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Ulf Skirke
Technologie und Selbstorganisation
Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs


4.1 Die Natur als Inbegriff der Zeit

Georg Pichts Kritik an der neuzeitlichen naturwissenschaftlichen und technologischen Vernunft

Eine wesentliche Ausgangslage ist für Georg Picht "die Situation des Menschen in der Zukunft der technischen Welt", wobei der Mensch als 'technologisches' Subjekt an der Schnittstelle zwischen natürlicher Evolution und soziokultureller Geschichte agiert. Es gilt das Problem zu vertiefen, warum dieses technologische Subjekt sowohl in bezug auf die Natur als auch auf seine eigene Geschichte in eine tiefe Krise geraten ist und welche Veränderungen erforderlich sind, um Auswege aus dieser Krise aufzuzeigen und neue, wesentlich krisenfreiere Gestaltungsmöglichkeiten der Zukunft darzulegen - und damit eine nichtprojektive Mensch-Technik-Beziehung.

Dabei ist zunächst zu berücksichtigen, daß der Mensch mit Hilfe von Wissenschaft und Technik über Machtmittel verfügt, die sein Verhältnis zur Zukunft grundlegend verändern, da sie imstande sind, die technologische Zivilisation im Ganzen, die gesamte Lebenssituation des Menschen zu 'produzieren'. "Der Mensch ist also im Zeitalter der wissenschaftlich-technischen Zivilisation zum Produzenten seiner eigenen Zukunft geworden ... Derselbe Mensch, der als vermeintliches Subjekt des Handelns, als freier Forscher und aus autonomer Vernunft ein wissenschaftliches System entwirft, macht, wie die Atomphysiker, die Entdeckung, daß er im Handumdrehen zum Objekt des von ihm selbst entworfenen Systems geworden ist, und diese neue Lage verändert seine gesamten Lebensumstände, ja sein Wesen. Er wird vom Produzenten zum Produkt; aber das Produkt ist mit dem Produzenten nicht identisch, die produzierte Zukunft nicht mehr die eigene Zukunft" (G. Picht 1992, S. 4). Dieser Prozeß der Entfremdung bedeutet für Picht, daß es nicht ausreichend ist, die Krise des technologischen Fortschritts lediglich auf der phänomenologischen Ebene zu betrachten, d.h. die Krisenphänomene im einzelnen zu benennen und zu analysieren, sondern es gilt die technologische Rationalität und geschichtliche Vernunft selber zu reflektieren und zu verändern; "denn da rationales Handeln die Produktionssysteme entwirft und über die Produktionsmethoden verfügt, wird die Reflexion auf die Gesetze dieses Handelns also die Reflexion der wissenschaftlichen Vernunft auf sich selbst zur zentralen Aufgabe der von der Wissenschaft beherrschten Welt. Man nennt die Reflexion der Vernunft auf sich selbst und die Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeiten 'Transzendentalphilosophie'. Die Entwicklung der wissenschaftlichen Welt hat dazu geführt, daß transzen- [S.195] dentales Denken zur obersten Lebensbedingung des technischen Zeitalters geworden ist" (ebenda, S. 5). Es geht also um eine grundlegende Neubesinnung und Neubestimmung des technologischen Subjekts in seinem Denken und Handeln, wenn die Bedingungen seiner eigenen Möglichkeiten zur technologischen Zukunftsgestaltung Überlebensmöglichkeiten aufzeigen sollen und umgekehrt die Erhaltung der Zukunft als Bedingung der Möglichkeit menschlichen Daseins anerkannt wird. "Der Mensch ist vielmehr so konstituiert, daß er gar nicht umhin kann, sich in irgendeiner Weise auf eine antizipierte Zukunft zu orientieren. Nur durch die Antizipation von Zukunft, nur im Vollzug der Seinsverfassung des Entwurfes, nur in der Orientierung auf das, was kommt, kann der Mensch eine Gegenwart haben; unentschieden ist lediglich die Frage, ob ihn bei der Vorwegnahme seiner zukünftigen Möglichkeiten ein Wissen und eine Erkenntnis leiten, oder ob er die Zukunft blindlings antizipiert und dann für seine Verblendung bezahlen muß. Das bedeutet: Die Frage nach der Erkenntnis der Zukunft ist identisch mit der Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit menschlichen Daseins überhaupt" (ebenda, S. 142). Generell gilt für alle Lebewesen: Je besser ihre Fähigkeiten ausgebildet sind, Erinnerung zu speichern und Zukunft vorwegzunehmen, desto größer sind die Fähigkeiten und Möglichkeiten, sich wechselnden Bedingungen anzupassen - desto größer sind also die Chancen, ihr Leben zu erhalten (S. 231). Dies verbindet den Menschen sowohl mit der Evolution als auch mit der Geschichte, die ihrerseits wiederum das Dasein des Menschen als Dasein in der Zeit zum Ausdruck bringen, das seinerseits in enger Verbindung mit den Möglichkeiten, den Potentialitäten der Natur steht. "In der anorganischen Natur ist die Potentialität latent. Dies gilt auch für die unteren Stufen der Evolution des organischen Lebens. Man könnte die Evolution als einen Prozeß der allmählichen Explikation latenter Potentialität beschreiben. Bei den Lebenwesen, die wissen, daß sie in der Zeit sind, und die deshalb eine Geschichte haben, vollzieht sich jedoch ein qualitativer Sprung: Sie entdecken die Zukunft als Zukunft und erschließen sich dadurch die Möglichkeit, die Potentiale der Natur als Potentiale zu erkennen und zu nutzen. Daraus ergibt sich (die) Interferenz von Denken und Materie" (G. Picht 1981, S. 304). Die Potentialitäten der Natur und die Bedingungen der Möglichkeiten zur Zukunftsgestaltung führen gleichermaßen zu einer elementaren Verbindung von Natur und Zeitbegriff, die Georg Picht zu einer zentralen These zusammenfaßt, nämlich, daß "Natur der Inbegriff dessen ist, was in der Zeit sein kann" (ebenda).

Ob die Freisetzung natürlicher Potentiale in der Gestalt als technologisches Produkt vernünftig und überlebensfähig beschaffen ist, hängt wesentlich davon ab, ob sie sich in der "Einheit der Zeit" befinden, d.h. eine tiefgreifende Verträglichkeit mit den universellen Zeitstrukturen aufweisen. Die Zeit kann also als das gemeinsame Maß gedeutet werden, das das Mensch- Natur-Technologie-Gefüge verbindet! Könnte also die Zeitverträglichkeit als zentraler Orientierungsmaßstab vernünftiger Technologieentwicklung dienen, der die Natur- und Sozialverträglichkeit gleichermaßen um- [S.196] faßt? Um die positive Beantwortung dieser Frage zu begründen, greifen wir zunächst die Kritik Pichts an der destruktiven Beschaffenheit des derzeitigen technologischen Subjekts auf, die die Naturzerstörung gleichzeitig als Selbstzerstörung des Menschen charakterisiert:

Das derzeitige technologische Fortschrittsverständnis verdrängt nicht nur ständig seine eigene Geschichtlichkeit, sondern begreift Geschichte überhaupt als Prozeß, der im wesentlichen aus der Vergangenheit linear fortentwickelt wird, um so eine scheinbar bruchlose Kontinuität zu erreichen. Natur und Geschichte erscheinen so lediglich als Mittel zum Zweck, nämlich einer ständigen Fortschrittsakkumulation des technischen Erfolgs. In dieser Negation von Natur und Geschichte sieht Picht eine der wesentlichen Ursachen für die zerstörerische Wirkung des neuzeitlichen technologischen Subjekts, das sich mit der Negation von Natur und Geschichte seine eigene Überlebensbasis entzieht und damit schließlich selbst zerstört. "Der Siegeszug der Naturwissenschaft setzt eine Vorstellung von (Fortschritt) voraus, die sich dadurch definieren läßt, daß alles Vergangene als 'überholt', als bloße Vorstufe, als etwas hinter uns Gelassenes - mit anderen Worten: als 'vergangen' betrachtet wird. Man betrachtet die Zeit als eine schnurgerade Einbahnstraße, auf der man mit ständig wachsendem Tempo vorwärts fährt und sich um die bereits zurückgelegte Strecke nicht mehr zu bekümmern braucht. ... Der Fortschritt von Naturwissenschaft und Technik ist der Motor des riesigen Schwunggrades, das sämtliche industrialisierten Gesellschaften mit wachsender Geschwindigkeit aus ihrer Vergangenheit herausschleudert. Dieser Prozeß ist aber identisch mit dem Prozeß der Zerstörung der Natur. Der Satz 'Die Wissenschaft zerstört die Natur' ist gleichbedeutend mit dem Satz 'Die Wissenschaft zerstört die Geschichte'. Wenn aber die Geschichte in unserer Gegenwart enthalten ist, so zerstört die Wissenschaft dadurch uns selbst. Auf diese negative Weise erfahren wir die Einheit von Natur und Geschichte" (G. Picht 1990, S. 309 ff.). Demzufolge korrespondiert einem anderen vernünftigen Umgang mit Natur eine andere, nämlich geschichtsbewußte Handlungsweise des technologischen Subjekts, indem es die Bedingungen der Möglichkeiten seines eigenen Daseins reflektiert, die nicht zur Selbstzerstörung führen. Insbesondere kann das technologische Subjekt die eigenen Bedingungen von Natur und Geschichtlichkeit dadurch ergründen, daß es die Rückwirkungen auf das Leben und die Lebensfähigkeit seines Denkens und Handelns offenlegt. Vor dem Hintergrund der grundlegenden Bedingung der Lebensfähigkeit muß die Autonomie des technologischen Subjekts gegenüber Natur und Geschichte neu bestimmt werden. Gerade in bezug auf die Naturwissenschaften muß der Mensch lernen, daß er "als Subjekt der Physik nicht einen absoluten Standort einnimmt, von dem aus er die ewigen Gesetze der Natur in ihrer absoluten Wahrheit erkennen könnte. Der Mensch ist selbst ein Lebewesen in der Natur; er muß lernen, sich in seiner Endlichkeit zu verstehen" (S. 27).

[S.197] Doch genau über jene innere Verbindung des Naturbezuges des Menschen und seiner eigenen Geschichtlichkeit bzw. Zeitlichkeit setzt sich das mechanistisch-physikalische Zeitverständnis hinweg, mit dem Ergebnis einer wachsenden "Unvereinbarkeit der Geschichtszeit mit der physikalischen Zeit" (G. Picht 1981, S. 380). Die auf der Basis dieses linear- mechanistischen Zeitverständnisses errichteten künstlichen Systeme sprich Technologien produzieren nicht- geplante Folgen und nichtlineare Rückkopplungen, die sie unausweichbar mit der zeitlich komplexen Dynamik der Natur- und Gesellschaftsgeschichte konfrontieren. Dem linear- mechanistischen Fortschrittsmodell liegt demnach ein "falscher Gebrauch der Zeit zugrunde" (ebenda S. 381), der als wesentliche Ursache für die Krise der Naturbeziehung und der Selbstbeziehung des Menschen anzusehen ist. "Man disponiert über die Zeit der Geschichte, als ob sie mit der linearen Zeit der klassischen Physik identisch wäre. Je vollständiger sich die Industriegesellschaften dem Schematismus der linearen Zeit unterwerfen, desto grausamer muß die Krise sein, in der sie die Realität der geschichtlichen Zeit zu erfahren bekommen" (ebenda). Diese Abwendung von der "Realität der geschichtlichen Zeit" darf aber nun nicht als voluntaristischer Akt verstanden werden, sondern ist selbst Ergebnis geschichtlicher Prozesse, in denen sich das Selbstverständnis des neuzeitlichen 'technologischen Subjekts' verfestigt hat. Diese Verfestigung besteht nicht nur in der Entgegensetzung von vermeintlichem Naturdeterminismus und menschlicher Autonomie, sondern auch in der Projektion des falschen Zeitgebrauchs auf die "Regeln des Begreifens": Die Zeitlosigkeit bzw. die Gleichgültigkeit gegenüber Zeitstrukturen in den klassischen Naturwissenschaften spiegelt sich im Selbstbewußtsein des technologischen Subjekts als zeitloser Naturbegriff, der einerseits durch einen strengen Determinismus passiver Materie geprägt ist, und dem andererseits ein freiheitliches und autonomes Geschichtsverständnis gegenübersteht, das die scheinbar grenzenlose (technologische) Aktivität des Menschen gestattet. "Die Natur wird nur dadurch zu einer Sphäre der jede Freiheit ausschließenden Notwendigkeit, daß das menschliche Denken sie sich durch das Instrument des Begriffes in dieser Gestalt gegenüber- und entgegenstellt. Durch genau denselben Akt stellt das menschliche Denken sich selbst aus der Natur heraus in ein naturloses, ja naturwidriges Niemandsland, in dem das Denken autonom, d.h. den Gesetzen der Natur nicht unterworfen ist. Dieser Akt der Entgegensetzung von Mensch und Natur ist aber nicht ein Akt der Willkür, er ist das Ergebnis eines geschichtlichen Prozesses. ... Was aber ist dann die Geschichte? Geschichte ist dann der Inbegriff jener Prozesse, die daraus resultieren, wie der Mensch in der Natur seine Stellung bestimmt und kraft dieser Stellung über Natur verfügt. Geschichte ist also ein Prozeß in der Natur, der daraus resultiert, daß die Natur dem Menschen einen Spielraum selbstherrlicher Verfügungsgewalt gestattet" (G. Picht 1990, S. 207 ff.). Solange das technologische Subjekt diese "selbstherrliche Verfügungsgewalt" gegenüber der Natur auf der Basis eines falschen Zeitgebrauchs aufrechterhält, handelt es zutiefst unverantwortlich und verfehlt für Picht seine eigene geschichtliche [S.198] Aufgabe, nämlich für vernünftige und verantwortliche Bedingungen der Möglichkeit einer zukünftigen Geschichte der Menschheit zu sorgen. Dies macht es erforderlich, die Selbstgewißheit des derzeitigen technologischen Subjekts grundlegend zu hinterfragen, nach der mit Hilfe von einem zeitlosen bzw. zeitlich reversiblen Naturverständnis zu technologischen Entwicklungskriterien gelangt werden kann. Dies führt auf eine tiefgreifende Durchleuchtung der Zeitlichkeit des technologischen Subjekts. Ich folge hier im wesentlichen der Pichtschen Analyse, beziehe diese aber in strengerer Weise auf technologische Konsequenzen, als es Picht tut, wenn er das Verhältnis von Natur und Zeit reflektiert.

Zunächst geht Georg Picht von der Frage aus, "mit welchem Recht das Subjekt der neuzeitlichen Wissenschaft die Selbstgewißheit, die sich im System seiner operationellen Regeln entfaltet, als Basis der Erkenntnis von Wahrheit betrachtet" (G. Picht 1990, S. 295). Picht unterscheidet hier die "Richtigkeit" von naturwissenschaftlichen Aussagen, die mit Hilfe operationeller Schemata zu - technologisch anwendbaren - Teilerfolgen führen können, von der "Wahrheit" naturwissenschaftlicher Produktion, die sich vor dem universellen Hintergrund der Geschichte von Mensch und Natur beweisen und damit die Gesamtheit der Folgewirkungen naturwissenschaftlichen Handelns berücksichtigen muß. Das "autonome Subjekt der neuzeitlichen Wissenschaft" glaubt dadurch zu technisch anwendbaren Naturerkenntnissen zu kommen, "in dem es die immanenten Strukturen seiner Subjektivität objektivierend in die Welt projiziert" (ebenda). Da dies offensichtlich nicht nur zu erfolgreicher Naturbeherrschung, sondern zu einer sich beschleunigenden Naturzerstörung geführt hat, muß diese neuzeitliche Subjektivität näher betrachtet werden. Picht sieht es als folgenschweres Resultat der europäischen Geschichte an, wenn sich das denkende, logische Ich als Subjektum der sinnlichen Natur als Objektum entgegenstellt, um sich eben aus dieser als Objektsphäre verstandenen Natur herauszuversetzen. "Die Geschichte, als deren Resultat wie unsere heutige Situation zu betrachten haben, ist, wie sich gezeigt hat, die Geschichte eines Wandels der Stellung des Menschen innerhalb der Natur. Die Position innerhalb der Natur, der wir die Möglichkeit der neuzeitlichen Naturwissenschaft verdanken, ist dadurch charakterisiert, daß sich der Mensch als "Subjekt" versteht und sich damit zugleich aus der nun nur noch als Objektsphäre verstandenen Natur herausversetzt. Das gibt ihm einerseits eine zuvor ungeahnte Macht über die Natur; es beruht andererseits auf einer totalen Verkennung seiner wirklichen Stellung in der Natur. Denn eben dadurch, daß er sich selbst als Lebewesen in der Natur nicht mehr wahrnehmen kann, zerstört der Mensch seine Biosphäre in der Natur" (ebenda, S. 324).

Picht bestreitet dabei nicht die qualitativ neuartigen Möglichkeiten des menschlichen Subjekts, das als Vernunft- und Naturwesen gedanklich und produktiv eine künstliche Natur entwerfen kann. Allerdings ordnet er diese Kunst-Produkte zu einem Subjekt und Objekt übergreifenden Horizont zu. Zu [S.199] fragen ist also nach der Kategorie, die diesen Horizont charakterisiert und zugleich die Subjekt- und Objektsphäre umgreift, d.h. den Gesamthorizont des technologischen Subjekts darstellt. Ich folge hier der Analyse von Georg Picht, wenn er diesen Gesamthorizont auf die Zeit zurückführt: "Alles, was in der Natur ist, ist in der Zeit. Alles, was im Subjekt ist, ist in der Zeit. Die Zeit ist also der universale Horizont, der das Subjekt und seine Objektsphäre übergreift. Sowohl die Einheit der Natur wie die Einheit des Subjektes hat ihren Grund in der Einheit der Zeit. Sofern der Mensch in der Zeit ist, ist er in der Natur. Versteht er dies, so kann er sich der Natur nicht mehr als autonomes Subjekt gegenüberstellen; denn der Zeit gegenüber ist er nicht autonom; von der Zeit kann er sich nicht emanzipieren" (ebenda, S. 325 ff.).

Subjekt und Objekt sind also vor dem Hintergrund der "Einheit der Zeit" nicht unabhängig, sondern notwendig aufeinander bezogen. Wie stellt sich nun diese Beziehung für das neuzeitliche technologische Subjekt dar, wie kommt hier die Einheit der Zeit zum Ausdruck? Die Antwort lautet: In grundlegend widersprüchlicher Weise! Die "Einheit der Zeit wird in zueinander inkommensurablen Formen vorgestellt: Als Anschauung ist sie permanentes Verfließen; als Begriff ist sie unveränderliche Gegenwart" (ebenda, S. 369).

In diesem Widerspruch drückt sich die volle Bedeutung des mechanistischen Zeitbegriffs (und damit Naturbegriffs) aus: Einerseits stellt die mechanistische Dynamik in der Reduktion auf einen linearen Zeitparameter die Zeit als etwas Fließendes dar, aber andererseits sind die 'dynamischen' Gesetze zeitumkehrbar und reversibel, d.h. geschichts- und "zeitlos". In der Anschauung ist sich das technologische Subjekt des Zeitflusses sehr wohl bewußt, aber in der begrifflichen Formulierung der Naturgesetze wird entgegengesetzt dazu von einer dauerhaft identischen Gegenwart ausgegangen. Zwei Zeit-Welten stehen sich unvermittelt gegenüber. Die sinnliche Anschauung des Zeitflusses widerspricht der operationalen Begrifflichkeit der Zeitumkehrbarkeit und 'ewigen Gegenwart'. Offensichtlich liegt dieses "Zeitparadoxon" des mechanistischen Naturwissenschaftsverständnisses im neuzeitlich technologischen Subjekt selbst begründet. Als erkennendes und denkendes Subjekt begreift es sich als dauerhaft identisch, widerspruchsfrei und zeitlos und spiegelt darin die vermeintliche Einheit der Zeit wider - als unbewegte Identität, in der nichts Neues in Erscheinung treten kann. Als 'technologisches Subjekt' hingegen erfährt der Mensch Bewegung, Dynamik und das Auftreten von qualitativ neuen Entwicklungen und damit eine grundsätzlich andere Vorstellung von der Einheit der Zeit. Das wesentliche Kennzeichen des neuzeitlichen technologischen Subjekts liegt nun darin, daß der Einheit der Zeit als unbewegte Identität der Vorrang eingeräumt wird, um damit naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Rationalität zu definieren. Das so erzeugte "Innere" des Subjekts scheint gerade deswegen erkenntnisstiftend zu sein, als es sich Natur oder Technologie als ein "Äußeres" entgegenstellt, was der Gegenüberstellung zweier inkommensurabler Zeitvorstellungen [S.200] korrespondiert. Das Ergebnis der Analyse des derzeitigen technologischen Subjekts ist also wesentlich darin zu sehen, "daß die neuzeitliche Subjektivität aus einer Rückprojektion hervorgeht: Zwei ineinander inkommensurable Formen, die Einheit der Zeit zur Vorstellung zu bringen, werden in das durch diese Rückspiegelung erst erzeugte "Innere" des Menschen reflektiert, daß sich "Natur" dann als ein Äußeres entgegenstellt. Die beherrschenden Antinomien des europäischen Denkens - die Antinomie von "innen" und "außen", von Subjektivität und Objektivität, von Rationalität und Irrationalität, von Geist und Materie, von Freiheit und Notwendigkeit, von Theorie und Praxis, von Vernunft und Affekten - haben in dieser Inkommensurabilität ihren Ursprung" (ebenda, S. 296).

Aus der Analyse des neuzeitlichen Zeit-Verständnisses ergibt sich, warum die Sphäre des technologischen Subjekts in eine duale Welt "rückgespiegelt" erscheint: weil ein wesentliches Charakteristikum der Zeit, nämlich widersprüchliche, strukturierte Bewegung zu sein, ausgeblendet wird. Die damit scheinbar begründete Widerspruchsfreiheit der (technologischen) Rationalität erfährt somit alles, was sich nicht in diese schematische Weltsicht einordnen läßt, als "irrational". Was also das sich so zugleich ein- und ausgrenzende, technologische Subjekt gewahr wird, "ist die rückgespiegelte Einheit der Zeit als unbewegte Identität, unter Ausblendung ihres Wesens als ewig gegensätzlicher Bewegung. Die Einheit der Zeit als unveränderliche Identität erscheint uns rückgespiegelt als widerspruchsfreie Rationalität. Alles, was sich den Schematismen dieser Rationalität nicht unterwerfen will, erscheint in seiner rückgespiegelten Form als das 'Irrationale', das heißt als Trieb, Affekt, Gefühl und Sinnlichkeit. Es wird negiert und ausgeblendet" (ebenda, S. 351).

Weiterhin angelehnt an die Pichtsche Analyse möchte ich in einem weiteren Schritt die Bedeutung dieser 'projektiven' Rationalität des neuzeitlichen Natur- und Technologieverständnisses in bezug auf seine grundlegenden Voraussetzungen konkretisieren und dabei die zentrale Bedeutung der verschiedenen Facetten des Zeit-Begriffs vertiefen, um damit eine andere, nichtprojektive technologische Rationalität zu entwickeln.

"Das zeigt sich bei dem Philosophen, der die versteckten Grundlagen und Voraussetzungen des neuzeitlichen Denkens, vor allem aber der neuzeitlichen Physik mit der größten Klarheit durchdacht hat, nämlich bei Kant" (Picht 1980, S. 365). Picht geht dabei der Frage nach, welcher Zeitbegriff der neuzeitlichen (mechanistischen) Naturwissenschaft zugrunde liegt, um damit aufzudecken, wie die Bedingungen der Möglichkeit von wissenschaftlicher Erkenntnis hier beschaffen sind.

Kant hat als erster, ausgehend von der Frage: "Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?", klargestellt, daß die Zeit als wesentliche Bedingung der Möglichkeit von menschlichem und naturwissenschaftlichem Erkennen anzusehen ist. Mit [S.201] Hilfe der Analyse der Zeit bei Kant lassen sich die versteckten Grundlagen und Voraussetzungen der mechanistischen Naturwissenschaft aufdecken. "Bei Kant werden wir deshalb lernen, wie wir das Wesen der Zeit zu denken haben, wenn die klassische Mechanik wahr sein soll" (Picht 1992, S. 220).

Kant charakterisiert die Zeit folgendermaßen: "Die Zeit also, in der aller Wechsel der Erscheinungen gedacht werden soll, bleibt und wechselt nicht; weil sie dasjenige ist, in welchem das Nacheinander- oder Zugleichsein nur als Bestimmungen derselben vorgestellt werden können. Nun kann die Zeit für sich nicht wahrgenommen werden. Folglich muß in den Gegenständen der Wahrnehmung, d.i. den Erscheinungen, das Substrat anzutreffen sein, welches die Zeit überhaupt vorstellt, und an dem aller Wechsel oder Zugleichsein durch das Verhältnis der Erscheinungen zu demselben in der Apprehension wahrgenommen werden kann. Es ist aber das Substrat alles Realen, d.i. zur Existenz der Dinge gehörigen, die Substanz, an welcher alles zum Dasein gehört, nur als Bestimmung kann gedacht werden" (B225).

Der Grund des Zeitbegriffes bei Kant ist nicht die Konstruktion eines spekulativen Modells, sondern wird aus der Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit der klassischen Physik gewonnen, die ihrerseits Zeit als "ständige Gegenwart der Ewigkeit" bzw. als "ewige Präsenz" der unwandelbaren Substanz ansieht. Kant deckt die Voraussetzungen auf, die man machen muß, wenn es gerechtfertigt sein soll, alles Verfließen der Erscheinungen in der Zeit mit einem als eine feststehend gedachte Gerade definierten Parameter zu messen (Picht 1980, S. 366). Dies bedeutet, daß die Zeit-Modi Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft homogen ineinander übergehen und zeitlich reversibel sind. Verbindet man diese Isomorphie von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit dem Prinzip der Kausalität, so gilt unter der Voraussetzung, die Welt sei ein abgeschlossenes System, die eindeutige Determination sämtlicher Naturvorgänge zu allen Zeiten. Wenn also das Zeitverständnis im Zusammenhang mit der Kausalität und der Determination eine tragende Grundfeste der neuzeitlichen Wissenschaft darstellt, müßte ein grundlegend anderes Zeitverständnis auch entsprechende Konsequenzen für ein verändertes Wissenschaftsverständnis mit sich bringen. "Hätten wir Grund, den Zeitbegriff der klassischen Physik und seine von Kant wieder aufgedeckten metaphysischen Fundamente einer Revision zu unterwerfen, so würden wir zu einer entsprechenden Revision sämtlicher tragender Begriffe der neuzeitlichen Wissenschaft genötigt. Die Physik des 20. Jahrhunderts sollte auch den Philosophen einen Anstoß geben, nicht die physikalische, sondern philosophische Frage nach unserem Vorverständnis von der Einheit der Zeit neu zu durchdenken" (Picht 1980, S. 367 ff.).

Insbesondere müßten die Bedingungen der Möglichkeit von Wissenschaft und Technik in bezug auf ihr widersprüchliches Zeitverständnis, das einerseits in 'zeitloser' Reversibilität und andererseits in der Vorstellung eines linearen Zeitflusses besteht, neu reflektiert werden, um insbeson- [S.202] dere die daraus resultierende Subjekt-Objekt-Dualität überwinden zu können und damit auch das reduzierte Objekt-Verständnis, wie es die neuzeitliche Naturwissenschaft und Technik kennzeichnet. Inhalt und Konsequenzen dieses Objektverständnisses lassen sich mit Hilfe des transzendentalen Schemas von Kant aufdecken: Denn die neuzeitliche Naturwissenschaft und Technik haben "dem Prinzip, 'daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt', eine neue Bedeutung unterschoben. Das 'Hervorbringen', von dem Kant hier spricht, wurde als 'Produktion' verstanden. Die Methode des Experimentes lieferte die Schemata für eine Technik, die fähig war, in diesem Sinne zu 'produzieren', also 'Gegenstände' zu erzeugen, von denen nun in der Tat gilt, was der 'oberste Grundsatz' postuliert: Die Bedingungen der Möglichkeit der Wissenschaft selbst sind zugleich die Bedingungen der Möglichkeit der Objekte, die diese Wissenschaft erzeugt. ... Kants Prinzip formuliert das Grundgesetz einer Zivilisation, die durch die Instrumente technisch-industrieller Produktion auf dem gesamten Globus Phänomene in bloße Objekte verwandelt ... Der Prozeß der modernen Zivilisation übersetzt die Schematismen und Methoden wissenschaftlicher Forschung mit Hilfe des Instrumentariums der Technik in 'objektive Realität'. Erkennt man dies, so verwandelt sich die Wissenschaftstheorie unter dem Zwang geschichtlicher Notwendigkeit in eine Lehre von den fundamentalen Strukturen der Realität unserer künstlichen Welt" (Picht 1981, S. 310 ff.).

Wenn aber die derzeitigen Bedingungen der Möglichkeit zur Herstellung einer objekthaften künstlichen Welt auf einem widersprüchlichen bzw. falschen Zeitverständnis beruhen, dann muß die Revision dieses Zeitverständnisses auch zu einer Revision dieser Bedingungen der Möglichkeit naturwissenschaftlicher Produktion führen - und ich füge hinzu -sowie zu einer neuen Art künstlicher 'Phänomene' bzw. zu einem anderen Techniktypus! Aber wie hängt das Problem der Zeitlichkeit von Technologie mit den Bedingungen der Möglichkeit von neuartig verträglichen Zukunftstechnologien zusammen? Hierzu muß das Verhältnis der Zeitmodi und der Modalitäten näher untersucht werden.

Picht weist nach, daß die reale Differenz von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft (Zeitmodi) im engen Zusammenhang mit den Modalitäten Wirklichkeit, Notwendigkeit und Möglichkeit stehen. Die klassische Physik geht von einer durchgängig determinierten Natur aus, so daß der Satz gilt: Alles was ist, ist notwendig. Entsprechend hat die neuere Philosophie daraus die Konsequenz gezogen, die drei Modalitäten in das Denken zu verlegen: "Nicht die Natur, sondern das denkende Subjekt ist so beschaffen, daß es genötigt ist, zwischen Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit zu unterscheiden. Als möglich gilt alles, was gedacht werden kann, ohne daß wir gegen die Regeln des Denkens verstoßen. Als notwendig gilt alles, was nach den Regeln des Denkens gedacht werden muß" (ebenda, S. 368). Doch die Modalität der Wirklichkeit läßt sich nicht einfach in das Denken verlegen, da sich durch reines Denken niemals bestimmen läßt, was wirklich ist und was nicht - im Gegenteil: das [S.203] Wirkliche muß als 'Bedingung' des Denkens angesehen werden, da ohne "Bestimmung meines Daseins in der Zeit" (Kant), d.h. ohne Erfahrung, Denken nicht möglich ist.107 Um die Wirklichkeit zu erfassen, ist also ein "Austritt aus der Sphäre des Subjekts" erforderlich, was eine Umverlagerung der Modalitäten zur Folge hat. "Wir bemerken nämlich, daß die beiden anderen Modalitäten auf die Modalität der Wirklichkeit bezogen sind: Möglich ist, was wirklich sein kann, notwendig ist, was wirklich sein muß. Die Modalität der Wirklichkeit hat in dem Gefüge der drei Modalitäten einen Vorrang. Die Modalitäten können also primär nicht als Modalitäten des Denkens dargestellt werden, sondern sind in der Natur selbst verankert" (ebenda, S. 368 ff.). In dieser "ersten Potenz" der Modalitäten stoßen wir damit auf die Zeitlichkeit der Naturphänomene, wo erstens vergangene Ereignisse als notwendig gelten, da es unmöglich ist, was einmal geschehen ist, wieder ungeschehen zu machen, und zweitens ist alles das wirklich, was gegenwärtig ist ("Horizont der Phänomenalität von Phänomenen"), und drittens möglich ist nur, was in der Zukunft sein kann.

Mit Hilfe der Modalitäten gelangen wir aber m.E. nicht nur zur Zeitlichkeit von Naturphänomenen, sondern auch zur Zeitlichkeit von Technologie, die ebenfalls in der 'ersten Potenz' auf die Wirklichkeit bezogen ist. Die vergangene technologische Realität gilt insofern als notwendig, als es unmöglich ist, diese wieder ungeschehen zu machen. Allerdings ist die Irreversibilität technologischer Entwicklungen qualitativ zu differenzieren, da die 'Rückholbarkeit' von Technologien je nach Risikopotential und Eingriffstiefe verschieden ausgeprägt ist.

Ferner ist die Wirklichkeit der technischen Realität ein Phänomen der Gegenwart; und von hier aus erschließen sich einerseits die Geschichte der vergangenen Technikentwicklung sowie andererseits die Potentialitäten für mögliche Zukunftstechnologien. Eine mögliche Technikentwicklung und ein neuartiger möglicher Technologietypus bestimmen sich also dadurch, was in der Zukunft an technischer Realität wirklich sein kann.

Genauso wenig wie man die Modalitäten in ihrer Gesamtheit weder in die Subjektsphäre noch in die Objektsphäre hinein- [S.204] verlagern kann108 , läßt sich dieses für die Notwendigkeit, Wirklichkeit und Möglichkeit der technologischen Realität tun. Technologische Phänomene sind weder als subjektivistisches noch als objektivistisches Problem zugänglich, sondern nur innerhalb eines Subjekt-Objekt-übergreifenden Problemhorizontes, der durch eine vieldimensionale und komplexe Zeitlichkeit gekennzeichnet ist.

Wir haben zwar damit den Problemhorizont zukünftiger Technikentwicklung erschlossen, nicht jedoch die charakteristischen Qualitäten einer 'nachhaltigen' bzw. (über)lebensfähigen Zukunftstechnologie näher bestimmt. Denn von der Ebene der Wirklichkeit technologischer Realität aus sind zwar die Potentialitäten zukünftiger Wirklichkeit von Technik zugänglich, nicht aber die Bedingungen der Möglichkeit von 'vernünftiger' Zukunftstechnologie, die nicht einfach die jetzige technische Wirklichkeit fortschreibt, sondern qualitativ neue Wege geht. Derartige Zukunftstechnologien lassen sich nicht mehr von der Gegenwart aus erschließen, sondern müssen vom Zukünftigsein selbst entwickelt werden.

In der Analyse der Modalitäten gehen wir deshalb noch einen Schritt weiter, indem ihre "zweite Potenz" betrachtet wird: Denn es ist für unsere Erkenntnis möglich, wirklich und sogar notwendig, Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit zu denken. In dieser 'zweiten Potenz' der Modalitäten müssen also Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit eine andere Bedeutung als in der 'ersten Potenz' haben: "Da aber die Modalitäten der zweiten Potenz den Modalitäten der ersten Potenz übergeordnet sind, haben wir Grund zu der Vermutung, daß wir alles, was ist, in den Modalitäten der ersten Potenz auffassen, weil uns in den Modalitäten der zweiten Potenz zugänglich wird, was wahr ist" (Picht 1980, S. 369). Setzen wir nun diese zwei Ebenen der Modalitäten wieder zurück in das Verhältnis der drei Modi der Zeit, so beziehen sich die drei Modalitäten in der ersten Potenz auf die Zeitlichkeit des Seins - beschrieben durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - und jede Erkenntnis der Modalitäten in der zweiten Potenz auf die Zeitlichkeit der Struktur von Wahrheit: Dies kann also nur bedeuten, "daß die Wahrheit selbst nicht 'überzeitlich', sondern 'zeitlich' ist" (S. 370).

Im Unterschied zur "phänomenalen Zeit", die aus der Betrachtung der 'ersten Potenz' der Modalitäten hervorgeht und in der der Modus der Gegenwart dominiert, nennt Picht [S.205] den Aspekt der Zeitlichkeit, der aus der 'zweiten Potenz' der Modalitäten hervorgeht, die "transzendentale Zeit". Hier dominiert der Modus der Zukunft und gewinnt Priorität gegenüber der Gegenwart: Die Antizipation von Zukunft und das Sicherstellen von Zukünftigsein erschließt die Bedingungen der Möglichkeit von wahrer Erkenntnis. "Die Erkenntnis der Einheit der Zeit im Licht der Zukunft, also das Hinaus- versetzt-Sein in den Horizont der transzendentalen Zeit ist die Bedingung der Möglichkeit für das Hinaus-versetzt- Sein der Menschen in ihre Gegenwart, also in das Erschlossen sein des Horizontes der phänomenalen Zeit" (Picht 1981, S. 328). Wir erfahren die Einheit der Zeit als Differenz zwischen phänomenaler und transzendentaler Zeit und erschließen uns damit sowohl den Subjekt-Objekt- übergreifenden Problemhorizont als auch die Möglichkeit wahrer Erkenntnis. Picht faßt dieses in dem Satz zusammen: "Wahrheit ist die Erscheinung der Einheit der Zeit" (Picht 1990, S. 122). Die mechanistischen Naturwissenschaften und Technologien haben gerade deshalb ein zerstörerisches und nicht zukunftsfähiges Verhältnis zur Natur, weil sie die Zeitlichkeit natürlicher Phänomene und wissenschaftlicher Erkenntnisbedingungen nur in widersprüchlicher und reduzierter Form beachten und damit eine umfassende Durchdringung der Einheit der Zeit verfehlen. "Die Einheit der Zeit durchgreift - in der Differenz von transzendentaler und phänomenaler Zeit - alle Modi der Zeit. Herausfallen aus der Einheit der Zeit bringt den Untergang. Ein solches Herausfallen bedroht uns, wenn unser falsches Bewußtsein entweder ausschließlich die phänomenale Zeit oder ausschließlich die transzendentale Zeit ins Auge faßt und dabei die Phänomene auf einen einzigen Modus der Zeit reduziert. Dann bleibt von der Wirklichkeit nur die aktuelle Realität, von der Zukunft nur die unaufgeklärte Utopie übrig. Erkenntnis von Wahrheit als Erscheinung der Einheit der Zeit muß Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durchdringen" (Picht 1981, S. 331).

Die Bedingungen der Möglichkeit von 'wahrer' naturwissenschaftlicher Erkenntnis und technologischer Entwicklung sind also nicht nur selbst zeitlich, sondern müssen sich in die Einheit der Zeit "fügen".

Die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis und die Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erkenntnis können somit nicht auf der Basis der "unbeweglichen Identität" (Kant) bzw. des zeitlosen Subjekts erschlossen werden. "Für uns ist dieser Weg des Denkens nun versperrt, denn wir können nicht hoffen, in der Tiefe des menschlichen Bewußtseins auf Prinzipien zu stoßen, auf die sich eine zeitlose Erkenntnis dessen, was für uns Menschen immer wahr ist, begründen ließe. Statt dessen stoßen wir in der Tiefe des menschlichen Bewußtseins auf die Zeit. Auch in dem Zeitverständnis des Menschen zeitigt sich Zeit. Damit scheint sich die transzendentale Frage wieder umzukehren. Es scheint zunächst, als bedeutet diese Erkenntnis, daß wir nun nicht mehr im Bewußtsein die Bedingungen der Möglichkeit für die Phänomene des Bewußtseins, sondern daß wir umgekehrt im [S.206] phänomenalen Horizont der Phänomene109 die Bedingungen der Möglichkeit für das Bewußtsein zu suchen haben. Alles, was ist, befindet sich in der Zeit. Der Mensch befindet sich verstehend in der Zeit, aber so, daß sich aus seinem In-der-Zeit- Sein und damit aus dem Wesen der Zeit selbst die Möglichkeit seines Verstehens erst entfaltet" (Picht 1992, S. 261 ff.).

Zunächst ist die Unmittelbarkeit der Phänomene an die Wirklichkeit und die Gegenwart geknüpft; fragen wir aber nach der Möglichkeit, zumal nach den Bedingungen der Möglichkeit von wahrer Erkenntnis, so ist dies nur "im Horizont von Zukunft verständlich". Die Erkenntnisvoraussetzungen und die Erkenntnis selbst "widersetzen sich jedem Versuch, sie in eine ewige Gegenwart zurückzubiegen" (Picht 1980, S. 373).

Die Konsequenzen der so aufgedeckten Zeitlichkeit von Erkenntnisbedingungen und Erkenntnisgegenständen muß grundlegende Konsequenzen für die Bedingungen der Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Erkenntnis haben. Die Abkehr von der Vorstellung "zeitloser" naturwissenschaftlicher Gesetze bedeutet nicht nur eine stärkere Hinwendung zu Kontingenz und Geschichte der Naturwissenschaften, sondern müßte zu einer weitgehenden Revision des Naturbegriffs, naturwissenschaftlicher Erkenntnispraxis und technologischer 'Produktion' führen. Deterministisches und mechanistisches Zeit-und Naturverständnis wären grundlegend zu revidieren, Zukunft und Möglichkeit bzw. Potentialität gewönnen zentrale Bedeutung innerhalb eines kreativen und dynamischen Natur(wissenschafts-) und Technologieverständnisses. Das technologische Subjekt ist also nicht nur mit seiner wirklichen Gegenwart, sondern auch mit seinem Zukünftigsein und den (zukünftigen) Folgen seiner gegenwärtigen "Entwürfe" konfrontiert: es kann weder seine eigene Zeitlichkeit überlisten noch Bedingungen von (zukünftigen) Möglichkeiten technologischer Wirkungen auf Mensch und Natur verdrängen. Das technologische Subjekt darf sich nicht auf die Reflexion seiner Erkenntnisbedingungen beschränken, sondern sollte den Problemhorizont so erweitern, daß es die Daseinsbedingungen von Mensch und Natur bzw. seiner 'Produkte' der künstlichen Natur durchdringt. Dazu scheinen mir einige Gedanken von Heidegger hilfreich.

Wie Kant fragt auch Heidegger nach den Bedingungen der Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis, aber im Unterschied zu Kant, bei dem die zeitlosen transzendentalen Ideen die Möglichkeit liefern sollten, eindeutig und für immer die [S.207] Grenzen der Vernunft zu bestimmen, fragt Heidegger nach der "zeitlichen Verfassung des Subjekts selbst" (Sandbothe) und will zeigen, "daß der Entwurfscharakter des Verstehens das In-der-Welt-Sein als In-der-Zeit-Sein konstituiert. Der Horizont des Entwurfs ist hier die Zeit" (Picht 1990, S. 264 ff.). Verstehen vollzieht sich innerhalb der existentialen Analyse des Daseins, und dies führt auf die Zeit. Heidegger beruft sich ausdrücklich auf Kant, wenn er fragt: "Ist es Zufall, daß die Frage nach dem Sein von Natur auf die 'Bedingungen ihrer Möglichkeit' zielt? Worin gründet solches Fragen? Ihm selbst gegenüber kann die Frage nicht ausbleiben: Warum ist nicht daseinsmäßiges Seiendes in seinem Sein verstanden, wenn es auf die Bedingungen seiner Möglichkeit hin erschlossen wird? Kant setzt dergleichen vielleicht mit Recht voraus. Aber diese Voraussetzung selbst kann am allerwenigsten in ihrem Recht unausgewiesen bleiben. Warum dringt das Verstehen nach allen wesenhaften Dimensionen des in ihm Erschließbaren immer in die Möglichkeiten? Weil das Verstehen an ihm selbst die existenziale Struktur hat, die wir den Entwurf nennen ... Das Entwerfen hat nichts zu tun mit einem Sichverhalten zu einem ausgedachten Plan, gemäß dem das Dasein sein Sein einrichtet, sondern als Dasein hat es sich je schon entworfen und ist, solange es ist, entwerfend. Dasein versteht sich immer schon und immer noch, solange es ist, aus Möglichkeiten. ... Das Verstehen ist, als Entwerfen, die Seinsart des Daseins, in der es seine Möglichkeiten als Möglichkeiten ist" (Heidegger 1993, S. 145/Sein und Zeit _ 31). (Wissenschaftliches) Verstehen und Entwerfen entpuppt sich innerhalb der komplexen Daseinsanalyse als temporales Geschehen, das aus dem Vorlaufen in die Zukunft und dem Zurückkommen auf Gegenwart und Vergangenheit beruht. "Dieses Vorlaufen ist nichts anderes als die eigentliche und einzige Zukunft des eigenen Daseins. Im Vorlaufen ist das Dasein seine Zukunft, so zwar, daß es in diesem Zukünftigsein auf seine Vergangenheit und Gegenwart zurückkommt. Das Dasein, begriffen in seiner äußersten Seinsmöglichkeit, ist die Zeit selbst, nicht in der Zeit" (Heidegger 1989, S. 18 ff.). Die 'Bedingungen der Möglichkeit' von (wissenschaftlicher) Erkenntnis gründet sich zum einen auf die Zeitlichkeit des Daseins und hat zum anderen existenzielle, nicht nur logische Bedeutung. "Das Möglichsein, das je das Dasein existenzial ist, unterscheidet sich ebenso sehr von der leeren, logischen Möglichkeit wie von der Kontingenz eines vorhandenen, sofern mit diesem das und jenes 'passieren' kann ... Die Möglichkeit als Existenzial dagegen ist die ursprünglichste und letzte positive ontologische Bestimmtheit des Daseins" (Heidegger 1993, S. 143 ff.). Insofern stellen die Bedingungen der Möglichkeit von gegenständlicher Erkenntnis gemäß Heidegger eben nicht "überzeitliche Existenzialien" (Sandbothe) dar, sondern reflektieren die Existenzbedingungen in ihrer Zeitlichkeit, die weder einen beliebigen noch "freischwebenden" Problem- und Erkenntnishorizont eröffnet und sowohl die Subjekt- als auch Objektebene umgreift. "'Die Zeit' ist weder im 'Subjekt' noch in 'Objekt' vorhanden, weder 'innen' noch 'außen' und 'ist' früher als jede Subjektivität und Objektivität, weil sie die Bedingungen der Möglichkeit selbst für dieses 'früher' darstellt" (Heidegger 1993, S. 419/§ 80). Im Unterschied zu Kant wird daher die "Weltzeit" in der Natur "ebenso unmittelbar" vorgefunden, wie im erkennenden Subjekt" und dort nicht erst auf dem Umweg über dieses" (ebenda).

Wenn das Dasein "immer in einer Weise seines möglichen Zeitlichseins" ist und im ständigen Vorlaufen, Gegenwärtigen und Zurückkommen existiert, muß die Zeitlichkeit als wesentlich "ekstatisch" verstanden werden: "'Ekstatisch' wird die Zeitlichkeit deswegen genannt, weil sie ein Geschehen ist, in dem kein Moment bei sich selbst bleibt und da zur Ruhe kommt. Jedes Moment des zeitlichen Geschehens tritt aus sich selbst heraus, und auch die zeitliche Einheit, welche diese Momente umfaßt, hat die Form des Außerhalb-sich-selbst-Stehens bzw. der Entrücktheit" (R. Bernet 1990, S. 78). Heidegger unterscheidet drei Momente von Ekstasen, die in etwa den klassischen Zeitmodi von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit entsprechen, wobei die Zukunft eine Vorrangstellung hat ("das Grundphänomen der Zeit ist die Zukunft"), und diese steht wiederum in enger Verbindung mit der Modalität der Möglichkeit, die die Existenz des Daseins kennzeichnet. Die Antizipation von Zukunft wird so zur existenziellen Bedingung der Möglichkeit menschlichen Daseins, die immer der Bedingung der Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis vorausgeht. Wenn aber unser Dasein derzeit global und existenziell in Frage gestellt ist, muß dies auch die Bedingungen der Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis berühren und dies wiederum auf die Kritik insbesondere des mechanistischen Zeitverständnisses führen.

Vor diesem Hintergrund scheint mir die Kritik Heideggers am "vulgären Zeitverständnis" in einem neuen Licht, da eben dieser vulgäre Zeitbegriff in unseren hochtechnischen Lebenszusammenhängen zur Normalität geworden ist. Das vorherrschende technische, mechanistische Zeitverständnis drückt sich nicht nur in der Einebnung und Reduktion komplexer Zeitstrukturen aus, sondern auch in der künstlichen Ausdehnung der Gegenwart und damit in der grundlegenden Einengung zukünftiger Möglichkeiten. Die Zeit wird auf Jetztpunkte homogenisiert und die Zeitlichkeit des Daseins auf Jetztfolgen nivelliert. "Die Homogenisierung ist eine Angleichung der Zeit an den Raum, an schlechthinnige Präsenz; die Tendenz, alle Zeit in eine Gegenwart aus sich fortzudrängen. Sie wird völlig mathematisiert" (Heidegger 1989, S. 24). Die damit verbundene entfremdete Vorstellung von homogenen, mechanisch-technisch behandelbaren 'Zeiträumen' verstellt die Einsicht in den Horizont der komplexen Zeitlichkeit des Daseins, während umgekehrt die Erfassung der ekstatischen Zeitlichkeit die Analyse und Kritik des vulgären Zeitverständnisses erst ermöglicht. "Die Interpretation der aus der Zeitlichkeit geschöpften vollen Struktur der Weltzeit gibt erst den Leitfaden die, im vulgären Zeitbegriff liegende Verdeckung überhaupt zu 'sehen' und die Nivellierung der ekstatisch-horizontalen Verfassung der Zeitlichkeit abzuschätzen. ... Dagegen bleibt umgekehrt die Zeitlichkeit im Horizont des vulgären Zeitverständnisses unzugänglich" (Heidegger 1993, S. 426). Heidegger nennt die [S.209] vulgäre Charakteristik der Zeit, wie sie sich im endlosen linearen Parameter widerspiegelt, "Zeitlichkeit des verfallenden Daseins".

Ich sehe hier eine deutliche Parallelität zu Heideggers Kritik an neuzeitlicher Technik und Naturwissenschaft, die die Natur zum bloßen Stoff, zu bloßen raumzeitlichen Massenpunkten reduziert, um sie homogenisierbar, berechenbar und beherrschbar zu machen.110 Picht hat diesen Gedanken weitergeführt und seine Kritik an derzeitigen Naturwissenschafts- und Technikverständnis aus der Analyse der mechanistischen Zeitvorstellung entwickelt und damit die Bedingungen der Möglichkeit für eine zukunftsfähige Technologieentwicklung eröffnet. Wirkliche Antizipation von Zukunft bedarf der "Aufklärung der Aufklärung" bzw. der "aufgeklärten Utopie", mit Hilfe derer eine vernünftige Auswahl der zukünftigen Möglichkeiten technischer Entwicklung (Entwicklungskorridor) erfolgen muß. "Die wirkliche Zukunft ist nicht der Inbegriff alles dessen, was möglich wäre, sondern sie ergibt sich durch die Realisierung jenes kleinen Sektors aus dem Bereich des Möglichen, für den man sich aus mehr oder weniger vernünftigen Gründen entscheidet" (Picht 1992, S. 285). Vernunftgemäß handeln heißt für Picht, sich im umfassenden Sinne als in der Zeit bewegend zu begreifen, d.h., wenn dieses Handeln seine eigenen Voraussetzungen analysiert und hinterfragt, die Folgen seines eigenen Tuns erkennt und sich über die Motivation seiner eigenen Zielsetzungen aufgeklärt hat (vgl. S. 343). Diese so verstandene fundamentale Berücksichtigung der 'Einheit der Zeit' ermöglicht nicht nur vernünftiges, sondern auch verantwortliches Handeln, das wiederum als Grundvoraussetzung für die Entwicklung und Gestaltung zukunftsverträglicher Technologien sowie für die zukünftige Überlebensfähigkeit der Menschheit dient - und ist damit zentrale "Selektionsbedingung" der Möglichkeit offener Zukünfte der natürlichen und der künstlichen Welt. "Die Prüfung der rein biologischen Existenzbedingungen der zukünftigen Menschheit führt uns also erneut darauf zurück, daß nur die Herrschaft der Vernunft über die Entwicklung von Wissenschaft und Politik den Fortbestand unserer Gattung zu sichern vermag" (ebenda, S. 390).

Picht nennt diese Form der Antizipation von Zukunft, die sich insofern auf den Bereich der realen Möglichkeiten einschränkt, als dieser umfassend in der Einheit der Zeit steht, die "aufgeklärte Utopie" - mit der Konsequenz, "daß ohne eine aufgeklärte Utopie, d.h. ohne ein klares Bild von der Zukunft, die unser Denken und Handeln herbeiführen soll, die technische Welt überhaupt nicht bestehen kann" (ebenda, S. 339). Dieses Zukunftsbild einer technologischen Entwicklung kann weder deterministisch festgelegt noch beliebig kontingent sein, sondern setzt den Erhalt und das Offenhalten zukünftigen Daseins zugleich(!) voraus. Die Einhaltung der Einheit der Zeit wird so zur umfassenden [S.210] Bedingung der Möglichkeit der Daseinsgestaltung bzw. zum universellen Maßstab für die Gestaltung der Zukunft. Der Umgang mit Zeit stellt sich als Schlüsselfrage heraus, die Kategorie 'Zeit' als Maß, das menschliches Handeln, Technologie- und Naturprozesse im gleichen Horizont verbindet. Um zu einer nichtprojektiven, von der Zukunft her 'gedachten' Technikentwicklung zu gelangen, soll die aufgeklärte Utopie ein zukünftiges Technik- Bild entwerfen, das nicht kontradiktorisch zur 'Einheit der Zeit' steht, das also Zeitfluß, Irreversibilität und prinzipielle Offenheit der Zeitdimension berücksichtigt. Allerdings läßt sich eine Aufhebung der "Rückprojektion" technologischer Rationalität nicht dadurch erreichen, daß man aus dem subjektiv projizierten Technologieverständnis einfach 'herausspringt', sondern das mechanistische Denken kann nur von innen durchdrungen werden. "Der Austritt aus der Sphäre der Subjektivität und der Übergang in einen neuen Horizont des Denkens darf aber nicht willkürlich, er darf nicht in einem Sprung vollzogen werden. Es galt deshalb zu zeigen, daß das transzendentale Subjekt durch ihm immanente Momente genötigt ist, den Schematismus der Rückspiegelung, durch den es sich erzeugt, zu durchbrechen. Das "Urgestein", an dem dieser Schematismus zerbricht, ist das Gefüge der drei Modalitäten" (Picht 1990, S. 296). Dabei waren es insbesondere die Modalitäten der Wirklichkeit und Möglichkeit, die einen neuen technologischen Horizont zu eröffnen ermöglichten. In diesem neuen Horizont müßte eine technologische Rationalität bzw. ein Technologie-Typus verwirklicht werden, der ständig zukünftige (Entwicklungs-)Möglichkeiten offenhält. Ein derartig nichtprojektiver Technik-Typus müßte also selbst Offenheit und Möglichkeit als zentrale Wesenszüge repräsentieren: er wäre also selbst kreativ, lernfähig, selbstkorrektiv und zukunftsfähig! Einen derartigen in der 'Einheit der Zeit' befindlichen Technik-Typus nenne ich nachhaltige Technik, die insofern das zukünftige Dasein von Mensch und Natur offenhält, als sie vom Prinzip der Vor-Sorge geleitet ist. Das auf diese Weise vorsorgende, über die Folgen seines Handelns aufgeklärte technologische Subjekt betrachtet nun Natur nicht mehr als entgegengestelltes 'Objekt' sowie Technologie nicht als bloßes Mittel zum selbst projizierten Zweck, sondern weiß sich, Naturvorgänge und technologische Prozesse in der Einheit der Zeit und entwirft ein verträgliches, oder besser: nachhaltiges Verhältnis von Mensch, Natur und Technologie.

Die Entwicklung einer derartigen 'aufgeklärten Utopie' bzw. eines vernünftigen technologischen Zukunftsbildes kann jedoch nicht als einmaliger Vorgang verstanden und realisiert werden, sondern ist nur als offener Prozeß vorstellbar. Denn wenn der derzeitige Technik-Typus geschichtlich geworden ist, kann er nur im Geschichtsprozeß wieder 'aufgehoben' und eine qualitativ neuartige Alternative entwickelt werden. Folglich werden wir die Bedingungen der Möglichkeit dieses Prozesses näher untersuchen.


107 - Picht hält sich hier in strenger Weise an die Begrifflichkeit Kants, der sagt: "Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich" (B266). Und weiter heißt es, daß "die Bestimmung meines Daseins in der Zeit nur durch die Existenz wirklicher Dinge, die ich außer mir wahrnehme, möglich" ist (B276).

108 - "Die Untersuchung der sog. 'Modalitäten' - Möglichkeit, Wirklichkeit, Notwendigkeit - hat erwiesen, daß die traditionelle Unterscheidung zwischen solchen, was 'innen', und solchen, was 'außen' ist, bei der Erfahrung von Natur nicht durchgehalten werden kann. Man kann die Modalitäten weder in ihrer Gesamtheit in das Subjekt noch kann man sie in ihrer Gesamtheit in die Objektsphäre verlagern. ... Sie lassen sich auf das Subjekt-Objekt-Schema überhaupt nicht verrechnen" (Picht 1990, S. 373 ff.).

109 - Hier kommt der phänomenale Zeitbegriff von Picht zum Ausdruck: "Die Zeit ist insofern Phänomen, als sie in jedem überhaupt möglichen Phänomen als die Bedingung seiner Möglichkeit mit erscheint. Sie ist der universale Horizont der Phänomenalität der Phänomene. Indem wir die Phänomenalität der Phänomene analysieren, analysieren wir immer zugleich die Struktur der Zeit" (Picht 1992, S. 238).

110 - Vgl. Kap. 1.3 dieser Arbeit.