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Ulf Skirke Technologie und Selbstorganisation Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs |
Aus dem bisherigen Untersuchungsgang ergab sich die Möglichkeit, technologische Prozesse sowie einen neuartigen Technik-Typus mit Hilfe des Selbstorganisationsparadigmas zu modellieren. Welche Schlußfolgerungen lassen sich daraus für einen neuen (technologischen) Fortschrittsbegriff ziehen? Dies wird im folgenden, abschließenden Kapitel näher auszuführen sein. Vergegenwärtigen wir uns jedoch zunächst mit einer kurzen Betrachtung die Ausgangslage 'klassischer' Sichtweise:
Innerhalb des derzeitigen technologischen Fortschrittsmusters lassen sich im wesentlichen drei Grundeinstellungen zur Technik feststellen:
Die erste geht von einem pragmatischen Technik-Begriff aus, der Technik als Hilfsmittel des Menschen eine Werkzeug-Rolle zuschreibt. Die zweite Grundposition ist eher 'negativistisch' ausgerichtet; Probleme und Nachteile technischer Entwicklungen stehen im Vordergrund dieser Technik- pessimistischen Wahrnehmung. Schließlich läßt sich als dritte eine 'positivistische', Technik- optimistische Grundeinstellung feststellen, die überwiegend Vorteile und Beherrschbarkeit der Technik hervorhebt. Trotz der Unterschiede ist allen diesen Grundpositionen eines gemeinsam, nämlich 'zeitlos' zu sein, d.h. den gegenwärtigen Technik-Typus festzuschreiben, um ihn vorwärts in die Zukunft zu projizieren: Ein qualitativ anderer, tatsächlich zukunftsorientierter Technik-Typus scheint deshalb unvorstellbar!
Aber auch die sogenannten "alternativen" Techniken im Rahmen "sozialverträglicher" oder "umweltverträglicher" Konzepte bewegen sich prinzipiell im Rahmen dieser Grundeinstellungen. Herkömmliche 'alternative Techniken' erzeugen zwar relativ weniger Umweltbelastungen, bewegen sich aber in der Logik des derzeitigen Technik-Typus als abfallerzeugende 'Fremdkörper'. Die Notwendigkeit der Nachsorge von negativen Technikfolgen besteht auch hier weiter (vgl. Abbildung 2b). Zukünftige Entwicklungsoptionen von Mensch und Natur werden mit dieser 'Alternativtechnik' zwar tendenziell weniger eingeschränkt, eine wirkliche Nachhaltigkeit - ohne ständig akkumulierte Technikfolgen - aber immer noch nicht erreicht. Die innere Logik einer derart vermeintlichen "alternativen" Technik verbleibt in der Perspektive der Ausdehnung von Gegenwart bzw. der Einschränkung von Zukunft - wenngleich erheblich weniger obsessiv.
Zu fragen ist also - im Rahmen eines neuen, nichtdualistischen menschlichen Selbst- und Naturverständnisses - nach qualitativ neuen technologischen Entwicklungsmöglichkeiten, die 'von der Zukunft her' gedacht und entworfen sind, die tatsächlich zukunftsfähig wären im Sinne des Offenhaltens zukünftiger Möglichkeiten. Ein solcher Technologie-Typus dürfte nicht länger 'zeitlos' sein, sondern in ihm müßte die "Einheit der Zeit" (Picht), die kreative Zeitdimension selbst zum Ausdruck kommen: Er würde einen nachhaltigen, [S.246] begrenzten Selbstorganisationsprozeß des Mensch-Natur- Technologie-Gefüges ermöglichen und mitgestalten in Form eines relativ eigenständigen kreativen technologischen Beitrags zu einer vernünftigen Überlebensstrategie.
Um dies zu verdeutlichen, soll im folgenden dieser spekulativ- abstrakte Ansatz konkretisiert und plausibel gemacht werden, indem die Bedingungen der Möglichkeit einer nachhaltigen und vorsorgenden wissenschaftlich-technischen 'Produktionsweise' näher betrachtet werden.
Dazu möchte ich drei Problemfelder heranziehen:
Erstens sollen die Schlußfolgerungen aus einem veränderten Zeitbegriff sowie aus wissenschaftsphilosophischen Konsequenzen von Chaos und Selbstorganisation auf die wissenschaftlich-technische Rationalität und Arbeitsweise aufgezeigt werden. Welche Ansätze für einen nichtmechanistischen naturwissenschaftlichen "Entwurf" sind zu nennen?
Zweitens müßte ein wirklich zukunftsfähiger Technik-Typus in seinen materiellen und informationellen Anforderungen näher charakterisiert werden. An welche Bedingungen ist künstliche Kreativität und symbiotische Technologie geknüpft - mit welchen Konsequenzen?
Drittens soll der Frage nachgegangen werden, ob und wie Planung und Steuerung komplexer technologischer Prozesse möglich sind. Welche Charakteristika kennzeichnen dabei ein neuartiges, nachhaltiges, technologisches "Fortschritts"-Muster?
Wenden wir uns also zunächst dem ersten Problemfeld zu.