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Ulf Skirke Technologie und Selbstorganisation Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs |
Wie aus dem vorangegangenen Kapitel deutlich wird, legen die Analysen der Selbstorganisationsprozesse nahe, zur Beschreibung dieser Prozesse verschiedene Formen von 'Dialog-Modellen' zu verwenden: Insbesondere in der Biosphäre lassen sich Prozesse von Selbstorganisation und Chaos als selektiver Informationsaustausch und Kommunikation innerhalb und zwischen komplexen, dynamischen Systemen deuten. Dies läßt vermuten, daß auch der Kontext Mensch-Natur als höchst komplex-dynamischer Prozeß zu charakterisieren wäre, in dem Selbstorganisation eine zentrale Rolle spielt. Eine Vermutung, die es zu konkretisieren und zu begründen gilt. Demzufolge hätte dann auch das dialogische Vorgehen eine universellere methodische Bedeutung für die Bestimmung der Beziehung Mensch-Natur: Helfen uns die Phänomene und Gesetzmäßigkeiten von Chaos und Selbstorganisation, vor allem den technischen Umgang mit der Natur besser zu verstehen?
Aber gerade in der Frage nach dem 'praktischen', sprich technischen Naturverhältnis trifft sich die Diskussion um das Selbstorganisationsparadigma mit dem Forschungsgegenstand der heutigen Natur- und Technikphilosophie. Es gilt, den Möglichkeits-Horizont klassischer technisch- wissenschaftlicher Forschungsprogramme und Entwicklung mit demjenigen der Selbstorganisationsforschung ins Verhältnis zu setzen, um erweiterte Lösungsmöglichkeiten für eine in sich verträgliche Entwicklung des Mensch-Natur-Technologie- Gefüges zu untersuchen. Dabei werde ich die Behauptung zu begründen versuchen, daß der klassische Möglichkeits-Horizont mit seinen mechanistischen Grundannahmen weder in bezug auf das Erfassen der dynamischen Komplexität noch auf die Formulierung einer nachhaltigen Alternative der Mensch-Natur-Technik-Beziehung angemessen und ausreichend ist. Mit Hilfe des Selbstorganisationsansatzes soll ein neuer Möglichkeits- und Problemlösungs-Horizont erschlossen werden, der nicht nur ein anderes, kreatives Naturverständnis, sondern insbesondere Bedingungen der Möglichkeit für ein Entwicklungsmodell künstlicher Kreativität bzw. kreativer Technologie-Typen aufzeigt. Doch zunächst zur diskursiven Betrachtung derzeitiger, problemorientierter Natur- und Technikphilosophie.
Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden globalen Umweltkrise sowie der neuartigen Folgewirkungen moderner Technologien hat sich eine Neubelebung der Natur-Philosophie vollzogen, insbesondere als Reflexion über das praktische Verhältnis Mensch - Natur (vgl. G. Böhme 1991; K.M. Meyer-Abich 1991; J. Mittelstraß 1991; L. Schäfer 1993, R. Spaemann 1991). "Gesellschaftliche Nachfrage nach Philosophie resultiert aus der sog. Umweltkrise und dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt insbesondere in den Biowissenschaften und der Medizin" (Böhme S. 124). Diese neue problemorientierte Nachfrage nach Naturphilosophie hilft den theoretischen Bezugsrahmen einzugrenzen und die Betrachtung eines abstrakten rein kontemplativen Natur-Gegenstandes zu vermeiden. "Mindestens so bedenkenswert wie [S.131] die Gründe und der Zusammenhang unserer Naturerkenntnis ist mittlerweile unser praktischer Umgang mit der Natur geworden, und gerade von dieser Erfahrung her sollte auch das Erkenntnishandeln neu problematisiert werden" (Meyer-Abich 1991, S. 64). Das Umweltproblem und die Probleme des wissenschaftlich-technischen Fortschritts stellen die Menschen nicht nur vor die Aufgabe eines neuen Naturverständnisses und Selbstverständnisses, sondern vor allem vor eine praktische Aufgabe, "deren Lösung in philosophischer Reflexion ihren Anfang nehmen könnte: Nämlich in einer Revision des bisherigen Verhältnisses des Menschen zur Natur" (Böhme 1991, S. 125).
Da erstmals in der Naturgeschichte anthropogene Einflüsse globale Ausmaße erreicht haben und teilweise sogar natürliche Wirkungen übertreffen, betrifft die Relevanz der Grundfrage jeder Naturphilosophie: "Was ist Natur?", vor allem den Meso-Kosmos, d.h. die Natur der mittleren Größenordnungen, in denen wir leben und die wir beeinflussen können. "Klar scheint zunächst nur, daß in diesem Problemfeld unsere Einstellung zur Natur ein zentrales Thema sein muß, und daß diese Thematik in ein neues Stadium eintreten muß. Eindeutigkeit besteht darin, daß durch die gegenwärtige Thematisierung der Natur diese nicht als Korrelat theoretischer Erkenntis bestimmt wird, als welche sie das bevorzugte Gebiet der traditionellen Philosophie gewesen war; vielmehr wird Natur erfahren als ein Bereich, in dem unser technisch-praktisches Handeln (beabsichtigte und unbeabsichtigte) Veränderungen bewirkt, deren Auswirkungen für unser aller Leben und das der Folgegenerationen, ja für die gesamte Sphäre des Lebendigen fatal sind" (Schäfer 1993, S. 12). Zur philosophischen Durchleuchtung der Natur-Frage ist deshalb ein Bezug zu Technik- und Naturwissenschaften nicht nur angeraten, sondern aufgrund der wesentlich technologisch vermittelten Naturerkenntnis und ihrer praktischen Folgen ein Bezug zu untersuchten Phänomenen bzw. Ergebnissen der Naturwissenschaften unverzichtbar. "Die gegenwärtige Naturphilosophie kann deshalb sicherlich nicht ohne Naturwissenschaft, oder besser, ohne den Durchgang durch Naturwissenschaft betrieben werden" (Böhme 1991, S. 127). Jedoch scheinen zwei verschiedene Wissenstypen in Philosophie einerseits und moderner Naturwissenschaft andererseits sich gegenüberzustehen: Während die neuzeitliche Wissenschaft durch eine "Trennung von Wissen und Person gekennzeichnet" ist, hat die Philosophie gerade den verbindenden Bezug von Person bzw. Mensch und Natur zum Gegenstand. "Die Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit des Menschen zur Natur ist das Grundproblem der Naturphilosophie. Natur ist deshalb für die Naturphilosophie nicht mehr nur ein Gegenstand des Wissens, weil in ihr der Mensch auch seine Beziehung zu sich selbst bestimmen muß, insofern er selbst Natur ist" (S. 128). Allerdings ist zu fragen, ob diese beiden Wissenstypen angesichts neuer Ansätze in den Naturwissenschaften und der zunehmenden innerwissenschaftlichen Kritik an der Trennung von Wissen und Person in eine neue Wissens-Synthese von naturwissenschaftlichen und naturphilosophischen Zielsetzungen überführt werden können. Denn immerhin wäre es denkbar, daß insbesondere die Ansätze [S.132] aus Selbstorganisations- und Chaosforschung nicht nur ein verändertes Naturbild vermitteln, sondern auch den "Boden für eine neue Naturphilosophie" mitzubereiten in der Lage sind. Es ist Böhme zuzustimmen, wenn er die derzeitigen Bedingungen für die Entwicklung einer neuen Naturphilosophie im kritischen Diskurs über die Geschichte europäischer Rationalität betont, d.h. die Einschränkung von Erkenntnis - auch von Naturerkenntnis - auf 'reine' Verstandeserkenntnis: "Auf die Natur als des Anderen der Vernunft hat diese Philosophie nur durch Ausgrenzung oder Vereinnahmung reagieren können. Ausgegrenzt blieb sie das Bedrohlich- Chaotische, vereinnahmt wurde sie nur zugelassen, insofern sie sich der Gesetzgebung der Vernunft fügte" (Böhme 1991, S. 131). Die wachsende Einsicht der Naturbestimmtheit des Menschen und die Erinnerung daran, "daß die Vernunft zur naturgegebenen Ausstattung des Menschen gehört und selbst ein Ergebnis der Naturgeschichte ist" (Meyer-Abich 1991, S. 66), erfährt aber auch in den Naturwissenschaften immer mehr Aufmerksamkeit und mündet ihrerseits in den kritischen Diskurs mit dem mechanistischen Naturbild und Wissenschaftsideal, das eindeutig dem europäischen Vernunfts- und Rationalitätsbegriff entsprungen ist. So schlußfolgert Schäfer: "Mißtrauen gegen die Vernunft scheint mir angebracht zu sein. Denn Vernunft steht häufig an der Wiege von Entwicklungen, die sich in der Folge eher als Perversion dessen, was man als vernünftig akzeptieren kann, ausnehmen. So kommt es zum Aufstand gegen 'die Vernunft' und 'den Rationalismus' im Namen 'des Lebens' oder 'der Natur'. Im meinem Sinn ist Mißtrauen gegen die Vernunft jedoch kein Schritt zu ihrer Verabschiedung, sondern gehört zur Vernunft, die ohne das Elixier der Kritik, insbesondere der Selbstkritik, dogmatisch verkommt" (Schäfer 1993, S. 17). Aber gerade im Einzugsbereich der derzeitigen technischen Vernunft (vgl. Mittelstraß 1991, S. 48 ff.) entbirgt sich beides: Eine auf Naturüberlegenheit ausgerichtete okzidentale Rationalität und philosophische Vernunft trifft sich mit dem mechanistischen linear kausalen Wissenschaftsideal der klassischen Naturwissenschaften. Die Notwendigkeit einer kritischen Überprüfung der modernen Technologieentwicklung macht es daher gleichermaßen unabdingbar, Naturbegriff und Vernunftbegriff in ihrem Kern neu zu überdenken. "Die Revision unserer Beziehung zur Natur verlangt offenbar, das einer Revision zu unterziehen, was wir Denken, Philosophie, Vernunft nennen" (Böhme 1991, S. 133). Erst in dieser gemeinsamen Revision lassen sich die "klassischen Dichotomien" von determinierter Natur einerseits und autonomer Freiheit andererseits, von Natur und Kultur, von Natur und Technik derart in einen neubestimmten "Kontext" überführen, der geeignet ist, aus diesen Dichotomien herauszuführen.
Gefragt also ist nach einem neuartigen 'Dialog' zwischen menschlicher Vernunft und evolutiver Natur, in der die Technologie nicht mehr als Fremdkörper, sondern als kulturelles natürliches und kreatives "Medium" auftritt. In diesem wissenschaftlichen und praktisch angewandten Dialog gleichwertiger Partner, die jeweils wechselnde Rollen in der Mensch-Natur-Technik-Beziehung einnehmen können, stellt sich also das Problem eines angemessenen Kommunikationsmit- [S.133] tels. Dabei kommt allerdings dem Menschen eine Initiativfunktion zu, da er dasjenige Lebewesen ist, "in dem die Natur zur Sprache kommt, zum verbalen und nonverbalen Ausdruck" (Meyer-Abich 1991, S. 67), was uns allerdings nicht davon enthebt, gegenstandsgemäße und den Eigenwert der Natur anerkennende Dialogformen zu entwickeln. Dabei besteht die besondere Schwierigkeit darin, mit verbalen Mitteln ein "lesbares Gesicht" (Spaemann) von der Natur aufzufinden, das seinerseits mit einem 'nonverbalen Gesichtsausdruck' versehen ist. Analog zum lebendigen Körper des Patienten in einer humanen Medizin müßte eigentlich die Natur zugleich Partner und Gegenstand des Dialogs zwischen Mensch und Natur sein.51 Von daher kann der Dialog des Menschen zu seinem eigenen Körper als elementarster Naturdialog angesehen werden, dessen Konsequenzen im Wohlbefinden oder Unwohlsein des gesamten Organismus spürbar werden. "Von diesem Zentrum des Lebendigen her, das Natur positiv und negativ auf sich bezieht, ergibt sich ein ganz anderer Naturbegriff als der gängige" (Schäfer 1993, S. 229). Dieser "physiologische Naturbegriff" (Schäfer) verdeutlicht einmal mehr, daß der Dialog des Menschen mit seiner 'inneren Natur' dem Dialog mit der 'äußeren Natur' korrespondiert. Darüber hinaus scheint es hilfreich und sinnvoll, den physiologischen Naturbegriff ins Zentrum ökologischer Fragestellung zu rücken. Die Umweltprobleme und die Negativfolgen des derzeitigen Technikeinsatzes verdeutlichen nämlich, daß uns die Natur derzeit weniger ihr lesbares Gesicht als ihre katastrophische Kehrseite zuwendet; gerade deshalb scheinen die derzeitigen technischen Eingriffe in die Natur nicht als taugliches Dialogmittel zwischen Mensch und Natur akzeptabel zu sein. Andererseits eröffnen uns erst bestimmte Informations- und Kommunikationstechnologien den Einblick in komplexe, bisher unzugängliche Naturphänomene wie z.B. von Chaos und Selbstorganisation, die uns einen gegenstandsgemäßeren Einblick in die Natur zumindest näher zu bringen scheinen.
Umgekehrt sind in bezug auf die Selbstorganisations- und Chaostheorie bzw. deren Forschungsergebnisse folgende Fragen zu stellen:
Inwieweit vermitteln die Konsequenzen aus den naturwissenschaftlichen Selbstorganisationsphänomenen Lösungsansätze für Kernfragen der zeitgenössischen Naturphilosophie? In- [S.134] wiefern erleichtert das Selbstorganisationsparadigma die philosophische Reflexion über eine "Revision des bisherigen Verhältnisses des Menschen zur Natur" (Böhme)?
Wie ist die epistemische Tragweite der Begrifflichkeiten dieses neuen Wissenschaftszweiges zu beurteilen: Handelt es sich lediglich um "semantische Innovationen" (R. Mayntz) oder ist mit diesen Konzepten ein tatsächlicher Erkenntniszuwachs mit neuartigen praktischen Möglichkeiten verbunden?
Erleichtern die selbstorganisations- und chaostheoretischen Konzepte die Annäherung und den Dialog zwischen Geistes-und Naturwissenschaften52 ?
So lange tendenziell ein mechanisch determinierter Naturbegriff einem freiheitlich autonomen Handlungsansatz gegenübersteht, scheint die Kluft zwischen dem Sein der Natur und dem Sollen gegenüber der Natur unüberbrückbar zu sein. Deshalb wäre es wert zu überprüfen, ob der dynamische Natur- und Zeitbegriff in Selbstorganisations- und Chaostheorie Bedingungen für ein anderes praktisches Naturverhältnis modellieren und begründen hilft, in dem Begriffe wie Evolutionsgeschichte, Individualität, Gegenstandsgemäßheit inhärente Kernbestandteile darstellen und neue Möglichkeiten eines naturverträglichen und verantwortungsbewußten Fortschrittsmodells einer dynamischen Technologiegestaltung eröffnen.
52 - Vgl. dazu E. Scheibe, Gibt es eine Annäherung der Naturwissenschaften an die Geisteswissenschaften?, In: J. Assmann, T. Hölscher (Hrsg.) 1988, S. 65 - 83. Vgl. ebenfalls: "Gemeinsames Merkmal der neuen Konzepte in den Naturwissenschaften ist das Interesse an Kontingenz. Mit diesem Interesse und der Annäherung der Naturwissenschaften an die Geisteswissenschaften wird der Gegensatz von Mensch und Natur, von der Darstellung einmaliger Geschehnisse in den Naturwissenschaften, von Verstehen und Erklären in Frage gestellt oder zumindest neu bestimmt. Bei der Suche nach Anregungen aus neuen Theorien der Naturwissenschaften ist zuerst einmal festzustellen, daß die für die Naturwissenschaften so revolutionären Entdeckungen wie nichtlineare Prozesse, katastrophische Sprünge und Fluktuationen in der sozialen Welt und den Sozialwissenschaften ganz vertraute Vorgänge sind" (C. Landfried 1991, S. 17).