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Ulf Skirke Technologie und Selbstorganisation Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs |
War die ursprüngliche Frage, Alternativen zur derzeitigen technischen Rationalität und Krise des industriellen Zivilisationsmodells für ein überlebensfähiges Natur-Mensch- Gefüge aufzufinden, so muß diese in die weiterführende und eingrenzende Problemstellung übergeleitet werden: Sind die neuen Ansätze aus Selbstorganisations- und Chaosforschung im Kern geeignet, solche Alternativen aufzuzeigen? Worin besteht dies Neue gegenüber einer klassisch naturwissenschaftlich-technischen Sichtweise? Läßt sich die Dynamik der heutigen Industriegesellschaft als besondere historische Naturbeziehung mit Hilfe des Selbstorganisationsparadigmas nicht nur in ihren Negativwirkungen erfassen, sondern aus deren Erkenntnis positive Ansätze für ein neues Fortschrittsmodell gewinnen?
Dazu ist zunächst eine möglichst umfassende und differenzierte Darstellung der Phänomene aus Selbstorganisations- und Chaosforschung erforderlich, die möglicherweise mit einem veränderten Naturbild bzw. Naturwissenschafts- und Technologiemodell in Verbindung stehen, um entlang der aus der Kritik der Technikkritik gewonnenen Kategorien ein anderes "Entbergen" der technischen Kultur aufzuspüren, das sich vor dem Hintergrund von 'Natur' und 'Leben' positiv "bewahrheitet".
Eine derartige Phänomen-Betrachtung ist unverzichtbar, wenn die epistemische und begriffliche Reichweite der Neuansätze in den Naturwissenschaften reflektiert und verkürzte und vorschnelle Abstraktionen von diesen Phänomenen vermieden werden sollen. Sie ist auch deshalb erforderlich, um den 'Raum' der Lösungsmöglichkeiten so zu erweitern, daß die nichtmechanistischen, nichtlinearen, komplex-dynamischen Prozesse ins Zentrum rücken. Davon erwarte ich Ansätze für ein neues Natur-'Bild', ein komplexeres Zeit-Verständnis sowie die Einordnung emergenter dynamischer Prozesse.
Daher gilt das Hauptaugenmerk dem vom klassischen Wissenschaftsideal und Naturbild Unerwarteten, Abweichenden
und Unerklärten, ohne jedoch in jedem Fall eine abschließende und eindeutige theoretische Erklärung
liefern zu können. Allerdings läßt die Fülle der Ergebnisse in Selbstorganisations- und Chaosforschung
bereits plausible Modelle, Hypothesen, theoretische Randbedingungen oder Strukturmerkmale einer umfassenderen Theorie
erkennen, die dahingehend geeignet sind, Neuerungen von existenzieller Bedeutung für ein anderes Natur- Mensch-Gefüge
in Aussicht zu stellen.
Nach ausführlicher Phänomen-Betrachtung von Selbstorganisations- und Evolutionsprozessen muß diese
in die 'transzendentale' Untersuchungsweise überführt, d.h. nach den Bedingungen
der Möglichkeiten der Selbstorganisationsphänomene für einen neuartigen technologischen
Fortschrittstypus gefragt werden.
[S.56] Der weitere Untersuchungsgang wird deshalb folgende Schritte umfassen. Erstens: Eine umfassende Darstellung der Kernelemente von Ergebnissen aus Selbstorganisations- und Chaosforschung, die auf eine Transzendierung des mechanistischen Naturwissenschaftsverständnisses hindeuten. Zweitens: die das Natur-Mensch-Gefüge berührenden Phänomene sind zu aggregieren und in bezug auf ihren Bedeutungshorizont auszuleuchten sowie auf ihre natur- und technik-philosophische Bedeutung zu hinterfragen. Drittens: sind die Wesensbereiche und Leitparameter einer naturverträglicheren Fortschrittsdynamik zu bestimmen, und viertens: sind die Grundbausteine des Selbstorganisationsparadigmas für Ansätze eines zukunftsfähigen Natur-Technologie-Mensch-Gefüges darzustellen.
Wenden wir uns also im folgenden Kapitel dem ersten Schritt zu.