Zurück |
Inhalt |
Weiter |
Ulf Skirke Technologie und Selbstorganisation Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs |
Da sich - wie bereits dargestellt - wirkliche Naturerkenntnis nur im Zusammenhang mit der körperlichen und geistigen Selbsterkenntnis des Menschen sinnvoll begreifen läßt, kann zunächst von einem Elementar-Dialog zwischen Mensch und Natur ausgegangen werden. Ähnlich wie die natürliche Sprache im Mensch- zu-Mensch-Dialog gewinnt allerdings auch hier das "Kommunikationsmittel", d.h. die technologische "Sprache" zentrale Bedeutung, um die Verständigungsebene zwischen Mensch und Natur zu erfassen. Bei näherer Betrachtung erweisen sich die Rückkopplungsprozesse zwischen der erweiterten Beziehung Mensch-Natur-Technologie als vielschichtige komplex-dynamische Vernetzungen, die sich - wie wir noch sehen werden - mit Hilfe des Selbstorganisationsansatzes als Wechselwirkung qualitativ verschiedenartiger, aber selbstähnlicher Muster und Prozesse deuten lassen. Weiterhin ergibt sich die Frage, wie diese Komplex-Kommunikation zwischen Mensch-Natur-Technologie dauerhaft verträglich gestaltet werden kann, und welcher Technologie-Typus dafür geeignet ist. Dies bedeutet umgekehrt, daß nicht jede Technologie ein "dialogfähiges", kohärentes und naturverträgliches "Kommunikationsmittel" verkörpern kann, sondern nur eine qualitativ und quantitativ eingeschränkte Teilmenge aller möglichen technologischen Lösungen zuzulassen ist. Es geht also um die Bedingungen der Möglichkeit einer kompatiblen Technologie und eine entsprechende Eingrenzung des dafür geeigneten 'Lösungs-Raumes'.
Aber was kann dabei als Maßstab für eine technologisch vermittelte, nachhaltige Naturpraxis dienen? Wie kann das "Problem der verallgemeinerbaren Grenzziehung zwischen statthafter und unstatthafter Nutzung der Natur" (Strey 1989, S. 79) gelöst werden? Wie lassen sich krisenhafte und katastrophische Rückkopplungsprozesse auf Mensch und Natur vermeiden - mit Hilfe welcher Orientierungsinstanz?
Da es sich bei technologischen Lösungen weder um reine Geistesprodukte noch um bloße Naturgegenstände handelt, sind derartige Maßstäbe im Bereich der 'Schnittstelle' bzw. 'Durchschnittsmenge' von geistig-sozialen, natürlichen und technologischen Wirkungsfeldern zu suchen (siehe Abb. 1).
Auf der Suche nach orientierenden Maßstäben für eine menschen- und naturverträgliche Technikgestaltung sind prinzipiell mehrere Wege möglich:
Aus der Vielzahl von Vorgaben und Maßstäben für technologische Konstruktionen lassen sich im wesentlichen vier zusammenfassen, nämlich (a) sozio- kulturelle Maßstäbe, (b) Orientierungen an einem allgemeinen Naturbegriff, (c) als Maßstab dienen körperlich-organische Eigenschaften und Bedürfnisse des Menschen oder (d) Orientierungen liefern biologisch- evolutionäre Prozesse. Zur generellen Beurteilung dieser Orientierungsmaßstäbe für Möglichkeiten einer sinnvollen Technikgestaltung läßt sich bereits jetzt feststellen, daß jeder dieser Wege seine relative Berechtigung [S.157] aufweist. Das Problem liegt allerdings in der jeweiligen sektoralen Vereinseitigung, so daß sich von der Betrachtungswarte der 'Komplex-Kommunikation' vielfach notwendige, nicht jedoch hinreichende Bedingungen, für die Maßstäbe einer kompatiblen Technikentwicklung ergeben.
Nun zur Betrachtung der Maßstäbe im einzelnen:
Zu (a):
Naturwissenschaft und Technik werden hier als direktes Kulturprodukt begriffen und unterliegen den 'Gesetzen' des Kulturfortschritts. "Naturforschung ist also zweckrationales Handeln und eingreifend in die Natur, ist Naturveränderung nach menschlichen Zwecken. Sie ist Kultur im wörtlichen Sinne ... und kann nur als Kultur geschehen, als Setzen und Verfolgen, Erreichen und Verfehlen von Zwecken begriffen werden" (P. Janich 1993, S. 108). So wird jedoch nicht nur die Naturwissenschaft, sondern auch die Natur selbst als "Kulturprodukt" angesehen. Da auch der Mensch in erster Linie als Kulturwesen betrachtet wird, ist die Kultursphäre für die Beurteilung des technologisch- naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschrittes maßgebend. "Begreift man also naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt als das, was er tatsächlich durch die Praxis der Naturwissenschaften ist, nämlich als Kulturleistung voranschreitenden technischen Verfügungswissens" (ebenda, S. 111). Dieser Logik folgend bezeichnet Janich eine menschenunabhängige "Restnatur" als reine Fiktion, ja die Vorstellung einer eigenständigen Natursphäre verstelle die Einsicht, daß Technologie menschlicher Handlung entspringt. Der Mensch sei "naturgeschichtlich zum Mängelwesen geworden ..., das sein Überleben nur durch Hervorbringen der Technik sicherstellen konnte" (ebenda). Die Grenzen für das technologisch Machbare bzw. für die Eingriffe in die Natur lassen sich jedoch nicht - so die Argumentation - der Natur "an sich" oder der Naturgeschichte entnehmen, sondern sind wiederum nur kulturell aufzuschlüsseln. "Fortschreitende Naturerkenntnis ist nicht nur eine Kulturleistung, sie unterliegt auch Grenzen von Kulturleistungen. Nicht Natur an sich, sondern nur ... die Antworten der Natur auf unsere Fragen bilden naturwissenschaftliches Wissen, mehr noch, nur die technischen Grenzen unseres Handelns kann sie zutage fördern - aber nur, wo gehandelt wird" (ebenda, S. 112).
Janich ist zuzustimmen, wenn er Naturwissenschaft und Technik als Kulturleistung hervorhebt, und als Maßstab für technologische Konstrukte des 'Kulturwesens' Mensch folgerichtig die Kultur-Gesetze in den Mittelpunkt stellt. Jedoch bleibt dies eine Halbwahrheit: Der Mensch ist eben auch Naturwesen und Technologie auch ein Naturgegenstand, die beide komplexe Wechselwirkungen und Rückkopplungen mit der Natur erzeugen und damit von ihrem eigenen Maßstab abhängig sind. Das Naturwesen Mensch muß sich ein - jedoch nicht beliebiges - Bild von der Natur machen, auch um kulturell überleben zu können. Das Selbstverständnis des Menschen ist eben sowohl kulturell als auch natürlich vermit- [S.158] telt, wobei diese Vermittlung wesentlich technologisch gestaltet ist. Der vereinseitigte Kulturmaßstab erzeugt so nicht nur ein 'halbiertes' Selbstverständnis des Menschen, sondern auch ein halbiertes Technik- und Naturverständnis. "Die Antworten der Natur auf unsere Fragen" (Janich, s.o.) bestimmen eben nicht nur die "technischen Grenzen unseres Handelns", sondern sie liefern nur dann ein geeignetes Naturwissen für sozial- und umweltverträgliche Technologien, wenn unsere Fragen 'richtig' gestellt sind. Allerdings gerät der Mensch-Natur-Dialog - wenn er die Kultursphäre zum alleinigen Maßstab erhebt - zusehends in die Gefahr eines Monologes bzw. kultureller Projektionen, die sich negativ auf die natürliche Umwelt oder die körperliche Gesundheit des Menschen auswirken können. Eine absurde Konsequenz würde dann bedeuten, das Ozonloch, den drohenden Treibhauseffekt oder diverse Ölkatastrophen als "Kulturleistungen" zu bezeichnen. Janichs These von der "Natur als Kulturprodukt" kann überhaupt nicht erklären, wieso dem gewaltigen kulturellen Fortschritt der Industrieländer die dramatische Steigerung ökologischer Probleme und damit die Krise im Umgang mit der Natur diametral gegenübersteht. Kultur und Natur werden so zu Gegenbegriffen, ja zu Gegenwelten, die damit widersprüchliche Anforderungen an die Technikgestaltung stellen.
Um diesem Dilemma zu entfliehen, geht G. Ropohl (1991) einen Schritt weiter, indem er "Technik als Gegennatur" kennzeichnet, um damit eine umfassende "Technisierung der Natur" zu begründen, die ihrerseits die globalen ökologischen Probleme beseitigen soll. "Insgesamt jedenfalls wird eine ökologisch begründete weltweite Material-, Energie-, Ernährungs-, Landschafts-, Klima- und Bevölkerungsplanung die Erde nur dadurch bewohnbar erhalten können, daß sie die Natur allseitig domestiziert. ... Wenn die öko-technologische Wende zustande kommt, ist sie ganz allein das Werk des auf sich selbst gestellten schöpferischen Bewußtseins: Es sind die Menschen, die sich ihre Welt schaffen. ... Wenn jedoch die Menschen die Hege und Pflege des irdischen Ökosystems mit der erforderlichen Konsequenz vervollkommnen, so bedeutet dies nicht mehr und nicht weniger als das Ende der Natur" (Ropohl 1991, S. 70 ff.). Diese radikale Vorstellung einer total beherrschbaren und technologisch planbaren Welt bedeutet nicht nur eine maßlose Selbstüberschätzung des "auf sich selbst gestellten schöpferischen Bewußtseins", sondern ist aus prinzipiellen Gründen unmöglich: Die Steuerbarkeit eines derart hochdynamischen und komplexen technologisch rückgekoppelten Systems ist grundsätzlich eingeschränkt, da mit chaotischen Prozessen zu rechnen ist und kleine Fehler-Ursachen zu großen (katastrophischen) Folgewirkungen führen können. Vermutlich wendet sich aber auch die Berücksichtigung der Kriterien von Sozial- und Kulturverträglichkeit selbst gegen einen solchen technokratischen Ansatz ...
Im Unterschied zum obigen Ansatz wird hier der orientierende Maßstab für das kulturelle und damit auch technologische Handeln des Menschen in einem allgemeinen Naturbegriff gesehen, wobei die Kultur als menschlicher Beitrag in die Naturgeschichte eingebettet sein soll (vgl. Meyer-Abich 1990, S. 49 ff.). Um die Erde vor dem überdimensionalen Anspruch menschlicher Selbstbehauptung zu schützen und ein "friedliches" Zusammenleben in der gesamten Biosphäre zu ermöglichen, versucht der 'physiozentrische' Ansatz eine radikale Abkehr vom Anthropozentrismus zu formulieren: "Der Verantwortungskreis ist nun so groß, daß nichts mehr nur um eines anderen Willen da sein soll, weder ein Teil der Menschheit nur für einen anderen noch die anderen Lebewesen nur für die Menschen, noch die Elemente des Lebens nur für die Lebewesen. Sie alle haben ihren Eigenwert im Ganzen der Natur, und um seinetwillen verdient ein jedes Rücksicht im Handeln derer, denen die Naturgabe Vernunft dies einzusehen ermöglicht. In diesem Kreis ist nun nicht mehr nur das Mitsein mit anderen Menschen und der übrigen Lebewelt das Maß unseres menschlichen Selbstseins, sondern die gesamte Mitwelt ist es. Nicht der Mensch ist das Maß aller Dinge, sondern alles was mit uns ist, ist das Maß unserer Menschlichkeit" (ebenda, S. 82).94 Dies soll allerdings nicht bedeuten, den Menschen quasi dem Naturganzen passiv unterzuordnen, sondern ihm obliegt weiterhin die Rolle einer aktiven Gestaltung der Natur - allerdings mit grundlegend geänderten Handlungsmaßstäben und einer Beseitigung der "Kulturschwäche unserer Gesellschaft". "Technik und Kunst haben sich zu Beginn der Neuzeit gemeinsam entwickelt, und die Kultur, zu der sie beide gehören, wäre der rechte Rahmen, um sie wieder in ein Verhältnis zueinander zu setzen" (ebenda, S. 108). Dazu sei eine "Umkehr zum Leben" sowie eine "Wiederbelebung der Sinne" erforderlich, wobei wir "die eigene Naturzugehörigkeit wiederentdecken": Die nicht entfremdete sinnliche Naturerfahrung soll also das kulturelle Handeln des Menschen leiten. "Kultur ist das, wodurch die Natur sich mit uns forttreibt" (S. 109).
Dem physiozentrischen Ansatz ist insoweit zuzustimmen, als er die jeweiligen natürlichen 'Eigenwerte' um ihrer selbst willen anerkennt und sie vor unverträglichen technologischen Eingriffen des Menschen zu schützen sucht. Jede technologische Zwecksetzung muß sich also vor dem Hintergrund von Wechselwirkungen, Rückkopplungen und Folgewirkungen in bezug auf die real existierende Natur auch sinnlich auseinandersetzen, um daraus Maßstäbe für ihre Naturverträglichkeit zu gewinnen. Jedoch lassen sich die natürlichen Eigenwerte und Maßstäbe nicht einfach aus "der" Natur ablesen, sondern sie werden nur mit Hilfe einer be-greifenden, technologisch vermittelten Praxis gegenüber der Natur zugänglich. Der physiozentrische Ansatz läuft daher immer Gefahr, [S.160] die angestrebte Kompatibilität zwischen Natur und Kultur lediglich zu setzen bzw. kulturell gewünschte Vorgaben in die Natur hineinzuprojizieren. Offensichtlich ist es ein kritikwürdiges kulturelles Produkt dieser Epoche, einen Technik-Typus hervorgebracht zu haben, der sich destruktiv auf die uns umgebende Natur auswirkt. "Vielfach kritisiert Meyer-Abich die anthropozentrische (und oftmals auch logozentrische) Struktur unserer Naturwahrnehmung und Naturdefinition; doch gleichzeitig wird sein Naturbegriff nicht schlüssig entwickelt, sondern lediglich gesetzt und von einer Wunschvorstellung diktiert. Wenn er fordert, wir müßten 'im Einklang mit der Ordnung der Natur' leben, wird damit eine vorgängige, universal und zeitlos ewig gültige Struktur behauptet, ohne darauf zu reflektieren, daß auch die Annahme einer Ordnung der Natur, in die der Mensch sich zu integrieren hätte, vorwiegend historisch bedingt ist" (M. Bischof 1993, S. 55 ff.). Ferner ist auffällig, daß - obwohl die Natur als zentraler Orientierungsmaßstab fungieren soll - der Naturbegriff des physiozentrischen Ansatzes erstaunlich abstrakt und eigenschaftslos dargestellt ist. Wie ein tatsächlicher Dialog zwischen Natur und Kultursphäre aufgrund innerer Zusammenhänge zustande kommen könnte, bleibt unklar und damit auch der Maßstab für eine menschen- und naturverträgliche Technologie.
Zu (c):
Ausgangslage bildet hier die Selbsterkenntnis der eigenen körperlich-natürlichen Existenzbedingungen des Menschen, also die Tatsache, daß das sozio-kulturelle Subjekt auch ein Naturwesen ist und sich existenziell an diesem Maßstab orientieren muß. Der physiologische Naturbegriff versucht zu Recht diejenige traditionelle Weltsicht zu überwinden, nach der die Natur lediglich als äußerlich dem Selbst gegenübergestellt wird, um demgegenüber durch den Leib die Natur als "Kenntnis von innen her" (Hans Jonas) als Selbst-Erfahrung zu erleben. "Denn nicht, daß wir in unserem Leibe wie in einem Gehäuse stecken, einem Gehäuse, das wir von innen her kennen, während es andere nur von außen betrachten, ist das Entscheidende, sondern daß wir als Leib Natur selbst sind" (G. Böhme 1992, S. 81). Jedoch stellt die körperliche Naturerfahrung zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für einen umfassend verträglichen Technik- Typus dar: Genauso wenig wie aus der "planenden Vernunft" oder aus sozio-kulturellen Vorgaben allein auf die naturverträgliche technologische Handlung geschlossen werden kann, erlaubt die Betrachtung des Leibes als "Probekörper" keine hinreichende Begründung für umweltverträgliches Tun. Denn erstens kann auch der eigene Leib zum entfremdeten Objekt oder gar zum Ausbeutungs- und Manipulationsgegenstand werden, was vermutlich ein ebenso entfremdetes Naturbild zur Folge hätte und die Berufung auf eine 'gesunde Natur' unmöglich machte. So "kann der Mensch nun allerdings meinen, nicht Leib zu sein, und die Veräußerlichung seiner Leiblichkeit kann, verstärkt durch die Methoden objektiver Wissenschaft, so weit gehen, daß ihm sein eigener Leib wie ein fremder zum Gegenstand willkürlicher Manipulation oder von Inszenierungen wird (ebenda, S. 88)". [S.161] Zweitens garantieren umgekehrt das Wohl-Leben und die Gesundheit des Menschen noch keineswegs, daß dieses keine Auswirkungen auf Naturausbeutung oder Naturzerstörung hätten, da der menschliche Körper als "Sensor" für ökologische Krisen ausgesprochen robust und relativ unempfindlich reagieren kann - im Unterschied zu vielen Tier- und Pflanzenarten.
Von daher versucht L. Schäfer (vgl. auch S. 24 ff. der vorliegenden Arbeit) einen weiterführenden dialogischen Ansatz, in dem die Wechselwirkungen und Rückkopplungen zwischen körperlicher Gesundheit, planender Vernunft, technologischen Eingriffen und Naturauswirkungen betrachtet werden, und der sich zunächst in elementarer Weise im lebendigen Subjekt des Menschen abspielt, nämlich zwischen körperlich-physiologischer Existenz und 'planender Vernunft': "Unserem Leib steht ein Einspruchsrecht gegenüber unseren Planungen technisierter Lebensverhältnisse zu. Wir müssen unsere Utopien vor unserer körperlichen Gesundheit verantworten" (Schäfer 1991, S. 34). Als Maßstab technologischen (und kulturellen) Handelns bleiben die menschliche Selbstbestimmung und ihr Naturverhältnis ambivalent, da beide in einem "flexiblen Testverhältnis zueinander" stehen. "Die in der Autonomie des Subjekts verankerten Lebensentwürfe einerseits und die Auswirkungen des realen Stoffwechsels mit der Natur auf unsere Gesundheit andererseits, sind unabhängige und nicht reduzierbare Instanzen der Kulturbewertung" (ebenda, S. 33 ff.).
In bezug auf die Kulturbewertung ist dieses Testverhältnis in der Tat außerordentlich flexibel, jedoch erzeugt das technologisch vermittelte 'Testverhalten' unweigerlich Rückkopplungen auf die nichtmenschliche Natur und bedeutet bei derzeitiger Eingriffstiefe unweigerliche Konsequenzen für den Fortgang der globalen Evolution. Die materiellen Folgewirkungen des jeweils 'flexiblen Test- Ergebnisses' muß sich also auch vor dem globalen Überlebensprozeß, also den Rückkopplungen der Evolution verantworten. Von daher ist auch deren Orientierungsmaßstab für technologisches Handeln gleichermaßen zu berücksichtigen.
Zu (d):
Bei diesem Ansatz wird davon ausgegangen, daß sich Technik-Typus und Fortschrittsverständnis wesentlich an evolutionären Prozessen orientieren sollten, um insbesondere Überlebensprozesse zu verstehen und entsprechend zu übertragen. "Die biologische Evolution, die Höherentwicklung des Lebens auf unserem Planeten - mit seinen begrenzten ökologischen Nischen und seinen eng begrenzten Ressourcen - ist als ein gigantischer qualitativer Wachstumsprozeß aufzufassen. Die biologische Evolution hat sich auf einem vorgegebenen, begrenzten Areal unter ständigem Ressourcendruck abgespielt" (H. Mohr 1993, S. 36). Die Übertragbarkeit von evolutionären Prozessen auf technisch-ökonomische "gründet sich auf nichttriviale und weitreichende Analogien und Isomorphien" [S.162] (S. 37).95 Allerdings müssen auch bei diesen Prozessen Funktionseigenschaften und Gesetzmäßigkeiten dynamisch komplexer Systeme berücksichtigt werden: "Biologische Systeme, auch der menschliche Körper, sind nicht daraufhin angelegt, chaotische Entwicklungen unter allen Umständen zu vermeiden. Zellen, Organismen, Ökosysteme sind keine Planungsfetischisten. Lebende Systeme sind vielmehr so konstruiert, daß sie die unvermeintlichen, chaotischen Prozesse durch Gegensteuerung bewältigen ... Proaktive und reaktive Strategien müssen sich ergänzen" (ebenda, S. 37 ff.). Mohr sieht bereits in bestimmten Bereichen der modernen Technik subtile Analogien zur Zelle, nämlich in der "Herstellung von Ordnung in chaotischen Systemen durch die ständige Anwendung kleiner Kräfte" (ebenda, S. 38). Dies legt nahe, daß Technologien, die sich optimal in evolutionäre Überlebensprozesse einpassen lassen, durch rekursive Prozesse, Selbstähnlichkeit und modularen Aufbau gekennzeichnet sind.
Der evolutionäre Ansatz geht davon aus, daß unsere technologisch-kulturellen Fortschrittsmuster nicht einfach genetisch determiniert sind, sondern sich in Dialog zwischen der "genetischen Software" und der 'realen Welt' herausbilden. Dieser Ansatz des "hypothetischen Realismus" (vgl. Wuketits 1988, S. 47 ff.) läßt demnach sehr verschiedenartige kulturelle und technologische Entwicklungen zu, die aber ihrerseits auf evolutionären Vorerfahrungen und Vorerwartungen basieren und sich als (über)lebensfähig erweisen müssen.
Auch bei diesem Ansatz wird deutlich, daß die Evolution allein kein hinreichender Orientierungsmaßstab für technologische Entwicklungen darstellt, sondern immer schon als dialogische Beziehung zwischen Mensch, Natur und Technik gekennzeichnet ist. Darüber hinaus sind die belebte und unbelebte Welt nicht bruchlos vermittelbar, sondern die Strukturverwandtschaften müssen im einzelnen nachgewiesen werden.96 "Diese Welten hängen zwar miteinander zusammen und die Naturwissenschaft vermittelt sie auch, allerdings ist der Zusammenhang nicht ohne Schwellen und nicht ohne Kontingenz bzw. Symmetriebrüche zu denken" (Böhme 1992, S. 72). Weiterhin sind durch die Möglichkeiten der Genmanipulation Veränderungen an der biologischen Evolution selbst praktizierbar, so daß sich das Problem einer technisch konstruierten Evolution stellt.
Dennoch erhebt sich die Frage, ob nicht ein Verbindendes, ein gemeinsamer Maßstab hinter den vier geschriebenen Orientierungsmaßstaben steht? Gibt es ein gemeinsames Maß, das die Einordnung und Bewertung menschlicher, natürlicher und technologischer Prozesse gestattet? [S.163]
Hinter der Problematik dieser vier beschriebenen Orientierungsmaßstäbe verbirgt sich ein grundlegender und folgenschwerer Konflikt, nämlich der Konflikt zwischen freier, planender Vernunft bzw. menschlicher Autonomie einerseits und Naturdeterminismus andererseits. Dies ist keineswegs ein rein begriffliches, sondern vielmehr ein real praktisches Problem, da die duale Gegenüberstellung von menschlich-kultureller Sphäre und Natur den derzeitig vorherrschenden Technologietypus - mit negativen global-ökologischen Folgewirkungen - hervorgebracht hat. Die menschliche Autonomie wurde häufig dabei als Freiheit von der Natur und nicht als Freiheit in der Natur begriffen, so daß das technologische Produkt zum gegennatürlichen Fremdkörper wurde. Aber gerade im technologischen Bereich läßt sich eine scheinbar von der Natur autonome 'planende Vernunft' nicht von den Naturbedingtheiten ablösen: Entweder die natürlichen Rahmenbedingungen werden von Anfang an konstruktiv in die planerische Gestaltung einbezogen oder es machen sich nicht beachtete Naturverträglichkeiten technologischen Handelns als negative Folgen bemerkbar. Von daher kritisiert Judith Conrad (1992) die ausschließende Alternative von menschlicher Autonomie und Naturdeterminismus (S. 143). Denn vor dem Hintergrund der Technikfolgen erweist sich diese ausschließende Alternative in doppelter Weise als Fremdbestimmung: Zum einen behandelt das vermeintlich autonome und freie Subjekt die Natur als fremdes, aber zu beherrschendes Objekt. Andererseits wirkt die entsprechend entfremdete Natur auf den Menschen negativ krisenhaft zurück. Nun erscheint seine Autonomie wesentlich eingeschränkt und fremdgesteuert. "Die aporetische Situation unserer Zeit läßt sich also folgendermaßen kennzeichnen: Bedingt zu sein von einer Konzeption, die den Menschen als unbedingt faßt, abhängig zu sein von der Vorstellung, der Mensch gestalte autonom sein Leben" (J. Conrad 1992, S. 172).
Dennoch kann ein geänderter Fortschrittsprozeß bzw. ein anderer Technologietypus aus diesem Dilemma nicht einfach "herausspringen", sondern muß sich an dieser Entgegensetzung abarbeiten. Kurzfristig sind "Natur und Technik, das Künstliche und das Natürliche, eine provisorische, aber noch unentbehrliche Entgegensetzung" (G. Böhme 1993, S. 69). Von daher werden alle vier o.g. Orientierungsmaßstäbe aufzugreifen sein, um daraus eine realpraktische Synthese zu entwickeln. Beispielhaft sieht Böhme in diesem Zusammenhang drei Bereiche, in denen der Gegensatz von menschlicher Autonomie und Natur in pragmatischer Weise gelöst werden könnte, um damit dringend anstehende Probleme des derzeitigen Mensch-Natur-Technik- Verhältnisses aufzuarbeiten:
Lösungen innerhalb des Mensch-Natur-Technik-Gefüges lassen sich also nicht dadurch entwickeln, daß die jeweiligen Entgegensetzungen von Mensch, Natur und Technik einfach eingeebnet werden, sondern ihre jeweiligen qualitativen Eigenwerte und eigenen Rückkopplungsprozesse müssen rekonstruiert und auf Verträglichkeiten oder Unverträglichkeiten hin untersucht werden, um sowohl die 'Eigenräume' von Mensch, Natur und Technik als auch die "strukturellen Kopplungen" dieser Eigenräume aufzudecken. Ein neuer Technik-Typus, der Aufbau einer neuartigen, verträglichen, künstlichen Welt kann nicht einfach aus einer projizierten und additiven Ganzheitlichkeit abgeleitet werden, die sich bei genauerer Betrachtung aus widersprüchlichen und in sich unverträglichen Teilen zusammensetzen würde; "in sie hineinzuspringen mit dem Phantasma neuer Ganzheiten hieße, die Widersprüche [S.165] leugnen, die es gegenwärtig zu denken, und den Entgegensetzungen ausweichen, die es auszutragen gilt" (ebenda, S. 70).
Dennoch scheint mir diese komplexe Konfliktaustragung nur zu befriedigenden Lösungen zu führen, wenn trotz ihrer asymmetrischen Beziehung die Kultursphäre 'die Technosphäre' und die Natursphäre im Lichte ihrer inneren Verwandtschaft gesehen werden! Gerade jüngere Forschungsergebnisse einer verallgemeinerten Komplexitätstheorie stützen eine solche Betrachtungsweise: So hat Gell-Mann (1994) "komplexe, adaptive Systeme" untersucht und dabei grundlegende Analogien von menschlichen, natürlichen und technologischen Prozessen dargelegt. "Gemeinsam ist all diesen Prozessen, das jedes komplexe adaptive System Informationen über seine Umwelt und seine eigene Wechselwirkung mit dieser Umwelt aufnimmt, Regelmäßigkeiten in diesen Informationen erkennt, die es zu einem 'Schema' oder Modell verdichtet, und in der realen Welt gemäß diesem Schema handelt" (Gell-Mann, S. 53). Die gemeinsame Funktionsweise besteht also in der informationellen Antizipation von Zukunft durch flexible Anpassungsfähigkeit, Fehlertoleranz, Innovations- und Kommunikationsfähigkeit in seiner jeweiligen Umwelt - bei hoher stabiler Eigenständigkeit. Diese vorteilhaften Eigenschaften komplexer adaptiver Systeme weisen also gleichermaßen ein hohes Maß an Autonomie und Anpassungsfähigkeit sowie Kohärenz und Vielfältigkeit auf, Eigenschaften, die mir auf der Suche nach menschen- und naturverträglichen Technologien besonders bedeutsam erscheinen. Es ist also zu vermuten, daß die Komplex-Kommunikation von Mensch, Natur und Technologie verträgliche Lösungen genau dann hervorbringt, wenn kompatible komplexe Systeme miteinander kommunizieren können. Und dies legt wieder den Schluß nahe, einen zukünftigen Technik- Typus als neuartiges, komplexes, adaptives System so zu konstruieren, das es einen neuen Möglichkeitsraum gegenüber Mensch und Natur aufspannt, und dem unter bestimmten Rahmenbedingungen eine weitgehende Autonomie als echter Dialogpartner zuerkannt wird!
Genauso wenig wie die der Natur entgegengesetzte kulturelle Autonomie des Menschen ist ein zugrundegelegter mechanistischer Naturdeterminismus Garant für die Entwicklung von sinnvoller, verträglicher Technik, sondern erst die Berücksichtigung der komplex-dynamischen Rückkopplungsprozesse, der jeweiligen Auto-Nomie von Mensch, Natur und künstlicher Natur ermöglichen Orientierungsmaßstäbe für eine kompatible Technikentwicklung. Alle zur Selbstorganisation fähigen komplex adaptiven Systeme tragen einen unterschiedlichen Grad an Autonomie, an innerer Steuerungsfähigkeit in sich, in denen trotz verschiedenartigem Komplexitätsgrad einzigartiger Individualitäten selbstähnliche Muster in den verschiedenen Schichten des Naturganzen wiederentdeckt und als verwandt mit menschlicher Autonomie gedeutet werden können. Evolutionäre Selbstorganisation bringt somit die jeweiligen 'Eigenwerte' und Eigenräume von Natur und Mensch hervor, die je nach Art des technologischen 'Kommunikationsmittels' in eine verträgliche oder unverträgliche Beziehung treten. Jedoch wird auf diese Weise nicht nur der Autonomiebegriff [S.166] modifiziert, sondern auch die Vorstellung des Naturdeterminismus. Das grundlegende Wissen über selbstorganisierende und chaotische Prozesse legt nahe, die Vorstellung eines einfach kausalen Naturdeterminismus durch eine dynamische Komplex-Entwicklung zu ersetzen: Im Wechselspiel von Selbstorganisation und Chaos liegen zwar die Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung naturgesetzlich fest, nicht jedoch die Entwicklungsmöglichkeiten. Die 'Autonomie' von komplexen Prozessen besteht sowohl in der Fähigkeit zur Selbststeuerung als auch in der Vielfalt der Freiheitsgrade. Wenn nun das Selbstorganisationsparadigma die Möglichkeit einer selbstähnlichen Beziehung zwischen dem Selbstverständnis des Menschen und dem Naturverständnis offenlegt, dann müßte dieses auch im Zusammenhang mit der Technologie, also für das Mensch-Natur-Technologie-Gefüge von Bedeutung sein. Die Frage ist also, ob mit Hilfe des Selbstorganisationsansatzes Kriterien für das Strukturverhalten technologischer Entwicklung ableitbar sind - wie sie in ähnlicher Weise für natürliche und menschliche Prozesse gefunden wurden. Dazu seien noch einmal die grundlegenden Charakteristika und Prinzipien der Selbstorganisation zusammenfassend in Erinnerung gebracht:
Trotz selbstähnlicher Strukturen und Prozeßeigenschaften lassen sich den verschiedenen Schichten der 'Realität' jeweils unverwechselbare Grade von Individualität, Geschichte und Autonomie zuordnen, die sich in unterschiedlicher Weise materiell oder immateriell auswirken, d.h. eine irreduzible Vielfalt emergenter Strukturen aufweisen. Die der materiellen Welt asymmetrisch gegenüberstehende immaterielle Geisteswelt bringt zwar qualitativ einzigartige autonome Individualitäten hervor, bleibt aber an die "Schwerkraft" der Natur gebunden und durch inneren körperlichen Selbstbezug mit ihr verbunden.98 Als Folge des dynamischen Evolutionsprozesses bildeten sich beim Menschen folgende spezifische Fähigkeiten eines humanen Selbst heraus:
"a) Die Fähigkeit, über sich selbst und seine Ziele zu reflektieren (im Sinne einer inneren Tätigkeit), d.h. er kann über seine Ziele, die Möglichkeiten ihrer Erreichung sowie über die Konsequenzen, die damit verbunden sind, 'nachdenken' und sein eigenes Handeln (im Sinne von äußerer Tätigkeit) dadurch orientieren ... Hiermit entsteht eine neue Qualität der Selbstreferenz, d.h. der Mensch ist in der Lage, sich selbst als selbstreferentielles ("biotisches") System zum Objekt seiner Betrachtung zu machen und damit zu sich selbst als selbstreferentielles System eine Selbstreferenz herstellen. Damit entsteht in gewisser Weise eine doppelte Selbstreferenz. Diese doppelte Selbstreferenz ist charakteristisch für die neue Qualität von Zielen auf der gesellschaftlichen Bewegungsform der Materie.
b) Die Fähigkeit, Zielvorstellungen zur bewußten Veränderung (Umgestaltung) seiner äußeren und/oder inneren Bedingungen herauszubilden ...
c) Die Fähigkeit, sich bewußt 'Adaptionsmittel' zu schaffen, insbesondere solche (künstlichen) Mittel (Werkzeuge bzw. 'Denkzeuge'), die die Effektivität äußerer bzw. innerer Tätigkeiten verbessern, aber auch bestimmte Tätigkeiten überhaupt erst ermöglichen ...
d) Die Fähigkeit, bewußt Kooperationen zu bilden ..., um Tätigkeiten durchführen und damit Bedürfnisse befriedigen zu können, die er alleine nicht ... durchführen kann. (Christian Dahme, 1990, S. 155 ff.)"
Aus diesen Charakteristika des humanen Selbst wird allerdings auch deutlich, daß diese in Ansätzen und ähnlichen Formen bereits in höheren komplex-adaptiven und selbstorga [S.168] nisierenden Systemen vorzufinden sind - sozusagen in 'Vorformen' als einfache Selbstreferenz bzw. als Übergangsformen zur doppelten.
Wir finden damit verschiedene Qualitäten und Ebenen verschiedener komplexer 'Selbste', die jedoch zwei wesentliche, gemeinsame Eigenschaften aufweisen: nämlich den jeweiligen hochkomplex-dynamischen, selbstorganisierenden Phänomenen den Charakter eines "Selbst" zuschreiben sowie in vollem Sinne von "Kommunikation in der Natur" reden zu können. Diese Kommunikation besteht darin, daß "Resonanzen" zwischen den verschiedenen Systemkomplexen hergestellt und trotz ihrer Verschiedenheit Ähnlichkeiten (wieder)gefunden werden können. Die jeweiligen Eigenschaften von Selbstbezüglichkeiten, Selbstreferenzen und Selbstorganisationsprozessen unterscheiden sich qualitativ nach Einfach- oder Mehrfach-Selbstorganisation, nach Dynamik und Komplexitätsgrad, nach Grad der Informationsverarbeitung sowie nach Art des Metabolismus. Die jeweils verschiedenen Qualitäten und Individualitäten dieser Selbst-Charaktere lassen ihre entsprechende Autonomie und Eigenwertigkeit zu. "Dieser Charakter des Selbst wurde der Natur in neuzeitlicher Naturwissenschaft abgesprochen, einerseits wegen der radikalen cartesianischen Trennung zwischen ausgedehnter Substanz und denkender Substanz (Seele), andererseits wegen der Grundmaxime, alle Naturprozesse auf Kausalbeziehungen zurückzuführen. Selbstorganisation und Reproduktion konnten dann nur, wie Kant sich ausdrückt, noch begriffen werden, indem die Natur als das Produkt eines intelligenten Subjekts vorgestellt wurde. Dadurch, daß das Selbst neuzeitlich als Subjekt gedacht wurde, wurde es als Charakter von Natur indiskutabel" (Böhme 1992, S. 73 ff.). Legt man allerdings die naturphilosophischen Konsequenzen der Selbstorganisations-und Chaosforschung zugrunde, ändern sich die Verhältnisse grundlegend: Freiheit und kulturelle Selbstbestimmung des Menschen und evolutionäre Dynamik einer eigenwertigen Natur erscheinen so wesensverwandt und prinzipiell miteinander vereinbar. "Heute erlebt es (das Selbst - d.Verf.) durch die Aufdeckung von Prozessen, die man als Mechanismen des Selbst bezeichnen könnte, eine Rehabilitation. Es geht dabei um Selbstregulation, zirkuläre Kausalität, um Autokatalyse und Autopoiese. Durch diese Prozesse ist eine Selbstbezüglichkeit von natürlichen Systemen sichtbar geworden, die ihnen den Charakter eines Selbst gibt, ohne daß man sie gleich als Subjekte ansprechen müßte. Dadurch wird der Gegensatz von bloß faktischer Natur und durch Subjektivität bestimmter Menschenwelt entschärft und vielleicht auf die Dauer überbrückbar" (ebenda S. 74).
Ebenso können selbstorganisierte Kommunikations- und Informationsprozesse als existentielle Charakterzüge insbesondere der organismischen Natur angesehen werden, die sich bereits lange vor der menschlichen Existenz entwickelt und verfeinert haben. Das Verständnis, die Erkenntnis und der Informationsaustausch von inneren komplex verzweigten 'Mustern im Muster' natürlicher Strukturen stellen für die Organismen eine fundamentale Kommunikationsbasis und eine Grundlage für das Begreifen der jeweiligen Umwelt dar, so [S.169] daß dialogische Verständigungsmuster in der Natur bis hin zu ökologischen Beziehungen zwischen Mensch und Natur überhaupt erst möglich werden. "Das könnte zu einer Anknüpfung an 'Aristoteles' Auffassung führen, für den Naturdinge als solche wesentlich durch Wahrnehmung bzw. Wahrnehmbarkeit charakterisiert waren. Auf der anderen Seite hat sich durch die Analyse von Lebensprozessen im kleinen, d.h. auf molekularer Ebene, herausgestellt, daß sie weniger durch energetische Wechselwirkungen, sondern vielmehr Formerkennung, Formbildung und Formweitergabe bestimmt sind ... (Es handelt) sich offenbar um Informationsprozesse im vollen Sinne, insofern Information Struktur ist, die verstanden wird. Dabei ist entscheidend, daß bei einem derartigen Wirkungsprozeß die Energie des Prozesses nicht vom Wirkfaktor ausgeht, sondern im Bewirkten, dann Empfänger genannt, durch die übermittelte Struktur lediglich ausgelöst und angeregt wird" (ebenda). Diese innere Informationsverarbeitung und selektive Informationsübertragung ist charakteristisch für Selbstorganisationsprozesse, mit denen uns die Natur ein "ganz anderes Gesicht" zeigt als in klassischen Naturwissenschaften, aber auch in dualistisch geprägten Natur- und Technikphilosophien. Mit Hilfe dieser grundlegenden Charakteristika eines komplexen Selbst läßt sich nun auch ein künstliches, technologisches 'Selbst' vorstellen, das als lernfähiges System Eigenschaften innerer Informationsverarbeitung, selektiver Informationsübertragung bzw. der Kommunikationsfähigkeit sowie der Selbstreferenz und Selbstorganisationsfähigkeit aufweist. Eine derartige Technologie neuen Typus müßte nicht nur in bezug auf Mensch und Natur eine relative Autonomie zugeordnet werden, sondern auch eine neue Form der Kompatibilität. Es erscheint deshalb erfolgversprechend, die Mensch-Natur-Technologie-Beziehung mit Hilfe von Selbstorganisation und komplexen, adaptiven Systemen zu ergründen, modellieren und zu gestalten.
Mit Hilfe dieser Argumentation könnte es gelingen, nicht nur die (innere) Bedingtheit bzw. Disposition von Mensch und Natur als wesensverwandt darzustellen, sondern auch ein technologisches Selbst in der Gestalt als Technologie neuen Typs mit Mensch und Natur in ein 'verwandtschaftliches' Verhältnis zu überführen, um damit eine nicht fremdbestimmte Orientierung dahingehend zu konkretisieren, daß einem sinnvollen anthropologischen Wollen auch ein natureigenes Können entspricht und somit auch technologische human- und umweltverträgliche Lösungsmöglichkeiten existieren. Weder Mensch noch Natur noch Technologie können einfach der Kategorie des Wollens und Sollens unterworfen werden, sondern die Analyse der komplexen Prozeß-Gesetze des Werdens und des Gewordenseins sowie verantwortungsbewußte Voraussicht von möglichen Entwicklungsprozessen schaffen Orientierungen für das menschliche Handeln zur (technologischen) Gestaltung der Zukunft: Die Bifurkationsdynamik führt auch hier auf prinzipiell offene, aber keine beliebigen Zukünfte. "Überragende Bedeutung erhält in einem solchen Konzept die prospektive theoretische Kultur einer Gesellschaft. Theorien bilden dann eben nicht nur ab, was Sache ist, sondern widmen sich der Aufgabe, festzustellen, [S.170] was unter welchen Bedingungen Sache sein kann" (R. Mocek 1990, S. 172). Es geht also um die Entwicklung einer zukunftsfähigen Technologie.
Die Schwierigkeit für die Gewinnung human- und naturverträglicher, technologischer Handlungsmaßstäbe liegt aber insbesondere darin begründet, daß sie nicht einfach "der" Natur entnommen werden können, da diese in epochal neuartiger Weise bereits technologisch vermittelt ist. Diese Vermittlung zeigt sich derzeit widersprüchlich: erstens als Erfahrung einer krisenhaften Beziehung zwischen Mensch und Natur, aber zweitens als Ermöglichung des theoretischen und praktischen Zugangs zu komplexen Naturprozessen, insbesondere mit Hilfe der Selbstorganisationsforschung.
Das derzeitige Mensch-Natur-Technologie-Gefüge "entbirgt" derzeit im wesentlichen unbeabsichtigte "Folgen" (vgl. C. Böhret 1990, S. 25 ff.). Obwohl menschliches Handeln zum Zwecke der Naturbeherrschung versucht, die Naturkomplexität tendenziell zu reduzieren, zu linearisieren und zu instrumentalisieren, eröffnet das technologisch vermittelte Naturgeschehen unvorhergesehene Wirkungen und Nebenfolgen in komplexer Weise. "Eine Ursache hat viele Folgen, eine Folge hat viele Ursachen. Folgen verhalten sich zu Ursachen nicht 'linear'. Es kann stabile und unstabile Zustände, Chaos, periodische Entwicklungen und Sättigungserscheinungen geben. Die Beziehungen zwischen Maßnahmen und ihren Auswirkungen sind nicht nur kompliziert - nicht selten sind sie antiintuitiv und kontraproduktiv" (A. Gierer 1988, S. 289). Die Ursache- Wirkungs-Beziehung zwischen Mensch und Natur geht nicht nur in eine komplexe rekursive Interdependenz über, sondern offenbart auch "neuartige Folgen", die umgekehrt einen neuartigen Zugang zu bzw. Erkenntnis von komplexen Naturprozessen mit sich bringen. Das Mensch-Natur-Technik- Gefüge hat in irreversibler Weise ein neuartiges "Evolutionsfeld" eröffnet, das sich bei Weiterführung derzeitig krisenhafter Natureingriffe weiter destabilisiert - und möglicherweise zugrunde geht - oder mit Hilfe einer grundlegenden "Kehre" in einen qualitativ neuen, stabilen Zustand überwechselt. Ein solcher Übergang bedeutete weitaus mehr als eine 'Technikfolgenabschätzung' "neuer Technologien" auf der Basis des herkömmlichen Technik-Typus, sondern die Eröffnung der Möglichkeit eines kreativen Prozesses, in dem Technologie selbst zu einem komplexen adaptiven Selbstorganisations- System würde!
Die historische Anhäufung der Entdeckungen von Selbstorganisationsphänomenen erscheint einerseits nicht zufällig, andererseits aber paradox: Die Selbstorganisations- und Chaosprinzipien in der Natur treten gerade dann verstärkt in unser Gesichtsfeld, als sich diese Phänomene eben nicht als "reine" Naturprozesse, sondern als komplex technologisch vermittelte 'entbergen'. Die mechanistische Fremdsteuerung der Natur durch naturunverträgliche Technik-Eingriffe legt also das komplexe Mensch-Natur-Technik-Gefüge als höchstempfindliches Selbstorganisationssystem frei: "Wenn Natur ein äußerst hochstufiges, hochaggregiertes, rückgekoppeltes Gesamtsystem ist, indem wir selbst und [S.171] unser naturwissenschaftlich-technischer Eingriff auf einer niederen Stufe mitspielen, dann muß dies in einem überspekulativen Sinn genau dann deutlich werden und zum Bewußtsein kommen, wenn die in dieses Naturganze eingreifenden, vermeintlich wissenschaftlichen, in Wahrheit aber technologischen Handlungen Folgen auslösen, die es unabweisbar machen, Rückkoppelungsstrukturen nicht nur in der objektivierten Natur selbst anzusetzen, sondern sie auch als strukturelle Kennzeichen jenes Gesamtsystems von Mensch und objektivierter Natur anzunehmen, als das wir Natur immer deutlicher zu begreifen beginnen" (Zimmerli 1990, S. 402). Und diese Rückkopplungsstrukturen weisen charakteristische Muster auf: Technikfolgenabschätzung enthüllt, daß die lineare Planung gewünschter technischer Handlungen nichtlineare Rückkopplungs-Schleifen hervorbringt, deren unerwünschte Folgen wiederum technisches (reparierendes, nachsorgendes) Handeln nach sich zieht, das wiederum nichtlineare, komplexe Folgen hervorbringt. Diese neuartigen, zeitversetzten und nicht nach einfachem Kausalprinzip funktionierenden Folgewirkungen des derzeitigen Technik-Typus "schleichen" nahezu unmerkbar eine gewisse Zeit vor sich hin, bevor sie dann plötzlich sprunghaft in Erscheinung treten ("schleichende Katastrophen") (Böhret). Es entsteht ein Folgen-Muster im Muster im ..., also ein selbstähnlicher Folgen-Typus, der in bezug auf Gesundheit, Umwelt und Kultur ähnliche Problemmuster offenlegt, nämlich ein krisenhaftes Mensch- Natur-Technik-Verhältnis. Wenn also die selbstähnlichen Problemmuster sich (negativ) 'entbergen', verweisen sie positiv auf ein grundlegendes Problem- Lösungsmuster: Wenn es gelingt, von vornherein die nichtlinearen Rückkopplungseffekte des technischen Handelns so zu berücksichtigen, daß sie auf jeder Stufe der Folgewirkungskette positiv verträglich zu Mensch und Natur in Beziehung gebracht werden können, um im großen wie im kleinen strukturgleiche Muster zu wiederholen (Selbstähnlichkeit), dann könnten Prinzipien der Selbstorganisation und des Chaos grundlegende Orientierungsmaßstäbe für eine neuartige, verträgliche Mensch-Natur-Technik-Beziehung liefern! In der derzeitigen Technologie-Krise machen sich nichtlineare dynamisch-komplexe Rückkopplungseffekte auf Mensch und Natur so oder so bemerkbar: entweder in Form eines katastrophisch-chaotischen Szenarios der globalen Entwicklung oder als kreativ-chaotischer Übergang in einen lebensfähigen Selbstorganisationsprozeß, der Mensch, Natur und Technologie deshalb verträglich koppelt, weil sie jeweils nach (selbst)ähnlichen, verträglichen Prinzipien funktionieren. Dies bedeutet jedoch nicht, daß ein verträglicher Technik-Typus menschliche und natürliche Vorgaben lediglich 'imitiert', sondern Mensch, Natur und Technik fungieren als qualitativ eigenständige, 'komplex adaptive Systeme', die ihre vielfältigen, aber ähnlichen Prozeßmuster so kommunizieren können, daß sich insgesamt stabile Gesamtmuster des Mensch-Natur- Technologie-Gefüges ausbilden - mit offenen Zukünften.
Dies wiederum führt auf zwei grundlegende Einsichten: Bei weiterer Zuspitzung der ökologischen Krise wäre ein zunehmendes destruktives Chaos mit Gefahr für den Menschen und [S.172] die anthropogen beeinflußte Natur wahrscheinlich unabwendbar, aber umgekehrt: Die Kenntnis über Selbstorganisation und "schwaches", kreatives Chaos liefert Möglichkeiten und Orientierungen für konstruktiv naturverträgliches und folgenbewußtes, technologische Handeln. "Für die engere Verwendung der Konzepte in der Folgen-Forschung ist die Anregungsfunktion (des Selbstorganisationsparadigmas - d. Verf.) ohnehin evident. Dies gilt besonders dort, wo die 'neue Geschichtlichkeit' in den Naturwissenschaften ... auch der 'Symbiose' von Mensch, Artefakt und Umwelt eigenständige ... grundsätzlich 'offene' Zukünfte zuschreibt" (Böhret S. 167).
Die heutige Mensch-Natur-Technik-Beziehung befindet sich also vor einer grundlegenden "Verzweigung", deren einer Weg in ein Geflecht chaotischer Bifurkationsdynamik mit vermutlich katastrophischen Folgen führt oder aber durch Verringerung der Destruktionsbeschleunigung dem "starken", destruktiven Chaos ausweicht, um Spielräume für eine dauerhaft stabile Lösung in Form eines neuen Fortschritts- und Technik-Typus zu gewinnen. Die technologische Entwicklung wird sich also wieder "darauf besinnen müssen, daß sie von der Natur abhängig bleibt. Der Bezug auf Natur als unendliches Reservoir, das Überspielen von Nebenfolgen und Unkosten macht langfristig die Erfolge der Naturbeherrschung und die Entlastung des Menschen zunichte und führt zu einer Überlastung der Gesellschaft mit Entsorgungs-, Renaturalisierungs- und Regenerationsarbeit. Die Technik muß entweder in bezug auf ihre Naturabhängigkeit bewußter werden, oder es muß schlechthin ein anderer Techniktyp entwickelt werden" (vgl. Böhme 1992, S. 23 ff.).
Die globale Entwicklungsdynamik des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges steht also vor folgendem Dilemma: Einerseits kann der technologische Weg mit Sicherheit nicht mehr vollständig verlassen werden (vgl. Zimmerli 1990, S. 405), aber andererseits scheint die Weiterführung des derzeitigen Techniktyps ohne eine weitere krisenhafte Zuspitzung ebenfalls unmöglich. Auch der linear- mechanistische Prototyp technologischer Entwicklung bedeutete, sich nicht mehr an natürlichen Vorbildern oder Imitationen der Natur zu orientieren99 , sondern sich bewußt aus der Naturbasis herauszulösen und das subjektiv legitimierte, das scheinbar Vernünftige als naturgesetzlich Mögliches und Machbares zu realisieren. "Mit der Mechanik als prototypischer Naturwissenschaft war die Einheit von Naturwissenschaft und Technik für neuzeitliche Naturwissenschaft von Anfang an charakteristisch. Was Natur ist, wurde im technischen Zusammenhang, nämlich im Experiment erforscht. Thema der Naturwissenschaft war damit nicht mehr die faktische Natur, die 'Natur da draußen', sondern vielmehr das gesetzlich Mögliche. Es folgt daraus, daß die 'Natur da draußen' selbst nur eine Realisierung von Natur darstellt, daß das Feld von Natur im Sinne von Möglichkeit sehr viel weiter ist. Für die Technik [S.173] andererseits folgt daraus, daß sie nichts anderes als Natur ist, daß sie lediglich naturgesetzlich Mögliches realisiert. Sie ahmt also die Natur in ihren Werken nicht nach" (Böhme 1992, S. 188 ff.). Technik als lediglich subjektives Möglichkeits- Produkt kann daher keinesfalls einfach als "künstliche Natur" bezeichnet werden, da sie keine wesentliche Beziehung zu der faktisch-realisierten Natur mehr hat (S. 190) und damit den Entfremdungszustand zwischen Natur und derzeitiger Technik zum Ausdruck bringt. Die technologische Fremdsteuerung der Natur durch den Menschen auf der Basis des derzeitigen Technik-Typus treibt allerdings zunehmend in eine instabile Phase und steht vor einer existentiellen Entscheidung: Entweder Technik verbindet sich zukünftig mit der gegebenen Natur auf der Basis kompatibler, (selbst)ähnlicher Muster und wird zur wahrhaft "künstlichen Natur" oder der Mensch entschließt sich endgültig, seinen Naturzustand aufzukündigen. Ersterer Weg einer neuartigen Technik-Natur-Verbindung bestünde wie bereits erwähnt nicht einfach in der 'Nachahmung' von Naturphänomenen, sondern mit Hilfe der Komplex-Kommunikation müßten selbstähnliche Muster zwischen humanen, natürlichen und technologischen 'Systemen' ermittelt werden, die verträgliche, stabile Rückkopplungs- und Folgenprozesse gestatten, also gemeinsame, stabile 'Eigenlösungen' aufwiesen. Im zweiten Weg würde sich Technik noch konsequenter als "Gegen-Natur" (Ropohl) verstehen, um damit die radikale "Technisierung der Natur" voranzutreiben. "Im Prinzip stehen zwei Wege offen. Auf dem einen Weg akzeptiert sich der Mensch selbst als Natur und versucht, die technische Entwicklung in Harmonie mit dem Naturzustand zu bringen. Auch dieser Weg erfordert neue technologische Entwicklungen, nämlich solche, die man mit Ernst Bloch 'Allianz-Techniken' nennen könnte. Auf dem anderen Weg setzt man auf Supertechnologie, d.h. auf den großen Durchbruch, durch den der Mensch endgültig seine eigene Existenz in Regie nimmt und den Naturzustand verläßt" (S. 197). Obwohl sich bereits beide Wege abzeichnen, scheint letzterer Weg weder realisierbar noch wünschenswert zu sein. Erstens ist der Mensch als körperlicher Organismus mit dem Metabolismus der Natur verbunden, zweitens bleibt die evolutionäre Disposition und die "Ökologie des Menschen"100 in ihrer Vernetztheit an die natürliche Natur gebunden, drittens ist auch eine perfektionistische "Supertechnologie" eben nicht fehlerfrei beherrschbar und erhöht darüber hinaus die Möglichkeit zur globalen Destruktion, viertens macht die Lösung der globalen Umweltkrise eine Rückbindung des Industriesystems an die Naturerhaltung unabwendbar.
Von daher ist die Frage nach einem stabilen, nicht fremdbestimmten Mensch-Natur-Technik-Gefüge zu präzisieren, um Lösungsansätze eingrenzen zu können. Ging es in der bisherigen Diskussion über derartige Lösungsansätze um die Harmonisierung zwischen erster und zweiter Natur, so ist dies nun dahingehend zu konkretisieren, daß es um die Suche nach [S.174] einer dauerhaft verträglichen Beziehung zwischen natürlicher Natur und "künstlicher Natur" geht, d.h. um die Entwicklung einer neuartigen Technologie, die zeit- und evolutionsbedingt in innerer Beziehung zu Natur und Mensch steht.Dies bedeutet insbesondere, daß ein neuer Technik-Typus Eigenschaften aufweisen müßte, die menschlichen und natürlichen Prozessen wesensverwandt sind! Zu diesen wesensverwandten Charakteristika gehören Unvollkommenheit, Fehlerfreundlichkeit, Lernfähigkeit, Vielfalt, Kreativität etc. Von daher kann eine darauf ausgerichtete technologische Entwicklung nicht einfach aus Vergangenheit und Gegenwart fortgeschrieben werden: zukünftige Technik- Dynamik müßte als komplex adaptives System selbst darauf gerichtet sein, Zukunft nicht zu determinieren, sondern offenzuhalten. Die derzeitig technische- deterministische Weltsicht hat die vollständig beherrschende, fehlerfreie Präzisions-und Perfektionsmaschine zum Ziel, die menschlicher und natürlicher Unvollkommenheit entgegensteht. "Fehler dürfen da nicht gemacht werden, aber es ist doch des Menschen angeborene Eigenart, aus seinen Fehlern lernen zu können? Auch hier ist das Modell der Selbstorganisation weiterführend, denn in seiner Philosophie wird der Fehler nicht nur zugelassen, sondern hat die Chance der evolutiven Prämierung! Fehler erst erbringen Chancen der Veränderung - und das Unvollkommene ist die Triebfeder der Differenzierung" (vgl. Mocek 1990, S. 177). Im Unterschied dazu verfahren derzeit die für das technologische Handeln relevanten Wissenschaften häufig nach klassischen Prinzipien der Prognose und Hochrechnung: Die Zukunft technologischen Handelns soll genauso beherrschbar und berechenbar sein wie die Technologie selbst, der derzeitige Technologie-Typus also bruchlos in die Zukunft verlängert werden. Dabei geraten die klassischen Technikwissenschaften in einen grundlegenden Widerspruch: "Sie können ihre eigenen Zukunftsbedingungen vom Prinzip her nicht in das Kalkül ihrer Untersuchungen einbeziehen. Ihre Prognostik kann sich nur an einem bereits existierenden Weltverständnis ausrichten. Und insofern kann auch der Prozeß der Geschichte und der struktureller Veränderungen mit den Kriterien der klassischen Wissenschaften nicht beschrieben werden. Für die Natur- und Technikwissenschaften schien dies solange unproblematisch zu sein, wie die bedrohlichen ökologischen Folgen der Industrie noch nicht so präsent wie heute waren. Inzwischen ist deutlich, daß die Irreversibilität der Zerstörung von Natur nicht mehr forschungslogisch verdrängt werden kann" (B. Wartmann 1991, S. 273). Aber gerade mit Hilfe der Gesetzmäßigkeiten von Selbstorganisation und Chaos sind neue forschungslogische Optionen eröffnet worden: In Abkehr von linearen und einfach-kausalen Prinzipien einer nachsorgenden 'Technik-Folgenabschätzung' stoßen Natur- und Technikwissenschaften auf ihre kritische Selbstkorrektur vor, indem sie Selbstorganisation, evolutionäre Prozesse, chaotische Instabilitäten, Emergenz und Kreativität zum eigenen Gegenstand machen. Während der derzeitige Technik-Typus zunehmend auf seine Fehlerquellen wie ökologische Krisen, Destruktionspotentiale etc. verweist, deutet sich mit Hilfe von Selbstorganisations- und Chaosprinzipien die Möglichkeit einer qualitativ neuartigen Technologie-Dynamik an, die der [S.175] irreduziblen Vielfalt natürlicher und menschlicher Strukturen Rechnung trägt. Die dynamischen Muster einer konstruktiven und verträglichen 'künstlichen Realität' lassen sich nun mit komplexen, lernfähigen und selbstorganisierenden Systemen modellieren und damit die kreative Rolle der Zeitdimension in den Forschungsgegenstand integrieren. "Gefunden sind bislang lediglich Fehlerquellen, die auf falsche Schlußfolgerungen innerhalb der Naturwissenschaften, damit verbunden auch der Technikwissenschaften, hinweisen. Nicht aber behoben ist die Frage, wie die Entwicklung unserer Kultur zu bewerten ist, die genau auf das Problem unbewältigter Folgen der Technologie und ihrer unkalkulierbaren - sagen wir chaotischen - 'Reste' und unausgedeuteten Erscheinungen hingeführt hat. Die dem Umfeld der Chaostheorie zuschreibbaren neuen Erkenntnisse im Bereich der Naturwissenschaften haben zwingend deutlich gemacht, daß ihr Gegenstandsbereich ... nicht auf linearen und kausalen Entwicklungsprinzipien beruht, sondern daß nunmehr nach Prigogine der 'Pfeil der Zeit' eine neue Epoche der Wissenschaften einleiten wird" (ebenda, S. 276 ff.).
Allerdings ist dabei in besonderer Weise zu beachten, daß nicht beliebige nichtlineare- dynamische Prozesse auf einen konstruktiv-verträglichen Technik-Typus führen. Es ist die Klasse von Prozessen zu selektieren, die nicht zu katastrophischen Aufschaukelungs- und Selbstverstärkungsprozessen führen, Lernen aus Fehlern ermöglichen und genügend Zeit für Anpassungsentwicklungen lassen.
"Das System von Mensch und außermenschlicher Natur, als das wir so die 'Natur' zu verstehen haben, muß Wege vermeiden, die in den kritischen Zustand sich ins Chaotische aufschaukelnder Verzweigungsbäume von Folgerungen führen können. Dabei ist in Rechnung zu stellen, daß der handelnde Mensch mit all seinen Unvollkommenheiten ein Handlungsfaktor im Gesamtsystem ist. Anders und konkreter formuliert: Es ist moralisch geboten, technische Lösungen zu suchen, die sowohl menschliche als auch technische Fehler zulassen, ohne zu hyperkritischen Zuständen zu führen, in denen es zur unkontrollierten Selbstverstärkung von Effekten kommen kann" (Zimmerli 1990, S. 406).
Wie ist also eine 'fehlerfreundliche', lernfähige und sich "positiv"101 selbstverstärkende Entwicklungsdynamik des Mensch- Natur-Technik-Gefüges zu charakterisieren, die die jeweiligen Eigenwerte, Eigenentwicklungen und Eigenzeiten von Mensch, Natur und künstlicher Natur in ihrer Strukturverwandtschaft so berücksichtigt, daß eine relativ 'einfache', stabile Lösung des Gesamtsystems möglich wird?
Dabei ist keineswegs selbstverständlich, ob und unter welchen Bedingungen eine solche dauerhafte Lösung für die gemeinsame Entwicklung des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges [S.176] aufzufinden ist. Mit dem derzeitigen Technik-Typus ist offensichtlich eine solche dauerhafte Lösung nicht möglich: die mechanistische und reduktionistische Technik wirkt wie ein Fremdkörper auf Mensch und Natur und erzeugt entsprechende 'Abstoßungseffekte' in Form von ökologischen, gesundheitlichen und sozialen Problemen, die in einen 'negativen' Selbstverstärkungsprozeß münden. Weiterer Technikeinsatz soll nun diese negativen Folgen auf Mensch und Natur beseitigen, bewirkt aber lediglich eine Problemverschiebung oder Schadensakkumulation, die zu weiteren verschlechterten Folgen führt, was zu weiterem nachsorgenden oder reparierenden Technikeinsatz führt ... und so fort.
Hegel nannte einen derartigen "unendlichen Progress" die "schlechte oder negative Unendlichkeit", da sich etwas niemals durch bloße Negation in etwas wahrhaft Neues oder Anderes weiterentwickeln kann, solange man sich auf der gleichen qualitativen Ebene bewegt. "Der Progress ins Unendliche bleibt bei dem Aussprechen des Widerspruchs stehen, den das Endliche enthält, daß es sowohl Etwas ist als sein Anderes und ist das perennierende Fortsetzen des Wechsels dieser ineinander herbeiführenden Bestimmungen ... Wir haben hier also nichts als eine oberflächliche Abwechslung, die immer im Endlichen stehen bleibt" (vgl. Enzyklopädie I, _ 94).
Dieser negative Progress ist für Hegel nur dadurch aufzulösen, daß eine neue qualitative Ebene erreicht wird und das tatsächlich "Andere des Anderen" in einer Synthese 'aufgehoben' ist: "So geht hiermit etwas in seinem Übergehen in Anderes nur mit sich selbst zusammen" (_ 95).
Bezogen auf das Mensch-Natur-Technologie-Gefüge scheint in analoger Weise nur eine solche Auflösung der 'schlechten Unendlichkeit' in Frage zu kommen, die durch einen positiven Selbstverstärkungs- und Entwicklungsprozeß des Gefüges charakterisiert ist und "mit sich selbst" eine Synthese bildet. Auf die Technologie bezogen bedeutet dies: Es ist nach anderen technischen Lösungen neuer Qualität zu suchen, die sowohl im Bereich des Technisch-Künstlichen als auch in ihrer menschlichen und natürlichen Produkteigenschaft ebenso mit Mensch und Natur "mit sich selbst" in Beziehung stehen. Ein solcher Technik-Typus würde nicht länger als Fremdkörper auf Mensch und Natur wirken, sondern würde für Mensch und Natur neue Entwicklungsmöglichkeiten zur Verbesserung des Mensch- Natur-Technologie-Gefüges eröffnen. Wenn wir aber den "Standpunkt des Sollens" (Hegel) - in Form des bloßen Wunsches nach einem neuen Technik-Typus - verlassen wollen, dann müssen die Bedingungen der Möglichkeit und die Realisierbarkeit eines solch neuen Technik-Typus selbst plausibel gemacht werden.
Diese Plausiblität soll aus der Interaktionsanalyse zwischen Mensch und Natur als komplex-adaptive und selbstorganisierende Systeme zweier unterschiedlicher Qualitäten gewonnen werden. Ich greife hier auf Begrifflichkeiten und Ergebnisse einer neueren Studie von Cohen/Stewart (1994) zurück, in der mit Hilfe eines verallgemeinerten Evolu- [S.177] tionsmodells ein interessanter Beitrag zur Komplexitätstheorie geleistet wurde. Cohen und Stewart gehen der Frage nach, durch welche Mechanismen hochgradig komplexe Zusammenhänge eines scheinbar unstrukturierten chaotischen Durcheinanders auf der tieferen Ebene zu einer neuen Einfachheit auf der höheren Ebene emergieren können. Der Lösungsansatz, daß mit Hilfe von Wechselwirkungen einfacher Komponenten, die einfachen Regeln gehorchen, eine Ebene höherer Komplexität erzeugt werden kann - wie dies in der reduktionistischen Darstellung erfolgt -, führt für Cohen/Stewart nicht weiter. "Die Wissenschaftler haben die falsche Frage gestellt. Sie haben die Komplexität als etwas betrachtet, das der Erklärung bedarf, und die Einfachheit als etwas Selbstverständliches angesehen. Die Antwort, was die Komplexität angeht, erweist sich als einigermaßen naheliegend und nicht sonderlich interessant: Wenn man viele einfache Wechselwirkungspartner miteinander wechselwirken läßt, kann etwas ziemlich Kompliziertes entstehen. Die interessante Frage lautet genau entgegengesetzt, jene Frage, die zu stellen den meisten Wissenschaftlern nie in den Sinn gekommen ist, weil sie nicht gesehen haben, daß es überhaupt etwas zu fragen gab. Woher kommt die Einfachheit?" (Cohen/Stewart 1994, S. 285). Innerhalb und zwischen komplex-adaptiven selbstorganisierenden Systemen können aus der Interaktion zwischen inneren und äußeren Entwicklungsprozessen dynamische und stabile Attraktoren emergieren und nach anfangs kontingenten Entwicklungsmöglichkeiten zu relativ einfachen Merkmalen innerhalb eines bestimmten Kontextes konvergieren. Die Emergenz schränkt den anfänglich größeren 'Möglichkeitsraum' zu einem kleineren 'Merkmalsraum' ein, der nun neuer Ausgangspunkt für die weiteren komplexen Entwicklungsprozesse ist. Paradigmatisch läßt sich diese kreative Entwicklung aus der unerschöpflichen Komplexität lernfähiger und selbstorganisierender Systeme hin zu großräumigen Mustern und einfachen Merkmalen ihrer "Produkte" mit Hilfe der biologischen Evolution verdeutlichen: "Wir behaupten, daß die Landschaft des Möglichen eine klare, großräumige Struktur hat, die durch die Wechselwirkung von Organismen mit ihrem jeweiligen Kontext erzeugt wird, und daß diese Struktur für eine Vielzahl von Phänomenen verantwortlich ist. Dazu zählen die konvergente Evolution, der graduelle evolutionäre Wandel und gelegentliche plötzliche Änderungen, begleitet von der Entwicklung radikal neuer Attribute. Es gibt erkennbare Muster, z.B. Explosionen der Vielfalt, die unmittelbar nach solchen plötzlichen Änderungen auftreten. In diesen Explosionen erhalten Zufallseffekte eine größere Bedeutung, doch schließlich stabilisiert sich das System und kehrt zu einer geordneteren und konvergenten Entwicklung zurück" (ebenda, S. 431).
Es gilt daher innerhalb der Analyse von adaptiv-komplexen selbstorganisierenden Entwicklungsprozessen denjenigen geeigneten Kontext aufzuspüren, in dem einfache Merkmale erkennbar werden. Cohen und Stewart unterscheiden zwei Typen von Emergenz bzw. erzeugten Merkmalen von komplexen Entwicklungsprozessen, nämlich eine reguläre und eine Superversion: "Die reguläre Emergenz nennen wir 'Simplexität', die Superversion 'Komplizität'" (ebenda, S. 508). Simplexi- [S.178] tät ist die Emergenz großräumiger Einfachheiten als direkte Konsequenz von ebenfalls relativ einfachen Regeln "tief unten" und läßt sich beispielsweise mit rekursiven Algorithmen darstellen. Im Unterschied zum reduktionistischen bzw. mechanistischen Maschinentypus weist der Technik-Typus der Simplexität einen höheren Grad komplexer Funktionsweise auf, wie z.B. Raumschiffe oder programmierbare Computer.
Eine weitere Steigerung der Komplexität stellt die Superversion 'Komplizität' dar: "Simplexität ist ... ein relativ einfaches Konzept. Sie erlaubt, unterschiedlichen Regeln auf einfache Weise, ähnliche oder gar identische Merkmale zu erzeugen; sie funktioniert, wenn die Regeln selbst sehr ähnlich sind. Jetzt kommen wir zu einem viel vertrackteren Sachverhalt, bei dem völlig unterschiedliche Regeln konvergieren, um ähnliche Merkmale zu erzeugen, so daß dieselben großräumigen Strukturmuster entstehen. Wir nennen ihn Komplizität" (ebenda, S. 529). Komplizität entsteht dann, wenn einfache Systeme in einer Weise interagieren, die beide verändert und ihre Abhängigkeit von Anfangsbedingungen auslöscht. Die großräumigen Muster der Komplizität bestehen in Meta-Regeln, die auf der Ebene der (einfachen) Merkmale und nur auf dieser Ebene wirken. "Komplizität ist zwar nicht an ihren internen Details, wohl aber an ihren universalen Meta- Mustern zu erkennen. Die Komplizität transzendiert ihre internen Details, und es gibt so etwas wie eine Skala der Transzendenz. Sie beginnt unten mit dem Reduktionismus, eine Stufe höher befindet sich die Simplexität, wo ein einziger Raum des Möglichen emergente Merkmale hervorbringt. Noch eine Stufe höher befindet sich die Komplizität, wo die Wechselwirkung mehrerer Räume des Möglichen zu einer Explosion des kombinierten Raums und zur Emergenz von Merkmalen führt, die in keiner Weise auf die Komponenten zurückgeführt werden können" (ebenda, S. 563).
Genau diesen Gedanken möchte ich mir für die Modellierung der Weiterentwicklung des Mensch-Natur- Technologie-Gefüges zunutze machen. Cohen und Stewart betrachteten als archetypische Beispiele für die Komplizität die natürliche Evolution und menschliche Entwicklungsprozesse sowie deren Interaktion. Daraus ergab sich ein neuer Möglichkeitsraum, in dem großräumige Universalien und Analogien zwischen menschlichen und natürlichen Prozessen deutlich und erkennbar wurden. Ich möchte nun diesen Möglichkeitsraum nochmals erweitern, in dem ich einen Technik-Typus der Komplizität hinzufüge, um damit einen kombinierten und erweiterten Möglichkeitsraum zu eröffnen, der (selbst)ähnliche großräumige Muster aufweist wie der Möglichkeitsraum des Menschlichen und des Natürlichen. Ein solcher Technologietypus würde selbst als komplex-adaptives selbstorganisierendes System Merkmale emergieren können, wie sie in ähnlicher Weise im Mensch-Natur-Gefüge vorkommen, um damit die Möglichkeit einer konvergenten 'Techno-Evolution' zu eröffnen hin zu stabilen Attraktoren, die mit den Attraktoren des Mensch-Natur-Gefüges verträglich sein könnten. Mensch, Natur und Technologie würden so auf eine neuartige Weise ko-evolu- [S.179] ieren und sich dabei in einer gegenseitig positiven Unterstützung weiterentwickeln, d.h. eine symbiotische Beziehung eingehen!
Dabei ist der Begriff der 'Symbiose' biologischen Prozessen entnommen und meint die kooperative Interaktion unterschiedlicher Arten zum gegenseitigen Vorteil (vgl. Wesson 1991, S. 199 ff.). Um die Reichweite der Bedeutung etwas genauer abzugrenzen, ist die Symbiose als engste Kooperationsform zu unterscheiden vom Mutualismus, der weniger eng kooperiert, aber den Partnern überwiegend von Nutzen ist; vom Kommensalismus, in dem die eine Seite profitiert, während es für den Partner zumindestens nicht schädlich ist; und vom Parasitismus, wo der Nutzen des einen zu Lasten des anderen geht. Der derzeitige Technologie-Typus verhält sich überwiegend parasitär gegenüber der Natur, und technologische Alternativen werden gegenwärtig bestenfalls in Richtung 'Kommensalismus' weiterentwickelt, wie etwa die Konzepte zu regenerativen Energietechnologien verdeutlichen.102 Meine These ist, daß eine dauerhafte ko-evolutionäre Entwicklung von Mensch, Natur und Technologie nur dann zustande kommt, wenn eine neue 'Beziehungsqualität' zum wechselseitigen Vorteil erreicht wird, die also insbesondere das synergetische Zusammenwirken von Mensch und Natur, Mensch und Technik sowie Technik und Natur bedeuten würde. Dies sei im folgenden kurz erläutert.
Die wechselseitig positive Förderung menschlicher und natürlicher Entwicklung ist bereits eine bekannte Vorstellung: Z.B. indem die menschliche Kultur den Schutz, die Pflege und die Entwicklung von Natur in sich aufnimmt und den Eigenwert von Naturprozessen anerkennt - auch zum Vorteil der menschlichen Kultur.
Qualitativ neuartig scheinen mir die Möglichkeiten und Auswirkungen, die sich aus den Konsequenzen einer symbiotischen Beziehung zwischen Mensch und Technik bzw. Natur und Technik ergeben würden. Die Realisierungsmöglichkeiten einer Symbiose zwischen lebendiger Natur und Technologie stellen kein grundsätzliches Problem dar: "Lebende Systeme können Bestandteil von Maschinen sein. Ebenso können Maschinen Bestandteil von lebenden Systemen werden. Beides kann auch völlig ineinander aufgehen, eins sein" (vgl. A. Bammé 1990, S. 249). Das Problem besteht vielmehr darin, die konkreten Merkmale zu benennen, in denen tatsächlich eine wechselseitig positive Beeinflussung von Mensch und Technik bzw. von Natur und Technik gewährleistet ist.
So müßte eine Mensch-Technologie-Symbiose zur Kommunikation zweier gleichwertiger 'Partner' führen, d.h. die Technologie zu einem solchen Typus weiterentwickeln, der als [S.180] komplex-adaptives und selbstorganisierendes System eine relative Autonomie aufweisen würde - allerdings gebunden an Rahmenbedingungen, die die Ko- Evolutionsfähigkeit von Mensch, Natur und Technologie insgesamt sicherstellen.
Für eine symbiotische Beziehung zwischen Natur und Technologie würde es des weiteren nicht genügen, wenn zukünftige Technologien ein Minimum an 'Naturverbrauch' aufweisen würden, sondern der technologische Stoffwechselprozeß müßte sich auch positiv auf die Natur auswirken. In analoger Weise müßte dies auch für das Verhältnis 'Mensch' und symbiotischer Technologie gelten: ein derartiger Technik-Typus sollte sich positiv auf die menschliche Sphäre auswirken, d.h. auf die physischen, sinnlichen, sozio-kulturellen sowie vernünftigen Bedingungen des menschlichen Daseins.
Wir werden im Kapitel 5 die Charakteristika einer symbiotischen Technologie konkreter diskutieren.
Zunächst geht es um die Beschreibung und Modellierung einer Mensch-Natur-Technologie-Dynamik, die über Ko- Evolutionen und Symbiose zu einem neuartigen Technik-Typus führt - und damit den Möglichkeitsraum technologischer Entwicklungen zugleich einschränkt und erweitert. Gesucht wird also nach dem Entwicklungskorridor, innerhalb dessen sich dieser qualitativ neuartige technologische Fortschritts- bzw. Entwicklungsprozeß bewegen würde. Welche Merkmale und Charakteristika sind dafür wesentlich?
Dabei möchte ich mich auf Ansätze beziehen, die die wissenschaftliche 'Produktion' als selbstorganisierendes System zu modellieren versuchen (vgl. Krohn/Küppers 1989; 1990 sowie Kröber 1991) oder Modellierungen soziologischer Theorien mit Hilfe von Ansätzen der 'Künstlichen Intelligenz' und dem 'Künstlichen Leben' darstellen (vgl. Klüver 1995) oder die technologische Prozesse modellhaft als verallgemeinerte Evolutionsdynamik oder als komplex- adaptive selbstorganisierende Systeme beschreiben (vgl. Cohen/Stewart 1994; Gell-Mann 1994). Die Bedingungen der Möglichkeit einer "konvivialen" (Steinmüller) Entwicklung von Mensch, Natur und Technologie soll hier als selbstorganisierendes, hochkomplexes, lernfähiges System modelliert werden, in dem die 'Subsysteme' Mensch, Natur und Technologie wiederum in selbstähnlicher Weise derartige Systemeigenschaften wie das Gesamtsystem aufweisen. Die wesentlichen Merkmale bzw. Charakteristika dieses Gesamtsystems und seiner Subsysteme werden im folgenden näher erläutert.
Ziel dieses qualitativen Modellansatzes ist es, einen bestimmten Technologie-Typus bzw. ein technologisches Fortschrittsmuster neuen Typs zu entwickeln und zu veranschaulichen. Der Übergang vom derzeitigen zum neuartigen zukünftigen Technologie-Typus kann modellhaft in drei Stufen dargestellt werden (vgl. Abbildung 2).
Abb.2: (a) Die mechanistisch-projektive Technikproduktion verursacht nichtbeabsichtigte Folgen für Mensch
und Natur, die nicht mit dem Mensch-Technologie-Gefüge rückgekoppelt sind. Das Fortschrittsmuster definiert
lediglich menschliche Zwecke.
Wie bereits oben erwähnt, ist der mechanistische Technik- Typus durch eine Zweck-Mittel-Relation allein zugunsten des Menschen gekennzeichnet, wobei schädliche Folgen nicht in das Gesamtsystem integriert werden können, da sie kein rückgekoppelter Systembestandteil sind. Natur erscheint hier als Mittel zum Zweck für entsprechende menschlich- technologische Zielsetzungen und ist ebenfalls kein integraler Bestandteil des Gesamtsystems (vgl. Abbildung 2a).
Abb. 2a: (b) Die dialog-orientierte "regenerative" Technikproduktion wird als rekursiver einfach-komplexer
Prozeß modelliert. Die Technikfolgen sind teilweise rückgekoppelt. Das Fortschrittsmuster als Vorgabe
für den Technik-Entwurf wird im Mensch-Natur-Dialog ermittelt.
Hier wird eine 'regenerative' Technologie-Entwicklung als nichtlinearer rekursiver Prozeß modelliert, wobei Mensch und Natur mit Hilfe von 'Ordnungsparametern' in das Gesamtsystem ansatzweise einbezogen sind. In diesem einfach-komplexen Modell bleibt Technologie grundsätzlich vom Menschen abhängig, versucht die schädlichen Folgen auf die Natur auf ein Minimum zu begrenzen und ist nur im geringfügigen Umfang lernfähig (vgl. Abbildung 2b).
Abb. 2b: (c) Die koevolutionäre, symbiotische Technikproduktion wird im Rahmen der Mensch-Natur-Technologie-Dynamik
als hochkomplexes, adaptives, selbstorganisierendes System modelliert, wobei die "Subsysteme" Mensch-Natur,
Mensch-Technologie sowie Technologie-Natur über ähnliche Eigenschaften verfügen.
Die Technikfolgen sind vollständig rückgekoppelt. Die Techno-Evolution innerhalb des Entwicklungskorridors
erlangt relative Autonomie. Das Fortschrittsmuster wird zur komplexen Größe, abhängig von menschlichen,
natürlichen und technologischen Entwicklungsprozessen, die die Bedingungen der Gesamt-Dynamik
selbstorganisiert produzieren.
Schließlich wird in dieser Darstellung eine Technologieentwicklung 'neuen Typs' als Bestandteil einer hoch- komplexen Mensch-Natur-Technologie-Dynamik modelliert, wobei Mensch, Natur und Technologie einen erweiterten Möglichkeitsraum aufspannen, der durch Selbstorganisation und Emergenz einerseits sowie durch menschliche, natürliche und technologische 'Ordnungsparameter' andererseits auf einen eingegrenzten Merkmalsraum bzw. Entwicklungskorridor führt, innerhalb dessen dynamische 'Muster' auf einen symbiotischen Technik-Typus führen. In diesem Modell sind Mensch, Natur und Technologie qualitativ verschieden, aber prinzipiell gleichwertige Kommunikationspartner. In einem ständigen Prozeß der Selbstkorrektur, der Rückkopplung und der Adaption wird ein Fließgleichgewicht fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht angestrebt. Die menschlichen, natürlichen und technologischen 'Ordnungsparameter' bedeuten dabei eine überschaubare Zahl von Kenngrößen, die das (technologische) Fortschrittsmuster charakterisieren. Das neuartige, technologische Fortschrittsmuster wird so im Rahmen eines selbstorganisierenden (dynamischen) Systems modelliert, daß mit Hilfe von Rand-Bedingungen eines Entwicklungskorridors, der die sinnvollen, selektiven Realisierungsmöglichkeiten für eine nachhaltige Entwicklung des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges bezeichnet, und "Kontrollparametern", die menschliche (PM1,2,...), natürliche (PN1,2,...) sowie technologische (PT1,2,...) günstige Entwicklungsbedingungen ausdrücken, dynamische Eigenschaften zusammengefaßt werden, die auf einen 'Attraktor-Zustand' führen. Insbesondere soll dadurch verdeutlicht werden, wie die 'Mikro'-Ebene des Mensch-Natur- Technologie-Gefüges (Möglichkeitsraum) mit Hilfe von Selbstorganisationsprozessen auf der 'Makro'-Ebene (Merkmalsraum) dynamische Muster einer nachhaltig symbiotischen Technologieentwicklung ausbilden könnte (vgl. dazu auch Kap. 5.3).
Zur Charakterisierung dieses Merkmalraums bzw. zur Eingrenzung des Entwicklungskorridors für das hoch-komplexe adaptive selbstorganisierende Gesamtsystem möchte ich die nachfolgenden sieben Charakteristika nennen:
Dies führt auf das bedeutsame Problem der "Randbildung" des Gesamtgefüges, dessen Mechanismus sich im Rahmen der Selbstorganisation in zwei Stufen vollzieht: "(1) Strukturen der Umwelt dienen als Randbedingungen, die aus den möglichen Formen der Wechselwirkung - diese werden im wesentlichen von den Eigenschaften der Komponenten bestimmt - diejenigen auswählen, die mit ihnen verträglich sind, und diese rekursiv vernetzen (Autonomisierung). (2) Durch Variation der Amplituden der Basiswechselwirkungen wird deren relatives Gewicht verändert, und zwar so lange, bis der rekursive Prozeß stationär geworden ist und sich selbst reproduziert (Reproduktion des autonomen Netzwerkes der Wechselwirkung). ... Definiert man Selbstorganisation über die hier vorgestellten Mechanismen der Randbildung, ist sie nicht mehr eine Folge einer [S.185] willkürlich von einem Beobachter getroffenen Entscheidung über die Festlegung der Systemgrenzen, sondern eine Leistung des Systems selbst" (Krohn/Küppers 1992, S. 168 ff.). Eine neuartige symbiotische Technologie müßte also auch auf solche Weise selektiert werden, daß sie sich als endliche und wesentlich selbstbegrenzende Größe in das Mensch- Natur-Gefüge verträglich integrieren ließe.
3) Selbsterhaltung. Von Selbsterhaltung kann sinnvoll gesprochen werden, "wenn ein (hinsichtlich der nichtzeitlichen Grenzen) selbstbegrenzendes System im Rahmen der Abhängigkeit von Umweltparametern in einem gewissen Bereich dieser Parameter (Persistenzbereich) in der Zeit unendlich lange persistiert (Schwegler 1992, S. 54). Auch diese Bedingung gilt in der Natur nicht generell, aber "immerhin stellt der Lebensprozeß als Ganzes einen guten Kandidaten für Selbsterhaltung dar" (ebenda). Die Techno-Kultur ist mit der Überlebensfähigkeit des Menschen aufs engste verbunden. Der Mensch bleibt auf technologische 'Kommunikation' mit der Natur angeweisen, aber nur ein bestimmter Technik-Typus garantiert die globale Selbsterhaltung. Daraus folgt umgekehrt das Kriterium: nur die Technik-Art, die das globale Überleben ermöglicht, soll zugelassen sein, ist Vorbedingung für "symbiotische" Technologie. Allerdings gilt die Selbsterhaltung nur für die Gesamtheit des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges, nicht aber für die jeweiligen technologischen 'Individuen' und Einzelexemplare, deren Lebensdauer endlich sein muß.104
[S.186] Daß Systeme Gleichgewichtszustände annehmen können, in denen sich die Systemvariablen zeitlich nicht ändern, ist für viele Bereiche der lebenden und nichtlebenden Welt, der Technik, der Ökonomie, der Psychologie von großer Bedeutung" (ebenda S. 76). Aber andererseits ist es in diesem Zusammenhang keineswegs selbstverständlich, "daß ein ökologisches System auch bei fehlenden äußeren Störfaktoren ... in einen Gleichgewichtszustand hineinlaufen muß" (S. 80). Weiterhin kommt den stabilen, aber chaotischen Attraktoren eine besondere Bedeutung zu, da es komplexe, sich in Raum und Zeit entfaltende Strukturen gibt, die ebenfalls stabil sind, aber einen chaotischen Attraktor darstellen - wie z.B. der gesunde Herzrhythmus. Um also die Sensibilität und die Sensitivität des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges von seinen Rand und Anfangsbedingungen her zu erfassen, ist die Untersuchung der chaotischen Stabilität von besonderer Bedeutung. Ein neuartiger symbiotischer Technologie-Typus müßte systemisch betrachtet modellhaft von der Art eines schwach chaotischen Attraktors sein, da er einerseits einen stabilen, nicht beliebigen, begrenzten Einzugsbereich, aber andererseits innerhalb dieses Bereiches zukunftsoffene Innovationssprünge aufweisen soll.
Genau betrachtet läßt sich der derzeitige mechanistische, global unverträgliche Technik-Typus nicht in einen stabilen Gleichgewichtszustand eingrenzen und ist daher prinzipiell maßlos und instabil. Im Rahmen der Entwicklung einer symbiotischen Technologie sind also diejenigen künstlichen Konstrukte zu selektieren, für die ein stabiler 'Attraktor' existiert (vgl. Krohn/Küppers 1992, S. 181 ff.). Die Suche nach einem geeigneten Attraktor besteht also darin, mit Hilfe systematischer rekursiver und vernetzter Operationen einen stationären Zustand zu finden, der in vielen Fällen "nur" qualitativ und nicht exakt bestimmbar ist. "Dazu muß einerseits über die relative Gewichtung der einzelnen Operationen entschieden ('interne Variation') und müssen andererseits Werte für die verschiedenen Variablen so ausgewählt werden, daß sich diese beim erneuten Durchlauf nicht mehr verändern. In einem rekursiven Verfahren werden die zunächst willkürlich (wenn auch mit Plausibilitätserwägungen) gewählten Werte modifiziert: Meßverfahren werden so verändert, daß unerwünschte Daten nicht mehr anfallen; Hypothesen werden so variiert, daß abweichende Daten integriert werden können; die Bezüge zu Theoremen werden qualifiziert; usw. Steht für eine Kombination von Werten schließlich fest, daß die komplexe Erkenntnisproduktion eine Eigenlösung hat, kann die Rekursion abgebrochen werden; ein Forschungsergebnis ist erzielt und kann als Leistung nach außen transportiert werden. Die Rekursion als Verfahren bewirkt, daß jeder neue Wert einer Variablen zum Input der nächsten Operation wird und so Kohärenzen erzeugt werden. Außerdem signalisiert die Stationarität eines rekursiven Prozesses das Auffinden einer Eigenlösung" (vgl. Krohn/Küppers 1992, S. 183). Ein technischer 'Attraktor' des Gesamtgefüges kann nur dann als symbiotische Technologie charakterisiert werden, [S.187] wenn ihre Konstruktion überschaubare Stabilität für das Gesamtgefüge und die 'Subsysteme' einschließlich der Folgewirkungen höherer Ordnung garantiert ist, aber ebenso die innere Innovationsfähigkeit.
Zur Charakterisierung dynamischer Selbsterneuerung im Gesamtgefüge werden die Situation des Nichtgleichgewichts sowie das "ausgezeichnete Einzelne" bedeutungsvoll. "Die Innovation setzt dann die Nutzung eines bis dahin gehemmten Potentials oder einen von außen eingehenden Fluß an verwertbarem Material wie Energie, Stoff, Information als Bedingung voraus. Ein solches getriebenes System besitzt eine hohe Sensitivität. Angezeigt wird sie durch registrierbare Schwankungen. Diese Fluktuationen sind relativ autonome Auslösungen, welche über eine interne Konkurrenz Wege in die neue Systemstruktur selbst organisieren. Die konkrete Selbstorganisation beginnt mit dem Auslösungsprozeß und einer nachfolgenden autokatalytischen Verstärkung. Jede Auslösung benötigt direkt das anstoßende konkrete Einzelne. In der Situation des Nichtgleichgewichts wird das einzelne Objekt/Subjekt bedeutungsvoll. Das veranlassende Einzelne ist ein Individuum. Individualität heißt, das betrachtete Einzelne besitzt Eigenschaften, die es mit keinem anderen teilt. In der Auslösungsphase kommt es gerade auf die Heterogenität an. Anders als in der Gleichgewichtssituation kann hier die Heterogenität nicht reduktionistisch homogenisiert werden. Ohne die Verschiedenartigkeit, ohne die Einmaligkeit des impulsgebenden Einzelnen, gäbe es keine Auslösung. Individualität und Nichtgleichgewicht sind wichtige Voraussetzungen der Innovation" (vgl. Niedersen/Pohlmann 1990, S. 35). In [S.188] der sensitiven Phase der strukturellen Selbsterneuerung bekommt der Teil gegenüber dem Ganzen eine neue Bedeutung: "In der sensitiven Situation, dem Übergang von der Tradition zur Innovation, gilt dann auch die Aussage: 'Der Teil ist mehr und anders als das Ganze'. Die gewöhnliche Aussage: 'Das Ganze ist mehr und anders als die Summe seiner Teile', wird dabei keineswegs negiert. Letztere philosophische Aussage bezeichnet den Zustand des bereits etablierten und relativ stabilen Systems" (ebenda, S. 39).
Da die Innovation das Element des Unvorhersehbaren enthält, gilt es darüber hinaus eine neuartige Form der Voraussicht und Vorsorge im Rahmen der prozeßhaften Selbsterneuerung zu begründen. "Es gilt: Die Voraussicht der Nicht-Voraussicht. Die Voraussicht der Nicht-Voraussicht ist wie die Voraussicht der Voraussicht ein gleichwertiges Element der neuen Symmetrie-Voraussicht. Die neue Voraussicht ist mehr als die einfache Voraussicht mit quantitativer Sicherheit und mehr als die bloße Voraussicht der Unsicherheit" (ebenda).
Im Rahmen der Methode der sogenannten "Komplexographie" wird z.B. versucht, mit Hilfe der Selbstorganisation die Beschreibung von dynamisch-komplexen Übergängen zwischen Stabilität und Selbsterneuerung systematisch zu erfassen (vgl. Niedersen/Pohlmann 1990, S. 40 ff.).
Insgesamt stellen diese sieben Merkmale bzw. Charakteristika eine erste Näherung zur Eingrenzung des technologischen Entwicklungskorridors dar und definieren implizit Randbedingungen für die Gesamtdynamik - mit der Konsequenz, auch grobe Anhaltspunkte für ein neues technologisches Fortschrittsmuster zu liefern. Zusammengefaßt bedeutet also dieses Fortschrittsmuster: Selbstorganisationsfähigkeit in einem eingeschränkten Entwicklungskorridor für die Mensch- Natur-Technologie-Dynamik sicherstellen! Ich komme hier zu einem ähnlichen Ergebnis wie Ebeling (1991), der die selbstgestellte Frage, ob die Theorie der Selbstorganisation weiterhelfen kann, um Wege zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft der Menschheit zu weisen, folgendermaßen beantwortet: "Eingeschränkte Selbstorganisation und Diversität in Verbindung mit Kreativität und Toleranz kann ein Rezept für die Gestaltung der ökologisch- ökonomischen und sozio-kulturellen Zukunft sein" (S. 80).
Es scheint mir lohnend, diesen abstrakten Gedanken weiter zu konkretisieren. Eine erste konkretisierende Konsequenz liegt m.E. darin, daß nicht nur der Gesamtdynamik, sondern auch den jeweils eigenständigen Entwicklungsprozessen des Menschen, der Natur und der Technologie eine relativ autonome Selbstorganisationsfähigkeit zugeordnet wird. Die Selbstorganisationsfähigkeit von Mensch und Natur wären dann verallgemeinerte Eigenschaften von Humanverträglich- [S.190] keit und global-ökologischer Verträglichkeit, d.h. die Sicherung der spezifischen Eigenwerte von Mensch und Natur, die eine optimale 'Konvivialität' erreichen sollen.
Eine zweite konkretisierende Konsequenz liegt aber auch in dem ungewohnten Gedanken, solche technologischen Eigenwerte sicherzustellen, die die Konvivialität und Selbstorganisationsfähigkeit des Gesamtsystems gewährleisten. Wenn also ein zukünftiger symbiotischer Technik-Typus immanent Folgen berücksichtigend, fehlerfreundlich, lernfähig, kreativ ausgestattet wäre, dann würde dieser der menschlichen und natürlichen 'Evolution' hilfreich und förderlich sein. Eine derartig qualifizierte und förderliche relativ eigenständige Techno-Evolution müßte dann ihrerseits in besonderer Weise geschützt, gepflegt und entwickelt werden! Die Herstellung von Konvivialität und Selbstorganisationsfähigkeit einer eigenständigen Techno-Evolution wäre damit eine notwendige Bedingung für eine positive Entwicklung von Mensch und Natur. Technik würde dann vielleicht erstmalig in der Geschichte einen eigenständigen Beitrag zum Offenhalten der globalen Zukunft leisten und nicht länger als Mittel zum Zweck vom "Autonomiegedanken des sich selbst behauptenden Willenssubjekts" (J. Conrad) angeleitet werden (vgl. Abbildung 2a).
In dem nun eine neuartige technologische 'Autonomie' ihrerseits auf Selbstoganisationsfähigkeit und Konvivialität als grundlegende Prinzipien einer dauerhaften Evolution von Mensch und Natur und auf einen Entwicklungskorridor festgelegt werden kann, ginge die autonome Beziehung des Menschen zur Natur in eine symbiotisch- technologische über: Körperlich-natürliche, ökologische Rückkopplungen - durch symbiotische Technologie erzeugt - führten zu stabilen Prozessen, die in einem nichtbeliebigen, begrenzten, aber zukunftsoffenen neuartigen 'Möglichkeitsfeld' liegen würden.
Damit erweitert sich der Seins-Bereich durch Eröffnung neuer Möglichkeiten bei gleichzeitig einschränkender Selektion technischer Lösungen, in dem nichtkonviviale und nichtselbstorganisationsfähige Technik-Typen ausgegrenzt werden. Die technische Zukunft ist nicht länger eine projektive Fortschreibung der Gegenwart. Die global verträglichen Potentiale künstlicher Kreativität könnten nun freigesetzt werden. "Das Sein-Lassen der Technik hat den herrschenden Bezug zum Sein bereits verlassen und eröffnete einen Spannungsraum zwischen Mensch und Sein, indem sich Neues, das mehr ist als nur die projektive Verlängerung des schon Bestehenden, ereignen kann" (J. Conrad, S. 175).
Ein nachhaltiger Technik-Typus muß also von der Zukunft her gedacht und modelliert werden. Zukunftsfähigkeit wird so zum Synonym für Nachhaltigkeit, die das Offenhalten von Gestaltungsspielräumen für zukünftige Generationen meint. Im Gegensatz dazu ist der derzeitige Technik-Typus nicht zukunftsfähig: Projektive Technik erzeugt einen ständig größer werdenden Folgen'stau'. Die Möglichkeiten der Zukunft werden immer mehr eingeschränkt, ein Offenhalten der Zukunft tendenziell unmöglich. ...
[S.191] Das Problem einer derartig projektiven Technik-Dynamik bzw. umgekehrt die Forderung nach einer nichtprojektiven, von der Zukunft her gedachten Technikentwicklung führt also auf die Frage der Dynamik selbst bzw. nach dem Zeitverhalten und den Zeit-Bedingungen technologischen Fortschritts: Die kritische Analyse hat also nicht nur bei dem Technologie-und Fortschritts-Typus anzusetzen, sondern bei den subjektiven und objektiven Entwicklungsbedingungen technologischer 'Evolution' selbst.
Dabei wollen wir insbesondere der Frage nachgehen, inwieweit dabei die Dimension der 'Zeit' und die des 'Prozesses' mit wesentlichen Charakterisierungen einer nachhaltigen, symbiotischen Technologie in Verbindung steht, die in der Lage ist, Zukunft grundlegend offenzuhalten.
95 - Vgl. auch Kapitel 2.5
96 - Vgl. Kapitel 2.2
97 - Zum gleichen Ergebnis kommt auch der Ansatz von Lothar Schäfer (1993)
98 - Dies gilt natürlich auch für das Produkt aus geistiger und materieller 'Welt', nämlich die Technologie.
99 - Vgl. W. Rammert 1989, S. 137.
100 - Vgl. Bernard Campbell 1987.
101 - Gemeint ist eine stabile Balance positiver und negativer Rückkopplungen.
102 - Regenerative Energietechnologien sind im besten Fall nicht schädlich für Natur und Ökosysteme, wirken aber nicht positiv verstärkend bzw. koevolutionär auf diese ein. Eine genauere Betrachtung dieser Problematik wird in Kapitel 5 erfolgen.
103 - Ein System, das aus bestimmten konstitutiven Komponenten K1, K2 ... besteht, ist selbstherstellend, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: (1) Alle Komponenten entstehen nach einem bestimmten Zeitpunkt t (2) K1, K2 ... sind die einzigen Komponenten, aus denen das System nach dem Zeitpunkt t besteht (3) Jede der Anfangsbedingungen von K1, K2 ... ist zumindest teilweise durch die konstitutiven Komponenten erzeugt (vgl. C. Dahme 1990, S. 152).
104 - Systeme sind selbsterhaltend, wenn sie folgende Bedingungen erfüllen: (I) Das System bildet zu jeder Zeit ein räumlich zusammenhängendes Gebilde (Einheit). (II) Das System bildet einen freien, vom System erzeugten Rand, der nicht unabhängig vom System existiert (autonomer Rand). (III) Das System existiert in einer Umwelt, aus der es Energie und/oder Materie aufnimmt (materielle und energetische Offenheit). (IV) Jede der konstitutiven Komponenten existiert nur für eine endliche Zeit (Dynamizität). (V) Alle konstitutiven Komponenten partizipieren zu jeder Zeit an den Anfangsbedingungen der Komponenten, die zu einer späteren Zeit existieren, so daß das System sich dauernd erhält (Selbstreferentialität) (vgl. C. Dahme 1990, S. 152 ff.).
105 - In der nicht-mathematischen Literatur werden diese Attraktoren häufig auch als "Eigenlösungen" des Selbstorganisationsprozesses bezeichnet.
106 - Quasi-Stationarität bedeutet, daß die äußeren Bedingungen sich so langsam ändern, daß das System stets ausreichend Gelegenheit hat, sich demjenigen selbstorganisierten "Eigenzustand" anzunähern, der unter konstanten äußeren Bedingungen eintreten würde (vgl. an der Heiden 1992, S. 84).