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Ulf Skirke Technologie und Selbstorganisation Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs |
Mit Hilfe der Pichtschen Analyse haben wir die 'Einheit der Zeit' als zentrale Schlüsselkategorie für die technologische Zukunftsgestaltung und als Bedingung der Möglichkeit für vernünftiges technologische Handeln gefunden und damit den begrifflichen Rahmen vertieft, innerhalb dessen ein neuartiger Techniktypus sowie ein neues technologisches Fortschrittsmodell zu suchen ist. Jedoch bleiben insbesondere drei Bereiche näher zu untersuchen, in denen Picht Lösungen lediglich andeutete oder offenließ, die aber für die Eingrenzung eines neuen Fortschrittsbegriffs als sehr bedeutsam anzusehen sind.
Zum ersten führt zwar die Einhaltung der Einheit der Zeit auf eine grundlegend geschichtliche und evolutionäre Betrachtung der Dinge, unklar bleibt jedoch eine Konkretisierung und Einordnung, wie innerhalb dynamischer und komplexer Prozesse Neues hervorgebracht wird, wie also das Verhältnis der Antizipation von Zukunft und Kreativität systematisch erfaßt werden kann.
Zum zweiten war Picht klar, daß eine sinnvolle Zukunft nicht die Verwirklichung alles Möglichen sein könnte, sondern in der Realisierung jenes "kleinen Sektors aus dem Bereich des Möglichen" besteht, für den man sich aus vernünftigen Gründen entschieden hat. Wie aber erfolgt die Auswahl und Einordnung eines sinnvollen 'Entwicklungskorridors', d.h. desjenigen Möglichkeitsraumes verschiedener, vernünftiger (technologischer) Zukünfte, der sowohl den Erhalt als auch das Offenhalten zukünftigen Daseins repräsentiert?
Zum dritten ist näher zu untersuchen, welche Konsequenzen innerhalb der Strategie einer "aufgeklärten Utopie" aus der Kritik am neuzeitlichen Naturwissenschaftsverständnis zu ziehen sind. Es geht also zumindest um Grundzüge einer Alternative zum mechanistischen Natur- und Technikverständnis, die einerseits den Gegenstandsbereich von kreativen Prozessen der physischen Welt, aber andererseits deren meta-physische Voraussetzungen erfaßt.
Um diese Problembereiche zu klären und Rahmenbedingungen für ein neuartiges konstruktives Fortschrittsmodell zu konkretisieren, greife ich auf die Prozeßphilosophie von Alfred N. Whitehead zurück, in dessen Zentrum die Kategorie der Kreativität steht. Ebenso werden die Ergebnisse der jüngeren Whitehead-Forschung berücksichtigt, die mit dem naturphilosophischen Hinterfragen von moderner Naturwissenschaft befaßt sind.
Als Ausgangspunkt wähle ich dazu einen Aufsatz von Friedrich Rapp (1986): "Der Kreativitätsbegriff Whiteheads und die moderne Naturwissenschaft". Rapp untersucht darin die folgende Paradoxie bzw. widersprüchliche Problemstellung zwischen naturphilosophischer Kosmologie und modernem Naturwissenschaftsverständnis: "In Whiteheads spekulativer [S.212] Kosmologie nimmt die Kategorie der Kreativität eine Schlüsselstellung ein. Sie ist für ihn der schlechthin allgemeinste Begriff, der den für alles Geschehen charakteristischen Prozeß des Werdens und die Entstehung des Neuen zum Ausdruck bringt. Dagegen scheint die moderne Naturwissenschaft bei ihren Erklärungen und Prognosen ohne die Begriffe des Neuen und der Kreativität auszukommen. Gleichwohl handeln beide theoretischen Konzeptionen von demselben Gegenstandsbereich, nämlich von den Prozessen der physischen Welt. Es stellt sich also die Frage, wie dieser Unterschied zu erklären ist und wie sich spekulative Naturphilosophie und moderne Naturwissenschaft im Hinblick auf die Entstehung des Neuen zueinander verhalten (Rapp 1986, S. 81)".
Im weiteren Verlauf der Untersuchung orientiere ich mich an der argumentativen Gliederung des Aufsatzes von Rapp und teile ausdrücklich seine Analyse, komme aber zu einer gänzlich anderen Schlußfolgerung.
Zunächst soll der Schlüsselbegriff der Kreativität bei Whitehead erläutert werden, um ihre zentrale Stellung bei der systematischen Einordnung und Kritik am modernen Naturwissenschaftsverständnis darzulegen. Für Whitehead gehört die Kreativität zur "Kategorie des Elementaren" und kennzeichnet alle Prozesse der realen Welt in universeller Weise. "'Kreativität', 'viele' und 'eins' sind die elementaren Begriffe, die in der Bedeutung der synonymen Termini 'Ding', 'Seiendes' und 'Einzelwesen' mitschwingen. Diese drei Begriffe füllen die Kategorie des Elementaren aus und liegen all den spezielleren Kategorien zugrunde" (PRd 61 ff.)111 . Dabei steht der Terminus 'eins' nicht für die gleichlautende ganze Zahl, sondern für die Individualität und "Einzigartigkeit eines Einzelwesens", während der Terminus 'viele' den Zustand der "trennenden Verschiedenheit" der Dinge kennzeichnen soll.
"'Kreativität' ist die Universalie der Universalien, die den elementaren Sachverhalt charakterisiert. Aufgrund dieses elementaren Prinzips werden die vielen, die das Universum als Trennendes verkörpern, zu dem einen wirklichen Ereignis, in dem sich das Universum als Verbindendes darstellt. Es liegt in der Natur der Dinge, daß sich die vielen zu einer komplexen Einheit verbinden. 'Kreativität' ist das Prinzip des Neuen. Ein wirkliches Ereignis ist ein neues Einzelwesen, das sich von jedem unter den 'vielen' unterscheidet, die es vereinigt. Daher führt die 'Kreativität' etwas Neues in die Natur der vielen ein, die das Universum als Trennendes verkörpern. Das 'kreative Fortschreiten' ist die Anwendung dieses elementaren Prinzips der Kreativität auf jede neue Situation, die es hervorbringt (PRd 62)."
[S.213] Die Kategorie der Kreativität spielt dabei eine Doppelfunktion, nämlich zum einen eine generelle und substantielle "Aktivität" der wirklichen Welt zu sein, zum anderen aber auch als Erklärungsprinzip als "Grund" für alle wirklichen Ereignisse und Einzelwesen zu dienen (vgl. van der Veken 1986, S. 202 ff.). Kreativität als schöpferische Aktivität verkörpert das Prinzip des Werdens und der Selbst-Schöpfung (self- creation), aus der sich letztlich die 'Ordnung der Natur' begründet. Bei Whitehead heißt es dazu: "Die Welt erschafft sich selbst; und das wirkliche Einzelwesen geht als sich selbst erschaffendes Geschöpf in seine unsterbliche Funktion als ein Teil-Schöpfer der transzendenten Welt über. In seiner Selbst-Erschaffung wird das wirkliche Einzelwesen von seinem Ideal seiner selbst als individuelle Erfüllung und als transzendenter Schöpfer geleitet. Das Erleben dieses Ideals ist das 'subjektive Ziel', aufgrund dessen das wirkliche Einzelwesen ein bestimmter Prozeß ist" (PRd 169 ff.)112 . Das elementare Prinzip in der Natur ist für Whitehead das "Fortschreiten" von der "Getrenntheit zur Verbundenheit", aus dem ein neues Einzelwesen hervorgeht, das sich von den anderen vorhandenen vielen Einzelwesen individuell unterscheidet, aber als Synthese aus den vorher vorhandenen Einzelwesen entspringt. "Das neue Einzelwesen verkörpert zugleich die Gemeinsamkeit der 'Vielen', die es vorfindet, und ist auch eins inmitten der getrennten 'Vielen', die es zurückläßt; es ist ein neues Einzelwesen, das sich getrennt unter den Vielen befindet, die es synthetisiert. Die Vielen werden eins und werden um eins vermehrt" (PRd 63). Das kreative Fortschreiten bringt zwar Unvorhergesehenes und individuell Neues hervor, dieses Neue ist jedoch nicht beliebig neu und völlig richtungslos, sondern geht aus den bereits Vorhandenen schöpferisch hervor und besitzt einen "Vektor-Charakter", in dem eine intrinsische Evolutionsdynamik zum Ausdruck kommt. Das kreative Hervorbringen stellt ferner einen rekursiven Prozeß dar, denn es "enthüllt das Prinzip, daß jeder Akt des Werdens einen unmittelbaren Nachfolger haben muß, wenn wir zugestehen, daß etwas wird" (PRd 143).
Whitehead wendet sich damit gegen eine statische Beschreibung der natürlichen Wirklichkeit sowie "gegen eine mechanistische Konzeption, die Veränderungen als bloße Umordnung von sich aus passiver Elemente deutet" (Rapp 1986, S. 83). Der nichtmechanistische Begriff einer kreativen Natur muß sich von dem Naturbild als "passiver Rezeptivität" (PRd 79) abwenden, um die schöpferischen Naturprozesse und das wirkliche Weltgeschehen angemessen verstehen zu können. Das mechanistische Naturmodell wird durch ein organismisches ersetzt. Als Hintergrund dienen Whitehead dazu naturwissenschaftliche Erkenntnisfortschritte, insbesondere in der Biologie und in der Physik. Während der Biologie ein kritisch korrigierter Evolutionsbegriff entnommen wird, sieht Whitehead in der Beschreibung elektromagnetischer Prozesse die Möglichkeit, mit Hilfe von raumzeitlichen 'Feldern' die [S.214] Dynamik von wirklichen Geschehnissen angemessen zu erfassen (vgl. A. Rust 1990, S. 125 ff.). Whiteheads Synthese aus der Dynamik des raumzeitlichen Feldes und der schöpferischen Evolution führt auf den Begriff des Organismus, der als komplementärer Begriff zum 'Prozeß' verstanden werden kann (vgl. Wolf-Gazo 1980, S. 13). "Die Wissenschaft ist dabei, eine neue Sichtweise anzunehmen, die weder rein physikalisch noch rein biologisch ist: sie wird zur Untersuchung von Organismen. Die Biologie erforscht die größeren Organismen, während die Physik mit den kleineren zu tun hat" (SMWd 125)113 . Der kreative und organismische Prozeß kann weder als mechanistische Bewegung eines passiven Naturstoffs noch als bloßes quantitatives Wachstum der vielen Individuen verstanden werden, sondern das kreative Fortschreiten führt auf die qualitative Weiterentwicklung komplexer Organismen. "Der ursprüngliche Stoff oder das Material, von dem eine materialistische Philosophie ausgeht, ist der Evolution unfähig. ... Evolution wird nach der materialistischen Theorie auf ein anderes Wort für die Beschreibung von Veränderungen in den äußeren Relationen zwischen Materieteilchen reduziert. Hier gibt es nichts, was der Evolution fähig wäre, weil eine Menge von äußeren Relationen so gut wie jede andere ist. Möglich ist allein eine nicht zweckgerichtete und nicht fortschreitende Veränderung. Aber die ganz moderne Lehre läuft darauf hinaus, daß eine Evolution der komplexen Organismen aus früheren Zuständen weniger komplexer Organismen stattfindet. Die Lehre schreit daher geradezu nach einer Konzeption des Organismus, wie er für die Natur grundlegend ist" (ebenda, S. 130). Die Komplexität dieser Organismen setzt sich aus "Zellen" zusammen, die nicht beliebigerweise reduktionistisch analysierbar sind, sondern als elementare Grundeinheiten das komplexe Ganze zum Ausdruck bringen. "Die organistische Philosophie ist eine Zell-Theorie der Wirklichkeit. Jede elementare Tatsacheneinheit ist ein Zell- Komplex, der nicht in Bestandteile mit entsprechend vollständiger Wirklichkeit analysiert werden kann" (PRd 401). Whiteheads Kosmologie ist in erster Linie ein dynamisches Erfassen der Wirklichkeit, die sich erst über prozeßhafte Übergänge schrittweise in ihrer Komplexität erschließt und damit die Hintergründe und Verursachungen ihrer eigenen Prozeßdynamik freilegt: "Der Begriff 'Organismus' ist mit dem des 'Prozesses' in zweifacher Hinsicht verbunden. Die Gemeinschaft wirklicher Dinge ist ein Organismus; allerdings ist sie kein statischer Organismus. ... Daher ist die erste Bedeutung von 'Prozeß' die Expansion des Universums mit Bezug auf wirkliche Dinge; und das Universum in irgendeiner Phase seiner Expansion ist die erste Bedeutung von 'Organismus'. ... Zweitens läßt sich jedes wirkliche Einzelwesen an sich nur als ein organischer Prozeß beschreiben ... Es ist ein Prozeß, der von Phase zu Phase fortschreitet, wobei jede Phase die reale Grundlage ist, von der aus ihr Nachfolger auf die Vervollständigung des jeweiligen [S.215] Dings hinstrebt. Jedes wirkliche Einzelwesen trägt in seiner Beschaffenheit die 'Gründe', aus denen seine Bedingungen sind, was sie sind" (ebenda, S. 396 ff.). Von daher muß jede Erkenntnis der Wirklichkeit die wirklichen Ereignisse 'von innen' heraus, also in gegenstandsgemäßer Weise erschließen und kann nicht von außen in die Dinge hineinprojiziert werden. "Wir müssen forschen, ob sich die Natur in ihrem wahren Sein nicht selbst erklärt. Damit meine ich, daß die schiere Darstellung, was die Dinge sind, Elemente enthalten kann, die erklären, warum sie sind. Solche Elemente reichen wahrscheinlich tiefer als alles, was wir mit klarer Auffassung begreifen können" (SMWd 113).
Wie die Naturwissenschaften nimmt Whitehead für sich in Anspruch, auf einer abstrakt begrifflichen, allerdings nicht mathematischen Ebene die Gesetzmäßigkeiten der physischen Natur angemessen zu erfassen, gleichzeitig aber auch die meta-physischen Bedingungen der Möglichkeit für dieses Erfassen zu reflektieren und nicht einfach naturwissenschaftliche Erkenntnisse philosophisch zu interpretieren. "Die Natur stellt sich so dar, als exemplifiziere sie eine Philosophie der Evolution von Organismen, die festgelegten Bedingungen unterworfen sind" (ebenda). Die allgemeinste Eigenschaft der Natur ist eben die einer "evolutionären Expansionskraft", die allem Realen "inhärent" ist. Jeder evolutionäre Prozeß ist jedoch "keine bloß lineare Abfolge diskreter Einzelwesen" (ebenda, S. 114), sondern er enthüllt komplexe, räumliche und zeitliche Muster, die wiederum weitere Muster in sich enthalten (vgl. PRd 426 ff.).
Es ist überaus erstaunlich, in welch analoger Weise hier die Denkfigur eines fraktalen Musters verwendet wird. ...
In dieser "inneren Realität eines Geschehnisses" verbirgt sich nun eine weitere wesentliche Qualität, nämlich die des "Werts": Jeder wirkliche, sich selbst realisierende Evolutionsprozeß von Organismen enthält "das Element des Werts, des wertvoll Seins, des Wert Habens, des Selbstzwecks und der Eigenständigkeit" (SMWd 114) in sich, die es allesamt angemessen zu berücksichtigen gilt. Whitehead faßt den Begriff des Wertes zwar nicht als eine unbedingte ethische Norm, aber als Eigenschaft einer modalen Qualität vermittelt sie den beachtenswerten 'Eigenwert' eines jeden wirklichen Einzelwesens (actual entities). "Alles hat einen bestimmten Wert für sich, für andere und für das Ganze" (Whitehead, Modes of thought 151)114 . Das Erfassen von wirklichen Einzelwesen, deren kreativem Prozeß und von organismischer Komplexität ist in diesem Sinne mit der Erfassung von Wert, mit einer Werterfahrung verbunden. "Ihr grundlegender Ausdruck ist - habe Sorge, hier ist etwas, auf das es ankommt!" (ebenda, S. 159). Von daher kritisiert Whitehead an der neuzeitlichen Naturwissenschaft, daß sie eine Natur ohne Wert zum Gegenstand hat und nicht in der Lage [S.216] ist, etwas zu thematisieren, daß um seiner selbst willen existiert (ebenda, S. 185). Die Physik erfaßt deshalb nur äußere Relationen wechselseitig aufeinander reagierender 'Organismen', "weil sie von dem abstrahiert, was die Einzelwesen an sich sind" (SMWd 129). Demgegenüber formuliert die "organismische" Kosmologie die Vermittlung von dem, was etwas für sich und an sich Eigenwert besitzt, mit dem, was dieser Eigenwert für einen anderen Organismus bedeutet, um damit eine innere Verbindung der Organismen aufzuzeigen. "Diese Möglichkeit der vermittelten Thematisierung der intrinsischen oder inneren Natur der Dinge entzieht sich dem naturwissenschaftlichen Zugang gänzlich" (A. Rust 1990, S. 141). Ergänzend sei hinzugefügt, daß es sich hier um die neuzeitliche Naturwissenschaft handelt und keineswegs ausgemacht ist, daß mit Hilfe eines anderen Naturbegriffs und eines anderen Naturwissenschaftstypus nicht auch anders verfahren werden könnte. Es ist gerade ein Ergebnis meiner Untersuchungen, daß das Selbstorganisationsparadigma bereits wesentliche Ansätze einer derartigen "intrinsischen oder inneren Natur der Dinge" offenbart. Whitehead ist jedenfalls davon überzeugt, daß im Keim eine 'Alternative' in der neuzeitlichen Naturwissenschaft bereits angelegt ist, die in anderer - organismischen, evolutionären, kreativen und prozeßorientierten - Weise verfährt. Von daher kann Whiteheads Verhältnis zur neuzeitlichen Naturwissenschaft als kritisch-'kreativ' bezeichnet werden, da sich für ihn die Gesamtheit der Naturwissenschaften bereits im Übergang, im Werden, in der kreativen Weiterentwicklung zu einer organismischen Kosmologie befindet.
Von daher möchte ich der unkritischen Schlußfolgerung von Rapp widersprechen, die organismische Philosophie sei für naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt "unergiebig" und "wenig fruchtbar", da er die kritisch-konstruktive Position der Whiteheadschen Kosmologie gegenüber den Naturwissenschaften weitgehend unbeachtet läßt. "In der philosophy of organismen sind definitionsgemäß alle actual entities in jedem Augenblick neu und gleichzeitig kreativ, da sie im kreativen Werdeprozeß entstehen und selbst wieder zu ihm beitragen. Gegen diese Konzeption wird ein Naturwissenschaftler kaum grundsätzliche Einwände gelten machen können. Doch er wird, wenn er die Position seines Faches vertritt, Whiteheads Verständnis als wenig fruchtbar bezeichnen, weil es zu seinen naturwissenschaftlichen Fragestellungen keinen Erkenntnisbeitrag liefert. Es scheint also, daß Whitehead nur bestimmte Zusammenhänge herausstellt, die die Naturwissenschaft zwar nicht bestreitet, aber als für ihren Erkenntnisfortschritt unergiebig betrachtet" (F. Rapp 1986, S. 96 ff.). M.E. ist das Gegenteil der Fall! Mit Rapps Interpretationsweise wird eine grundlegend selbstkritische Reflexion des naturwissenschaftlichen Verständnisses für überflüssig erklärt und ein ganz bestimmter historischer (mechanistischer) Naturwissenschafts- [S.217] und Fortschrittstypus festgeschrieben.115 "Der immanente Fortschritt der Naturwissenschaften und der auf ihnen gründenden Technik ist offenkundig. ... Die Naturwissenschaften der Moderne können im Rahmen ihres Konzepts zu Recht den Anspruch erheben, die Struktur physischer Prozesse zu erfassen" (ebenda, S. 92). Gerade letztere Aussage muß mit Hilfe des Whiteheadschen Ansatzes bestritten werden, da zur tatsächlichen Erfassung "physischer Prozesse" die Kategorien der Kreativität, des Neuen, des Evolutionären sowie die Erklärung, wie sich komplexe Organismen entwickeln, als unverzichtbar anzusehen ist - gerade wenn man die Gesamtheit physischer Phänomene erfassen will und nicht nur einen Teilausschnitt, der sich mit Hilfe mechanistischer Gesetze und äußerer Relationen als Sonderfall betrachten läßt. Aber gerade letzterer 'Sonderfall' ist nicht in der Lage, die vielschichtigen Phänomene und Prozesse des Lebens angemessen zu erfassen. Dies ist jedoch insbesondere Whiteheads Anliegen, nämlich: anorganische, organische und lebendige Prozesse in ihrem Zusammenhang, ihrem jeweiligen Eigenwert sowie ihrer wechselseitigen Beeinflussung zu erfassen, um damit gleichzeitig die gesamte Bandbreite der Naturwissenschaften systematisch einzuordnen und ihre Weiterentwicklungspotentiale aufzuzeigen.
Das mechanistische Naturwissenschaftsverständnis ist aber nicht nur aufgrund der Nichtbeachtung von kreativen Naturprozessen kritikwürdig, sondern auch wegen seiner prinzipiellen Subjekt-Objekt-Dualität, die einerseits zu einer unangemessen reduktionistischen Einschränkung der physischen Wirklichkeit und andererseits zu einer Verzweigung bzw. Aufspaltung der Realität führt. "Es ist diese philosophische Strategie, die nach Whitehead zu einer 'bifurcation of nature' führt, zu einer Verzweigung der Realität in einen natürlichen und subjektiven Teil. Das ehrgeizige Ziel der Whiteheadschen Philosophie ist es, diese philosophische Interpretation der modernen Wissenschaft zu attackieren und einen Begriff von Mathematik, Physik und Natur zu entwickeln, der nicht eine bifurcation of nature zur Folge hat" (M. Hampe 1990, S. 50). Dies sei etwas näher erläutert.
Wahre Naturerkenntnisse können für Whitehead nur dadurch erzielt werden, daß alle wahrnehmbaren Daten, Fakten, Meßwerte, aber auch unmittelbare Sinneseindrücke einer 'aktualen Entität' in ihrer Differenziertheit und Komplexität zu erfassen und auszuwerten sind, was ebenso den dazugehörigen Denkvorgang und die theoretische Modellbildung über diese 'aktuale Entität' einschließt. Die getrennte Betrachtung von geistig-theoretischen Fakten einerseits und natürlich- objektiven Daten andererseits, sind für Whitehead sinnlos und führen zu falschen Ergebnissen. "Meine Behauptung lautet, daß das Hereinbringen des Geistes mit seinen eigen- [S.218] mächtigen Hinzufügungen zum sinnlich Bewußten, der Erkenntnis vorliegenden Objekt bloß eine Weise ist, das Problem der Naturphilosophie zu umgehen. Dieses Problem besteht darin, die Relationen der Dinge untereinander, jenseits des bloßen Faktums ihres Bekanntseins, zu erörtern. Die Naturphilosophie sollte nie danach fragen, was im Geist und was in der Natur ist. Dies zu tun, heißt gestehen, daß sie fehl darin gegangen ist, die Relationen der wahrnehmend zur Kenntnis gelangten Dinge anzugeben, also jene natürlichen Beziehungen vorzustellen, in deren Angabe Naturphilosophie besteht ... Wogegen ich im wesentlichen protestiere, ist die Bifurkation der Natur in zwei Wirklichkeitssysteme, die, insoweit sie wirklich sind, dies in jeweils verschiedener Hinsicht sind. Die eine Wirklichkeit wäre die der Entitäten, etwa der Elektronen, die Gegenstand der theoretischen Physik sind. Dies wäre die Realität der Erkenntnis, obwohl sie, nach dieser Theorie, niemals bekannt würde. Denn was bekannt ist, ist die andere Sorte Wirklichkeit: Die begleitende Handlung des Geistes. So gäbe es dann zwei Naturen: Die eine wäre die Konjektur, die andere der Traum" (CNd 26)116 . Erläuternd führt Whitehead dazu weiter aus: "Eine andere Fassung dieser von mir angegriffenen Theorie besteht in der Bifurkation der Natur in zwei Abteilungen, nämlich in die in das Bewußtsein aufgenommene Natur und diejenige Natur, die die Ursache des Bewußtseins ist. Die Natur, die das in das Bewußtsein aufgenommene Faktum ist, behält das Grünsein der Bäume in sich, den Gesang der Vögel, die Wärme der Sonne und das Gefühl von Samt. Die Natur, die die Ursache des Bewußtseins ist, ist das zusammengereimte System der Moleküle und Elektronen, die den Geist zur Hervorbringung des Bewußtseins der erscheinenden Natur anregen. Der Treffpunkt beider Naturen ist der Geist, wobei die verursachende Natur hinein - und die erscheinende Natur herausfließt" (ebenda, S. 27). Whitehead hält es für absurd, daß unser Wahrnehmungswissen über natürliche Vorgänge nicht den gleichen Charakter hat wie der einer entsprechenden (wissenschaftlichen) Theorie. Allerdings leugnet Whitehead nicht die Schwierigkeiten, sinnliche Erfahrungsinhalte und naturwissenschaftliche Erkenntnisse als Beschreibungen über den gleichen Sachverhalt in ihren weit auseinanderliegenden Konkretisierungsgraden und unterschiedlichen Realitätszugängen dennoch als komplex zusammenhängende umfassend darzustellen. "Der Grund, warum sich die Bifurkation der Natur stets in die Wissenschaftsphilosophie zurückschleicht, ist die extreme Schwierigkeit, die wahrgenommene Röte und die Wärme des Feuers in einem Relationssystem gemeinsam mit den bewegten Kohlenstoff- und Sauerstoffmolekülen, der von ihm ausgesandten Strahlungsenergie und den verschiedenen Funktionsweisen des materiellen Körpers zusammenzustellen. Solange wir nicht die allumfassenden Relationen hervorbringen, sehen wir uns einer entzweiten Natur gegenüber: der Wärme und Röte auf der einen, den Molekülen, Elektronen ... auf der anderen Seite. Solange auch werden [S.219] die beiden Faktoren jeweils als Ursache und die Reaktion des Geistes auf die Ursache erklärt" (ebenda, S. 28). Whiteheads Ziel ist es, grundsätzlich die kreativen Naturprozesse und den kreativen Charakter der damit verbundenen Erfahrungs- und Denkprozesse als zwei zwar nicht identische, aber dennoch verbundene 'Pole' beim Erfassen der 'aktualen Entitäten' aufzuzeigen.117 Der kreative Entstehensprozeß unserer Erfahrungsinhalte und deren wissenschaftliche Modellierungen und Erklärungen sind demnach ebenso ein Prozeß in der Natur wie jeder dynamische Verlauf von 'aktualen Entitäten' auch (vgl. M. Hampe 1990, S. 57).
Es geht um die differenzierte Komplexitätsbestimmung von Eigenschaften, die in vielfältigem Zusammenhang von Ereignisketten stehen, um mit Hilfe aller wahrnehmbaren Entitäten zu "angemessenen Begriffen" zu gelangen. Whitehead faßt das Anliegen wie folgt zusammen: "Die vornehmlichste Aufgabe einer Philosophie der Naturwissenschaft besteht darin, den Begriff aller Natur, aufgefaßt als ein komplexes Faktum für die Erkenntnis, zu erläutern, die grundlegenden Entitäten und grundlegenden Relationen zwischen den Entitäten, vermittelst derer alle Naturgesetze aufgestellt werden, darzulegen und sicherzustellen, daß die somit vorgeführten Entitäten und Relationen zur Darlegung aller Relationen zwischen in der Natur vorkommenden Entitäten geeignet sind" (CNd 38). Das 'Mensch-Natur- Gefüge' ist in seiner Prozeßhaftigkeit und Komplexität trotz seiner Vielfältigkeit und Differenziertheit an eine bestimmte Ordnung bzw. an Organisationsprinzipien gebunden. "Für die organistische Lehre gewinnt das Problem der Ordnung vorrangige Bedeutung. Kein wirkliches Einzelwesen kann über das hinausgehen, was ihm die wirkliche Welt als ein Datum von seinem Standpunkt aus - seine wirkliche Welt - zu sein erlaubt" (PRd 166). Der Prozeß ist zwar offen, aber nicht beliebig kontingent; nicht alles ist möglich und die Evolutionsprozesse der jeweiligen Einzelwesen verschwinden nicht im Unendlichen, sondern durchlaufen bestimmte "Konkretisierungsprozesse", um schließlich einen bestimmten Grad an individueller "Erfüllung" zu erreichen (PRd 168 ff.). Die Evolution wirklicher Einzelwesen bildet in ihrem dynamischen Verlauf konkrete raumzeitliche Muster und neue Organismen aus und ist grundsätzlich als Selbst-Erschaffungs-bzw. Selbstorganisationsprozeß zu charakterisieren. "Die dem Universum inhärente Freiheit beruht auf diesem Element der Selbst-Verursachung" (ebenda, S. 175).
[S.220] Ferner bleiben die vielen wirklichen Einzelwesen nicht unverbunden und isoliert nebeneinander, sondern bilden "Gesellschaften" aus, die aus jeweils gleichartigen bzw. ähnlichen Elementen aufgebaut sind. "Das Entscheidende an einer 'Gesellschaft' ist, daß sie sich selbst trägt; mit anderen Worten, daß sie ihre eigene Grundlage bildet. ... Die Elemente der Gesellschaft gleichen sich, weil sie aufgrund ihrer gemeinsamen Eigenschaften anderen Elementen der Gesellschaft die Bedingungen auferlegen, die zu dieser Ähnlichkeit führen. Diese Ähnlichkeit besteht in der Tatsache, daß (i) ein gewisses 'Form'-Element enthalten ist, das zur individuellen Erfüllung jedes Elements der Gesellschaft beiträgt; und daß (ii) der Beitrag, den dieses Element zu der Objektivierung jedes einzelnen Elements der Gesellschaft für das Erfassen durch andere Elemente leistet, seine entsprechende Reproduktion in den Erfüllungen dieser anderen Elemente fördert" (PRd, S. 177). Die Herausbildung derartiger 'Gesellschaften' muß als übergreifendes Organisations- und Ordnungsprinzip angesehen werden, das überall in der unbelebten und belebten Natur vorzufinden ist. Die inhaltliche Verwandtschaft zu einer systemischen Betrachtungsweise ist dabei nicht zu übersehen. "Die physische Welt offenbart eine erstaunliche Komplexität solcher Gesellschaften, die einander begünstigen und miteinander konkurrieren. Die allgemeinsten Beispiele für solche Gesellschaften sind die regelmäßigen Wellenzüge, einzelne Elektronen, Protonen, einzelne Moleküle, Gesellschaften von Molekülen, wie anorganische Körper, lebende Zellen und Gesellschaften von Zellen, wie Pflanzen und tierische Körper" (ebenda, S. 193).
Eine Gesellschaft, die selbst wiederum Gesellschaften enthält, nennt Whitehead "strukturierte" Gesellschaft (S. 193 ff.). Der Aufbau der Natur kann somit als komplexes Prozeßmuster bzw. als eine komplexe Verschachtelung vielfältiger strukturierter Gesellschaften angesehen werden, deren Ziel darauf ausgerichtet ist, im Wechselspiel mit ihrer jeweiligen Umgebung sich einerseits individuell zu entwickeln und andererseits in bezug auf die Umgebung zu überleben. "Daher besteht das Problem für die Natur darin, Gesellschaften hervorzubringen, die mit einer hohen 'Komplexität' 'strukturiert', gleichzeitig aber auch 'unspezialisiert' sind. Auf diese Weise hängen Intensität und Überleben zusammen" (ebenda, S. 197). Dabei gibt es zwei verschiedene Weisen, wie strukturierte Gesellschaften dieses Problem des Überlebens und der individuellen Erfüllung gelöst haben. Der erste der beiden Wege ist konservativ und versucht, mit Hilfe eines relativ niedrigen Grades an Komplexität durch Vereinfachung eine gewisse Robustheit des Gesellschaftskörpers zu erreichen. Als Beispiele in der Natur für diesen ersten Lösungsweg nennt Whitehead materielle Körper, die sich auf der niedrigsten Stufe strukturierter Gesellschaften befinden: z.B. Kristalle, Felsen, Planeten und Sonnen. Whitehead bezeichnet solche Gesellschaften auch als 'anorganisch'.
[S.221] Die zweite Weise, das Problem zu lösen, beruht auf einer besonderen Verstärkung des geistigen Pols, nämlich auf einer "Initiative im begrifflichen Erfassen, d.h. im Streben" (PRd S. 199). Dieser zweite Weg zeichnet sich durch Entwicklung und Erhaltung aufgrund von dynamischer Erneuerung aus sowie durch eine neuartige Wechselwirkung mit der Umgebung. "Der Zweck dieser Initiative ist es, die neuen Elemente der Umgebung in eindeutige Empfindungen aufzunehmen, deren subjektive Formen dafür sorgen, daß diese mit den komplexen Erfahrungen, die den Elementen der strukturierten Gesellschaft eigen sind, in Einklang gebracht werden. Daher bringt das subjektive Ziel jedes sich konkretisierenden Ereignisses etwas Neues hervor, um der Neuheit der Umgebung zu begegnen. ... Strukturierte Gesellschaften, in denen die zweite Lösungsweise Bedeutung hat, werden 'lebend' genannt" (ebenda). Von daher ist die grundlegende Bedeutung von 'Leben' das Hervorbringen und das Streben nach Neuem. Ein weiteres Charakteristikum ist der Stoffwechselprozeß zwischen der lebenden Gesellschaft und ihrer Umgebung, in dem das Leben wie ein Katalysator für die anorganischen und organischen Reaktionsprozesse wirkt. Das vorherrschende Ordnungs-Muster lebender 'Gesellschaften' ist die Zellen- Struktur. Von daher lassen sich die Charakteristika einer 'lebenden Zelle' wie folgt zusammenfassen: "(i) Eine extrem komplexe und fein ausbalancierte chemische Struktur; (ii) für die Ereignisse in dem 'leeren' Zwischenraum ein komplexes objektives Datum, daß sich von dieser komplexen Struktur herleitet; (iii) bei normaler 'reaktiver' Behandlung, bar aller Originalität, die komplexe Feinstruktur, die durch negativ erfaßte Informationen auf physische Einfachheit reduziert wird; (iv) diese Feinstruktur wird durch die emotionalen und zwecksetzenden Wiederanpassungen, die auf der Originalität des begrifflichen Empfindens (Streben) beruhen, für das positive Empfinden bewahrt; (v) die physische Störung des Feldes, die zur Instabilität der Struktur führt; und (vi) die Struktur, die Wiederherstellung durch Nahrung aus der Umgebung erlaubt" (ebenda, S. 207). Ich werde diese verallgemeinerten Kennzeichnungen des Stoffwechselprozesses 'strukturierter Gesellschaften' wieder aufgreifen, um die Bedingungen eines symbiotischen Technik-Typus zu konkretisieren (vgl. Kap. 5). Auffällig bei diesen zusammengefaßten Eigenschaften ist wiederum der bipolare Charakter, d.h. die sowohl physischen als auch geistigen Merkmale, die bei der Erfassung einer lebenden Zelle unumgänglich sind - wenn sie Bestandteil der organismischen Kosmologie sein sollen. Leben zeichnet sich also in erster Linie nicht durch Existenzvermögen über eine möglichst lange Dauer, sondern durch eine möglichst hohen Grad an individueller Erfüllung, dynamische Erneuerung und "Steigerung der Intensität durch Freiheit" (S. 209) aus.
Trotz unbestreitbarer Nähe zu biologischen Evolutionskonzepten wendet sich Whitehead jedoch gegen einen vereinfachten Biologismus sowie gegen traditionelle Evolutionstheorien: Deshalb müssen "evolutionistische Denkfehler" ausgeräumt werden, die insbesondere in dem Schlagwort vom 'Überleben des Tüchtigsten' oder von der "Phrase" vom 'Kampf ums Dasein' bestehen. Die bloße Anpassung an die Umwelt oder [S.222] das Ziel des schlichten Überlebens können für Whitehead keine hinreichenden Erklärungen für die Herausbildung komplexer Organismen liefern. "Tatsächlich ist alles, was lebt, ja schon allein deshalb nicht besonders überlebenstüchtig. Die Kunst zu überdauern, ist ein Attribut des Toten. Nur anorganische Objekte überdauern wirklich große Zeiträume" (FRd 6).118 Wenn man die Tatsache, daß eine Spezies ausgestorben ist, versucht damit zu begründen, daß sie fehlangepaßt war, führt diese "Erklärung" auf eine leere Tautologie. Die Spezies war fehlangepaßt, weil sie ausgestorben ist, und sie ist ausgestorben, weil sie fehlangepaßt war. "Warum hat die Evolution in ihrer Gesamttendenz zur Herausbildung immer höherer Lebensformen geführt? Weder die Tatsache, daß aus irgendwelchen Verteilungen unbelebter Materie lebende Organismen hervorgegangen sind, noch die Tatsache, daß sich im Lauf der Zeit immer höhere Formen von Organismen herausgebildet haben, lassen sich durch die Begriffe der Anpassung an die Umwelt oder des Kampfs ums Dasein irgendwie erklären. Tatsächlich hat sich im Laufe der Aufwärtsentwicklung mehr und mehr ein entgegengesetztes Verhältnis zur Umwelt ergeben, mathematisch ausgedrückt: die zur Anpassung inverse Relation" (ebenda, S. 8). Vielmehr haben die höheren Lebensformen immer stärker durch aktives Eingreifen auch ihre Umwelt verändert und ihren Bedürfnissen angepaßt. Und Leben besteht eben darin, einen möglichst hohen Grad an Erfüllung, also die Verwirklichung eines Maximums von Möglichkeiten und Intensitäten unterschiedlichster Art zu erreichen, kurz: in der Optimierung des Lebens. "Meine These ist nun, daß sich dieser aktive Angriff auf die Umwelt durch ein dreifaches Bestreben erklärt: erstens, überhaupt zu leben, zweitens, gut zu leben und drittens, noch besser zu leben. Die Kunst zu Leben besteht darin, daß man erstens überhaupt lebt, zweitens auf eine befriedigende Weise lebt und drittens einen noch höheren Grad von Befriedigung erreichen kann" (ebenda, S. 9). Whitehead schreibt dabei der Rolle der Vernunft eine besondere Aufgabe zu, nämlich, "daß sie die Kunst zu leben fördert" und die optimierende Umgestaltung der Umwelt "leitet und kritisch korrigiert" (ebenda, S. 9). Gerade das Zulassen von Fehlern und deren Korrektur ist ein wesentliches Prinzip vernünftiger Rationalität, die die Lebensfähigkeit erhält und verbessert.119 Vernünftiges und daher gutes Leben setzt einen ständigen, kreativen Prozeß und das Hervorbringen von Neuem voraus, um damit die Weiterentwicklung dynamischer Komplexität zu gewährleisten. Die universale Grundform dieser Dynamik besteht in einem generellen "Rhythmus-Prinzip", das durchgängig in der Natur vorhanden ist: "Der Weg des Rhythmus durchdringt alles Lebendige und [S.223] alle Formen der physischen Existenz überhaupt" (FRd 21). Die Erneuerungsfähigkeit und Komplexitätssteigerung des Lebensrhythmus bestehen in der dynamischen Verschachtelung vielfältiger Zyklen. "Die einfachen Zyklen bilden gleichsam nur das Fundament, auf dem dann vielfältig variierte Zyklen und Zyklen von Zyklen aufbauen" (ebenda, S. 22). Whitehead stößt hier nicht nur in visionärer Weise auf Prinzipien der Fraktalität und Selbstähnlichkeit komplexer Lebensprozesse vor, sondern kennzeichnet die zeitliche Dynamik in Form von vernetzten und verschachtelten Eigenzeiten als Basiskategorie für die Explikation lebender Systeme, die in emergenter Weise Komplexitätssteigerungen generieren.
Insgesamt sind das Leben und die Vernunft nur ein Sonderfall der ausgeprägten Tendenz des Universums, dem thermodynamischen Verfall entgegenzuwirken und ein durchgängig wirksames "Gegen-Agens" auszubilden. "Das Wirkungsfeld dieses Gegen-Agens ist so ungeheuer groß und seine Präsenz so verdünnt, daß es einer direkten Beobachtung durch uns nicht zugänglich ist. Vielleicht wird es einmal irgendeinen Fortschritt geben, der unser Beobachtungsvermögen hinreichend erweitert" (ebenda, S. 24).
Whiteheads zunächst spekulative "Erkenntnis, daß im Universum eine Gegentendenz am Werk ist, die den Verfall einer vorhandenen Ordnung in das Entstehen einer neuen Ordnung überführt" (ebenda, S. 74), wurde ein halbes Jahrhundert später durch Forschungen der Nichtgleichgewichts-Thermodynamik, über Selbstorganisation und chaotische Dynamik überaus plausibel und empirisch gestützt. Auch seine kritische Einschätzung der Evolutionstheorie und die Deutung der Evolution des Lebens als einen aktiven und kreativen Prozeß findet durch neuere Forschungsergebnisse wesentliche Unterstützung.
Whitehead geht es mit dem Modell einer kreativen Natur(-Wissenschaft) nicht in erster Linie um eine philosophische Uminterpretation oder Überinterpretation der neuzeitlichen Naturwissenschaften, sondern er "konstatiert, daß die Naturwissenschaften selbst zu einer kritischen Reflexion ihrer Grundlagen vorgestoßen sind, die zur Ablösung des neuzeitlichen Weltbildes führt" (vgl. A. Rust 1990, S. 123). Die wissenschaftliche Selbstkritik der neuzeitlichen Kosmologie in bezug auf Mathematik, Physik und Biologie sollen also nicht zu einem absoluten Bruch mit dem vorherrschenden Naturwissenschafts- und Technikverständnis führen, sondern zu einer integrierten und qualitativen Weiterentwicklung bzw. Höherentwicklung des Mensch-Natur- Gefüges, das sich als ständiger Erneuerungsprozeß und nachhaltige Entwicklungsdynamik in die Zukunft richten soll. Es geht also um Bedingungen der Möglichkeit einer Kosmologie jenseits des mechanistischen Weltverständnisses. Dazu bedarf es einer besonderen Methode, die in sich selbst erneuerungsfähig ist und die eigene kreative Weiterentwicklung zum Erkenntnis-und Forschungsgegenstand in sich trägt! "Den Höhepunkt ihrer Wirksamkeit erreicht eine Methode dann, wenn sie das Ergreifen neuer Möglichkeiten fördert, ohne sich selbst transzendieren zu müssen" (FRd 22). Whitehead wendet sich [S.224] entschieden gegen einen festgefahrenen Fortschritt sozio- kultureller und naturwissenschaftlich-technischer Entwicklungsprozesse, die ständig Vergangenes, Vergängliches und Verlorenes produzieren, in der die "Zeit ein 'stetiges Vergehen' ist" (PRd 609). Vielmehr ist ein ständiges "Prinzip der Auffrischung" erforderlich: "Die Kunst des Fortschritts besteht darin, im Rahmen des Wandels Ordnung und im Rahmen der Ordnung Wandel zu bewahren. Das Leben wehrt sich dagegen, lebendig einbalsamiert zu werden" (ebenda, S. 606). Es geht vor allem darum, sich von der "massiven Erbschaft überlebter Systeme" zu befreien, um dem Element des Neuen Rechnung zu tragen - allerdings auf einer höheren komplexeren reichhaltigeren Ebene. "Was ansteht, ist etwas Komplexeres. Es ist Ordnung, die das Neue durchdringt; so daß die Massivität der Ordnung nicht in bloße Wiederholung degeneriert; und so, daß das Neue immer auf einen systematischen Hintergrund reflektiert wird. ... Es gehört zur Güte der Welt, daß sich ihre etablierte Ordnung sanft mit dem schwach leuchtenden Gegenlicht des Heraufdämmerns eines anderen Zeitalters einläßt. ... Die Vorherrschaft des Alten sollte in die festen Grundlagen transformiert werden, auf denen neue Empfindungen entstehen, die ihre Intensität aus den Feinheiten des Kontrasts zwischen System und Frische beziehen" (ebenda, S. 607). Nachhaltiger und vernünftiger Fortschritt kann nur innerhalb einer "komplexen Harmoniestruktur" erreicht werden, die im Zusammenhang mit einem hochdynamischen Balanceakt zwischen kontrastierenden Gegensätzen stehen.
Günstige Bedingungen für die Möglichkeiten wirklichen Fortschritts sind nur dort anzutreffen, wo dies zu einer "Erweiterung der Weisheit" führt; und diese "Weisheit ist die Frucht einer ausgewogenen Entwicklung" (SMWd 229). Gerade das beschleunigte Tempo des Fortschritts verlangt Sinnhaftigkeit, Orientierung und Vernunft, "wenn Katastrophen vermieden sollen" (ebenda).
Dazu gehört auch, Vorstellungen über die "schiere Wertlosigkeit der bloßen Materie" zu überwinden, um gerade im Zusammenhang mit naturwissenschaftlicher Forschung der Natur mit Erfurcht und Wertschätzung zu begegnen. "Was wir brauchen, ist eine Wertschätzung der unendlichen Vielfalt von lebendigen Werten, die ein Organismus in der ihm eigenen Umgebung erwirbt. Wenn man alles über die Sonne, die Atmosphäre und über die Erdrotation weiß, kann einem doch die Pracht des Sonnenuntergangs entgehen" (ebenda, S.231). Dazu muß die Erhaltung und Wahrnehmung des Naturschönen insbesondere durch ästhetische Erziehung gefördert und entwickelt werden, um damit eine ausgeprägte 'Sensibilität' für die Vielfalt des Lebendigen zu erreichen. Dies hat jedoch nicht nur Auswirkungen auf unser Naturbild und die Anschauung von Natur, sondern auch insbesondere auf den technologischen Umgang mit der Natur, der - auch im Zusammenhang mit der Ökonomie - als "Organismus in seiner Gesamtheit aufzufassen" (ebenda, S. 232) wäre. Das organistische und kreative Prinzip im Zusammenhang mit der naturwissenschaftlich- technischen Forschung eröffnet für Whitehead eine künstlerische Dimension, die den wissenschaftli- [S.225] chen Erkenntnisdrang an Verantwortlichkeit und Qualität bindet. "Etwas Neues muß entdeckt werden. Das menschliche Wesen schweift immer weiter aus. Aber in den Dingen liegt ein Gleichgewicht. Bloße Veränderung, die eingeleitet wird, bevor eine Angemessenheit der Vollendung, sei es in der Qualität oder im Ergebnis, erreicht ist, wirkt sich zerstörerisch ... aus" (ebenda, S. 235). Von daher ist die umfassende Schlußfolgerung, die aus der Evolutionsphilosophie zu ziehen ist: eine symbiotische Ko-Evolution! "Diejenigen Organismen sind erfolgreich, die ihre Umgebung so verändern, daß sie einander beistehen" (ebenda, S. 239). Nachhaltiger und kreativer Fortschritt läßt sich mit Destruktion und gewaltsamen Veränderungen der Natur nicht vereinbaren, genauso wenig mit einem antagonistischen Mensch-Natur- Technologie-Gefüge. "Jeder Organismus braucht eine Umgebung von Freunden, teils um ihn vor gewaltsamen Veränderungen zu schützen, teils um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Das Evangelium der Gewalt ist mit einem sozialen Leben nicht vereinbar. Mit Gewalt meine ich Antagonismus im weitesten Sinne" (S. 240). Der 'Entwicklungskorridor' eines nachhaltigen technologischen Fortschritts sollte sich also im weitesten Sinne an den Prinzipien der organismischen Kosmologie orientieren, wobei dies jedoch nicht prinzipiell verhindern kann, die Risiken zukünftiger Entwicklungen gänzlich zu vermeiden. Dennoch muß Wissenschaft und Technologie so ausgerichtet sein, daß sie Forschung, Entwicklung und ihre Folgen verantwortlich antizipieren kann. "Die moderne Wissenschaft hat der Menschheit die Notwendigkeit des Wanderns auferlegt. Ihr fortschreitendes Denken und ihre fortschreitende Technik machen den Übergang durch die Zeit, von Generation zu Generation, zu einer Wanderschaft in unbekannte abenteuerliche Gewässer. Der Segen des Wanderns liegt gerade darin, daß es gefährlich ist und Fertigkeiten verlangt, um Übel abzuwehren ... Es ist die Aufgabe der Zukunft, gefährlich zu sein; und es gehört zu den Verdiensten der Wissenschaft, daß sie die Zukunft für ihre Aufgaben ausrüstet" (ebenda, S. 241).
Insofern sind Naturwissenschaft und Technologie dahingehend zu verändern, daß sie innerhalb ihrer Begrifflichkeit und Forschungstätigkeit das Neue, die Kreativität und das Prozeßhafte als ihren ureigensten Gegenstand behandeln. Die Kreativität der Natur und des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges könnten sich dann so ineinander verschränken, daß sie sich gleichermaßen in die Systematik organismischer Prinzipien einordnen ließen.
Eine analogische Weiterführung des Whiteheadschen Ansatzes könnte jedoch nicht nur die technologisch vermittelte menschliche Kreativität erfassen, um sie mit der natürlichen in Verbindung zu setzen, sondern sie würde auch die Kennzeichnung und Einordnung einer künstlichen Kreativität nahelegen. Whitehead hat zwar kein Gesamtkonzept zur Einordnung technologischer Entwicklung ausgearbeitet, und die Forschungszweige 'künstliche Intelligenz und 'künstliches Leben' waren ihm unbekannt. Dennoch deutet er an, daß auch technisch-ökonomische Prozesse möglichst als "Organismus in seiner Gesamtheit" zu gestalten sind. Von daher liegt es [S.226] nahe, das Gesamtsystem des Mensch-Natur-Technologie-Komplexes entsprechend als "strukturierte Gesellschaft" aufzufassen, die als 'Unter-Gesellschaft' eine künstlich-kreative Gesellschaft in Form technologischer Kreativität enthalten könnte. Von technologischer Kreativität könnte im Whiteheadschen Verständnis dann gesprochen werden, wenn sie die Eigenschaften einer 'aktualen Entität' hätte, die schließlich bei gesteigerter Komplexität zum künstlichen 'Organismus' entwickelbar wäre, um damit eine eigenständige "Individualität" auszubilden. Dazu müßte - zumindest im Ansatz - die Strukturverwandtschaft des Ansatzes komplex adaptiver, selbstorganisationsfähiger Systeme, die uns als Modellierung für einen symbiotisch-kreativen Technik-Typus dienten (vgl. Kap. 3.3 und Abb. 2c), mit relevanten Teilen des koevolutionären Fortschrittsmodells von Whitehead gezeigt werden. Oder als verallgemeinerte Fragestellung: Ist die Prozeßphilosophie Whiteheads eine geeignete Folie für das Selbstorganistionsparadigma? Lassen sich aus der Beantwortung dieser Frage Schlußfolgerungen für die Möglichkeiten nachhaltiger Fortschrittsdynamik ziehen?
112 - Vgl. auch dazu E. Wolf-Gazo 1980, S. 20).
113 - SMWd = Whitehead, Science and the modern world (deutsche Fassung) Frankfurt/Main 1988.
114 - Zitiert nach A. Rust 1990, S. 140.
115 - Rapp hält die "mechanistische Denkweise" für ein zentrales Prinzip des modernen Natur- und Naturwissenschaftsverständnisses (vgl. Rapp 1986, S. 86 ff.).
116 - CNd = A. N. Whitehead, Concept of nature (deutsche Fassung) Weinheim 1990.
117 - Bei Whitehead heißt es dazu: "Jede Wirklichkeit ist ihrem Wesen nach bipolar, physisch und geistig, und die physische Vererbung ist im wesentlichen von einer begrifflichen Reaktion begleitet, die ihr teils angepaßt ist und teils einen relevanten neuen Kontrast einführt, immer jedoch Emphase, Wertung und Zwecksetzung mit sich bringt. Die Integration der physischen und geistigen Seite zu einer Einheit der Erfahrung ist eine Selbst-Gestaltung und diese wiederum ein Konkretisierungsprozeß, der ... die Kreativität charakterisiert ..." (PRd 210).
118 - FRd = The function of reason (deutsche Fassung) Stuttgart 1974.
119 - "In der Tat ist Irrtum das Kennzeichen der höheren Organismen und der Lehrmeister durch dessen Vermittlungstätigkeit, das eine aufsteigende Evolution gibt. Beispielsweise besteht der evolutionäre Nutzen der Intelligenz darin, daß sie den Einzelnen befähigt, vom Irrtum zu profitieren, ohne an ihm zugrundezugehen" (PRd 315).