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Ulf Skirke
Technologie und Selbstorganisation
Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs |
[S.192]
Kapitel 4:
Technologische Naturbeziehung und komplexes Zeitverhalten
Die bisherige Untersuchung der Krise des technologischen Fortschritts führte auf das Erfordernis einer
grundlegenden Alternative: Die Notwendigkeit eines anderen Fortschrittsverständnisses ergab
sich dabei aus der Tatsache, daß die immanente Fortsetzung der bisherigen Technikentwicklung zu einer zugespitzt
human- und naturunverträglichen Zukunftssituation führen würde und somit grundlegend
neue Maßstäbe für ein langfristig stabiles Mensch-Natur-Technik-Gefüge erforderlich
sind. Mit Hilfe der Komplex-Kommunikation sowie eines rekursiven Modellansatzes konnten Bedingungen der Möglichkeiten
für eine nachhaltige Technologieentwicklung bzw. der Rahmen für ein neuartiges Muster, ein neues 'Möglichkeitsfeld',
das Grundlagen für ein symbiotisches Mensch-Natur-Technologie-Gefüge definiert, in erster Näherung
dargestellt werden. Dabei soll die Mensch-Natur-Technologie-Beziehung grundlegend selbstorganisationsfähig
sein, um in ihrer hochkomplexen Dynamik stabile Lösungen modellieren zu können.
Dieses Modell eines prozeßorientierten 'Symbionten' als neuen Technik-Typus soll nun
nicht als Beschreibung eines fiktiven Endzustandes verstanden werden, sondern als evolutionäre, kreative und
offene Dynamik.
Folglich ist eine entsprechende Untersuchung über die Dynamik und das Zeitverhalten des Mensch-Natur-Technologie-Komplexes
erforderlich: Zum einen muß die Bedeutung der Zeitproblematik (vgl. auch Kapitel 1.4)
in bezug auf die Technologie- und Fortschrittskrise vertiefend untersucht werden, und zum anderen ist der Frage
nachzugehen, inwieweit die Zeit als Orientierungsmaßstab bzw. als weitere Bedingung der Möglichkeiten
für eine nachhaltige Technologieentwicklung dienen kann. Im bisherigen Gang der Untersuchung ergaben sich
zusammenfassend verschiedene Analysestränge in Bezug auf die Zeitproblematik, wobei Widersprüche und
Paradoxien in Erscheinung treten:
- Die Dringlichkeit der Problemstellung, nämlich die Entwicklung eines neuen Technologietypus verweist in
ambivalenter Weise auf die Zeit. Einerseits erfordert die Beschleunigung der Technologiekrise eine Verlangsamung
des technikinduzierten Problemdrucks, andererseits jedoch eine Beschleunigung der Problemlösung für eine
neuartige Technikentwicklung.
- Die mechanistischen Naturwissenschaftstheorien basieren überwiegend auf 'zeitlosen' und 'reversiblen'
Entwicklungsgesetzen - mit Ausnahme der Thermodynamik. Jede Form der Technologie führt auf zeitrelevante und
irreversible Prozesse, muß also Gesetze und Grenzen der Thermodynamik beachten. Der reale Schein der 'Zeitlosigkeit'
von mechanistischer Naturwissenschaft und Technik führt zu kritischen Inkonsistenzen mit der natürlichen
und zeitlichen Realität.
[S.193]
- Die Zeitbilanzen der Technikfolgen sind häufig negativ, d.h. der 'Zeitgewinn' konkreter technischer Abläufe
ist geringer als der 'Zeitverlust' zur Beseitigung der Folgen. Bei besonders risikoreichen Techniken akkumuliert
sich das zeitliche Negativsaldo und führt zu einem regelrechten 'Zeitstau', der die Entwicklungsdynamik tendenziell
einfriert und gleichzeitig die Problemdynamik beschleunigt.
- Das herkömmliche Fortschrittsverständnis in der Gestalt als lineares Zeitmodell sowie linear mechanistische
Technologieentwicklung erzeugt überwiegend nichtlineare Rückkopplungen und offenbart
nichtlineares Zeitverhalten: Der zunehmend bedeutsamere Krisentypus von "schleichenden Katastrophen"
(Böhret) legt nicht nur die zeitliche Ursache-Wirkungs-Versetztheit, sondern auch die nichtlineare multidimensionale
Zeitstruktur komplexer Technikfolgen offen.
- Die unterschiedlichen menschlichen, technologischen und natürlichen Prozesse vollziehen sich in ebenso
unterschiedlichen Zeitmaßstäben. Ein Kennzeichen der Technologiekrise ist darin zu sehen, daß
herkömmliche technische Prozesse ständig Ungleichzeitiges in Gleichzeitiges überführen und
damit einen nivellierten vereinheitlichten Zeitmaßstab oktroyieren. Demgegenüber setzt die Komplex-Kommunikation
zwar kommensurable Zeitmaßstäbe voraus, muß aber die jeweiligen 'Eigenzeiten' berücksichtigen.
Ist neben der Human- und Naturverträglichkeit als Orientierungsmaßstab für einen nachhaltigen Technologietypus
eine noch näher zu konkretisierende 'Zeitverträglichkeit' zu berücksichtigen? Stellt die Zeit etwas
Übergreifendes, Universelles dar, das sowohl subjektive als auch objektive Bereiche umfaßt?
- Herkömmliches technologisches Handeln ist ständig bemüht, den 'Raum' der Gegenwart zu vergrößern,
um das sich in der Vergangenheit Bewährte sowie das scheinbar für die Zukunft Gesicherte in gegenwärtig
Verfügbares zu transformieren. Fortschritt - dem vermeintlichen Erfolg der Vergangenheit verhaftet - vergegenwärtigt
sich so als eingeengte Zukunft: Das Ziel, die Gegenwart auszudehnen, wird andererseits mit der Zielsetzung, die
Zukunft offenzuhalten, zunehmend unvereinbar.
- Das 'technologische Subjekt' muß ein Zukunftsbild entwerfen, Zukunft antizipieren, um
(über)leben zu können. Andererseits unterliegen hochkomplexe, dynamische Entwicklungen einer prinzipiellen
Einschränkung der Vorhersagbarkeit und setzen damit Grenzen der Planung sowie des Handlungshorizontes für
das Subjekt.
Die weitere Untersuchung muß zeigen, ob und wie sich die Widersprüche bzw. Paradoxien lösen
lassen.
Unter Hinweis auf Kapitel 1.4 (S. 48 ff.) soll die Untersuchung des Zeitbegriffs von
Georg Picht herangezogen werden, um zu konkretisieren, wie die Dimension der Zeit als grund- [S.194] legende Verbindung von Naturbegriff, Technologieproblemen
sowie der Rolle des zukunftshandelnden Subjekts näher bestimmt werden kann. Insbesondere
ist dabei zu untersuchen, ob und wie der projektive Charakter des derzeitigen Technologie-Typus mit einem bestimmten
Zeit-Verständnis zusammenhängt.