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Ulf Skirke
Technologie und Selbstorganisation
Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs


4.3 Komplexes Zeitverhalten und Selbstorganisations- Prozeß

Bedingungen der Möglichkeiten nachhaltiger Fortschrittsdynamik

In der bisherigen Analyse der Bedeutung zeitlicher Dynamik, des Verhältnisses von Natur und Zeit sowie von Zeit und Kreativität im Kontext prozeßevolutionärer Ereignisse stellt sich zum einen die Frage nach der Verbindung zum Selbstorganisationsparadigma und zum anderen nach den Möglichkeiten und Kriterien eines vernünftigen Zeitverhaltens des technologischen Subjekts. Der Begriff 'Zeitverhalten' wird hier in dreierlei Bedeutung verwendet: erstens als Beschreibung zeitlicher Phänomene bzw. zeitlicher Dynamik von Phänomenen (z.B. lineares, zyklisches oder komplex-fraktales Zeitverhalten), zweitens als Verhalten (des technologischen Subjekts) zur Zeit bzw. des praktischen Umgangs mit Zeit und drittens als kreativ- evolutionärer, geschichtlicher Prozeß, der Neues hervorbringt.

Um den (zeitlichen) Charakter des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges im Ganzen zu erfassen, wurde die Analyse komplexen Zeitverhaltens unumgänglich. Dies führte auf eine Abkehr vom linear-mechanistischen Zeitverständnis bzw. zu einer kritisch-konstruktiven 'Aufhebung' mechanistischer Dynamikmodelle. In Anlehnung und Weiterentwicklung der Pichtschen Argumentation sollte die Revision des mechanistischen Zeitbegriffs auch eine Revision des mechanistischen Technologie- und Naturwissenschaftsverständnisses und damit der darauf basierenden Mensch-Natur-Technologie-Dynamik zur Konsequenz haben. Allerdings ließ Picht offen, wie diese Revision des mechanistischen Naturwissenschafts- bzw. Fortschrittsverständnisses konkret vorgestellt werden könne.

[S.227] Dafür scheint mir die Whiteheadsche Kosmologie insofern eine geeignete Folie, als dort zum einen evolutionär- kreative Prozesse bei Mensch und Natur erfaßt werden sowie zu einem neuartigen Naturverständnis und Selbstverständnis des Menschen führen, zum zweiten die inneren Kritik- und 'Reform'-Potentiale der gesamten Naturwissenschaften zur nichtmechanistischen Weiterentwicklung herangezogen werden und zum dritten eine begriffliche Verständigungsebene bzw. ein gemeinsamer Horizont zwischen kritischer Naturphilosophie und selbstkritischen Naturwissenschaften hergestellt wird.

Danach lassen sich m.E. nicht nur Bedingungen der Möglichkeiten für ein komplexes, nachhaltiges Fortschrittsmodell systematisch einordnen, sondern auch die zentrale Bedeutung des Selbstorganisationsparadigmas für ein solches Modell! Damit stellt sich die Frage nach strukturellen und wesentlichen Verwandtschaften der Whiteheadschen Kosmologie und den natur- und technikphilosophischen Potentialen des Selbstorganisationsansatzes.

Ich greife dazu zunächst auf eine Studie von A. Rust (1987) zurück, der der Frage nachgeht, inwieweit die Whiteheadsche Kosmologie eine "pragmatische Bestätigung durch die Entwicklungen in den Einzelwissenschaften" findet, um damit einen nicht positivistischen und nicht reduktionistischen Zusammenhang von Philosophie und Naturwissenschaften aufzeigen zu können: "Whitehead gehört zu den wenigen Philosophen in unserem Jahrhundert, die den Zusammenhang von Philosophie und Naturwissenschaften außerhalb der positivistischen Tradition der 'philosophy of science' reflektiert haben. In dieser Hinsicht scheint mir eine problemorientierte Rezeption der Whiteheadschen Philosophie noch eine große Zukunft zu haben ..." (A. Rust 1987, S. 237). Es geht ihm insbesondere dabei um einen "Dialog zwischen Philosophie und Einzelwissenschaften", in dem neue prägende Vorstellungen zum Ausdruck kommen, die an die Stelle des neuzeitlichen mechanistischen Denkens treten könnten, wie sie in der organismischen Sichtweise Whiteheads darstellbar wären. "Wir leben heute in vielen Hinsichten in einer Zeit des Umbruchs, und Whitehead gehörte zu den ersten, die diesen Umbruch philosophisch zu reflektieren versuchten" (ebenda, S. 239).

Insbesondere haben sich die Naturwissenschaftler Prigogine und Stengers nicht nur mit dem Problem der 'Spaltung zwischen Wissenschaft und Philosophie' befaßt, sondern auch Ergebnisse der Selbstorganisationsforschung ins Verhältnis zur kreativen Prozeßphilosophie Whiteheads gesetzt. "Prigogine/Stengers stehen mit Whitehead insofern in einem Zusammenhang, als sie mit ihm das Problem teilen, daß aufgrund der klassischen Mechanik und des mechanistischen Weltbildes die Entstehung von Organismen nicht gedeutet werden kann. ... Prigogine/Stengers verweisen auf Whitehead als einen Vertreter des Antireduktionismus ..." (ebenda, S. 242).

[S.228] Prigogine/Stengers geben in ihrem Werk "Dialog mit der Natur" (1986) eine knappe Interpretation und Einordnung der Kosmologie Whiteheads. "Wir hatten die Frage aufgeworfen, ob eine Naturphilosophie möglich sei, die sich nicht gegen die Wissenschaft richtet. Whiteheads Kosmologie ist der bislang ehrgeizigste Versuch einer solchen Philosophie. ... Es ging darum, das Minimum an Prinzipien zu formulieren, mit deren Hilfe jegliche physikalische Existenz - vom Stein bis zum Menschen - sich charakterisieren ließe. Was nach Whiteheads Auffassung seine Kosmologie als eine 'Philosophie' ausweist, ist genau diese Universalität" (Prigogine/Stengers 1986, S. 102). Im Mittelpunkt der untersuchten Selbstorganisationsphänomene steht die Kategorie des schöpferischen Werdens, des kreativen Prozesses, der die Natur und damit jede 'gegenstandsgemäße' Naturwissenschaft kennzeichnen sollte. Dies verträgt sich nicht mit dem mechanistischen Natur(wissenschafts)verständnis, nach dem Naturstoff und Naturvorgänge in Form von nicht kreativen, ihre Identität bewahrenden Entitäten bzw. in 'zeitlosen' Gesetzen dargestellt werden können. "Whitehead hatte wohl deutlicher als jeder andere begriffen, daß das schöpferische Werden der Natur als die letzte, irreduzible Tatsache, die jeder physikalischen Existenz zugrunde liegt, undenkbar wäre, wenn die Grundelemente dieser Natur als beständige individuelle Entitäten definiert würden, die durch alle Wandlungen und Wechselwirkungen hindurch ihre Identität bewahren" (ebenda).

Die neuartigen Gesetzmäßigkeiten nichtlinearer und komplexer Dynamik innerhalb von Selbstorganisationsprozessen kommen nicht nur in der Biologie, sondern auch in physikalischen und chemischen Vorgängen zum Ausdruck und führen auf eine wesentliche gemeinsame Kategorie: nämlich die kreative Zeitdimension! Für Prigogine und Stengers hat der Zeitbegriff in zweierlei Hinsicht zentrale Bedeutung: Erstens bei der Erfassung zeitlich irreversibler und schöpferischer Naturprozesse und zweitens als Bindeglied zwischen Philosophie und Naturwissenschaften.120 "Whiteheads Beispiel bestärkt uns darin, daß nur eine Öffnung, eine Erweiterung der Wissenschaft die Spaltung zwischen Wissenschaft und Philosophie beenden kann. Diese Öffnung kann nur durch eine Revision des Zeitbegriffes erfolgen. Wenn man die Zeit negiert, d.h. sie auf einen Parameter im Rahmen eines reversiblen Gesetzes reduziert, begibt man sich jeder Möglichkeit, die Natur in der Weise zu fassen, daß sie fähig ist, Lebewesen und besonders den Menschen hervorzubringen. Man verurteilt sich dadurch zu der Wahl zwischen einer wissenschaftlichen Philosophie und einer entfremdenden Wissenschaft" (ebenda, S. 103 ff.).

Die Abkehr vom mechanistischen Zeitverständnis bedeutet für Prigogine/Stengers nicht nur die Erneuerung des Natur- und des Naturwissenschaftsbegriffs, sondern soll auch zu einer [S.229] neuen Verständigung mit soziokulturellen Phänomenen führen. Erst die Kategorien der Kreativität des Prozesses und des organismischen Wachstums gestatten den Zugang zu komplex-dynamischen Phänomenen, wie sie einen Großteil der Naturvorgänge kennzeichnen und ohne die soziokulturelle Prozesse überhaupt nicht erfaßbar wären. Es geht um den erkenntnistheoretischen und empirischen Zugang zur kreativen Eigendynamik der Dinge, zur Herausbildung und Entwicklung ihrer Eigenzeiten sowie ihrer spezifischen Zeitmaße, der den "Prozeß einer autonomen Transformation, den die Griechen physis nannten" (ebenda, S. 293), zu erschließen gestattet. "In diesem Sinne ist unsere Wissenschaft endlich zu einer physikalischen Wissenschaft geworden, denn sie hat endlich eingeräumt, daß die Dinge, und nicht nur die belebten Dinge, autonom sind. In der Einleitung sprachen wir von einem 'neuen Zustand der Natur', der z.T. auf menschliche Aktivität zurückzuführen ist. Das Wachstum dieser neuen, von Maschinen und Techniken bevölkerten Natur, die Entwicklung von sozialen und kulturellen Praktiken und das Anwachsen der Städte sind ebenso wie das Wachstum der Pflanzen kontinuierliche, autonome Prozesse, in die wir sicherlich modifizierend und organisierend eingreifen können, deren eigenes Entwicklungstempo wir jedoch respektieren müssen" (ebenda).

Ohne es explizit zu formulieren, umreißen hier Prigogine/Stengers ein neues nichtmechanistisches Fortschrittsmuster, das mit Hilfe des Selbstorganisationsparadigmas, insbesondere des kreativen Zeitbegriffs modelliert wird. Allerdings neigen Prigogine/Stengers dazu, mit Hilfe von vorschnellen Analogie- Schlüssen naturwissenschaftliche Phänomene komplexer Dynamik auf sinnhaftes, vernünftiges menschliches Handeln zu transformieren. Vielmehr müßte nachgewiesen werden, daß die verwendeten methodischen Basiskategorien gleichermaßen den systematischen Zugang zum dynamischen und prozeßhaften Verhalten selbstorganisierender Systeme und zu einer prozeßorientierten Fortschrittsdynamik technologischer 'Evolution' gestatten.

Von daher scheint es mir sinnvoll, die strukturellen Affinitäten zwischen Whiteheadscher Kosmologie und Selbstorganisationsparadigma in bezug auf die Modellierung komplexer Fortschrittsdynamik näher zu untersuchen.

J. Götschl (1990) bietet dafür insofern einen interessanten Ansatz, als er die Frage formuliert, ob mit Hilfe des neuen physikalischen Ansatzes bei Prigogine und mit Hilfe der Prozeßphilosophie bei Whitehead ein "synthetischer Zugang" zum 'Mensch-Natur-Gefüge' erreicht werden kann. "Dies ist ganz klar zu bejahen, da es zwischen der mit der Theorie der Selbstorganisation aufgedeckten Prozeßontologie und der Prozeßphilosophie signifikante Affinitäten gibt, auch wenn diese erst mühsam identifiziert werden müssen. Etwas verkürzt gesagt, kann man davon ausgehen, daß die Theorie der Selbstorganisation in einem hohen Maße eine Art wissenschaftliche Realisierung der Prozeßphilosophie von Whitehead gebracht hat. ... Denn im Denkansatz von Whitehead wie von Prigogine findet sich das Grundmuster, wonach sich phi- [S.230] losophisches und wissenschaftliches Denken über das 'Mensch-Natur-Gefüge' eher in einem Kontinuum bewegen, das Philosophie und Wissenschaft nur jeweils unterschiedliche, aber voneinander nicht separierbare Darstellungsformen von Elementen des 'Mensch-Natur-Gefüges' sind" (J. Götschl 1990, S. 193). Götschl macht dabei nicht den Versuch, die 'Prozeßontologie' der Selbstorganisation und die Prozeßphilosophie Whiteheads jeweils voneinander abzuleiten, sondern er spannt für beide einen gemeinsamen Problemhorizont, nämlich das 'Mensch-Natur-Gefüge' auf, in dem die "kategoriale Separation" von Naturwissenschaft und Naturphilosophie gegenstandslos wird. Prozeßorientierte Naturwissenschaft und Prozeßphilosophie stellen dann jeweils unterschiedliche, aber voneinander nicht mehr separierbare Darstellungsformen von Elementen des komplexen 'Mensch-Natur-Gefüges' dar. "Der gemeinsame Zugang zum 'Mensch-Natur-Gefüge' kann ausgezeichnet werden durch den Zusammenhang von Whiteheads Konzept der Natur als Organismus und Prigogines Konzept der 'dissipativen Strukturen'. Beide, die Prozeßontologie von Prigogine und die Prozeßphilosophie von Whitehead, versuchen der Tendenz nach, die scheinbar unlösbare Frage zu beantworten, wie das erkennende Subjekt ontologisch gleichrangig in eine Naturkonzeption integriert werden könnte. Während Whitehead die philosophische Analyse eher 'von oben', vom Subjekt - bzw. Selbstverständnis aufnimmt, geht Prigogine eher 'von unten' aus, vom physikalischen Materieverständnis. Obwohl die Begrifflichkeiten von Whitehead und Prigogine unterschiedlich angelegt sind, fallen sie der Grundintention nach zusammen" (ebenda, S. 193 ff.)

Götschl stellt zu Recht fest, daß im dynamisch- organismischen Naturmodell Whiteheads der Funktion der Zeit eine konstitutive Rolle im "Prozeß des Selbstaufbaues der Natur" zukommt. Ferner weist Götschl darauf hin, daß Whitehead die Kategorie der Zeit in zweifacher Weise betrachtet: nämlich erstens als Parametrisierung eines statischen Zeitbegriffs, wonach sich Zeit selbst nicht ändert, sondern nur die Ereignisse in der Zeit (physikalischer Zeitbegriff) und zweitens als "Zeitbegriff, der dem genetischen Prozeß, den sich selbstgenerierenden Prozeßeinheiten, immanent (implizit) ist. Im Werden einer prozessualen Singularität entsteht erst Zeit als extensive Größe ... Die genetische Zeit, die den Prozessen immanenten Zeiten, ist nach Whitehead Konstitutionsprinzip einer werdenden Singularität. Deswegen kann Whitehead hieraus die Konsequenz ziehen, daß sich der genetische Prozeß nicht in der physikalischen Zeit ... vollzieht. Die physikalische Zeit charakterisiert zwar einige Merkmale des sich generierenden Geschehens, charakterisiert jedoch nicht die Genese der Merkmale selbst" (ebenda, S. 195). Vor dem Hintergrund dieses komplex-dynamischen und kreativen Zeitbegriffs skizziert Götschl in kompakt-abstrakter Weise die Affinitäten von prozeßorientierter Naturwissenschaft und Prozeßphilosophie, wobei für ihn die entscheidende inhaltliche Verbindung im Zusammenhang zwischen "Organizität und Zeit" besteht. In Anlehnung an Götschl sind folgende Affinitäten zu nennen:

[S.231]

  1. Whiteheads Begriffen der kreativen und prozessualen Veränderung als Konstitutionsprinzip entsprechen bei Prigogine die Konzeptionen der komplex-dynamischen Instabilitäten, die Brechung der zeitlichen Symmetrie (Bifurkationsdynamik) sowie die Herausbildung und Entwicklung von Eigenzeiten (genetischer, immanenter Zeitbegriff);

  2. Der Evolution als zunehmender Verschränkung von Prozeßeinheiten auf tendenziell steigendem Komplexitätsgrad entspricht die komplexe Selbstorganisationsdynamik;

  3. Die aktiven, sich selbst generierenden und ausdifferenzierenden Prozeßeinheiten mittels Umwelt entsprechen den Nichtgleichgewichtsprozessen offener Systeme;

  4. Die prozessualen Einheiten (mit beschränkter Dauer) bei Whitehead entsprechen den dissipativen Strukturen (mit beschränkter Dauer) bei Prigogine;

  5. Die Annahme der Dynamik der Trajektorien ist bei Whitehead implizit vorausgesetzt, bei Prigogine in ersten Schritten explizit gemacht, um die Selbstgenerierung erklären zu können (vgl. Götschl S. 195 ff.).

Diese in Anlehnung an Götschl formulierten strukturellen Affinitäten von Prozeßphilosophie und Selbstorganisationsparadigma müßten eingehender und konkreter untersucht werden, um die systematischen Zusammenhänge transparenter zu machen. Dennoch lassen sich letztere bereits im Ansatz so deutlich erkennen, daß Problemlösungsvorschläge für die derzeitige Krise des Mensch-Natur-Gefüges auf der Basis der Theorie der Selbstorganisation und der Prozeßphilosophie Whiteheads äußerst fruchtbar erscheinen. Qualitative Charakteristika und Orientierung für ein nachhaltiges Fortschrittsverständnis werde ich daher wesentlich dem Whiteheadschen Fortschrittsmodell - wie im vorangehenden Kap. 4.2 beschrieben - entnehmen, um es mit Hilfe des Selbstorganisationsparadigmas zu modellieren und zu operationalisieren. Denn damit könnten nicht nur die strukturellen Zusammenhänge von Zivilisationsdynamik und Naturdynamik innerhalb eines gemeinsamen Problemhorizontes erfaßt und analysiert werden, sondern beide Dynamiken mit Hilfe komplex adaptiver Selbstorganisationsprozesse modelliert werden. Dazu wären m.E. im Unterschied zu Götschl nicht nur die 'dissipativen Strukturen' Prigogines heranzuziehen, sondern die gesamte Tiefe und Breite der Selbstorganisationsphänomene (vgl. Kap. 2 der vorliegenden Arbeit), um die Bedingungen der Möglichkeiten verträglicher Prozeßmuster für eine korrespondierende Zivilisationsdynamik und Naturdynamik bestimmen zu können. Es geht also darum, auf der 'Folie' der Whiteheadschen Prozeßphilosophie mit Hilfe des Selbstorganisaationsparadigmas die Randbedingungen des Entwicklungskorridors weiter zu konkretisieren, innerhalb derer Zivisisations- und Naturdynamik verträglich zu gestalten sind. Götschl sieht dafür folgenden Rahmen: "Zum einen wird es jetzt darum gehen, aufdecken zu können, welche der 'problematischen' soziokulturellen Phänomenklassen mit welchem Naturverständnis zusammenhängen oder [S.232] gar davon abhängen. Zum zweiten dürfte es nunmehr möglich sein, jene Gründe zu finden, die dafür verantwortlich sind, warum ein vertieftes Verständnis der Natur bzw. des 'Mensch-Natur-Gefüges' zu größeren Zivilisationsproblemen führt: Eine Beantwortung dieser Frage wird den Wissenschaftsbegriff der Zukunft bestimmen. Denn dominante Zivilisationserscheinungen des 20. Jahrhunderts weisen drei bekannte Charakteristika auf: (i) eine Tendenz der Irreversibilität von Ereignissen, (ii) die Unabschließbarkeit (Offenheit) von Ereignissen und (iii) die Interdependenz von Ereignissen. Aber genau diese drei Charakteristika repräsentieren auch das, was Natur bedeutet: ein irreversibles, offenes und in sich vernetztes System" (ebenda, S. 198).

Dies verweist zwar auf den strukturellen Zusammenhang von Zivilisationsdynamik und Naturdynamik, berücksichtigt aber noch zu wenig, daß die technologische Zivilisationsdynamik selbst einen kreativen Prozeß eröffnet und neue Möglichkeiten für die Antizipation von Zukunft schafft. Denn auch der technologische Problemhorizont wird durch die allgemeinen Charakteristika Irreversibilität, Offenheit und Interdependenz gekennzeichnet, so daß eine universelle Berücksichtigung dieser drei Qualitäten zu einer Lösung für eine verträgliche Zivilisations-, Natur- und Technologiedynamik führen könnte. Die drei Charakteristika verweisen allerdings auch auf den 'selbstgenerierenden Prozeß', auf die genetische Zeit, die als Konstitutionsprinzip Prozeßphilosophie und Selbstorganistionsparadigma verbindet. Folglich sehe ich als übergreifendes Maß für die Bestimmung von Bedingungen der Möglichkeit einer verträglichen Mensch-Natur- Technologie-Dynamik die Zeit selbst!

Die Zeit in der Gestalt als irreversibler, offener und interdependenter Prozeß eröffnet so die Möglichkeit für eine gemeinsame Betrachtung menschlicher, natürlicher und technologischer Antizipation von Zukunft. Als eine zentrale Bedingung der Möglichkeit für eine nachhaltiges Fortschrittsmuster läßt sich daher folgendes angeben:

Menschliche Vor-Sorge, natürliche Evolution und technologische Nachhaltigkeit sind in der Einheit der Zeit zu verbinden!

Einen grundlegend anderen Ansatz, das neuerliche Interesse am Zeitbegriff in Philosophie und Naturwissenschaften zu deuten, versucht Mike Sandbothe (1994), indem er die "Verzeitlichung der Zeit" untersucht. In Übernahme der Position von Richard Rorty stellt Sandbothe die These auf, daß Zeitbegriff und Zeitverständnis selbst zeitlicher Kontingenz unterliegen und damit ein geschichtliches "Produkt von Zeit und Zufall" (Rorty) darstellen. Vor dem Hintergrund dieser radikal historisierenden Einordnung des Zeitverständnisses glaubt Sandbothe auch die neueren naturwissenschaftlichen Entwicklungen veränderter Zeitmodelle in Chaos- und Selbstorganisationsforschung verstehen zu können. "Ich meine, daß diese pragmatische, die Zeit radikal verzeitlichende und historisierende Haltung eine vernünftige Folie bietet, auf [S.233] deren Hintergrund sich auch die aktuellen Entwicklungen in der Physik der Selbstorganisation deuten lassen" (Sandbothe 1994, S. 24). Dennoch will Sandbothe den Zeitbegriff der neueren Physik ("gegenständliche Verzeitlichung") deutlich unterschieden wissen von demjenigen in der Philosophie ("reflexive Verzeitlichungstendenz"). Er wendet sich damit gegen einen vorschnellen und abstrakten "Universalismus", wie er ihn bei Prigogine vermutet, um sich gegen dessen Interpretation von einem Subjekt und Objekt umgreifenden Strukturzusammenhang nichtlinearer Zeitlichkeit abzugrenzen. "Die Physik hat genauso wenig wie die Philosophie oder irgendeine andere Wissenschaft einen ausgezeichneten Zugang zu ewigen Wahrheiten. Die Physik hat ihre ganz eigene durch und durch kontingente Geschichte ... Man sollte Ergebnisse aus dem Bereich der Physik nicht als Fundamente für philosophisch- spekulative ... Denkgebäude verwenden" (ebenda, S. 27).

Abgesehen davon, daß weder die derzeitige Philosophie noch die Physik "ewige Wahrheiten" für sich in Anspruch nehmen kann und will, geht diese Aussage am Kern des Problems vorbei: nämlich dem Problem der relationalen und inhaltlichen Verbindung von 'reflexiver Verzeitlichung' einerseits und 'gegenständlicher Verzeitlichung' andererseits. Solange die Geschichte des Zeitbegriffs in Naturwissenschaften und Philosophie nicht inhaltlich jeweils aufeinander bezogen sind, bleibt der Begriff der 'reinen Kontingenz' lediglich eine abstrakte "Folie" und legt einmal mehr das Problem einer dualistischen Spaltung von Subjekt und Objekt offen. Gerade vor dem Hintergrund der Analyse Georg Pichts und der Kosmologie Whiteheads, die die 'reflexive' und die 'gegenständliche' Ebene systematisch aufeinander bezogen haben, um einen gemeinsamen Horizont zugrunde zu legen, führt m.E. der Ansatz Sandbothes nicht weiter. Ebenso entwickelt er seinen wichtigen Gedanken, daß in Naturwissenschaft und Technik sich derzeit ein Wandel insofern vollzieht, als sie "sich in zeitsensiblere(n) Formen des Umgangs mit Mensch und Natur einzuüben" beginnen, leider nicht weiter: denn eine mögliche Deutung, warum gerade jetzt die Bedeutung der Zeitdiskussion in Geistes- und Naturwissenschaften zugenommen hat, könnte darin liegen, daß sich die Geschichte von Naturwissenschaft und Technik einerseits sowie von Gesellschaft und Kultur andererseits immer stärker durchdringen und verknüpfen, da die destruktiven Formen des naturwissenschaftlich-technischen Umgangs mit der Natur und die Existenzkrise menschlicher Zivilisation einen gemeinsamen, nicht mehr separierbaren, dynamischen Problemhorizont darstellen, in dem das Zeitverständnis und der Umgang mit Zeit zu einer Schlüsselfrage geworden ist. Gerade eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Zeitbegriff führt auf einen Gesamthorizont, der sowohl die Reflexion des menschlichen Daseins als auch das Verhältnis des Menschen zur Natur einbezieht. Der Zeitbegriff unterliegt der Geschichte - und zwar der Kultur- und Naturgeschichte - ist aber nicht beliebig kontingent, sondern bringt zum Ausdruck, wie einerseits die Zeit als Bedingung der Möglichkeit von Selbsterkenntnis und Naturerkenntnis zur Wirkung kommt, und andererseits technologisches Handeln wiederum geschichtliche [S.234] (zeitliche) Folgewirkungen zum Vorschein bringt, die ihrerseits auf die menschlichen Existenzbedingungen und Naturbedingungen rückvermittelt sind. Es ist die Prozeßhaftigkeit zeitlichen Geschehens, die sowohl der Zivilisationsdynamik als auch der Naturdynamik eigen ist, in der offene, nichtdeterminierbare Zukunftsentwicklungen, aber auch Prozeß-Muster und 'Tiefen'strukturen der Entwicklung zum Ausdruck kommen.

Vor dem Hintergrund dieses Problemhorizontes lassen sich Zeit- Verständnis und damit auch Natur(wissenschafts)- Verständnis im Rahmen der Selbstorganisations- und Chaosforschung in anderer Weise verstehen als die abstrakte Verknüpfung des philosophisch-reflexiven Zeitbegriffs mit den kontingenten Bedingungen der Naturwissenschaftsgeschichte es gestattet. Es geht vielmehr darum, mit Hilfe eines prozeßhaft-kreativen Zeit- und Naturverständnisses Problemlösungspotentiale für ein nichtmechanistisches, technologisches Fortschrittsmuster ausfindig zu machen, das ich auf der Basis des Selbstorganistionsparadigmas zu konkretisieren versuche.

Im Unterschied zur mechanistischen Konzeption der neuzeitlichen Naturwissenschaften werden die komplex- dynamischen Selbstorganisations-Phänomene im wesentlichen als zeitliche Prozesse charakterisiert, die in kreativer Weise neue Strukturen hervorbringen. Fluktuationen, Ereignisse und dynamische Muster kennzeichnen den 'Geschichtsprozeß' eigenzeitlicher Entwicklungen, die nicht länger mit Hilfe eines linearen Zeitparameters erfaßbar sind. Die zentrale Eigenschaft der Nicht- Linearität von komplex-dynamischen Prozessen führt zu einem spezifischen Zeitverhalten, das einerseits in Form komplexer Verzweigungen neue Zeit'räume' und damit neue Möglichkeiten eröffnet, aber andererseits die Vorhersehbarkeit von Systementwicklungen stark einschränkt. Selbstorganisationsprozesse führen zum einen auf stabile dynamische Strukturen, die sich ständig erneuern und ihren jeweiligen Komplexitätsgrad ausfüllen, und zum anderen auf instabile Übergange mit neuartigen Entwicklungsmöglichkeiten. Chaotische Instabilitäten und die damit einhergehende Nichtgeltung des starken Kausalitätsprinzips kennzeichnen einen neuen Typus von Dynamik, der einerseits unvorhersehbar und zufällig, aber andererseits nicht rein stochastisch, sondern 'geordnet' verläuft. Alle offenen Systeme im thermodynamischen Nichtgleichgewicht enthalten die Potenz von selbstorganisierender bzw. chaotischer Entwicklung in sich, ohne daß diese in jeder Phase notwendigerweise festgelegt wäre. "Entwicklung ist nichts Unverständliches, außerhalb der Welt Angesiedeltes mehr, sondern ist aus der Welt heraus verständlich, als das in ihr wohnende Strukturgesetz der Komplexität" (von Woldeck 1989, S. 22). Komplex-dynamisches Zeitverhalten muß als Normalfall in der uns umgebenden Welt angesehen werden, während linear-mechanistische, vollständig determinierte Prozesse die Ausnahme darstellen: Die paradigmatische, universelle Geltung mechanistisch-linearer Zeitlichkeit läßt sich vor allem in bezug auf die Mensch-Natur-Technologie-Dynamik nicht länger aufrechterhalten!

[S.235] Dies wiederum führt auf eine weitere wichtige Einsicht: Irreversibles und komplexes Zeitverhalten enthält als Grenzfall die Reversibilität und Linearität in sich - nicht aber umgekehrt; die komplexe Dynamik von Nicht- Gleichgewichtsprozessen hilft nicht nur instabiles Verhalten, sondern auch stabile Gleichgewichtszustände zu verstehen - nicht aber umgekehrt! Dies muß zu entscheidenden Rückwirkungen auf die Bedingungen der Möglichkeit zur Modellierung von nachhaltigen Natur- und Technikprozessen führen und bestimmte, scheinbare Selbstverständlichkeiten naturwissenschaftlichen Arbeitens in Frage stellen.

Dies betrifft insbesondere die Grenzen von Komplexreduktion, von vollständiger Determiniertheit bis hin zu den Grenzen der Verifikation und Reproduzierbarkeit naturwissenschaftlicher und technologischer Gesetzmäßigkeiten. Ein besonderes Problem stellt dabei die Rolle der Kontingenz bzw. die freie Wahl der Randbedingungen dar: In den klassisch-dynamischen Beschreibungen sind die möglichen Lösungen unabhängig von den jeweiligen Randbedingungen, d.h. die Randbedingungen sind kontingent, also in gewisser Weise beliebig. Bei nichtlinearen komplex- dynamischen Prozessen gilt dieses nicht mehr, da hier 'innere' Vorgänge und 'äußere' Randbedingungen spezifisch miteinander verknüpft sind. Jede vernünftige Auswahl eines technologischen 'Entwicklungskorridors' für nachhaltige Entwicklung müßte also spezifische, nichtkontingente Randbedingungen berücksichtigen. "In der 'klassischen' Physik enthält die allgemeine Lösung der Bewegungsgleichungen freie Konstanten, über deren Festlegung sich beliebige Randbedingungen erfüllen lassen - die Randbedingungen sind kontingent. Bei rekursiven Prozessen wirkt die Rekursion als Selektionsmechanismus mit der Folge, daß Lösungen nicht mehr unabhängig von den Randbedingungen existieren; beide hängen in einer nichttrivialen Weise voneinander ab - die Randbedingungen sind spezifisch, allgemeine Lösungen werden durch individuelle ersetzt" (Krohn/Küppers 1989, S. 73). Die Rekursion legt nicht nur die zeitliche Irreversibilität von Prozessen offen - der Zustand eines Systems zu einem beliebigen Zeitpunkt hängt unmittelbar vom vorhergehenden ab; jeder Systemzustand ist Anfangsbedingung für den nächsten -, sondern sie fördert durch chaotische Irregularität und evolutionäre Dynamik 'Geschichtlichkeit' und geordnete 'Tiefenstrukturen in Form von Prozeßmustern zutage. Die 'Tiefenstruktur' tritt in der Form selbstähnlicher Muster auf. "Die Chaosforschung hebt den Widerspruch zwischen Determinismus und Chaos, zwischen Gesetzmäßigkeit der Entwicklung und Irregularität der Erfahrung auf. Ordnung und Chaos existieren nebeneinander. Auch das Chaos hat noch eine Art von Ordnung. Ihr Prinzip ist die Selbstähnlichkeit und ihr Mechanismus die Rekursion. Selbstähnlichkeit bedeutet ein Muster im Muster, das sich in unterschiedlichen Maßstäben unendlich oft wiederholt, weil die Rekursion als Erzeugungsmechanismus in allen Maßstäben musterbildend wirkt. Ordnung dagegen ist die strikte Wiederholung eines Musters. Chaos ist kein völlig ungeordnetes Wirrwarr, sondern ein durch Rekursion erzeugtes 'geregeltes' Durcheinander. Daß [S.236] mit mathematischer Genauigkeit die Unvorhersehbarkeit der Entwicklung rekursiver Prozesse modelliert werden kann - das ist im Kern die Revolution unserer Weltsicht durch die Chaosforschung. Das schließt die Berechenbarkeit technischer Konstruktionen nicht aus. Aber diese verlieren ihren paradigmatischen Charakter: Das Universum ist kein Uhrwerk, der Planet keine Maschine, die Lebewesen sind keine Automaten, das soziale Zusammenleben fügt sich keinem Plan ... Vielmehr stellt die Chaosforschung die gesamte Idee der Planung - der ökologischen wie der sozialen - auf eine harte Probe: Wenn Planungen Eingriffe in rekursive Systeme sind, dann ist der Ausgang dieser Planungen allemal ungewiß. Sie sind Anstöße in evolutionäre Richtungen - nicht mehr, aber eben auch nicht weniger" (ebenda, S. 79 ff.). Präzisierend sei hier hinzugefügt, daß mit den eben genannten "technischen Konstruktionen" wohl mechanistisch technische Konstrukte gemeint sind, die im Rahmen komplex-dynamischer Selbstorganisationsprozesse und Evolutionsstrategien ihren "paradigmatischen Charakter" verlieren. Ein neuartiges technologisches 'Fortschreiten' müßte sich also nicht nur in eine homogene 'Einheit der Zeit' (Picht), sondern auch in nichtlineare, komplexe Zeit- und Prozeßstrukturen einfügen: Je mehr technische Entwicklungsprozesse mit den eigenen Folgen rückgekoppelt - mit dem Ziel der Minimierung von unbeabsichtigten Nebenwirkungen -, fehlerfreundlich und lernfähig sind (vgl. Abb. 2c), desto eher lassen sie sich als rekursive, selbstorganisierende Prozesse charakterisieren. Ein derartig qualitativ neuer Typus technologischen Fortschritts würde dann zu einem wirklich offenen Prozeß, allerdings ohne uneingeschränkt kontingent zu sein: die Randbedingungen sind nun nicht mehr beliebig frei wählbar - wie es im Idealfall dem linear-mechanistischen Fortschrittsdenken erschien. Demgegenüber legt ein neuartiges, komplexes Fortschrittsmuster über spezifische Randbedingungen einen begrenzten Entwicklungskorridor fest, von dem die stabilen Lösungen der Mensch-Natur-Technologie-Dynamik abhängen. Dafür ist komplexes Zeitverhalten konstitutiv: die jeweiligen menschlichen, natürlichen und technologischen Eigenzeiten sollen so strukturell und 'maßvoll' gekoppelt sein, daß sie sich innerhalb dieses 'Korridors' bewegen.

Einerseits wird so ein kreativer Fortschrittsprozeß des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges in der komplex strukturierten Einheit der Zeit mit neuen Möglichkeiten eröffnet, andererseits wird der Möglichkeitsraum dieses Prozesses eingeschränkt. Diese Einschränkung erfolgt aber nicht einfach aufgrund äußerer Setzungen und Determinanten, sondern innerer Prozeßmuster, die mit den spezifischen Randbedingungen des Entwicklungskorridors rückgekoppelt sind (Selbstbegrenzung). Der so begrenzte Selbstorganisationsprozeß des Gesamt- Gefüges zeigte nicht nur ein bestimmtes Zeitverhalten, sondern würde auch durch komplexes Zeitverhalten konstituiert. Die komplex strukturierte Einheit der Zeit würde so selbst zur Bedingung der Möglichkeit für ein neues Fortschrittsmuster.

[S.237] Fragt man nach den gemeinsamen Charakteristika von o.g. begrenztem Selbstorganisationsprozeß, komplexem Zeitverhalten und einem neuen Fortschrittsmuster, so zeigen sich wieder: Irreversibilität, Offenheit und Interdependenz, wobei ich der Vollständigkeit halber Historizität, Kreativität und Prozeßhaftigkeit hinzufügen möchte. Dabei scheint es mir sinnvoll, diese gemeinsamen Charakteristika in modellhaften Zeit-Bildern näher zu untersuchen, um mit deren heuristischem Erkenntniswert und Modellcharakter die komplexe Mensch-Natur- Technologie-Entwicklungsdynamik genauer erfassen zu können.

Dafür scheinen mir in der Selbstorganisationsforschung drei modellhafte Zeitkonzepte bzw. Zeit-Bilder weiterzuführen, die die verschiedenen Facetten komplexen Zeitverhaltens charakterisieren:

(a) Das temporale Selbstorganistionsfeld

Cramer (1993) hat das temporale Selbstorganistionsfeld als ein allgemein evolutionäres Raumzeit-Feld definiert, in dem die Zeit selbst eine Dimension wird.121 Cramer charakterisiert weiterhin Selbstorganisationsprozesse als "Zeitbaum"122 . Der Zeitbaum vereinigt auf seinen verschiedenen 'Ästen' und 'Zweigen' verschiedene Zeitqualitäten, komplexe Verzweigungen, selbstähnliche Muster und verschiedene Mischungsverhältnisse von reversiblen und irreversiblen Zeitanteilen. Dies bedeu- [S.238] tet, "daß es nicht nur eine einzige irreversible Zeitachse gibt, an der eine Reihe von reversiblen zyklischen Strukturen oder von seltsamen Attraktoren hängt, sondern daß es sich um einen ganzen Zeitbaum handelt. Die Äste des Zeitbaumes könnten dann je nachdem der geschichtlichen Zeit, der physiologischen Zeit, der thermodynamischen oder kosmologischen Zeit usw. entsprechen, sie sind Stränge von Eigenzeiten" (ebenda, S. 118). Technologische Fortschrittsdynamik ließe sich mit Hilfe des temporalen Selbstorganistionsfeldes modellieren und analysieren, wobei sich die reversiblen Zeitanteile in einem Kausalschema erfassen ließen, während die irreversiblen Zeitanteile nur sehr eingeschränkt prognosefähig wären. Dabei lassen sich selbstähnliche Strukturen und Prozeßmuster, vor allem aber die Art der Dynamik erkennen. Ebenso aufschlußreich sind die Resonanzbeziehungen zwischen den Eigenzeiten bzw. ihre "Zeitverschränkung" (S. 203) für die Aufschlüsselung der Mensch-Natur-Technologie-Entwicklung. Das temporale Selbstorganisationsfeld zeichnete sich wie jeder lernfähige Selbstorganisationsprozeß durch eine innere Kreativität aus, die im nichtlinearen Iterationsprozeß der reversiblen und irreversiblen Zeitanteile zum Ausdruck kommt und durch äußere 'Kontrollparameter' beeinflußt wird. Die dabei auftretenden Rückkopplungsprozesse, die einerseits stabile Zeitmuster wie z.B. Zyklen oder fraktale Tiefenstrukturen und andererseits innovative Zeitsprünge zum Ausdruck bringen, lassen sich mit Hilfe des Hyperzykluskonzeptes modellieren. "Der Hyperzyklen-Mechanismus stellt ein Raum- zeitliches bzw. Struktur-zeitliches Selbstorganisationsschema vor, in welchem selbsterhaltende, sich selbst reproduzierende Zyklen, Zeitkreise, Kreisprozesse ... kombiniert sind mit innovativen Strukturzeit-Sprüngen ..." (ebenda, S. 225). Insbesondere lassen sich organismische Prozesse mit Hilfe des "produktiven Zeitgetriebes" zwischen reversiblen und irreversiblen Zeitvektoren als vielfältige Zeitresonanzen, gekoppelte Rhythmen, d.h. einem bestimmten Zeitmaß folgend, beschreiben. Im Prinzip ließe sich auf diese Weise z.B. der gesamte Metabolismus und der Energiestoffwechsel als komplexes Zeitbild bzw. temporales Selbstorganisationsfeld charakterisieren.

(b) Das Möglichkeitsfeld

Bevor ich dieses weitere Zeit-Bild erläutere, vorher einige Betrachtungen zum Begriff der Möglichkeit.

Zunächst ist der Begriff der Möglichkeit von dem der Wahrscheinlichkeit zu unterscheiden. Insbesondere bei Risikobetrachtungen und Folgenabschätzungen sind bestimmte Eintritts-Wahrscheinlichkeiten wenig aussagekräftig. Das Ausmaß einer möglichen Katastrophe ist für die Überlegung viel wichtiger als die Stelle hinter dem Komma, an der die Wahrscheinlichkeit einen Wert verschieden von Null annimmt. Die Möglichkeit eines Ereignisses ist immer größer bzw. umfassender als die [S.239] Wahrscheinlichkeit: Was wahrscheinlich ist, ist auch mindestens 'genauso' möglich, aber was völlig unwahrscheinlich ist, kann trotzdem vollkommen möglich sein. Von daher ist es wesentlich sinnvoller, bei technologischen Prozessen und komplexen Ereignisstrukturen nach den Bedingungen der Möglichkeiten zu fragen und nicht nach den Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen.123

Weiterhin gehe ich vom Kantischen Verständnis des Begriffs der Möglichkeit aus, der diese nicht als bloß formale oder logisch konstruierte betrachtete, sondern als Gegenstandsmöglichkeit. "Der Satz: alles Existierende ist durchgängig bestimmt, bedeutet nicht allein, daß von jedem Paare einander entgegengesetzter gegebenen, sondern auch von allen möglichen Prädikaten ihm immer eines zukomme; es werden durch diesen Satz nicht bloß Prädikate untereinander logisch, sondern das Ding selbst mit dem Inbegriffe aller möglichen Prädikate transzendental verglichen. Er will so viel sagen als: um ein Ding vollständig zu erkennen, muß man alles Mögliche erkennen und es dadurch, es sei bejahend oder verneinend, bestimmen" (B 601).

Die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit führt weiterhin auf die Frage nach der Kohärenz zwischen dem vernünftigen 'Entwurf' und der Gegenstandsmöglichkeit. Dies führt auf ein doppeltes Resultat: nämlich die Determiniertheit und die Offenheit. "Bedingungen sind immer das, was unaufhebbar vorgegeben ist ..., Möglichkeit hingegen ist eine Offenheit für ein Sein-Können" (Picht 1992, S. 117). Die Determiniertheit verweist dabei auf Vergangenheit und Vorgeschichte, das Sein-Können auf die Zukunft von Entwicklungsprozessen. Die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit bedeutet daher im Kern, die Frage nach der Erkenntnis bisheriger und der Antizipation zukünftiger Entwicklungen. Dies wiederum hängt in besonderer Weise mit dem Begriff der 'Nachhaltigkeit' zusammen: Nachhaltige Entwicklung zeichnet sich dadurch aus, "daß möglichst lange möglichst viele Zukünfte möglich sind, die Schwankungsbreite (Elastizität) groß ist und Irreversibilitäten so gut wie möglich vermieden werden" (K. Kümmerer 1993, S. 99). Eine nachhaltige, zukunftsoffene Entwicklung bedeutet daher eine Entwicklung, die für die Zukunft möglichst viele verschiedene Entwicklungswege offenhält.

In diesem Sinne ist also die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit für eine nachhaltige Technologieentwicklung gleichbedeutend mit der Frage nach dem Entwicklungspotential eines Techniktypus, der in der Lage ist, Zukunft offenzuhalten. Insbesondere vor dem Hintergrund einer sinnvollen Gestaltung der Zukunft des [S.240] Mensch-Natur-Technologie-Gefüges gewinnt deshalb das Zeit-Bild des Möglichkeitsfeldes nicht nur aus heuristischen Gründen wesentliche Bedeutung.

Im Zusammenhang mit der zeit-philosophischen Durchdringung komplexer dynamischer Entwicklungsprozesse erläutert Hörz (1989) den Begriff des Möglichkeitsfeldes. "Für die Tätigkeit der Menschen ist jedoch die Stabilität komplexer Strukturen und ihrer Entstehung besonders wichtig. Strukturbildung ist mit der Herausbildung von Möglichkeitsfeldern des Systemverhaltens verbunden. ..., mit der Selbstorganisation bildet sich ein relatives Ziel wie Systemstabilität durch Strukturierung heraus. Man kann nun Möglichkeitsfelder für Prozesse untersuchen, in denen Strukturen sich herausbilden, wobei die stochastischen Verteilungen und probabilistischen Übergänge sich auf Systeme mit bestimmten Strukturen beziehen. Ist ein System strukturiert, dann existiert ein Möglichkeitsfeld für das Verhalten dieses Systems, das ebenfalls mit ... dem Maß für die Realisierung von Möglichkeiten verbunden ist. Unter diesen Möglichkeiten findet sich auch, neben denen für die Stabilität des Systems, die Strukturauflösung. Die Frage, die damit impliziert wird, ist die: Ist es in Entwicklungszyklen möglich, die Möglichkeitsfelder für Systemauflösung und Systembildung beim Entstehen anderer Qualitäten der Grundqualität, beim Herausbilden neuer und höherer Qualitäten im Entwicklungszyklus zu bestimmen?" (Hörz, ebenda, S. 147 ff.). Zeitliche Dynamik, komplexe Strukturbildung und die Analyse von Entwicklungspotentialen lassen sich mit Hilfe eines Möglichkeitsfeldes modellieren, dessen Charakteristika wiederum den Eigenschaften selbstorganisierender Prozesse wesensverwandt ist. Damit wird einerseits eine gewisse "Zeitsensibilität" zur Wahrnehmung der Folgenverantwortung erfaßt und andererseits die Möglichkeit einer Zeitgestaltung auf ihre Bedingungen hin hinterfragt. In Bezug auf die Mensch-Natur- Technologie-Dynamik offenbart das Möglichkeitsfeld ferner die 'Zeitverträglichkeit' der komplex überlagerten und gekoppelten Eigenprozesse menschlicher, natürlicher und technologischer Belange. Von daher wäre dasjenige Möglichkeitsfeld genauer zu untersuchen, in dem die 'zeitverträgliche', nachhaltige Entwicklung des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges zum Ausdruck kommt und das sich innerhalb eines Entwicklungskorridors ausbreitet.

(c) Das Eigenzeiten-Netzwerk

Hintergrund dieses komplexen Zeitbildes ist die topologische Äquivalenz verschiedener Bewegungsformen nichtlinearer Systeme wie z.B. chaotische Bewegung und Evolutionsprozesse (vgl. Pohlmann/Niedersen 1991, S. 178 ff.). Wenn viele Subsysteme miteinander auf nichtlineare Weise wechselwirken, so organisieren sie selbst unter bestimmten instabilen Bedingungen makroskopische Strukturen in Raum und Zeit: "Die einzelnen Bewegungsmoden bilden zusammen den Ordnungsparameter [S.241] und dieser taktet wieder die makroskopische Bewegung der Moden" (ebenda, S. 179). Dabei bilden die Subsysteme und das Gesamtsystem jeweils verschiedene Eigenzeiten aus, die nicht mehr auf einen Mittelwert reduziert werden können, ohne daß die Information über das spezifische Zeitmuster verlorengeht. Es stellt sich das Problem der Koordination der verschiedenen Eigenzeiten: Diese wird nicht durch äußere Eingriffe hergestellt, sondern bildet sich durch die innere nichtlineare Dynamik heraus und führt auf ein stabiles Koppelsystem von Eigenzeiten, was als Entstehungsvorgang komplexer Zeitmuster interpretiert werden kann. "Aus dem Wirrwarr der vielen Eigenzeiten (die den Eigenbewegungen entsprechen), entsteht plötzlich, eben im Bifurkationspunkt, eine neue Zeit, die zur Bewegung des neu entstandenen Ordnungsparameters gehört und an die sich die vielen Eigenzeiten nun dynamisch ... anpassen. Bezeichnenderweise ist es immer die langsamste Bewegungsmode (d.h. Kombination der verschiedenen Einzelbewegungen), welche im Bifurkationspunkt zum neuen Ordnungsparameter wird. Diese Koordinationsform ist dynamisch, denn sie entsteht, wenn die Systembedingungen danach sind, und sie verschwindet wieder, wenn das System zerfällt oder wenn ein neuer Ordnungsparameter entsteht" (ebenda, S. 181).

Die Synchronisation von Eigenzeiten ist daher zentrales Funktionsmerkmal von dynamischen Prozessen in der belebten und unbelebten Natur, aber auch für die Modellierung von Gruppenzeiten und Geschichtsprozessen sowie technologischer Entwicklung. "Neben die Chronobiologie und Chronosoziologie tritt die Chronotechnologie. Sie kann mit der Linearität des Maschinenzeitalters wenig anfangen. Nicht mehr der einzelne Arbeiter in Interaktion mit der Maschine interessiert, wenn das sogenannte Mensch-Maschinen-System längst in einen größeren Organisationskomplex eingebaut worden ist, sondern die Eigenzeiten, durch die Innovationsschübe in der institutionellen und organisatorischen Zeitdisziplin eintreten" (Nowotny 1990, S. 66). Das Zeitmodell vernetzter Eigenzeiten versucht insbesondere die Herausbildung dynamischer Stabilität, aber auch die "Zeitqualität des Wechsels" innerhalb des Mensch-Natur-Technologie-Komplexes gleichermaßen zu erfassen und zu berücksichtigen. Damit soll nicht nur ein gemeinsamer Bezugsrahmen der soziokulturellen und der naturwissenschaftlich-technischen Zeitdimension, sondern auch die Möglichkeit einer neuartigen Kohärenz zwischen menschlichen, natürlichen und technologischen Prozessen verdeutlicht werden. "Die physikalische Zeit, die sich mit dem Aufschwung der Naturwissenschaften aus der Matrix der sozialen Zeit abgespalten hat und die im Maschinenzeitalter zur ideologisch-linearen Leitschiene für den Fortschritt wurde, der sich alle andere Zeit im Namen ihrer äußeren, objektiven Wirklichkeit zu beugen hatte, beginnt sich der sozialen Zeitauffassung wiederum anzunähern" (ebenda, S. 157). Diese Annäherung scheint allerdings nur auf der Basis eines anderen Verhaltens und Entwicklungsmusters des Mensch-Natur-Technologie-Kom- [S.242] plexes vollziehbar: Erst ein anderer zeitsensiblerer und zeitverträglicherer Umgang des Menschen mit der Natur in Verbindung mit einem anderen Fortschritts- und Technologietypus, der tatsächlich mit menschlichen und natürlichen Belangen synchronisierbar wäre, ließe eine verträgliche Abstimmung, Harmonisierung und schließlich Resonanz der jeweiligen Eigenzeiten erreichen. Von daher stellt Helga Nowotny zu Recht die Frage: "Wie lassen sich die vielschichtigen Balanceakte im täglichen Nebeneinander der Zeiten besser durchführen, wie wird eine Gesellschaft innerhalb der erstreckten Gegenwart mit den anstehenden Problemen der beschleunigten Innovation, der Routinierung und des Wegwerfens fertig werden?" (ebenda, S. 159) Ihre vermutete Antwort liegt in der Umgestaltung technologischer und menschlicher Eigenzeiten, die sich dann auf einer neuen Ebene begegnen können. "Maschinen und Menschen gehen neue zeitliche Verbindungen ein, wie sich auch die Beziehungen der Menschen, untereinander über Maschinen vermittelt, anders gestalten. ... die Zwänge, die von der Zeit auszugehen scheinen, sind nicht gebrochen worden, doch das Spiel, das Zusammen-Spiel, mag sich vielleicht lockern" (ebenda, S. 159 ff.).

Diese postmechanistischen Zeitbilder sollen verdeutlichen, daß sich erst innerhalb der Darstellung, Wahrnehmung und Gestaltung komplexen Zeitverhaltens und komplex-dynamischer Zeitmuster die Möglichkeit einer umfassenden Stabilisierung und nachhaltigen Entwicklung des Mensch-Natur- Technologie-Komplexes erschließen ließe. Die "Einheit der Zeit" (Picht), konkretisiert als komplexe und nichtlineare Zeitlichkeit, bringt nicht nur die tiefste innere Verbindung der Entwicklungsprozesse von Mensch, Natur und Technologie zum Ausdruck, sondern führt auf die zentrale Bedingung der Möglichkeit eines nachhaltigen Mensch-Natur- Technologie-Entwicklungsmusters: nämlich eine umfassende (Eigen-)Zeit-Verträglichkeit bzw. eine zeitliche Kohärenz der Entwicklungsdynamik menschlicher, natürlicher und technologischer Prozesse in ihrem komplexen Zusammenhang! Naturbild, Vernunftprinzipien und Techniktypus sind innerhalb der 'Einheit der Zeit' elementar aufeinander bezogen und historischen Veränderungen unterworfen. Dennoch ist dieser historische Entwicklungskorridor zwar elastisch, aber nicht beliebig kontingent, da er notwendig an die Grenzen komplexen Zeitverhaltens des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges mit all seinen Rückkopplungs- und Folgeprozessen stößt. Positiv gewendet markiert eine umfassende zeitliche Kohärenz der Entwicklungsmuster menschlicher, natürlicher und technologischer Prozesse die Rahmenbedingung für nachhaltige Entwicklungsmöglichkeiten. Die Bedingung nachhaltigen technologischen Fortschritts hießen dann: Ein derartiger Fortschritts- und Technologietypus müßte sich grundsätzlich innerhalb dieses Entwicklungskorridors bewegen. Die Möglichkeit nachhaltigen Fortschritts bedeutete: Innerhalb dieses Korridors existieren offene und vielfältige Entwicklungs-Lösungen eines begrenzten Selbstorganisationsprozesses des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges.

[S.243] Ich behaupte nun, daß mit Hilfe der zentralen Kategorien 'Zeitverträglichkeit' bzw. 'zeitliche Kohärenz' sowie begrenzter 'Selbstorganisationsfähigkeit' zum einen die zu Beginn von Kapitel 4 genannten sieben "Zeit-Paradoxien" aufzulösen sind und zum anderen damit ein qualitativ neuartiger Fortschritts- und Technologietypus konkret zu modellieren ist. Letzteres wird im nächsten Kapitel dargelegt, während der Beweis für erstere Behauptung hier grob umrissen sei.

Erstens: Die Forderung nach zeitlicher Kohärenz und Selbstorganisationsfähigkeit löst das Problem unterschiedlicher Systemzeiten für die krisenhafte technische Entwicklung insofern, als der Übergang vom derzeitig krisenhaften Technik-Typus zu einem nachhaltig stabilen aufgrund der großen Instabilität relativ rasch möglich ist (Bifurkationsdynamik) und andererseits eine zukünftige nachhaltige Technologieentwicklung als zeitlich kohärenter Selbstorganisationsprozeß in aller 'Gemächlichkeit' ablaufen kann.

Zweitens: Die Forderung nach zeitlicher Kohärenz hat weitreichende Konsequenzen für die Beschreibung dynamischer Gesetze und die Forschungsweise der Naturwissenschaften. So fordern Prigogine/Stengers eine grundlegend andere (mathematische) Formulierung physikalischer Dynamik, um das "Zeit-Paradoxon" aufzulösen (vgl. S. 82 ff. und Kap. 5.1 dieser Arbeit).

Drittens: Nur bei Beachtung einer umfassenden zeitlichen Kohärenz der Mensch-Natur-Technologie-Dynamik können wirklich positive Zeitbilanzen erreicht werden, die zu einem echten 'Fortschritt' führen.

Viertens: Gerade die nichtlineare multidimensionale Zeitstruktur komplexer Technikfolgen läßt sich mit Hilfe zeitlicher Kohärenz und Selbstorganisationsfähigkeit erfassen und modellieren. Nicht alle möglichen Technikfolgen sind beherrschbar, sondern erst ein zeitlich kohärenter und selbstorganisationsfähiger Fortschritts- und Technologie- Typus innerhalb eines Entwicklungskorridors eröffnet die Möglichkeit für dynamische Gleichgewichtszustände.

Fünftens: Zeitlich kohärente, selbstorganisationsfähige menschliche, natürliche und technologische Prozesse repräsentieren eben nicht zeitlich nivellierte, vergleichzeitigte Entwicklungen, sondern in ihnen kommt gerade die Verschiedenheit und Vielfalt von Eigenzeiten zum Ausdruck.

Erst auf der Basis dieser Vielfalt kommen gemeinsame, kohärente Maßstäbe zum Tragen, die 'subjektive' und 'objektive' Bereiche verbinden und umfassen.

Sechstens: Zeitliche Kohärenz und Selbstorganisationsfähigkeit definieren einen Entwicklungskorridor für die Techno-Evolution, in der allerdings zukünftige Entwicklungen nicht gegenwärtig verfügbar und beherrschbar werden: Die zukünftige technologische Dynamik bleibt - auch im Rahmen symbiotischer Optimierung - offen.

[S.244] Siebtens: Antizipation von Zukunft heißt dann ein neuer "Entwurf" der Mensch-Natur-Technologie-Beziehung, heißt Anstöße zur begrenzten Selbstorganisation symbiotisch-technologischer Dynamik zu geben, um gleichermaßen Schutz, Pflege und Entwicklung menschlicher und natürlicher Selbstorganisationsfähigkeit bzw. entsprechender 'Eigenwerte' zu erreichen. Gerade weil mit Unvorhersehbarkeit zu rechnen ist, geht es um die grundsätzliche Herstellung günstiger Entwicklungsbedingungen für das gesamte Mensch-Natur-Technologie-Gefüge, die am geeignetsten Fehlerkorrekturen, Anpassung und kreative Innovation ermöglichen.

Wie die Basis-Kategorien 'zeitliche Kohärenz' und 'Selbstorganisationsfähigkeit' weiter zu konkretisieren sind, welche Konsequenzen sich bereits ansatzweise aus der Forschung entnehmen bzw. weiterentwickeln lassen und wie damit ein neuartiger Fortschritts- und Technologietypus näher bestimmt werden könnte, soll im folgenden, abschließenden Kapitel dargelegt werden.


120 - Es ist erstaunlich, wie nahe diese Überlegungen dem Ansatz von Georg Picht kommen.

121 - Zur mathematischen Formulierung des temporalen Selbstorganistionsfeldes müssen nach Cramer folgende Elemente berücksichtigt werden: "Erstens: t (reversibel) und t (irreversibel) bilden ein Wechselverhältnis, ein Getriebe. Wenn immer ein zyklischer Prozeß (tr) sich energetisch hoch auflädt und allfälligen, zunächst infinitesimal kleinen Störungen unterliegt, wird er nach dem Mechanismus des Strange Attractors irreversibel springen (ti), um in eine neue, andere Eigenzeit (tr) einzumünden. Zweitens: Das Entropiegesetz beruht auf dem irreversiblen Zeitsprung im Evolutionsfeld, bei dem im allgemeinen Energie dissipiert wird bzw. Strukturen (= Zeitkreise) zerstört werden. Drittens: Da der expandierende Kosmos trotz der 'Nahe-Wärmetod-Situation' nicht unter Energiemangel leidet, können sich - mindestens lokal - immer neue Energiepakete bilden, die den Zeitprozeß und damit die Strukturbildung immer weiter erneuern und vorantreiben. Hierfür muß allerdings eine Zeit-rezeptive Materie postuliert werden. Entropie (Strukturzerfall) und Selbstorganisation (spontane Strukturbildung) lassen sich damit in einer Theorie zusammenfassen. Viertens: Evolutionen, die definitionsgemäß über chaotische Sprünge (Mutationen, Paradigmenwechsel) verlaufen, sind irreversibel, verzweigt und damit hierarchisch. Die rezeptive Materie (soft matter) ist - je nach ihrem Energiepotential und ihrer Evolutionshöhe in der betreffenden Hierarchie - fähig zur Musterbildung von einfachen Wirbeln über geologische Formen bis hin zu höheren Lebewesen, Zentralnervensystemen und zum menschlichen Geist" (Cramer 1993, S. 115).

122 - Vgl. Kapitel 2.4.

123 - Mathematisch wird daher im Unterschied zur Probabilistik eine "Possibilistik" eingeführt.