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Ulf Skirke
Technologie und Selbstorganisation
Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs


[S.135]

3.1 Vom Dialog mit der Natur zur technologisch vermittelten Komplex-Kommunikation

Wenden wir uns zunächst der ersten Frage zu, welche naturphilosophischen Folgerungen aus der Analyse der Selbstorganisationsphänomene gezogen werden können und inwieweit damit ein neues naturwissenschaftliches Denken und Handeln bzw. ein neuer praktischer Umgang mit der Natur verbunden ist.

Der bisher umfangreichste Ansatz, naturwissenschaftliche mit wissenschafts- sowie naturphilosophischen Fragestellungen im Bereich der Selbstorganisationsforschung zu verknüpfen, stellt das Konzept von Prigogine "Dialog mit der Natur" dar, das im folgenden kritisch gewürdigt werden soll.

Ausgangspunkt der modernen Wissenschaft ist weniger das kontemplative Verhalten zur Natur, sondern die aktive Einwirkung auf sie, "der experimentelle Dialog mit der Natur" (Prigogine/Stengers 1986, S. 47 ff.). Die bewertende Position Prigogines zum naturwissenschaftlichen Experimentieren kann als vorsichtig-kritisch bis ambivalent bezeichnet werden, denn einerseits charakterisiert er die experimentelle Methode als "Gerichtsverfahren" oder "Kreuzverhör" gegenüber der Natur, in dem diese "vereinfacht" und zuweilen "verstümmelt" wird, andererseits als menschliche Kulturleistung oder gar als "Kunst". Die Kunst besteht insbesondere darin, eine Hypothese bzw. Methode zu finden, um zu ergründen, "wofür das befragte Objekt empfindlich ist" (S. 310). Prigogine versucht sich gegenüber Kant scharf abzugrenzen, wobei er seine Kritik allerdings überzieht: "Die Wissenschaft betreibt nach Kant keinen Dialog mit der Natur, sondern zwingt ihr die eigene Sprache auf ... Er leugnet die Vielfalt der möglichen wissenschaftlichen Ansichten über die Natur. In Übereinstimmung mit dem Mythos der modernen Wissenschaft sucht Kant nach der einen Sprache, welche die Wissenschaft in der Natur entziffert, nach der einen Menge von Annahmen, auf denen die Physik beruht und die daher gleichzusetzen sind mit den Kategorien schlechthin des menschlichen Verstandes, die durch das Experiment bewiesen werden" (S. 94 ff.). Ohne es explizit zu nennen, nimmt Prigogine vermutlich Bezug auf Kants Vorrede zur 'Kritik der reinen Vernunft', in der Kant die neue Denkart der Naturforscher folgendermaßen charakterisierte: "Sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse" (Kant 1968, S. 10). Sicherlich bringt Kant hier die aktive Rolle des Subjekts im wissenschaftlichen Experiment zunächst überdeutlich zum Ausdruck, was einem Dialog mit der Natur eher abgeneigt zu sein scheint. Betrachtet man jedoch Kants weitere Ausführungen in der Vorrede, so klären sich die Verhältnisse in anderer Weise. Es heißt nämlich dort weiter: "Die Vernunft muß mit ihren Prinzipien, nach denen allein übereinstimmende Erscheinungen für Gesetze gelten können, in einer Hand und mit dem Experiment, das [S.136] sie nach jenen ausdachte, in der anderen an die Natur gehen" - und zwar : "um von ihr belehrt zu werden ... und so hat sogar Physik die so vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem Einfalle zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäß dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muß, und wovon sie für sich selbst nichts wissen würde" (ebenda).

Für Kant ist also das Experiment sehr wohl dazu gedacht, um von der Natur "belehrt" zu werden, wobei die Vernunft eben nicht versucht, der Natur etwas "anzudichten", sondern Naturwissen zu erlangen, daß sie für sich selbst niemals erreichen könnte. Kant ist also doch an einem wirklichen Dialog mit der Natur interessiert, wobei die Kunst des Experiments darin besteht, die fragende Vernunft und die Antwort der Natur in einen geregelten Verständniszusammenhang zu bringen.90

Auch Prigogine läßt keinen Zweifel daran, daß es sich bei der wissenschaftlichen 'Produktion' um einen echten Dialog handelt, der Unerwartetes, Faszinierendes und Neues an Natureigenschaften hervorbringt und nicht einfach eine geistige Projektion darstellt: "Der Wissenschaftler tut nicht einfach, was er will, und er kann die Natur nicht dazu zwingen, lediglich das zu sagen, was er hören möchte. Es ist ihm zumindest auf lange Sicht nicht möglich, seine innigsten Wünsche und Erwartungen auf sie zu projizieren" (S. 50). Das Kommunikationsmittel in diesem Dialog ist nicht einfach vorhanden und universell verfügbar, sondern entwickelt sich in einem "komplexen historischen Prozeß, in den sämtliche früheren Antworten der Natur und die Beziehungen dieser Sprache zu anderen theoretischen Sprachen eingehen. Außerdem treten mit den sich wandelnden Interessen der jeweiligen Geschichtsepoche neue Fragen auf" (ebenda). Prigogine vermeidet in seinem Dialogmodell die Sichtweise eines simplen Natur-Mensch-Dualismus, aber auch die eines naiv-realistischen Monismus, indem er einerseits fordert, "daß die Natur bei der Befragung durch den Menschen als ein unabhängiges Wesen behandelt wird", und andererseits die unauflösliche, komplexe und dynamische Wirkungsbeziehung zwischen Natur und menschlicher Kultur betrachtet wird, die allein zu wahrhaften naturwissenschaftlichen Erkenntnissen führt. "Der Dialog, den wir mit der Natur füh- [S.137] ren, steckt erst in den Anfängen. Es ist tatsächlich ein Dialog, nicht ein Monolog, trotz seines scheinbar einseitigen Charakters. Es ist nicht die Aufgabe gestellt, die Natur auf eine stumme Identität zu reduzieren, sondern es gilt, den Fragen, die wir an sie richten können, die richtige Bedeutung zu geben. Und entscheidend sind dabei - wie in jedem wirklichen Dialog - jene Punkte, an denen wir das, wovon wir bisher glaubten, es hänge einzig von unserer Subjektivität ab, erkennen und in unser Bild von dem Anderen einbeziehen können" (S. V).91 Allerdings scheint Prigogine die Schwierigkeit zu unterschätzen, wie die Natur 'partnerschaftlich' angemessen "einzubeziehen" ist, ohne sie jedoch unangemessen zu 'vereinnahmen'. Das geeignete Maß von Distanz und Dialog ist wiederum abhängig von der gewählten Vorgabe eines Konsensmodells oder eines Differenzmodells. Der Dialog mit der Natur steht also immer vor einer prinzipiellen Schwierigkeit: einerseits die gemeinsame Verständigungsebene von wissenschaftlicher Vernunft und Naturprozess herzustellen, aber andererseits das Andere, die Differenz, den jeweiligen 'Eigenwert' zuzulassen. Dieser Zusammenhang kann nicht einfach als 'dissipative Struktur' betrachtet werden, sondern versuchsweise als komplexes Dialog-Feld, in dem positive und negative Rückkopplungen, Symmetrien und Symmetriebrüche, Konsens und Differenz gleichermaßen das Mensch-Natur-Verhältnis kennzeichnen. Indirekt kritisiert Prigogine die bisherigen "Dialog"-Formen der Naturwissenschaften, die ein totes, passives, automatenhaftes Naturverständnis zugrunde legten, und damit haben sie "den Menschen von der Natur isoliert, statt ihn ihr näher zu bringen" (S. 15). Die Abkehr vom mechanistischen Natur- und Weltbild bedeutet zugleich die Hinwendung zu einer selbstaktiven, dynamischen und komplexen Natur als Dialogpartner sowie eine neue Verständigungsebene zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. "Nach unserer Auffassung löst sich die Wissenschaft heute vom newtonschen Mythos, weil sie die Vielfalt und die Zeit wiederentdeckt hat. Sie kann daher die Natur beschreiben, ohne die Relevanz von Vielfalt und Zeit zu verneinen. Auf diese Weise wird erneut ein kultureller Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaften möglich" (S. 62).

Eine fundamentale Konsequenz aus der Abkehr vom mechanistischen Naturverständnis ist die Aufgabe des "Dualismus von Gesetz und Anfangsbedingungen", gemäß dem die deterministische Gesetzlichkeit des Geschehens der freien Wählbarkeit von Anfangs- bzw. Randbedingungen gegenüberstand. "In der 'klassischen' Physik enthält die allgemeine Lösung der Bewegungsgleichungen freie Konstanten, über deren Festlegung [S.138] sich beliebige Randbedingungen erfüllen lassen - die Randbedingungen sind kontingent. Bei rekursiven Prozessen wirkt die Rekursion als Selektionsmechanismus mit der Folge, daß Lösungen nicht mehr unabhängig von den Randbedingungen existieren; beide hängen in einer nichttrivialen Weise voneinander ab - die Randbedingungen sind spezifisch, allgemeine Lösungen werden durch individuelle ersetzt" (Krohn/Küppers 1989, S. 73). Die Untersuchung von Selbstorganisationsphänomenen hat also zur Folge, daß das Interesse an Zufälligkeit, Einmaligkeit, Geschichtlichkeit, kurz: zeitspezifischer Individualität wesentlich gewachsen ist. "Jenseits der Schwelle der Stabilität wird der Begriff der universalen Gesetze jedoch durch die Erkundung von qualitativ verschiedenen Verhaltensweisen ersetzt, welche nicht nur von den beteiligten, detaillierten Mechanismen, sondern auch von der Vergangenheit des Systems abhängen. Gerade weil die Definition des Zustands, in dem ein System sich befindet, sich nicht mehr ausschließlich auf den Augenblick beziehen kann, sondern die aufeinanderfolgenden Verzweigungen berücksichtigen muß, die es in der Vergangenheit durchlaufen hat, kann man nicht mehr behaupten, daß in jedem Augenblick 'alles gegeben ist'. Der Determinismus weicht, wie wir gesehen haben, einer komplexen Dialektik von Zufall und Notwendigkeit, der Unterscheidung zwischen Regionen der Instabilität und stabilen Regionen zwischen den Verzweigungen, wo die deterministischen Gesetze des Durchschnitts vorherrschen. Das Konzept der Ordnung durch Schwankungen verwirft das statische Universum der Dynamik zu Gunsten einer offenen Welt, in der durch Aktivität Neues entsteht, in der Entwicklung Innovation, Schöpfung und Zerstörung, Geburt und Tod bedeutet" (Prigogine/Stengers a.a.O., S. 204). Damit stellt sich auch der Begriff von Erklärung in neuartiger Weise: Eine Naturerscheinung kann dann nicht mehr allein aus einem deterministischen Gesetz kausal abgeleitet werden, sondern zur Erklärung müssen auch die spezifischen Anfangs- und Randbedingungen, die 'Vorgeschichte' des Naturphänomens gleichermaßen eingehen. Dies gilt in verstärktem Maße für jene Naturereignisse und - phänomene, die in ihrer Einmaligkeit unhinterfragbare Existenzvoraussetzungen darstellen: Die Erde, das Leben, die Menschheit sind in diesem Sinne spezifische Existenzen und müssen in jedem Erklärungszusammenhang vorausgesetzt werden, der das Verhältnis von Mensch und Natur betrifft. "Gerade deshalb muß die Wissenschaft das Leben einbeziehen, bevor sie hoffen kann, ein kohärentes Bild der Natur zu liefern" (Prigogine/Stengers S. 86). Umgekehrt werden diese Lebensbedingungen durch mechanistisch-technologische, im wesentlichen nicht- dialogische Eingriffe in kritischer Weise gefährdet.

Prigogine wendet sich entschieden gegen eine 'Zwei-Welten- Theorie' bzw. gegen eine wie immer geartete "Bifurkation der Natur" (A.N. Whitehead), da es sich nicht nur um den Dialog mit der Natur, sondern auch um einen Dialog in der Natur handelt. "Unseren Dialog mit der Natur führen wir erfolgreich von unserem Platz innerhalb der Natur aus, und die Natur antwortet nur jenen, die ausdrücklich zugeben, ein Teil von ihr zu sein" (S. 227).

[S.139] Die Frage nach einer Überwindung des wissenschaftlichen Dualismus betrifft nicht nur das Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften, sondern ist bereits als Problem in den Naturwissenschaften selbst angelegt. Während der physikalisch-chemische Bereich der Naturbeschreibung die anorganisch-unbelebte, scheinbar nach einfachen elementaren Verfahren zu beschreibende Materie zum Gegenstand hat, befassen sich die im weitesten Sinne biologischen Wissenschaften mit den organisch- lebendigen hochkomplexen Naturprozessen, wobei zwei ganz unterschiedliche Naturbilder zum Ausdruck kommen. "Welche Beziehung besteht zwischen diesen entgegengesetzten Naturauffassungen? Zwei Wissenschaften, zwei Wahrheiten für eine einzige Welt - wie ist das möglich? ... Wie können wir die Kluft zwischen Sein und Werden überbrücken - zwischen zwei Konzepten, die einander unverhüllt widersprechen und dennoch beide notwendig sind, um zu einer kohärenten Beschreibung dieser seltsamen Welt zu gelangen, in der wir leben" (Prigogine/Stengers 1986, S. 198 ff.)?

Das Selbstorganisationsparadigma bietet mehrere Ansätze und Möglichkeiten an Lösungen für die Verbindung dieser vermeintlichen zwei Naturauffassungen: Erstens zeigen die komplex-dynamischen nichtlinearen und rekursiven Selbstorganisationsphänomene sich in belebter und unbelebter Natur, ja sie legen sogar grundlegende strukturelle Affinitäten zwischen belebter und unbelebter Natur nahe, zweitens erscheinen die unterschiedlichen Naturqualitäten als Ergebnisse einer komplexen Prozeßdynamik und lassen sich näherungsweise als eine asymmetrische Bifurkationsgeschichte charakterisieren, drittens stützt das Selbstorganisationsparadigma eine gesamtorganismische Naturauffassung, nach der die Naturprozesse in verschiedenen 'Schichten' angeordnet sind, die ihren eigenen Organisationsprinzipien bzw. "Software-Gesetzen" (P. Davies) gehorchen.

Für Prigogine zeigen sich die Charakteristika zur "Erneuerung der zeitgenössischen Wissenschaft" vor allem in einem neuen Zeitbegriff, der die mechanistische zeitlose Naturauffassung des Seins überführen soll in eine umfassende zeitspezifische Naturwissenschaft des Werdens.

Zur Ergründung der fundamentalen Bedeutung der Zeit als "das unzerstörbare Grundgewebe" (Prigogine) müßte allerdings vertiefend nachgewiesen werden, daß die Zeit einer der zentralen Grundbegriffe von Naturwissenschaft und Technologie darstellt und eine wesentliche Veränderung des Zeitbegriffs ein anderes praktisches Verhältnis zwischen Mensch und Natur nach sich zieht. Gerade in der für ihn so wichtigen Kategorie der Zeit versäumt es Prigogine, die Konsequenzen von "Systemzeiten" oder "Eigenzeiten" für die Konsequenzen auf den experimentellen Dialog mit der Natur explizit darzustellen. Aber insbesondere in bezug auf die Schlußfolgerungen des Selbstorganisationsbegriffs für das naturwissenschaftlich- technische Handeln wäre es von zentraler Bedeutung, "angemessene Zeitmaße für unseren Umgang mit der natürlichen Mitwelt zu finden, zu begründen und konkret umsetzbar auszugestalten" (Held 1993, S. 12). Die [S.140] unterschiedlichen Zeitskalen und 'Reaktionszeiten' als Rückmeldung der Natur auf Eingriffe verschränken sich in komplexer Weise mit menschlichen Zeitskalen und charakterisieren die Zeitmaße, in denen das komplex-dynamische Verhalten des Gesamtsystems zum Vorschein kommt. Der Dialog mit der Natur bringt also eine komplexe Zeitverschränkung unterschiedlicher System- und Eigenzeiten zum Ausdruck, die im bisherigen Typus der Laboruntersuchungen und des mechanistischen Experimentierens nur unzureichend berücksichtigt werden. "Diese Untersuchungen haben meist azeitlichen Charakter: Die chemische Analyse und die biologische Wirkungsanalyse im Labor liefern nur eine Momentaufnahme. Tests mit Organismen liefern ggf. zwar Zeitreihen von Entwicklungen, jedoch sind die Testorganismen aus dem Zusammenhang ihres Lebensumfeldes in der Natur gerissen, von anderen mit ihnen wechselwirkenden Systemen isoliert, Stoff- und Energieströme oder gar funktionale Zusammenhänge zwischen verschiedenen Organismen oder Systemen sind nicht erfaßbar" (Kümmerer 1993, S. 95). Aber gerade die Ergebnisse der Chaos- und Selbstorganisationsforschung hatten ergeben, daß sich komplexe Systeme wesentlich zeitspezifisch äußern und damit ein unerwartetes Zeitverhalten aufweisen können, das gerade für das Wissen technologischer und ökologischer Konsequenzen von zentraler Bedeutung ist. "Technische Stoff-und Energieströme haben wie natürliche eine Richtung in der Zeit, sie sind nicht azeitlich. Wird Technik oder Technologie ein azeitlicher Charakter unterstellt und werden sie unter dieser Prämisse einer von Zeitlichkeit und Rhythmen geprägten Natur übergestülpt oder neben sie gestellt, können nur schwerwiegende Störungen in beiden Systemen die Folge sein. Um dies zu vermeiden, muß der zeitliche Charakter von Technik und den mit ihr verbundenen Aktivitäten und Auswirkungen berücksichtigt werden" (ebenda S. 98). Wir werden also im Verlauf der weiteren Untersuchung auf den elementar wichtigen Zusammenhang von Mensch, Technologie, Natur und Zeit zurückkommen und ihn vertiefen müssen.

Eine neue komplex-dynamische Naturwissenschaft wäre allerdings nicht nur dadurch gekennzeichnet, "daß das Bild der Natur einen radikalen Wandel durchgemacht habe, hin zum Mannigfaltigen, zum Zeitbedingten, zum Komplexen" (Prigogine/Stengers 1986, S. 276 ff.), sondern der Mensch als Natur- und Geisteswesen würde sich darin in neuartiger Weise wiedererkennen: "Die Wissenschaft liefert uns heute ein Bild von der Natur, das hinreichend komplex ist, so daß wir uns allmählich darin wiederzuerkennen vermögen. Wir stehen nicht mehr vor der tragischen Wahl zwischen einer entfremdenden Wissenschaft oder einer antiwissenschaftlichen Ideologie" (ebenda).

Immer dann gerät die Naturwissenschaft in eine Begriffs- und Legitimationskrise, "wenn die Natur sich nicht in der geltenden Sprache äußert" (S. 279) und die wissenschaftliche Gemeinschaft gezwungenermaßen sich auf die "Suche nach einer neuen Sprache" begeben muß, um den Dialog mit der Natur in einer "offenen", gegenstandsgemäßeren Wissenschaft neu zu eröffnen. "Die Naturwissenschaften haben sich somit auf der makroskopischen wie auf der mikroskopischen Ebene [S.141] von einer Konzeption der objektiven Realität befreit, die glaubte, das Neue und das Mannigfaltige im Namen eines unwandelbaren universellen Gesetzes leugnen zu müssen. Sie haben sich von einer Faszination freigemacht, die uns die Rationalität als etwas Geschlossenes und die Erkenntnis als etwas Abschließbares Erscheinen ließ. Dadurch sind sie offen geworden für das Unerwartete, das sie nicht länger zum Resultat einer unvollkommenen Erkenntnis oder einer unzureichenden Kontrolle erklären. Sie haben sich dem Dialog mit einer Natur geöffnet, deren Inhalt nicht durch eine alles beherrschende Rationalität erschöpft werden kann. Wir gelangen zu einem Dialog mit einer offenen Welt, bei deren Konstruktion wir selbst eine Rolle spielen" (S. 284). Die Erkenntnis sowohl eines schöpferischen Subjekts als auch einer kreativen und dynamischen Natur, die in ihrem Eigenwert zu "respektieren" ist, liefert möglicherweise Lösungsansätze, um die Kluft zwischen dem Sein der Natur und dem Verhalten gegenüber der Natur überbrücken zu helfen. Denn wenn das Sein vom Werden nicht mehr zu trennen ist und die Analyse des dynamischen Werdens in der Natur neue Charakteristika für das 'Können' eines angemessenen Dialogs mit der Natur eröffnet, stellt sich die praktisch- philosophische Frage nach dem angemessenen Sollen gegenüber der Natur in neuartiger Weise: Der naturalistische Fehlschluß, vom Sein auf das Sollen zu schließen, beruhte auf einem "zeitlosen" mechanistischen Naturverständnis, das niemals in der Lage war, eine innere Verbindung zur menschlich-kreativen und verantwortungsbewußten Handlungsweise herzustellen; wenn jedoch die Natur in ihrem kreativen Eigenwert, in ihrer Geschichtlichkeit und rekursiver Prozeßhaftigkeit als Dialogpartnerin angesehen wird, die dem Menschen nur dann ein "lesbares Gesicht" zuwendet, wenn sie "richtig" befragt wird, und wenn die Tatsache, "daß wir die Natur befragen, zu der ureigenen Aktivität der Natur gehört" (S. 290), dann gehen das Sein, das Werden, das Können von Mensch und Natur sowie die Verantwortung des Menschen eine neuartige Verbindung ein, dann werden wir gewahr, "daß die Spaltung der 'zwei Kulturen' im Schwinden begriffen ist" (ebenda). Nicht nur aus erkenntnistheoretischen Gründen muß die physikalische Wissenschaft endlich begreifen, "daß die Dinge, und nicht nur die belebten Dinge, autonom sind" (S. 293), sondern es ist von entscheidender praktischer Bedeutung, die jeweiligen "autonomen Prozesse" des Natur- Mensch-Verhältnisses angemessen zu verstehen, "in die wir sicherlich modifizierend und organisierend eingreifen können, deren eigenes Entwicklungstempo wir jedoch respektieren müssen" (ebenda).

Die begrifflich-theoretische Analyse kehrt nun insofern zu ihrem Ausgangspunkt zurück, als das Dialogmodell des Selbstorganisationsparadigmas Naturerkenntnis und menschliche Selbsterkenntnis in einen inneren Zusammenhang stellt und damit die Möglichkeit des Dialogs begründet. Gleichzeitig verweist der neuartige Dialog mit der Natur auf die Notwendigkeit hin, ihn in angemessener sowohl ökologischer als auch menschlicher Problemlösung dienender Weise für das globale Überleben von Mensch und Natur verantwortungsbewußt einzusetzen. "Die menschliche Gemeinschaft bezieht sich [S.142] heute - zweifellos zum erstenmal in ihrer Geschichte - ausdrücklich auf die ganze Erde, im Augenblick, wo sich - wie jeder weiß - unsere aus dem Gleichgewicht geratenen Gesellschaften einem 'Verzweigungspunkt' nähern" (S. 305).

Kritisch anzumerken bleibt allerdings, daß in Prigogines Dialogmodell zwei Probleme ausgeblendet bzw. nur angedeutet werden: Erstens: Es ist zu beachten, daß der Dialog zwischen Mensch und Natur wesentlich über technologische 'Kommunikationsmittel' zustandekommt und daher nicht nur nach der "richtigen Sprache", sondern auch nach der geeigneten Technologie zu fragen ist. Es gilt also, auf der Basis des Selbstorganisationsparadigmas sowohl die innere Verbindung zwischen Naturverständnis und Selbstverständnis des Mensch als auch die strukturelle Beziehung von Mensch, Natur und Technologie aufzuzeigen. Zweitens: Wenn mit Hilfe der Selbstorganistions- und Chaosforschung ein anderer Zugang und Umgang mit der Natur nahegelegt wird, wie soll dann in Zukunft auf Basis dieser neuen Erkenntnisse ein anderer praktischer Umgang mit der Natur aussehen, ohne in alte mechanistische Wissenschafts- und Experimentierformen zurückzufallen? Dies führt also wiederum auf die Frage nach einer gegenstandsgemäßen, humanen und zugleich naturverträglichen Technologie.

Umgekehrt müssen Dialog-Modell und Selbstorganisationsparadigma gegen Mißverständnisse und unhaltbare Kritik verteidigt und gerechtfertigt werden. Diese Art Kritik richtet sich im wesentlichen auf folgenden Vorwurf:

Das Konzept "Selbstorganisation" sei tatsächlich keine Erweiterung von Erkenntnis, sondern das Neue sei "in erster Linie ein neues Sprachspiel", so daß man sich zur Klärung der Selbstorganisationstheorie "weg von den Phänomenen hin zum logisch Primären, zur Sprache über die Phänomene" bewegen müsse. Die neuen Entdeckungen über das Prozeßhafte in der Natur stelle primär eine "Fokusverschiebung des Erkenntnissubjekts" dar (vgl. H. R. Fischer 1990, S. 156 ff.).

Die Zurückweisung dieser Kritik soll auf drei Ebenen erfolgen: 1. der ontologisch-empirischen, 2. der logisch- theoretischen und schließlich 3. der sprachlich- semantischen.

Ad 1: Die meisten Selbstorganisations- und Chaosphänomene wurden nicht vorhergesehen, sondern traten völlig unerwartet empirisch in Erscheinung. Aber bereits früher bekannte Probleme komplexer Dynamik wie etwa das Dreikörperproblem oder die Turbulenz wurden in ihrer Tragweite erst plausibel, als die konkrete Ausarbeitung von Lösungen mit Hilfe leistungsstarker Computer in den empirischen und theoretischen Zusammenhang mit anderen Selbstorganisations- und Chaosphänomenen gestellt werden konnten. So waren etwa der Zusammenhang von fraktaler Geometrie und chaotischen Attraktoren oder die Generierung von neuen Ordnungsstrukturen und Mustern aus vorherigen chaotischen Instabilitäten oder die fundamentale Bedeutung der Rekursion bei fast allen [S.143] realen Naturprozessen völlig unerwartet und haben ihrerseits eine neue Sichtweise der Natur hervorgebracht und diese wiederum ein neues Forschungsinteresse in den Grenzbereichen von Physik/Chemie/Biologie. Nicht ein "neues Sprachspiel" oder eine "Fokusverschiebung des Subjekts" haben das Selbstorganisationsparadigma hervorgebracht, sondern umgekehrt "haben in vielen Bereichen Experimente und Computersimulationen Selbstorganisationsphänomene zutage gefördert. Dieser stete Fluß an Ergebnissen hat in letzter Zeit - nach jahrzehntelangem Abwarten - zu einem Umkippen des Weltbilds, eben zum Selbstorganisationsparadigma geführt ... Durch das neue Paradigma wird nun umgekehrt nahegelegt, die Natur durch die 'Brille' der Selbstorganisation zu betrachten bzw. im vermehrten Umfang entsprechende Experimente durchzuführen. Viele Dinge erscheinen nun in einem neuen Licht" (Kratky 1990 a.a.O., S. 12; vgl. auch Krohn/Küppers 1989, S. 69 ff.). Um also die Bedeutung und Reichweite des Selbstorganisationsparadigmas zu erfassen - die Ausarbeitung einer umfassenden Selbstorganisationstheorie steckt noch in den Anfängen -, ist es erforderlich, sich nicht "weg von den Phänomenen", sondern im Gegenteil hin zu den neuartigen Phänomenen von Selbstorganisation und Chaos zu wenden, um gerade die materiellen Auswirkungen auf das praktische Natur-Mensch- Verhältnis zu erfassen und theoretisch neu reflektieren zu können. Zu Recht fordert Georg Picht, "daß wir lernen, inmitten einer von Antinomien zerrissenen Welt die Verhältnisse wieder so zu sehen, wie sie von sich aus sind. Wir müssen die Phänomenalität der Phänomene wieder entdecken" (Picht 1981, S. 289).

Wenn Fischer darüber hinaus kritisiert, daß im prigoginschen Dialogmodell "die Natur als Objekt dem erkennenden Subjekt gegenübergestellt" wird, dann trifft dies im wesentlichen auf die derzeitige mechanistisch- technische Umgangsweise mit der Natur zu und nicht auf den Versuch Prigogines, die Erkenntnisse aus der Selbstorganisationsforschung für einen neuen "respektvollen" Dialog mit der Natur zu nutzen. Gerade weil derzeit Natur als 'unabhängiges' Wesen tendenziell mißachtet und vorrangig menschlichen Zwecken unterworfen wird - im Gegensatz zur Forderung Prigogines, sie als unabhängiges Wesen zu behandeln und zu achten -, entwickelt sich das derzeitig krisenhaft gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Da die zutiefst ontologische Bedeutung des Verhältnisses von Mensch und Natur im Zusammenhang mit Selbstorganisations- und Chaosprozessen nicht gesehen wird, scheint dann die wirkliche Erfassung dieser Phänomene unmöglich und unnötig, so daß schließlich die Reduktion des Konzepts "Selbstorganisation" als spielerische "Sprache über die Phänomene" übrigbleibt. Die "Sprachspiel"-These muß nicht nur deshalb zurückgewiesen werden, weil sie die eigentliche Bedeutung der Selbstorganisation verkehrt, sondern auch deshalb, weil sie einen anderen naturwissenschaftlich-technischen Umgang mit der Natur, der aus dem "Paradigmawechsel" erfolgen könnte, als Möglichkeit grundsätzlich ausblendet.

[S.144] Ad 2: Die "Sprachspiel"-These hat zur Konsequenz, daß die Selbstorganisations- und Chaosphänomene wesentlich der menschlich-subjektiven Vorstellungskraft zugeschrieben werden und daher letztlich als geistiges Konstrukt bzw. als Gedankenspiel zu charakterisieren sind. Im Unterschied zu dieser Vorstellung hat das klassische Naturbild - sofern es naturwissenschaftlich zugänglich erschien - die mathematische und experimentelle Beschreibbarkeit von hochkomplex-nichtlinearen und chaotischen Prozessen oder dissipativen und fraktalen Strukturen eben nicht vorstellen, geschweige denn vorhersagen können. Im Gegenteil: Derartige Phänomene wurden entweder als naturwissenschaftliche Randprobleme oder als "Dreckeffekte" bzw. "Rauschen" gedeutet oder ihre Existenz wurde anfangs gar geleugnet. So stellt umgekehrt der Physiker Binnig provokant und überspitzt die Frage: "Ich stelle die Frage, ob in den letzten Jahrhunderten, vor allem in diesem Jahrhundert, nicht die Naturwissenschaftler das philosophische Denken mehr beeinflußt und verändert haben als die Philosophen selbst. Ich denke dabei an die Arbeiten von Galilei, von Kepler, von Darwin, von Einstein, ... von Physikern die die Quantenmechanik begründeten. Warum hat die Philosophie die Grundzüge der Quantenmechanik und die Relativitätstheorie nicht vorhergesagt? Grund genug dazu hätte es gegeben. Philosophen hätten den Verdacht äußern müssen, daß an dem damaligen mechanistischen, deterministischen und absoluten Weltbild der Physiker etwas nicht stimmen konnte, und hätten ein Gegenbild entwerfen können. Warum haben sie die Chaosforschung nicht vorhergesagt? Auch dazu gäbe es Gründe genug" (G. Binnig 1989, a.a.O., S. 184).

Die bisher entdeckten Selbstorganisations- und Chaosphänomene scheinen vielmehr die Plausibilität nahezulegen, begriffliche und praktische Grundlagen von Naturwissenschaften und Naturphilosophie in Frage zu stellen. "Die stürmische Entwicklung der Chaosforschung in den letzten Jahren signalisiert mehr als nur die Entstehung eines neuen Fachgebiets: Möglicherweise verabschiedet sie einige der grundlegenden Vorstellungen, die mit dem Programm der neuzeitlichen Wissenschaft verbunden sind" (Krohn/Küppers 1989, a.a.O., S. 69). Dies liegt aber auch darin begründet, daß die klassische Wissenschaft nur über ein unzureichendes methodisch-theoretisches Instrumentarium verfügte, um die neuen komplexen Naturphänomene konkret analysieren und systematisch einordnen zu können. "Die klassische Wissenschaft war also weder von ihrem Anspruch (Art des Wissens) noch von der Sicht ihres Gegenstandes (Naturverständnis) her befähigt, sich mit dem Chaos auseinanderzusetzen. Zusätzlich fehlte noch das theoretische wie methodische Rüstzeug" (ebenda S. 75).

Zweifellos müssen innerhalb des Natur-Mensch-Gefüges die epistemischen Grundlagen von Stabilität und Ordnung, von Kausalität und Zeitbegriff, von Determiniertheit und Autonomie in Frage gestellt werden. Derartige Infragestellungen sind natürlich immer mit einer 'Fokusverschiebung des Subjekts', mit einer neuen Sichtweise verbunden. Diese bedeu- [S.145] tet aber nicht die Ursache für das Selbstorganisationsparadigma, sondern betreffen deren methodisch-theoretische Veränderungswirkung auf die klassische Wissenschaft.92

Ad 3: Der Selbstorganisationsbegriff muß semantisch in einer mehrfachen Bedeutung betrachtet werden. a) Als naturwissenschaftliches Charakteristikum für die innere Strukturbildung komplexer, nichtlinearer, dynamischer Systeme, wobei die Autopoiese als Spezialfall behandelt werden kann. b) Als nicht scharf definierter Sammelbegriff für einen neuen Forschungszweig, der sich mit den Phänomenen Chaos, Katastrophen, Komplexität, dynamische Systeme, Evolutionsstrategien, fraktale Geometrie etc. beschäftigt. c) Als Kennzeichnung bzw. Symbol für ein anderes Wissenschaftsideal bzw. Paradigma ("von der Fremd- zur Selbstorganisation"), ein anderes Naturbild sowie einen anderen Umgang mit der Natur. Diese begriffliche Differenzierung setzt einerseits Grenzen für die Übernahme von historischen Vorläufern des Selbstorganisationsbegriffs - etwa Kants Überlegungen zur Selbstorganisation des Lebendigen oder Schellings "spekulative Physik", die beide außerhalb der naturwissenschaftlichen Forschung standen, wenngleich sie trotz allgemeiner und abstrakter Begrifflichkeiten interessante Anregungen für die derzeitige Diskussion liefern. Aber andererseits muß erwähnt werden, daß der Selbstorganisationsbegriff in seiner Vielschichtigkeit Annäherungen und Anknüpfungen zu Phänomenen und Gegenständen der Geisteswissenschaften sowie des unmittelbar zugänglichen Alltagswissens ermöglicht.

Allerdings scheint sich schon jetzt abzuzeichnen, wo über die Semantik hinaus Sinn- und Erkenntnisgewinn des Selbstorganisationsbegriffs am größten einzuschätzen ist: nämlich im Einzugsbereich von naturwissenschaftlichen oder naturpraktischen Fragen. Diese wiederum gilt es durch naturphilosophische Reflexion zu entschlüsseln und einzugrenzen.

In einem derartigen Verständnis könnte die "Sprachspiel"-These dann produktiv gewendet werden, wenn sich das 'Sprachspiel' nicht nur auf zwischenmenschliche Verständigung, sondern auf den Naturgegenstand selbst beziehen würde, um einen vielschichtigen Dialog im Natur-Mensch-Gefüge zu erfassen und zu definieren: Erstens: Die kommunikative Mensch-Mensch-Beziehung als reflexiven Dialog, zweitens: [S.146] der symmetrische Dialog zwischen Natur und Naturwesen Mensch, und drittens: der asymmetrische Dialog zwischen Natur und Kulturwesen Mensch.

Das alte Problem Mensch und Natur läßt sich in unterschiedlicher Weise 'lösen': Einmal, indem das Primat des Humanismus der Zwischenmenschlichkeit vor die Naturbeziehung gesetzt wird, wie es so treffend am Anfang des platonischen Dialogs "Phaidros" zum Ausdruck kommt.93 Der Maler Paul Klee hingegen stellt in der Zeichnung "Zwiegespräch zwischen Baum - Mensch" einen Baum dar, der sich zu einem auf der Erde liegenden und nachdenkenden Menschen hinabbeugt (vgl. C. Landfried 1991, S. 105).

Letzteres Bild spiegelt das Dialogmodell Prigogines insofern zutreffender wider, als es einen "echten Dialog" vermittelt, in dem auch die Naturgegenstände einen Sinngehalt zur Mensch- Natur-Kommunikation beisteuern. Dennoch bleibt - wie schon oben kritisiert - diese Betrachtung unzureichend, da nur die direkte Dialog-Figur Mensch-Natur betrachtet wird. Aber gerade für das Naturbegreifen innerhalb der experimentellen Naturwissenschaften wird das Kommunikationsmittel, also der technologische Mensch- Natur-Dialog von entscheidender Bedeutung und damit die Art und Weise des gewählten technologischen Mittels: Soll es beim 'echten' Dialog bleiben, muß der technologisch- experimentelle "Eingriff" gleichermaßen dem Menschen als auch der Natur gegenüber angemessen vorgenommen werden, erst recht die technischen Anwendungen. Das Forschungshandeln gemäß dem Selbstorganisationsparadigma hätte demnach nicht nur die komplexen Rückkopplungsprozesse des Naturgegenstands zu betrachten, sondern wesentlich die Gesamtheit der Rückkopplungen und komplex-dynamischen Folgeprozesse des "Trilogs" Mensch-Natur-Technologie zu beachten.

Gerade in bezug auf das Natur-Mensch-Gefüge wird gegenüber dem prigoginschen Dialogmodell sowohl von philosophischer als auch naturwissenschaftlicher Seite die Befürchtung geäußert, Chaos- und Selbstorganisationsforschung könnten in ihrer Anwendung im herrschenden Wissenschaftsverständnis integriert und funktionalisiert werden, so daß eine noch totalere technologische Verfügung über die Natur unter Vorschub 'pluralistischer Forschungsmethoden' ermöglicht würde. "Denn die neuzeitlichen Machtfantasien der Wissenschaft haben noch längst nicht abgedankt. Offenheit, Pluralität und Komplexität stehen in der Gefahr, als Chiffren zu dienen, die ein neues großes Einheitsunternehmen verschleiern. Prigogine proklamiert 'das partizipatorische Universum', [S.147] d.h. eine Weltsicht, in der die Zeitformen des Subjekts mit dem Zeitgestalten des Objekts koinzidieren. Daß es sich dabei um eine gigantische Projektion des Subjekts handeln könnte, kommt Prigogine nicht in den Sinn. Das verbindet ihn mit der spekulativen Naivität seiner philosophischen Ahnherren. Auch für Spinoza, Schelling und die romantische Naturphilosophie galt Subjektivität als ein inneres Anliegen der Natur. Sie war deshalb von allen Projektionsvorwürfen entlastet. In einer Zeit aber, in der die gar nicht mehr so romantische Einheit von Geist und Natur kurz vor ihrer technologischen Realisierung steht, gilt es, postmoderne Pluralität vor einer falschen Funktionalisierung zu schützen" (M. Sandbothe 1989, S. 9).

In ähnlicher Weise argumentiert der Physiker Joachim Krug, (1989), indem er gerade für den bestehenden Wissenschaftsbetrieb einen Paradigmawechsel in bezug auf Erkenntnisweisen und Interessen in Abrede stellt. "Auch die Erforschung von Prozessen der Selbstorganisation verfolgt die Absicht, ihr Verhalten zu quantifizieren und vorherzusagen, sie also potentiell technisch verfügbar zu machen ... Eine 'andere', teilnehmende Naturwissenschaft, die 'eine Botanik aus Blüten und eine Meterologie aus Sonnenuntergängen' (Gillipsie) wäre, ist nirgendwo in Sicht. Vielmehr steht zu befürchten, daß durch den universellen Anspruch der Selbstorganisationstheorien auch Gegenstandsbereiche (etwa in den Sozialwissenschaften) unter das Diktat der mathematischen Modellbildung geraten, die bisher eine größere methodische Vielfalt aufwiesen".

Der These, daß Theorie und Praxis von Chaos- und Selbstorganisationsforschung "vor einer falschen Funktionalisierung" geschützt werden müsse, ist uneingeschränkt zuzustimmen, trifft sie doch ein entscheidendes Defizit in der Argumentationslinie Prigogines, nämlich seine Nichtreflexion des Verhältnisses von Selbstorganisationsparadigma und einer gegenstandgemäßen verantwortbaren Naturwissenschaftspraxis bzw. Technologie. Auch wenn Prigogine im Ansatz den "respektvollen" Umgang mit der Natur im wissenschaftlichen Experiment fordert, so bleibt doch unklar, welche neuartigen selektiven Anforderungen an ein partnerschaftliches Dialog-Experiment zu stellen wären, und wie zu verhindern ist, daß die Projektions-Fantasien des Experimentators grundsätzlich über die Eigenheiten der Natur gestellt werden. Um den Trend der Vereinnahmung von Geist und Natur durch die mechanistische Naturwissenschafts- und Technologieentwicklung entgegenwirken zu können, müßten Selbstorganisationskonzept und Dialog-Modell auf ihre Ermöglichung einer Neuorientierung der Begriffe von Natur, Naturwissenschaft und Technologie hin genauer betrachtet werden. In diesem Sinne bleibt die Frage nach einem anderen praktisch- technischen Naturverhältnis weiter akut, gerade aus Sorge um eine moderne Allmachts-Projektion der Naturwissenschaften. Allerdings muß auch klar sein, daß es eine nichttechnische, nichtpraktische, rein kontemplative "andere, teilnehmende Naturwissenschaft" als sinnvolle Zu- [S.148] kunftslösung nicht geben wird, sondern es ist nach einem neuartigen technologisch vermittelten Wechselverhältnis des Natur-Mensch-Gefüges zu suchen.

Von daher ist es weniger erstaunlich, daß sich der 'Paradigmawechsel' des Selbstorganisationskonzeptes in der vorherrschenden Naturwissenschaftspraxis noch nicht durchgesetzt hat, sondern daß vielmehr erstmals eine interne Debatte über die Veränderung des wissenschaftlichen Selbstverständnisses unübersehbar zugenommen hat. "Für die Wissenschaftsforschung ist bemerkenswert, daß während der beiden letzten Jahrzehnte ausgerechnet in den Naturwissenschaften eine epistemologische Selbstthematisierung begonnen hat, die das traditionell objektivistische und positivistische Selbstverständnis des disziplinierten Wissenschaftsbetriebs rigoros in Frage stellt und zur 'dialog'- orientierten Selbsterkenntnis übergeht" (H.-P. Krüger 1990, S. 148).

Die zuweilen geäußerte Befürchtung einer methodischen Vereinnahmung etwa der Sozialwissenschaften durch die Naturwissenschaften ist eher ein Problem des klassischen Wissenschaftsverständnisses und weniger das der Selbstorganisationstheorie, die erstmals Naturphänomene in den Qualitäten charakterisiert, die die Sozialwissenschaften schon seit langem in analoger Weise zu ihrem Gegenstand haben.

Von daher sollte vielmehr genauer untersucht werden, ob und wie der Selbstorganisationsbegriff als neue Orientierungskategorie für eine innere "verwandtschaftliche" Beziehung von Natur- und Selbsterkenntnis sowie für eine verträgliche, technologische Mensch- Natur-Beziehung dienen kann. Es geht also um die systematische Erschließung des Möglichkeits- und Lösungsraumes für eine krisenfreiere technologische Entwicklung innerhalb des Mensch-Natur-Gefüges mit Hilfe des Selbstorganisationsparadigmas.

Insbesondere gilt es zu vertiefen und darzustellen, "daß das Paradigma der Selbstorganisation eine neue Orientierungskategorie für die Suche des Menschen nach seiner Stellung in der Welt darstellt", wobei "Elemente einer Konvergenz zwischen dem durch die 'Wissenschaften von der Natur', insbesondere von dem Paradigma der Selbstorganisation vermittelten Naturverständnis einerseits und dem durch die 'Wissenschaften vom Menschen' vermittelten Selbstverständnis (Menschenbild) andererseits sichtbar" werden (s. J. Götschl 1990, S. 181). Die Selbstorganisationsprinzipien behandeln den Aufbau der Natur in ihrer prozeßhaften Eigendynamik als durchgehende Materie- Konfigurationen, die nicht nur für einen veränderten Naturwissenschaftsbegriff von Interesse sind, sondern auch in der Lage erscheinen, "den Boden für eine neue Naturphilosophie" (G. Böhme) zu bereiten: "Diese Vertiefung des Verständnisses der Dynamik von Materie eröffnet Denkmöglichkeiten, die in einigen Metaphysiken und Naturphilosophien schon lange angelegt waren und erst jetzt eine empirisch-wissenschaftliche Begründung erhalten ... Zu ihrem Kern gehört, daß ein Realitätskonzept bzw. -verständnis heranreift, indem eine einheitlichere und [S.149] konsistentere Darstellung nicht mehr allein nur der Natur (Materie) erreicht werden kann, sondern darüber hinaus, was bisher noch völlig aussteht, eine Darstellung des 'Mensch-Natur-Gefüges'" (Götschl S. 182).

Im Unterschied zum klassischen Wissenschaftsverständnis treten im Selbstorganisationsbegriff Naturtheorie, wissenschaftliche Methodologie und Naturrealität in neuartig integrierter Weise in Erscheinung. Was zur Folge hat, einen tatsächlichen Mensch-Natur-Dialog zu führen, der weder in einer monologisierenden Projektion des Subjekts noch in der fremdgesteuerten Abbildung einer vermeintlichen 'objektiven Realität' endet.

Was unterscheidet nun den begrifflichen und methodischen Kern des Selbstorganisationskonzepts von Prinzipien der klassischen Naturwissenschaften?

Götschl faßt die "Strukturontologie" des mechanistischen Naturverständnisses in drei Prinzipien zusammen: "(i) Das Prinzip der limitierten Potentialität der Materie (Anordnungspotentialität), (ii) das Prinzip der durchgängigen Reversibilität von Materieprozessen (Symmetrieprinzip) und (iii) das Prinzip von der kategorialen Separiertheit von Natur und Mensch, von Objekt und Subjekt (Prinzip der Nichtkohärenz von Objekt und Subjekt)" (S. 183). Hinzuzufügen wäre noch im Zusammenhang mit dem zweiten Prinzip die zeitunspezifische Determiniertheit von Naturvorgängen als Charakteristikum der klassischen Physik. Alle Prinzipien gelten uneingeschränkt für das newtonsche Wissenschaftskonzept, aber mit Einschränkungen auch für Relativitätstheorie und Quantenmechanik. Während in der Relativitätstheorie die Rolle des Beobachters nötig wird, um Raum und Zeit theoretisch- begrifflich miteinander zu verknüpfen, werden in der quantentheoretischen Naturbetrachtung der aktiv eingreifende Beobachter sowie das Phänomen von Fernwirkungen und Nichtlokalität wesentlich. "Diese Nichtlokalität und auch die aktive Rolle des Beobachters zeichnen ein ganz anderes Bild der Realität als die klassische oder auch die relativistische Mechanik" (Kratky 1990, a.a.O., S. 7). Quantenmechanik und Relativitätstheorie formulieren erstmals in der Naturwissenschaftsgeschichte einen funktionalen Zusammenhang zwischen Natur und Mensch: "Denn sowohl Relativitätstheorie wie auch Quantentheorie verdeutlichen den unauflöslichen Zusammenhang von physikalischer Theorie, Meßvorschriften, Meßoperationen und erkanntem (gemessenem) Objekt. Hierdurch erhält die 'Natur-Mensch-Beziehung' eine neue Qualität, so daß zum ersten Male zu Recht von einem 'Mensch-Natur-Gefüge' die Rede sein konnte. Die Kenntnis des Gegenstandes 'Natur/Materie' ist repräsentiert in der Vernetzung des Systems der menschlichen Fragestellungen, der menschlichen Interaktionsformen und dem System von Natur-/Materieprozessen" (Götschl S. 191 ff.).

Trotz dieses erheblichen naturphilosophischen Erkenntnisgewinns waren die Auswirkungen auf die praktisch- technologische Natur-Mensch-Beziehung nur marginal, was sich vermutlich durch eine vereinheitlichte Theorie der Quanten- [S.150] gravitation nicht ändern wird. "Es sieht so aus, als ob eine Vereinheitlichung - von Quantentheorie und allgemeiner Relativitätstheorie (d. Verf.) - möglich ist, wenn wir unsere Vorstellungen von Raum, Zeit und Kausalität nochmals radikal ändern (Quantisierung von Raum und Zeit, Verschwimmen von Vergangenheit und Zukunft im submikroskopischen Bereich). Von der Realitätsvorstellung der klassischen Mechanik wird zwar nicht viel übrig bleiben, die Auswirkungen im üblichen makroskopischen Bereich werden aber vermutlich eher gering sein" (Kratky 1990, a.a.O., S. 8).

Das Selbstorganisations-Konzept überschreitet nun in doppelter Hinsicht den derzeitigen Naturwissenschaftsansatz von Quantenmechanik und Relativitätstheorie: Einmal, indem es sich im wesentlichen auf den Meso-Kosmos, also unseren Lebensraum bezieht, und zum anderen, die Möglichkeiten für einen tatsächlichen und kohärenten Dialog zwischen Mensch und Natur neuartig eröffnet. "Obwohl schon durch die Relativitätstheorie und die Quantentheorie ein Inhalt repräsentiert wurde, der über die Kohärenz von Natur und Mensch implizite Hinweise geliefert hat, so ist es doch erst mit dem empirischen Gehalt der Theorie der Selbstorganisation möglich, eine explizitere Bestimmung für einen Begriff des Kohärenzgrades von Natur (Objekt) und Mensch (Subjekt) einzuführen" (Götschl. S. 191). Dies bedeutet allerdings nicht eine bloße Zusammenführung eines traditionellen Verständnisses von Natur/Materie einerseits und eines idealisierten Begriffs von Mensch/Subjekt andererseits, sondern Naturbegriff und Selbstverständnis müssen sich gleichermaßen verändern, um in eine qualitativ neue, innere Beziehung treten zu können.

Ausgehend vom Verständnis komplexer, nichtlinearer, dynamischer Systeme übernimmt die Selbstorganisationstheorie den passiven Materie- und Substanzbegriff von Relativitätstheorie und Quantentheorie nicht, sondern betrachtet die Natur als "aktive Materie" (Davies), die spontan und unvorhersagbar neue Strukturen zu entwickeln in der Lage ist und sich vor allem im Lebendigen in einem "Evolutionsfeld" (Cramer) beständig vorwärtsbewegt. 'Selbstorganisation' ist eine stark verkürzte Ausdrucksweise für eine Grundeigenschaft von Materie: 'Selbstorganisation (Formenbildung) im Evolutionsfeld'. "Selbstorganisation ist daher nicht ein bloßes Akzidens von Materie, sondern eine unabtrennbare Eigenschaft und ein Attribut der materiellen Substanz. Selbstorganisation ist das Schöpfungspotential der evolvierenden Materie, und das gilt für die gesamte Materie" (F. Cramer 1989, a.a.O., S. 231).

Gleichzeitig ist mit der Neuerfahrung und Neubestimmung des Naturbegriffs eine plausiblere Selbstdeutung des Naturwesens Mensch verbunden, das zwar von der Evolution mit qualitativ neuartigen Eigenschaften ausgestattet, aber dennoch nicht von der Natur separiert oder gar über sie erhoben erscheint. "Die mit der Theorie der Selbstorganisation gelieferte Theorie der Natur (Materie) bedeutet philosophisch nicht nur die Kreation einer neuen Semantik des Materiebegriffs, sondern auch eine neue naturtheoretische Selbstdeu- [S.151] tung des Menschen ohne Rekurs auf den klassischen naturalistisch-materialistischen Materiebegriff und den damit verbundenen Reduktionismus" (Götschl. S. 186). Die Vielfalt der dynamischen Naturprozesse kann so in verschiedenen Schichten bzw. Ebenen betrachtet werden, die - qualitativ wesentlich verschieden, aber dennoch naturgeschichtlich verbunden - keine Gründe mehr dafür liefern, ontologisch zu reduzieren, d.h. etwa Biologisches auf Physikalisches, Organisches auf Anorganisches oder Geistiges auf Physiologisches zurückzuführen. Dies legt nahe, die Natur-Mensch-Beziehung eben nicht auf eine elementare Weltstruktur zu reduzieren bzw. mit einer (naturwissenschaftlichen) 'Weltformel' versuchen zu 'erklären'. Sondern mit dem Selbstorganisationsbegriff wird die Erkenntnis vermittelt, "daß die dem erkennenden Subjekt erscheinende Mannigfaltigkeit von materiellen Ereignissen nur einem Welt- bzw. Realitätsausschnitt einer allgemeineren Prozeßdynamik entspricht" (Götschl S. 186) (Hervorhebungen vom Verfasser).

Die inhaltliche Tragweite des Selbstorganisationsparadigmas kann in bezug auf das 'Mensch-Natur-Gefüge' demnach durch fünf Charakteristika gekennzeichnet werden:

  1. Nicht durch einen wie immer gearteten Reduktionismus; dieser wird ersetzt durch eine spezifische Form eines "Emergentismus" im Rahmen einer prozeßhaften Evolutionsdynamik.
  2. Nicht durch die Herstellung von bloßen Ähnlichkeiten; sie werden abgelöst von strukturellen Vernetzungen und inneren Wesensbeziehungen zwischen den verschiedenen Ebenen (Selbstähnlichkeiten).
  3. Nicht allein durch systemtheoretische Abstraktionen und Subsumtionen; an deren Stelle treten Systemintegrationen zu komplexen dynamischen Systemen.
  4. Nicht durch eine bloße Identifikation von Subjekt und Objekt; an deren Stelle treten zeitspezifische asymmetrische homologe Systemebenen.
  5. Nicht durch einen verdeckten 'Anthropozentrismus'; die Konzeption eines kreativen und holistischen 'Naturalismus' tritt hervor (vgl. Götschl S. 187).

Auch wenn derzeit eine umfassende und vollständige Theorie der Selbstorganisation noch nicht vorliegt, so deuten doch die bisher untersuchten Phänomene und die daraus abgeleiteten Charakteristika an, inwiefern diese bereits jetzt "einen Beitrag zur Homogenisierung von Mensch und Natur ... leistet, auch wenn dorthin noch weite empirische und analytische Wege zurückzulegen sein werden. Die Theorie der Selbstorganisation, philosophisch-ontologisch hinterfragt, zeigt jedenfalls in die Richtung, daß die Struktur dessen, was gemeinhin als 'Außenwelt' bezeichnet wird und die Struktur dessen, was gemeinhin als 'Innenwelt' erfaßt wird, starke Isomorphien aufweisen" (ebenda). Die Tragweite und Konsequenz dessen bedeutet nicht nur die "volle ontologi [S.152] sche Gleichrangigkeit von Natur und Mensch", sondern auch, "daß Naturdynamik und Kulturdynamik in spezifischer Weise miteinander verkettet sind" (S. 189). Dies kann jedoch nicht bedeuten, Natur und Kultur als Identisches einzuebnen, sondern gerade dadurch die qualitativen Besonderheiten und eigenen Wesenszüge der Kultursphäre in ihrer Verknüpfung zur Natursphäre zu erkennen. Insbesondere vermittelt die technisch-kulturelle Naturpraxis eine neue historische Dimension, die über die bloße Naturgeschichte hinausgeht und in ein neues "Möglichkeitsfeld" tritt: "Das qualitativ Neue an der gegenwärtigen Situation besteht darin, daß der Mensch in den letzten Jahren gelernt hat, die technisch-manipulativen Fähigkeiten auf seine eigene und die ihn umgebene Natur anzuwenden. Er kann seine Ideen der Natur aufprägen. Naturgeschichte wird zur Geschichte ... Zwar ist der Mensch auch jetzt noch ein biologisches Wesen und insofern Teil der Natur, durch seine Aktivitäten ist aber die biologische Evolution im technisch-kulturellen Fortschritt aufgegangen bzw. in die Hand und Verantwortung des Menschen gegeben" (Cramer 1989, a.a.O., S. 292 ff.). Da allerdings die bisherige technische Entwicklung nicht auf der Basis einer inneren Beziehung von Mensch und Natur, sondern tendenziell mit Hilfe mechanistischer 'Projektionen' eines vom Naturgeschehen scheinbar separierten Subjekts zustande kamen, stellt sich die Rückkopplung des Systems Mensch-Technik-Natur derzeit eher negativ und krisenhaft dar: "Diese neuartige, vom Menschen hervorgebrachte und von ihm zu verantwortende Rückkopplung kann der Naturgeschichte die gleiche Instabilität, den gleichen Komplexitätsgrad, die gleiche Krisenanfälligkeit aufprägen, wie wir sie in der Geschichte beobachten. Diese Wechselwirkung droht außer Kontrolle zu geraten und zur globalen ökologischen Katastrophe ... zu führen ... An diesem Kreuzweg von Geschichte und Naturgeschichte ist - erstmalig in der Geschichte unserer Welt - uns die moralische Verantwortung nicht nur für unsere Geschichte (und ihre Verbrechen), sondern auch für die Naturgeschichte (und die Verbrechen an ihr) auferlegt - und wir werden sie tragen müssen" (ebenda S. 293).

Rekapitulierend und schlußfolgernd läßt sich nunmehr folgendes zusammenfassen:

  1. Es zeigt sich, daß ein echter Dialog mit der Natur, in dem der menschlichen als auch der natürlichen Seite eine eigene Qualität zukommt, deshalb möglich ist, weil die Rekonstruktion des menschlichen Selbstverständnisses sowie des technologisch vermittelten Naturverständnisses wesensverwandte Eigenschaften offenlegt und subjektivistische oder objektivistische Projektionen zu keiner echten Neuerkenntnis führen. Der Dialog ist aber auch nötig, um eine verträgliche Mensch-Natur- Beziehung konstruktiv herstellen zu können. Dies bedeutet eine Abkehr von der klassischen Separabilität, nach der Mensch und Natur zwar als einfach wechselwirkende, aber getrennte Erkenntis- bzw. Möglichkeitsräume vorgestellt werden (vgl. Kratky 1988, S. 210); und es bedeutet gleichermaßen eine Abkehr von mechanistischen 'Außen'beziehungen zwischen Mensch und Natur, da sie nicht in der Lage sind, sowohl die körperlich - physiologischen als auch die technologischen Prozesse plausibel zu analysieren und in den Dialog zu integrieren.

    [S.153]

  2. Mit Hilfe des Selbstorganisationsparadigmas konnte gezeigt werden, daß die 'Innenwelt' und 'Außenwelt' zwischen Mensch und Natur "starke Isomorphien" aufweisen bzw. die "Naturdynamik und Kulturdynamik in spezifischer Weise miteinander verkettet sind" (Götschl), so daß in beiden Bereichen selbstähnliche Muster vorzufinden sind. Ich nenne diesen - von Prigogine entwickelten 'Dialog mit der Natur' - Elementar-Dialog, da in ihm Rückkopplungsprozesse zwischen Mensch und Natur in elementarer Weise berücksichtigt sind und eine Dualität und Separabilität von beiden vermieden wird. Dennoch bleibt der grundlegend technologische Charakter naturwissenschaftlicher Forschung weitgehend unberücksichtigt und damit der gegenüber Mensch und Natur neuartige Möglichkeitsraum der Technologie mit seiner erweiterten Komplexität.

  3. Der 'Elementar-Dialog' zwischen Mensch und Natur sollte also zur Komplex-Kommunikation weitergeführt werden, wobei die komplexen Rückkopplungsprozesse Berücksichtigung finden, die sich aus den Dialogbeziehungen und 'Schnittmengen' Mensch-Technologie sowie Natur-Technologie ergeben (vgl. Abbildung 1). Auch die Komplex- Kommunikation soll als echter Dialog verstanden werden, d.h. also als echtes Verständigungs-Produkt zwischen Mensch, Natur und Technologie, in dem ein neuartiger Erkenntis- bzw. Möglichkeitsraum zum Ausdruck kommt. Diese komplexe Kommunikation umfaßt nicht nur die erweiterten Möglichkeiten, sondern erkennt auch die jeweiligen Eigenbereiche von Mensch, Natur und Technologie an, die es als eigene Realitäten zu berücksichtigen gilt. Ich greife hier auf einen verallgemeinerten Kommunikationsbegriff bei Steinmüller (1993) zurück und führe ihn weiter: Nach Steinmüller ist Kommunikation die Übermittlung von Information zwischen zwei oder mehreren Systemen, die einen bestimmten Komplexitätsgrad erreicht haben. Dies können soziale, natürlich-biologische oder technische Systeme sein, die jeweils im informationellen Kommunikationszusammenhang stehen (vgl. Steinmüller 1993, S. 157 ff.).

Wichtig ist dabei, daß Kommunikation nicht unbedingt bewußt oder zwischen Subjekten stattfinden muß, sondern auch innerhalb der biologischen Informationsübertragung, z.B. bei Kommunikation zwischen Zellen, als technische Kommunikation oder als Mensch-Maschine- Kommunikation vorzufinden ist.

Oberhalb einer bestimmten Komplexitätsschwelle erzeugen selbstorganisierende Systeme Information und sind schließlich zur Informationsübertragung bzw. Kommunikation in der Lage. Im folgenden sind also diejenigen Systeme des Mensch-Natur-Technologie-Gefüges von Interesse, die in diesem verallgemeinerten Verständnis kommunikationsfähig sind. In diesem Sinne können komplexe [S.154] Rückkopplungen technologischer Prozesse auf menschliche und natürliche Bereiche als Teilbereich einer Komplex-Kommunikation verstanden werden.

Die Bedingung, daß die Komplex-Kommunikation ein echter Dialog sein soll, wirft die Frage nach geeigneten gegenstandsgemäßen 'Kommunikationsmitteln' auf, die das Verhältnis Mensch-Natur-Technologie verträglich gestalten und sein dynamisch-komplexes Verhalten berücksichtigen, aber katastrophische Krisen und unkontrollierbare Instabilitäten vermeiden. Zu fragen ist also nach denjenigen Kommunikationsmitteln, die auf ökologisches und soziales Erhaltungswissen führen, das wiederum seinerseits die Basis für einen neuen Techniktypus schafft, der eine kohärente Entwicklung von Mensch, Natur und Technologie gestattet. Zu fragen ist also erstens nach den Rahmenbedingungen für diese Verträglichkeiten; zweitens nach dem orientierenden Maß für die komplex- rückgekoppelten Prozesse zwischen Mensch, Natur und Technologie sowie drittens nach der notwendigen Berücksichtigung des Eigenraums 'Mensch' als Einzigartigem, als "Humanum", des Eigenwerts 'Natur' als physische und lebendige Existenzvoraussetzung sowie der Eigenwirklichkeit 'Technologie' als physio-kulturellem Produkt - mit neuen Möglichkeiten.

Im folgenden soll als Antwort auf die Fragen die Arbeitshypothese bestätigt werden, daß das Selbstorganisationsparadigma gestattet, die Bedingungen der Möglichkeiten für einen neuen Techniktypus konstruktiv zu formulieren.


90 - Neuere Arbeiten zeigen sogar, daß Kant bereits erstaunliche Ansätze für eine Theorie der Selbstorganisation formuliert hat, wo es ihm gelungen ist, "Erstens das Prinzip der Selbstorganisation als zentrale Kennzeichnung des Lebens zu erkennen, es zweitens begrifflich klar in der Sprache der mechanischen Kausalität zu definieren, und drittens eine empirische Hypothese vorzulegen oder zu unterstützen, die die reduktionistische Forschung zur Selbstorganisation ohne Einschränkungen voranzutreiben erlaubt". Vgl. Krohn/Küppers, in: Selbstorganisation (Jahrbuch für Komplexität in den Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften), 1992, Band 3; S. 30 bis 50.

91 - Vgl. auch: "Danach beruht die moderne Wissenschaft auf der Entdeckung einer neuen und spezifischen Form der Kommunikation mit der Natur, nämlich auf der Überzeugung, daß die Natur auf die experimentelle Fragestellung wahrheitsgemäß antwortet" (S. 14). Vgl. ferner: "Wie beschränkt auch immer man die Natur sich äußern läßt - wenn sie sich einmal geäußert hat, kann es keinen Streit mehr geben: Die Natur lügt nie" (S. 50).

92 - Dies ist ein deutlicher Unterschied zu den theoretischen Vorhersagen des kopernikanischen Weltbildes oder der allgemeinen Relativitätstheorie, die erst später einer empirischen Prüfung zugeführt werden konnten.

93 - "Da Phaidros den Sokrates hinausführt aus der Stadt an die Ufer des Ilyssos und Sokrates, der sonst auf dem Marktplatz die Leute verwirrt, sich heute einmal dem Zauber der lieblichen Landschaft öffnet. Aber wie sich entschuldigend bedeutet er dem verwunderten Phaidros: Ich bin lernbegierig, und die Bäume wollen mich nichts lehren, wohl aber die Menschen in der Stadt" (zitiert nach E. Scheibe 1988, S. 69).