Antizipation, die systematische Einbeziehung von Anfangs- und Randbedingungen innerhalb des wissenschaftlichen Kontextes, um dem Problem der Manipulation und Instrumentalisierung isolierter Teile komplexer Systeme ohne entsprechenden Kontextbezug zu entgehen. "Daher ist gerade dort Vorsicht geboten, wo sich der alte reduktionistische Herrschaftsanspruch neuer Forschungsansätze zu Nichtlinearität, Evolution und Chaos bedient" (ebenda, S. 252).
[S.257] Dies führt auf ein fünftes Kriterium, nämlich den gesamten Forschungskontext zu betrachten - auch den erweiterten sozio-kulturellen Bezugsrahmen. Die kulturellen Muster des Naturverhältnisses und des Menschenbildes sind von entscheidender Bedeutung für ein neues wissenschaftliches Erkenntnismuster und einen damit zusammenhängenden Fortschrittsbegriff. Aber gerade die Anerkennung von kreativem Chaos, von Selbstorganisationsfähigkeit, von jeweiligen Eigenwerten und schließlich auch 'zeitlicher Kohärenz' liefern m.E. fruchtbare Ansätze und Gestaltungsmöglichkeiten im sozio-kulturellen Kontext.
Entscheidend für die Sinnhaftigkeit eines neuen Erkenntnis-und Gestaltungsmusters der Natur jedoch ist, ob es gelingt, die angewandte 'Komplex-Kommunikation' des Mensch- Natur-Technologie-Kontextes in einen konstruktiven stabilisierbaren Prozeß zu überführen. Nicht die technische Machbarkeit von Detaillösungen ist dabei entscheidend, sondern eine kohärente Antizipation der Gesamtkomplexität des wissenschaftlichen Produktionsprozesses. Es geht "um den Übergang von Lösungskomplexität zu Anwendungskomplexität. Nicht die funktionierende technische Konstruktion, das chemische Verfahren bzw. die gentechnische Operation ist das letztliche Ziel der Forschung, es ist allenfalls ein Zwischenschritt von Forschungsaktivitäten, die auf die Erkenntnis komplexer natürlicher Wirkungszusammenhänge sowie die Einordnung menschlichen Tuns und technischer Artefakte in die Wirkungs- bzw. Anwendungskomplexität ausgerichtet sind" (ebenda, S. 258 ff.).
In einem zweiten Beispiel möchte ich mich mit den Problemen der Modellierung von sozialen Systemen bzw. sozialen Handlungsweisen befassen, wobei insbesondere die Möglichkeit ihrer technologischen Simulation näher zu betrachten ist.
Zunächst dazu ein Beispiel aus der Kognitionspsychologie: In den bekanntgewordenen Experimenten von Dörner (1993) wurde das Verhalten von Versuchspersonen untersucht, die im Rahmen von Problemen der Stadtentwicklung, der Entwicklungspolitik oder der ökologischen Katastrophenbewältigung demonstrieren sollten, inwieweit sie in der Lage sind, mit komplexen Problemsituationen umzugehen. "Immer ging es um die Bewältigung von Problemen in komplexen, vernetzten, intransparenten und dynamischen Situationen oder Realitätsausschnitten. Die Systeme bestanden jeweils aus sehr vielen Variablen, die 'vernetzt' sind, da sie sich untereinander mehr oder minder stark beeinflussen; dies macht ihre Komplexität aus. Weiterhin sind die Systeme intransparent, zumindest teilweise; man sieht nicht alles, was man sehen will. Und schließlich entwickeln sich die Systeme von selbst weiter; sie weisen Eigendynamik auf" (Dörner 1993, S. 58 ff.). Hervorstechendes Merkmal derartiger sozialer Handlungssituationen bzw. systematischer Zusammenhänge ist also nicht nur die komplexe Vernetztheit, sondern auch die Dynamik, d.h. prozeßhafte Ketten- und Handlungsfolgen, die mit bestimmten 'Eigenzeiten' des Gesamtsystems korrespondieren. "Die Eigendynamik von Systemen macht weiterhin die [S.258] Erfassung ihrer Entwicklungstendenzen bedeutsam. Bei einem dynamischen Gebilde darf man sich nicht damit zufrieden geben zu erfassen, was der Fall ist. Die Analyse der augenblicklichen Gegebenheiten reicht keineswegs aus. Man muß zusätzlich versuchen herauszubekommen, wo das Ganze hin will" (ebenda, S. 63). Ein weiteres Merkmal ist die Rückkopplung bzw. Rückwirkung von Wirkungen auf einzelne Ausgangsursachen, so daß eine linear- mechanistische Betrachtungsweise erfolglos bleiben muß und eine Lösung für komplex-dynamische Probleme - wie sie bei sozialen Prozessen normal sind - im Prinzip unmöglich ist.
Dörner bediente sich bei seinen Experimenten spezieller Formen der Computersimulation, die modellhaft komplex-dynamische Abläufe veranschaulichten und den Versuchspersonen jeweils demonstrierten, welche Konsequenz aus ihrer jeweiligen Handlungsweise und Entscheidungssituation erwachsen war. Dadurch wurden die jeweiligen Neben- und Fernwirkungen bei der Lösung eines Problems sichtbar und legten die meist unerwarteten Rückkopplungseffekte offen. Wesentliches Plädoyer Dörners ist es, daß wir Menschen lernen müssen, mit der Komplexität und Dynamik in der realen Welt adäquat umzugehen und zumindest qualitativ eine Vorstellung der Antizipation von jeweils zukünftigen Entwicklungen zu bekommen. "Wir Menschen sind Gegenwartswesen. Heutzutage aber müssen wir in Zeitabläufen denken. Wir müssen lernen, daß Maßnahmen 'Totzeiten' haben, bis sie wirken. Wir müssen es lernen, 'Zeitgestalten' zu erkennen. Wir müssen es lernen, daß Ereignisse nicht nur die unmittelbar sichtbaren Effekte haben, sondern auch Fernwirkungen. Weiterhin müssen wir es lernen, in Systemen zu denken. Wir müssen es lernen, daß man in komplexen Systemen nicht nur eine Sache machen kann, sondern, ob man will oder nicht, immer mehrere macht. Wir müssen es lernen, mit Nebenwirkungen umzugehen. Wir müssen es lernen einzusehen, daß die Effekte unserer Entscheidungen und Entschlüsse an Orten zum Vorschein kommen können, an denen wir überhaupt nicht mit ihnen rechneten" (ebenda, S. 307).
Aber wo und wie kann man all dies lernen? In der 'echten' Realität ist dieses außerordentlich schwierig, da dort gerade die Neben- und Folgewirkungen bzw. die rückgekoppelten Prozesse in ihrem relativ langsamen Zeitablauf nur schwer zu erfassen sind. Von daher bietet die simulierte, 'virtuelle' Realität neuartige Lernmöglichkeiten, um mit (sozialer) Komplexität angemessener umgehen zu können. "Daher mein Plädoyer für das Simulationsspiel! Die Zeit in einem computersimulierten System läuft schnell. Ein computersimuliertes System ist ein Zeitraffer. Die Konfrontation mit einem solchen Zeitraffersystem macht triviale Fehler, die wir im Umgang mit Systemen machen, sichtbar. Ein Simulationssystem führt uns die Neben- und Fernwirkungen von Planungen und Entscheidungen schnell vor Augen. Und so gewinnen wir Sensibilität für die Realität" (ebenda, S. 308).
Auch Klüver (1995) geht der Frage nach, inwieweit soziale Komplexität mit Hilfe von Computerprogrammen bzw. technologischer Simulation zu modellieren und analysieren ist. Da- [S.259] bei ist klar, daß derartige Simulationen nur einen indirekten Zugang zur sozialen Realität liefern können. "Bei der Konstruktion von soziologisch relevanten Computerprogrammen sollte es vordringlich darum gehen, soziologisches Wissen zu modellieren und nicht darum, soziale Realität unmittelbar abzubilden" (Klüver 1995, S. 7). Dabei muß der Gegenstandsbereich sozialer Komplexität in kompatibler und angemessener Weise in Algorithmen des Simulationsprogramms übersetzt werden, indem die Verwandtschaft der logischen Grundstruktur beider Bereiche zum Ausdruck kommt, ohne daß diese identisch wären. "Natürlich ist die Logik von Programmalgorithmen nicht identisch mit spezifisch soziologischen Denkweisen; man muß jedoch zeigen können, daß die beiden Denkformen praktisch sinnvoll aufeinander abzubilden sind, ohne vor allem die soziologische Seite unangemessen zu reduzieren" (ebenda, S. 8).
Zur Entwicklung derartiger Programmalgorithmen greift Klüver auf Forschungsergebnisse der Künstlichen Intelligenz (KI) sowie des Künstlichen Lebens (KL) zurück, insbesondere auf die Entwicklung des Konnektionismus bzw. von neuronalen Netzen, Zellular-Automaten und genetischen Algorithmen.126 Mit Hilfe von sogenannten halbformalen Modellen werden die Beziehungen zwischen den Systemeinheiten in qualitativer Weise erfaßt, um dann die Rückkopplungsprozesse in Form von rekursiven Beziehungen zu übersetzen. Alle drei Simulationstypen fungieren als lernende oder den Lernprozeß simulierende Maschinen bzw. als komplexe adaptive und selbstorganisierende Systeme.
Insbesondere mit neuronalen Netzen lassen sich Selbstorganisationsprozesse innerhalb sozialer komplexer Dynamik modellieren und entsprechend Erkenntnisse aus der Erforschung komplexer dynamischer Systeme nutzen. "Die Simulation erfolgt aufgrund dieser Modellierung dadurch, daß ein prozeßauslösendes Ereignis bestimmt wird; dies wird durch die Aktivierung einer oder mehrerer Einheiten realisiert. Wenn sich nach mehreren Durchläufen das Netzwerk stabilisiert hat - so die diesem Simulationsansatz zugrunde liegende wissenschaftstheoretische Prämisse -, dann hat das zu simulierende Sozialsystem einen Stabilitätszustand - einen Attraktorzustand - erreicht; die Simulation demonstriert also, unter welchen Bedingungen ein bestimmtes soziales System bei spezifischen Prozessen einen ebenfalls speziellen stabilen Zustand einnimmt" (ebenda, S. 32).
Das Grundprinzip des Zellularautomaten besteht in der Übersetzung logischer Regeln in topologische: Ein Zellularautomatenprogramm zerlegt einen üblichen Bildschirm in ein Netz von Zellen und formuliert logische Regeln für das lokale Ausbreitungsverhalten dieser Zellen. "Soziologisch relevante Simulationen durch Zellularautomaten und ähnliche Programme bieten sich demnach dann an, wenn man von der [S.260] Analyseebene 'einfacher' Akteure ausgeht und deren Verhalten in 'lokalen' Regeln beschreibt ... Wenn man diese Verhaltens- oder Interaktionsregeln in ein Simulationsprogramm überträgt, dann läßt sich entweder analysieren, welche Makrostrukturen, also allgemeinen Gesellschaftsstrukturen aus bestimmten Handlungs- und Interaktionsregeln entstehen, oder man versucht, in der Simulation zu erfassen ..., welche 'lokalen' Handlungs- und Interaktionsregeln bestimmte Makrostrukturen 'emergieren' lassen" (ebenda, S. 74). Das Problem der Emergenz und der Musterbildung ist offensichtlich auch bei der modellierenden Analyse sozialer Komplexität von zentraler Bedeutung. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die von Klüver gewählte Simulation mit Hilfe von Zellularautomaten, nämlich der "Aufstieg und Fall wissenschaftlicher Paradigmen", wobei allerdings ausschließlich das soziale Verhalten von Wissenschaftlern simuliert wurde.
Schließlich wird als dritter Simulationstyp der der genetischen Algorithmen vorgestellt, die insbesondere aus der Simulation evolutionärer Prozesse gewonnen wurden, aber durchaus in der Lage sind, verallgemeinerte selektive Prozesse der Merkmalsentstehung oder der Optimierung zu simulieren. Auch damit ergeben sich neue Möglichkeiten der Simulation hochkomplexer sozialer (System-)Prozesse.
Im Unterschied zu Dörner befaßt sich Klüver mit der Frage, warum die vorgestellten Simulationsprogramme und technologisch vermittelten Modellierungsansätze eine strukturelle Verwandtschaft zur Kennzeichnung sozialer Komplexität aufweisen. Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liegt für Klüver im Begriff der Rekursivität. Für ihn "ist der Begriff der Rekursivität nicht nur deswegen wichtig, weil er nun einmal das logisch Gemeinsame der hier vorgestellten Programmtypen darstellt, sondern vor allem auch, weil sich mit diesem Begriff anscheinend gemeinsame Aspekte von Programmstrukturen, Erkenntnisformen und Strukturen sozialer Realität ergeben" (ebenda, S. 126). In der systemischen Betrachtung läßt sich damit die soziale Realität als ein Produkt "sich ständig reproduzierender rekursiver Ereignisketten" modellieren - gleichermaßen für Kommunikationen, Handlungen oder Interaktionen. Der Begriff der Rekursivität gewinnt so "basale" Bedeutung für die übereinstimmenden Merkmale wissenschaftlicher Erkenntnis der sozialen und natürlichen Realität und ihrer gegenstandsgemäßen technologischen Modellierung und Simulation. "Über den gemeinsamen Grundbegriff der Rekursivität ergibt sich mithin eine höchst elegante formale Übereinstimmung zwischen Strukturen der (sozial) wissenschaftlichen Erkenntnis, Strukturen der zur Modellierung und Simulation verwendeten Programmtypen und schließlich der durch die wissenschaftliche Erkenntnis postulierten Strukturen der (sozialen und natürlichen) Realität" (ebenda, S. 128). Die wissenschaftsphilosophische bzw. metaphysische Begründung für diese Übereinstimmung sieht Klüver darin, daß hier ein erkenntnistheoretisches Prinzip realisiert wird, nämlich das, was Kant als Grundprinzip der neuzeitlichen (Natur)wissenschaft in dem obersten Grundsatz aller synthetischen Urteile ausgesprochen [S.261] hat: "Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung" (B 197). Klüver zieht daraus den folgenschweren Schluß: "Mit der Nüchternheit Kants kann man also feststellen, daß es sich bei dieser ästhetisch ungemein befriedigenden Übereinstimmung von Erkenntnis, erkannter Realität und technisch konstruierter 'Virtualität' um etwas handelt, das neuzeitliche Wissenschaft immer so gehandhabt hat: Sie strukturiert Realität nach den Prinzipien, denen sie selbst als Leistung des Bewußtseins folgt. Hier haben wir 'nur' eine zusätzliche Dimension der strukturellen Übereinstimmung, in dem zu den Erkenntnisprozessen und der von ihnen strukturierten ... Realität noch die technischen Werkzeuge der Computerprogramme treten; diese sind nach eben diesen Prinzipien konstruiert, so daß die Simulation von Wissen und der durch Wissen konstituierten Realität durch diese technischen Werkzeuge im Grunde fast zwangsläufig den gleichen Prinzipien folgt" (ebenda, S. 129).
Dieser letzten Interpretation möchte ich jedoch deutlich widersprechen und unter Verweis auf die Kapitel 4.1 und 4.2 der hier vorliegenden Arbeit dazu folgendes feststellen:
Erstens. Kant hat als Kernpunkt der metaphysischen Grundlagen des neuzeitlichen Naturwissenschaftsverständnisses aufgedeckt, daß es innerhalb dieses Wissenschaftsverständnisses notwendig sei, die Einheit der Natur mit der Einheit des Subjektes der Naturerkenntnis gleichzusetzen. Die Einheit der Natur wird also auf die logische Konsistenz der Formen zurückgeführt, in denen wir die Natur begreifen (vgl. Picht 1990, S. 393). "Wir müssen uns dann, um die Natur zu verstehen, um unsere eigene Achse drehen und die Konstitution des Subjektes betrachten, das den Anspruch erhebt, die Natur zu erkennen. Die Naturerkenntnis hat dann ihre Basis in der Selbsterkenntnis der menschlichen Vernunft" (ebenda, S. 394). 'Wahre' Naturerkenntnis, die mit Hilfe von operationalen Regeln der neuzeitlichen Naturwissenschaft hervorgebracht wird, beruht nach Kant darauf, "daß sich der Mensch als das Subjekt der unbewegten Identität begreift" (ebenda, S. 395). Wenn sich nun das neuzeitliche Subjekt mit Hilfe von 'reinen' bzw. transzendentalen Vernunftbegriffen so konstituiert, daß diese Begriffe als zeitlos bzw. über die Vorstellung der Zeit als 'ewige Gegenwart der unbewegten Identität' begriffen werden, führt dies auf eine Vorstellung einer zeitlosen Realität - wie sie etwa in den mechanistischen Gesetzen zum Ausdruck kommen. Andererseits widerspricht dem unsere sinnliche Anschauung über einen ständigen Zeitfluß, über Irreversibilitäten, Geschichte sowie die Entwicklung von qualitativ Neuem: Die Erfahrungserkenntnis in der Zeit und die Zeitlosigkeit der Bedingungen dieser Erkenntnis können nicht kommensurabel vermittelt werden. Dieses Problem der zwei Zeit-'Kulturen' spiegelt sich auch im Verhältnis von Sozialwissenschaften einerseits und Natur- und Technikwissenschaften andererseits wider, so daß es prinzipiell unmöglich schien, soziale Prozesse, d.h. kreative selbstorganisierende emergente Prozesse mit offener Zukunft mit Hilfe [S.262] eines Maschinentypus zu modellieren, der sich auf die mechanistische Zeit- und Ereignislosigkeit deterministischer Abläufe stützt. Erst die Aufgabe scheinbarer Zeitlosigkeit und die Berücksichtigung eines kreativen und kohärenten Zeitverständnisses für soziale und technologische Prozesse liefern Bedingungen der Möglichkeit für die formale Übereinstimmung zwischen Strukturen sozialwissenschaftlicher Erkenntnis und entsprechenden Strukturen technologischer Simulationsmodelle. Dazu ist eine 'Rückprojektion' des erkenntnistheoretischen Prinzips erforderlich aus dem subjektiven Horizont zeitloser Erkenntnis hin zum Subjekt-Objekt-übergreifenden Horizont der Zeit. "Kant suchte die Bedingungen der Möglichkeit der menschlichen Erkenntnis auf dem Weg einer Selbsterkenntnis der Vernunft. Wie Descartes fand er in den Prinzipien des menschlichen Bewußtseins zugleich die Bedingungen der Möglichkeit aller Erkenntnis und die Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erkenntnis. Für uns ist dieser Weg des Denkens nun versperrt, denn wir können nicht hoffen, in der Tiefe des menschlichen Bewußtseins auf Prinzipien zu stoßen, auf die sich eine zeitlose Erkenntnis dessen, was für uns Menschen immer wahr ist, begründen ließe. Statt dessen stoßen wir in der Tiefe des menschlichen Bewußtseins auf die Zeit. Auch in dem Zeitverständnis des Menschen zeitigt sich Zeit. Damit scheint sich die transzendentale Frage wieder umzukehren. Es scheint zunächst, als bedeute diese Erkenntnis, daß wir nun nicht mehr im Bewußtsein die Bedingungen der Möglichkeit für die Phänomene des Bewußtseins, sondern daß wir umgekehrt im phänomenalen Horizont der Phänomene die Bedingungen der Möglichkeit für das Bewußtsein zu suchen haben. Alles, was ist, befindet sich in der Zeit. Der Mensch befindet sich verstehend in der Zeit, aber so, daß sich aus seinem In-der-Zeit-Sein und damit aus dem Wesen der Zeit selbst die Möglichkeit seines Verstehens erst entfaltet" (Picht 1992, S. 261 ff.).
Zweitens. Wie bereits für Prozesse der 'Evolution' oder des 'Bewußtseins' festgestellt, sind auch soziale Prozesse durch "Komplizität" gekennzeichnet, wo die Wechselwirkung mehrerer 'Räume des Möglichen' zu einer qualitativen Ausweitung des kombinierten Raums und zur Emergenz von Merkmalen führt, die in keiner Weise auf ihre Komponenten zurückgeführt werden können. Diese hochkomplexe Aggregation sozialer Systeme läßt sich unter bestimmten Umständen durch einfache Komplexität ("Simplexität") modellieren, in der Regel jedoch nicht reduktionistisch behandeln. Dabei ist das Problem zu beachten, daß soziale Prozesse nicht mit einfach determinierenden Algorithmen modellierbar sind: zweimal vor die gleiche Situation gestellt, können soziale Systeme völlig verschieden (re)agieren. Dies gilt im übrigen für alle komplex- dynamischen Systeme. Entscheidend ist also, daß Charakteristika wie Emergenz, Kreativität, Musterbildung und offener Prozeßausgang erfaßt werden. Dazu ist eine Informationsverarbeitung erforderlich, die mindestens die Schwelle der einfachen Komplexität erreicht, wie dies beispielsweise bei den bisherigen Komplexitätstheorien oder der Theorie dynamischer, komplexer, adaptiver, selbstorganisierender Systeme zum Ausdruck kommt. Die Rekursivi- [S.263] tät ermöglicht nun eine operationale Formalisierung, die die informationelle Verarbeitung (einfach) komplexer Prozesse zuläßt bzw. deren Simulation. Erst 'lernende' oder den Lernprozeß simulierenden Maschinen/Computer sind in der Lage, die Schwelle zu überschreiten, wo die Annäherung an Komplizitätseigenschaften der sozialen Realität möglich werden. Auf der vereinfachten Ebene der Simplexität können nun die komplexe (soziale) Realität und die komplex simulierte 'virtuelle' Realität mit ähnlichen Merkmalen beschrieben werden, insbesonderen Merkmale der Emergenz, der Musterbildung und der offenen Prozeßhaftigkeit. Mit dieser (zeitlichen) Kohärenz der Strukturierung von Modellen sozialer Realität und technologisch vermittelter simulierter Realität lassen sich nun in sinnvoller Weise disziplinübergreifende Zusammenhänge ausdrücken.
Drittens. Erst die Überschreitung von mechanistischen Wissenschaftsprinzipien ermöglicht also den Zugang zu dynamischer Komplexität - wie sie in der sozialen und natürlichen Realität charakteristisch ist - und führt auf naturwissenschaftlich-technische Möglichkeiten der Modellierung und Simulation, die einen gemeinsamen 'Zeit-Horizont' bzw. zeitliche Kohärenz zu diesen Prozessen aufweisen. M.E. kommt damit auch ein Transformationsprozeß der neuzeitlichen Wissenschaft zum Ausdruck, wie es der Forschungsgegenstand der Komplexität bzw. Komplizität erfordert. Entsprechend wird dazu ein neues metaphysisches Prinzip nötig, das eben die Bedingungen der Möglichkeit von Komplizität erfaßt. Wir stehen damit erst am Anfang, am erfolgversprechendsten erscheint mir dazu eine Weiterentwicklung der Prozeßphilosophie Whiteheads zu sein.
Als vorläufige Arbeitshypothese könnte ein derart neues metaphysisches Prinzip in Anlehnung an die Pichtsche 'Rückprojektion' der alten Metaphysik folgendermaßen lauten: Die Bedingung der Möglichkeit von Komplizität ist zugleich die Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung von Komplizität. Dadurch wird die Erkenntnis bzw. die Erfahrung komplexer 'Gegenstände' verständlich: die komplex-dynamische Musterbildung in Natur und Gesellschaft entspricht den (komplex-dynamischen) Prozessen der kognitiven Mustererkennung. Die kognitiven Leistungen des Bewußtseins können so als Selbstorganisationsprozesse mentaler Strukturen gedeutet werden, die vor aller Erfahrung vorhanden sein müssen, um die Muster der Realität zu erkennen. Realitätsmuster und Kognitionsschemata unterliegen beide den Regeln der Komplizität, ohne aufeinander reduzierbar zu sein. Gemeinsam ist ihnen der 'Horizont der Zeit', die zeitliche Kohärenz. In diesem, meinem Verständnis ist daher Komplizität eine Konkretisierung dessen, was Picht den "phänomenalen Horizont der Phänomene" genannt hat.
Schließlich möchte ich in einem dritten Beispiel die interdisziplinäre und übergreifende Bedeutung der Komplexitätsforschung im Zusammenhang mit der Kategorie der zeitlichen Kohärenz betrachten, nämlich das jüngere Forschungsgebiet der "Ökologie der Zeit". In diesem Forschungsansatz geht es um die zeitbedingten Zusammenhänge sozialer, natürlicher [S.264] und technologischer Prozesse und die Bedingungen der Möglichkeit für zeitliche Kohärenz dieser Prozesse. Ohne daß direkt darauf Bezug genommen wird, sehe ich in diesem Ansatz eine deutliche inhaltliche Verbindung zu den Untersuchungen und Analysen von Georg Picht (vgl. Kapitel 1.4 und 4.1 der vorliegenden Arbeit), wenn Held/Geißler (1993) die Ziele dieses Forschungsfeldes definieren:
Wesentlich sind dabei die 'inhärenten Systemzeiten' bzw. die eigenen Zeitskalen der jeweiligen sozialen, natürlichen und technologischen Komplexität und die Notwendigkeiten der Abstimmung der jeweiligen Zeitmaße. "Dort, wo anthropogene und ökologische Systeme aneinandergeknüpft sind und ihre inhärenten Systemzeiten nicht zueinanderpassen, kommt es über kurz oder lang zu nachhaltigen Störungen" (Kümmerer 1993, S. 90). Krisenhafte Entwicklungen des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges entstehen dann, wenn die "Elastizitäten" der jeweiligen Systeme überschritten werden und es zu irreversiblen Schäden kommt. "Irreversibilitäten treten dann auf, wenn die Zeitskalen natürlicher Vorgänge so verkürzt werden, daß die zur Verfügung stehenden Zeiträume für Anpassung und Entwicklung geringer sind als die Zeiträume, in denen die systemgegebenen Schwankungen von Systemzuständen stattfinden können" (ebenda, S. 92). Vor allem müssen technologische Prozesse, die sich über Energie- und Stoffströme realisieren, mit den Eigenzeiten und Rhythmen soziokultureller und natürlicher Prozesse kompatibel sein - und umgekehrt. "Technologische Stoffströme sind meist von anderer Qualität, Quantität und Zeitlichkeit als natürliche ... Eine Abstimmung der technologischen Stoff- und Energieströme auf die natürlichen, insbesondere hinsichtlich der in gleichen Zeiteinheiten umgesetzten Stoffmengen und -arten ist unabdingbar. Dies muß einhergehen mit der Verwendung einer an die natürlichen Rhythmen angepaßten zeitlichen Struktur von technisch bedingten Stoff- und Energieströmen" (ebenda, S. 98 ff.).
[S.265] Gerade für die Bestimmung eines nachhaltigen Technik-Typus sowie eines zukunftsoffenen Entwicklungskorridors kompatibler menschlicher, natürlicher und technologischer Prozesse ist die Ökologie der Zeit ein zentraler Orientierungsmaßstab.
125 - Vgl. dazu auch die Seiten 177 ff. der vorliegenden Arbeit.
126 - Vgl. dazu auch Kapitel 2.6 und Kapitel 5.2 der vorliegenden Arbeit.