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Ulf Skirke
Technologie und Selbstorganisation
Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs


1.4 Technologischer Fortschritt als Natur- und Zeitproblem

Die Frage nach einer anderen 'technischen Vernunft' als Möglichkeit für eine Alternativtechnologie muß mehrere Aspekte hinterfragen: Denn sowohl Ziele, Mittel als auch Verfahren sowie Folgen technologischer Entwicklung sind einer Kritik zu unterziehen, was direkt auf ein Infragestellen des "Vernunft-Prinzips" des technischen Fortschritts bzw. der Fortschrittsidee schlechthin führt (vgl. Rapp 1978, S. 75 ff.). "Eine Kritik der tatsächlich praktizierten Entscheidungsverfahren würde also darin bestehen, daß man die derzeit maßgeblichen Kriterien in Frage stellt, die wesentlich auf kurzfristige Ziele, auf ein quantitatives Wachstum und auf die physischen Leistungen der Technisierung ausgerichtet sind, während die langfristigen kulturellen und sozialen Auswirkungen ebenso wie die Folgen für die Bewohnbarkeit der Erde kaum in Betracht gezogen werden. Ein angemessenes Verständnis dieser Problematik läßt sich jedoch nur gewinnen, wenn man den historischen Prozeß ins Auge faßt, der zu der gegenwärtigen Situation geführt hat" (ebenda S. 78).

Von daher ist die Fortschrittsidee in ihrer Bedeutungs- und Wirkungsbreite zu durchleuchten, d.h. Fortschritt als historisches Konzept, als philosophische Idee sowie als tech- [S.39] nologisches Denk- und Handlungsmuster näher zu untersuchen und die bestimmenden Kategorien der technologischen Rationalität der Moderne zu analysieren. Auch wenn die "Idee des technischen Fortschritts so oft überdehnt worden ist" (Ropohl 1991, S. 238), so ist doch davon auszugehen, daß die technologische Entwicklung als zentraler Indikator des modernen Fortschrittsverständnisses anzusehen ist: "Der naturwissenschaftlich-technische Wandel gilt als das Fortschrittsparadigma schlechthin" (Rapp 1992, S. 128).25 Angelehnt an die Definition von S. Pollard könnte dann Fortschritt in der Gestalt als technologische Entwicklung folgendermaßen definiert werden: In der Menschheitsgeschichte existiert ein Muster des technologischen Wandels dahingehend, daß irreversible Veränderungen des menschlichen Umgangs mit der Natur in eine einzige allgemeine Richtung erfolgen, und daß diese Richtung auf die Verbesserung von 'einem weniger wünschenswerten zu einem erstrebenswerteren Zustand' zielt (vgl. Rapp 1992, S. 12). "Der Fortschrittsbegriff impliziert, daß eine zeitliche Folge vorliegt, daß die in dieser Folge auftretenden Phänomene nicht isoliert und beziehungslos nebeneinander stehen, sondern daß zwischen ihnen ein kontinuierlicher Zusammenhang besteht, und daß innerhalb dieses Zusammenhangs etwas neues auftritt, das als 'positiv' und im Vergleich zum Vorhergehenden als 'besser' zu bewerten ist" (ebenda S. 20). Dabei ist zu beachten, daß es in der Geschichte zwar stets Innovations- und Entwicklungsprozesse gegeben hat, aber das Fortschrittsmuster der Moderne insofern neu und einmalig ist, "weil es sich im Fall des naturwissenschaftlich-technisch-industriellen Wandels um einen globalen und alle Lebensbereiche betreffenden Prozeß handelt" (S. 101), der sich in seiner beschleunigenden Dynamik ständig selbst verstärkt.

Als wesentliche Fortschrittsziele in der Gestalt als technologische Vorwärts-Entwicklung lassen sich folgende Bereiche bestimmen:

Am augenfälligsten ist wohl das immer weniger erreichbare letzte Kriterium, da die unerwünschten Folgewirkungen technologischer Entwicklungen in natürlicher und zeitlicher Hinsicht in vielen Fällen sogar die positiven erwünschten Wirkungen kompensieren und damit grundsätzlich das Fortschrittsverständnis der Moderne in Frage stellen. "Nach wie vor gelten Aufklärung, Demokratisierung, Chancengleichheit und Wohlstandsvermehrung durch Naturwissenschaft, Technik und Industrie als positive Errungenschaften. Wir wünschen diesen Fortschritt und tun alles, um ihn herbeizuführen. Und doch fürchten wir gleichzeitig die unbeabsichtigten und weithin auch unvermeidbaren Nebenfolgen, die er mit sich bringt. Hier liegt der tiefere Grund für die gegenwärtige Krise des Fortschrittsdenkens" (S. 2). Denn bei diesen negativen Wirkungen und Folgen technologischen Fortschreitens handelt es sich keineswegs um zufällige Einzelerscheinungen, sondern um eine systematische Begleiterscheinung modernen Technikverständnisses, das auf einer verdinglichten Naturauffassung mit spezifisch mechanistisch-anorganischem Naturverständnis beruht und damit den komplexen Funktionszusammenhängen zwischen Mensch und Natur nicht gerecht wird. Fortschritt gerät so in die paradoxe Problematik, nach selbstgesetzten Kriterien Rückschritt und Verlust hervorzubringen. "Die historisch vollzogene Abwendung von einem organisch-ganzheitlichen Verständnis bedeutet offensichtlich nicht nur einen Fortschritt an mathematisch-naturwissenschaftlicher Erkenntnis und einen Gewinn an technischen Handlungsmöglichkeiten, sondern gleichzeitig auch einen Verlust an unmittelbar einsichtiger und in sich geschlossener Naturerfahrung" (Rapp 1978, S. 119). Die komplexen und vielfältig verkoppelten Zusammenhänge zwischen Mensch, Natur und Technik lassen sich in ihrer Entwicklungsdynamik immer weniger durch ein lineares Schema oder ein monokausales Erklärungsprinzip zureichend erfassen (S. 125), und ebensowenig sind die Wechselwirkungen und Rückkopplungen zwischen menschlichen, technischen und natürlichen Prozessen auf ihre Einzelbereiche reduzierbar:

  1. Trotz qualitativer Unterschiede lassen sich Naturgeschichte, Technologieentwicklung und menschliche Geschichte im derzeitigen Stadium globaler Technisierung nicht als unabhängige Größen betrachten, sondern müssen in ihrem 'wechselseitigen Ergänzungsverhältnis' gesehen werden: Die simplifizierende Gegenüberstellung des "blinden naturhaften Geschehens der biologischen Evolution" (Rapp) einerseits und dem "Prinzip Freiheit" menschlichen Handelns andererseits beruht möglicherweise auf einem unzureichenden Naturverständnis sowie auf der Überschätzung menschlicher Autonomie, deren Resultate sich derzeit in den unerwünschten Nebenfolgen technologischer Entwicklung widerspiegeln.
    [S.41]
  2. Die Interdependenzen von natürlichen und technischen Prozessen haben zur Folge, daß auch die verschiedenen Bedeutungsvarianten des Fortschritts in eine engere Beziehung treten: 'Genetischer', 'normativer' sowie 'deskriptiver' Fortschrittsbegriff verschränken sich auf neuartige Weise.26 Ein Besser oder ein Mehr an technologischer Entwicklung setzt den irreversiblen Zeitfluß und das Naturgeschehen voraus, während umgekehrt Normen und Werte für die Beurteilung des technischen Fortschritts nicht beliebig frei wählbar, sondern in Rückkopplung mit dem Natur- und Zeitgeschehen zu betrachten sind. Hierin liegt möglicherweise ein Ansatzpunkt, "die Inkongruenz von technischer und ethischer Kompetenz zu überwinden" (Ropohl 1991, S. 246).
  3. Menschliches Handeln und Naturprozesse sind in der Technosphäre zu einem unauflöslichen Zusammenhang geworden. Die weitreichenden Technisierungsfolgen in Gesellschaft und Natur verbinden den Raum der natürlichen Wirkungsfelder mit denen der menschlichen Handlungsfelder zu einem Gesamtraum höherer Dimension und zunehmender Dynamik und Komplexität. In dieser zunehmend komplexer werdenden Technosphäre sind die quantitativen und qualitativen, die deskriptiven und normativen Fortschrittsfolgen wechselseitig beeinflussend und führen auch zu unerwarteten und unerwünschten Rückkopplungsprozessen, in denen immer deutlicher der nichtlineare Charakter des technologischen Fortschritts hervortritt.

Da ein wesentliches Element der Fortschrittsidee, nämlich die Steigerung des materiellen Wohlstandes, die durch die Technisierung in vielerlei Hinsicht gefördert wurde, nunmehr ökologisch belehrt und an die lebensnotwendigen Naturzusammenhänge erinnert wird, so tritt immer deutlicher hervor, daß soziokultureller Fortschritt und die Steigerung menschlichen Wohlbefindens nicht dauerhaft zu Lasten der Natur erreicht werden kann. Umgekehrt bedeutet dies: Technische und natürliche Prozesse sind qualitativ aufeinander bezogen und nicht jede gewünschte sozio-technische Zwecksetzung läßt sich mit dem Naturganzen vereinbaren bzw. ist technisch und natürlich beherrschbar. Dies führt auf zwei mögliche, aber unterschiedliche Konsequenzen: Erstens könnte das Ziel ver- [S.42] folgt werden, noch umfassendere Naturbeherrschungs- Mechanismen - unter Einbeziehung des verfügbaren Wissens über Ökosystemzusammenhänge - weiterzuverfolgen, um damit eine "durchgängige Technisierung der Natur" (Ropohl 1991, S. 252) zu erreichen, oder zweitens wäre es denkbar, ein wesentliches Grundelement des bisherigen Fortschrittsbegriffs, nämlich das Ziel nach durchgängiger Natur- und Technik-"Beherrschung" in Frage zu stellen, um das Verhältnis Mensch und Natur sowie Technik und Natur neu zu bestimmen.

Damit stellt sich die Frage nach neuen Formen der Technisierung und nach einem neuartigen Techniktypus, der natürliche und ökologische Belange stärker berücksichtigt. Fraglich ist dabei ferner, ob es lediglich um die Überwindung der "Unvollkommenheit der gegenwärtigen Technik" (Ropohl) geht oder um einen qualitativen Bruch mit dem mechanistischen Techniktypus auf der Basis eines neuen Naturbegriffs sowie anderer naturwissenschaftlich-technologischer Verfahrensweisen. Dies führt auf die Frage nach den Maßstäben, an denen sich ein neuer Techniktypus zu orientieren hätte: Sind sie im 'Natürlichen' oder im 'Kulturellen' zu suchen, im 'Biologischen' oder in 'Technologischen"? Der oft wiederholte Hinweis auf die Gefahr eines "naturalistischen Fehlschlusses" - also vom natürlichen Sein einfach auf das technologische Sollen zu schließen -27 ist bei dieser Klärung der Maßstäbe jedoch wenig hilfreich. Erstens besteht ebenfalls die Gefahr eines subjektivistischen Fehlschlusses, der in dem folgenschweren Irrtum besteht, daß vom subjektiven Sollen, Wollen und Planen auf das Können bzw. die Beherrschbarkeit in Technik und Natur geschlossen werden könnte! Zweitens muß untersucht werden, ob nicht die starre Gegenüberstellung des Begriffs einer passiven und "blinden" Natur einerseits und der aktiven und normsetzenden Kultur andererseits im Umfeld der Technologie sinnlos wird. Denn wenn die Technologie im globalen Maßstab als Produkt zwischen Biosphäre und Soziosphäre angesehen werden kann, dann muß der Gesamtkomplex, nämlich das neuartige Angewiesensein von Natur und Kultur zueinander, betrachtet werden. Das Problem von Kreativität und Emergenz bzw. der Entwicklung von qualitativ Neuem gilt es in bezug auf menschliche, natürliche und technologische Prozesse zu untersuchen. Es ist sowohl die Vorstellung einer selbst überschätzten technischen Handlungsautonomie des Menschen als auch eines mechanistischen Naturdeterminismus zu überwinden. Rapp (1992, S. 91) ist daher zuzustimmen, wenn er feststellt: "Der durch weniger materiellen Fortschritt zu gewinnende Einklang mit der Ordnung der Natur bildet die unerläßliche Voraussetzung für die Möglichkeit eines im eigentlichen Sinne humanen, kulturellen Fortschritts." Jedoch bleibt hier unklar, welcher Naturbegriff, welche naturwissenschaftliche Produktionsweise sowie welcher Techniktypus und damit welcher Fortschrittsbegriff überhaupt in der Lage [S.43] ist, den "Einklang mit der Ordnung der Natur" zu gewährleisten.

Angesichts der ungeheuren Beschleunigungsdynamik des derzeitigen Fortschritts in der Gestalt als technologische Entwicklung sowie der destruktiven Folgewirkungen auf die natürliche Umwelt, müssen auf der Suche nach einem anderen naturverträglicheren Fortschrittsmodell die Bedeutung des Naturbegriffs sowie der zeitlichen und prozessualen Grundlagen von Technologie noch eingehender untersucht werden. Betrachten wir zunächst den Naturbegriff, der sich gerade in der inner-technologischen Diskussion grundlegend zu verändern beginnt.

Das naturwissenschaftliche Denken befindet sich derzeit im Umbruch, Inhalt und Verhältnis von Naturwissenschaften, Technik sowie Naturbild vollziehen einen tiefgreifenden Wandel: "An die Stelle des Weltbildes der Physik tritt das Weltbild der Physis. Und diese Bewegung wird nicht zuletzt von Naturwissenschaftlern getragen" (Zimmerli S. 389).

Dieses "neue Denken der Natur" bzw. die Herausbildung eines neuen Naturbildes und Naturbegriffes enthält zwar Elemente, 'alter' wissenschaftlicher und philosophischer Traditionen, die neue Qualität aber besteht darin, daß die Elemente des neuen Naturbildes gleichsam in einem "höheren Aggregatzustand" auftreten und das Ergebnis von Theorie und Praxis der neuzeitlichen Technik darstellen: "Das neue Denken der Natur ist vielmehr in bisher noch nicht gekanntem Maße Resultat eben der technisch-naturwissenschaftlichen Rationalität selbst, die es überwinden soll" (ebenda S. 390).

Eine abschließende Definition des neuen Naturbegriffs läßt sich zwar noch nicht angeben, aber es ist davon auszugehen, "daß mit dem Begriff 'Natur' keine abgrenzbare Klasse von Gegenständen, wie bei Kant als 'Inbegriff aller Erfahrungsgegenstände', sondern eine besondere Art des Gegebenseins aller Gegenstände gemeint ist" (S. 391). Ferner wird damit ein Naturverständnis angestrebt, was sich von der Naturauffassung der neuzeitlichen technisch-wissenschaftlichen Rationalität unterscheidet. Dazu lassen sich in Anlehnung an Zimmerli fünf Charakteristika feststellen:

  1. Im Unterschied zur traditionellen Auffassung, daß 'Natur' prinzipiell ein isolierbarer Objekt-Terminus ist, setzt das neue Naturdenken Natur als eine "die subjektive und objektive Sphäre umgreifende Einheit voraus", ohne jedoch diese Einheit auf einen simplen Monismus zu reduzieren. "Die Einheit beider erfordert deswegen auch immer zwei Rekonstruktionswege: einen subjektiven und einen objektiven" (S. 392).
  2. Das neue Naturbild wird ferner gekennzeichnet durch seinen evolutionären Charakter. Im Unterschied zum passiven 'zeitlosen' Naturgegenstand wird Natur als geschichtlicher Prozeß als irreversibler Vorgang in der Zeit verstanden.
    [S.44]
  3. Natur kann als selbstorganisierendes System aufgefaßt werden, das als offener Prozeß (im thermodynamischen Nichtgleichgewichtszustand) wesentlich nichtlineare und komplexe dynamische Eigenschaften zeigt, wobei Chaos und Fraktale charakteristisch sind. Als besonderer stabiler Grenzfall sind dabei selbsterneuernde 'autopoietische Systeme' zu betrachten. Gerade diese ersten drei Punkte sollen in den folgenden Kapiteln vertieft behandelt werden.
  4. Ein weiteres Charakteristikum des so neu gedachten Naturbegriffs sind Überschneidungen bzw. fließende Grenzen zu religiösen und spirituellen Naturauffassungen.
  5. Der neue Naturbegriff hat so etwas wie einen normativen Gehalt gewonnen, wobei ungeachtet der versteckten Gefahr eines 'naturalistischen Fehlschlusses' - also einfach vom natürlichen Sein auf das menschliche Sollen zu schließen - von dem Faktum auszugehen ist, "daß der Begriff 'Natur' in den letzten Jahren ökologisch, religiös und moralisch normativ aufgeladen worden ist. Natur gilt heute als Wert an sich" (S. 395).

Obwohl es in gewisser Weise Vorläufer dieses neuen Naturbildes in der abendländischen Philosophie gegeben hat (als Beispiele werden Leibniz, Spinoza, Schelling oder Herder genannt), stellt sich dennoch die Frage, warum gerade heute der Übergang zu einem neuen Naturbild stattfindet? In Anlehnung an Zimmerli läßt sich die Antwort wie folgt charakterisieren:

Wesentlich ist zunächst festzustellen, daß es sich bei diesem neuen Naturdenken bzw. Naturhandeln weder um einen rein theoretisch-kontemplativen Gedankenansatz handelt noch um ein rein moralisierendes Absetzen von der technischen Rationalität, "sondern daß Erfahrung und Handlung gegenwärtig technologisch vermittelte Erfahrung und Handlung sind" (S. 398).

Im Bezug auf das Verhältnis von Natur, Wissenschaft und Technik werden daher zwei wichtige Einsichten unabweisbar: "Zum einen, daß, wie ausgerechnet Martin Heidegger seherisch antizipiert hat, der technologische Charakter neuzeitlicher Wissenschaft immer deutlicher hervortritt, und zum anderen, daß umgekehrt die Einsicht in das selbstbezügliche 'Wesen' der Natur in ihrem hohen Rückkopplungsgrad und ihrer Nichtlinearität erst im Kontext der Technologiefolgen-Dimension voll greifbar wird" (S. 390). Das als linearer Fortschritt gedachte neuzeitliche Technikverständnis stößt an eine natürliche 'Rückkopplungsschleife': Durch technologische Einwirkungen wird die menschliche und die außermenschliche Natur negativ 'sichtbar': als evolutionäre, komplexe, chaotische, sensitive und verwundbare Gesamtsystematik: "Erst dadurch, daß ich Natur naturtechnisch ergreife und durchwalte, und zwar erst von einem gewissen Technisierungsgrad an, drängt sich das Gedankensyndrom, daß [S.45] ich als das 'neue Denken der Natur' bezeichnet hatte, geradezu auf. Nun aber ist es nicht mehr ein spekulatives Gedankenkonstrukt, sondern durch wissenschaftliche und technische, genauer: durch technologische Erfahrungen vermittelt und gestützt. Wer bemerkt, wie massiv sich durch technische Implementierung wissenschaftlicher Ergebnisse der damit vorgesetzte Handlungszweck auf Dauer ins Gegenteil verkehren kann, wer gemerkt hat, wie die technologisch gesteigerte Handlungsmacht Effekte produziert, die von den sie Auslösenden weder gewollt noch auch vorhergesehen werden konnten, der wird ... diese Effekte selbst in sein Denken von Natur miteinbeziehen" (S. 402 ff.).

Aus dem oben Gesagten muß nun die Konsequenz gezogen werden, daß die derzeitige Krise des technologischen Fortschritts eine andere Instanz als die neuzeitliche technische Rationalität benötigt, um ihre Fehlentwicklungen zu korrigieren. Die Suche nach einer solchen Instanz führt auf ethische Maßstäbe: "Die Ethik nun, die uns heute not tut, hat der Tatsache Rechnung zu tragen, daß es die Technik ist, die als die Natur des westlichen Geistes erkannt wird. Und d.h.: Es muß eine Ethik sein, die berücksichtigt, daß unser Einwirken auf die Natur nicht linear bloß Folgen hervorbringt, sondern aufgrund des Hervorbringens von Folgen und Nebenfolgen Rückwirkungen auf den Handelnden selbst ausübt" (S. 404). Das physische Sein ist also in einem hochkomplexen Wirkungsgefüge mit dem ethischen Handeln verknüpft: Aufgrund der technischen Dimension können das natürliche Sein und das menschliche Sollen nicht mehr als zwei unabhängige Welten betrachtet werden!28

Darüber hinaus ist die zweite Konsequenz eine kritische Reflexion unseres Vernunftprinzips, das in engem Zusammenhang mit der neuzeitlich technisch-wissenschaftlichen Rationalität steht. Brigitte Wartmann (1991) stellt zu Recht fest, daß die Favorisierung des 'reinen' und 'objektiven' Wissenschaftsbegriffs sich deshalb als ideale Grundlage für die wissenschaftlichen und technologischen Expansionen der Moderne erwiesen haben, weil er scheinbar die vollendete, rationale, logische, kalkulierbare Beherrschung von Natur und Gesellschaft ermöglicht. "Aber heute stehen wir vor den Folgen dieser Technikentwicklung: Der ökologische 'Schmutz' und andere unvorhergesehene Risiken bedrohen die Gesellschaft; sie lassen zunehmend die Leistungsfähigkeit der 'reinen' Vernunft als begrenzt erscheinen" (S. 269). Ihr Fazit: Es müssen auch chaotische (Un-)Ordnungsmuster in Wissenschaft und Technik zugelassen werden. Dazu später mehr.

Zur Berücksichtigung einer neuen Verantwortungsethik gibt deshalb Zimmerli zu bedenken, wie diese neue technologische Ethik in Rechnung stellen muß, daß unsere Vernunftkapazität zur Abschätzung von Folgen unseres technischen Handelns zu [S.46] eng, zu begrenzt, an vielen Stellen sogar irreführend, ja möglicherweise in fatalem Maße selbstverstärkend wirkt (vgl. S. 404). Günter Anders geht sogar soweit, von der "Antiquiertheit des Menschen" zu sprechen, da dieser scheinbar unfähig ist, seine destruktiven Potentiale zu meistern und mit der Natur vernünftig umzugehen.

Vorläufige Schlußfolgerungen daraus können zunächst nur grob umrissen werden und sind im folgenden näher zu untersuchen:

  1. Als derzeitige Randbedingung ist davon auszugehen, daß der technologische Weg mit Sicherheit nicht vollständig verlassen werden kann, da auch der Ausstieg aus einem bestimmten Industrietypus neue Technologien erforderlich macht.

    Es geht also um eine neue Balance zwischen bewußt nicht-technischen Lösungen und alternativ- technischen.29

  2. Jeder neue technologische Weg muß auf die Einsicht in die Notwendigkeit zur Selbstregulierung führen, um auch bewußt gewählte Wege der Selbstbegrenzung bzw. eines neuen 'Maßes' von wissenschaftlichem und technischen Handeln zu beschreiten.

  3. Es müssen Wege vermieden werden, "die in den kritischen Zustand sich ins Chaotische aufschaukelnder Verzweigungsbäume von Folgerungen führen können" (vgl. Zimmerli, S. 406). Es gilt also, das destruktive Chaos zu vermeiden, während das konstruktive, kreative Chaos (vgl. B. Wartmann) für wissenschaftlich-technische Lösungen zu fördern ist. Es ist daher moralisch geboten, technische Lösungen zu suchen, "die sowohl menschliche als auch technische Fehler zulassen, ohne zu hyperkritischen Zuständen zu führen, in denen es zur unkontrollierten Selbstverstärkung von Effekten kommen kann" (Zimmerli S. 406).

  4. Ein neues maßvolles Verhältnis zwischen Naturtechnik und Wissenschaft läßt sich nur mit Hilfe einer interdisziplinären Vorgehens- und Handlungsweise erreichen. Beispielsweise könnte eine Integration der sozialwissenschaftlich- geisteswissenschaftlichen Ausbildung mit der natur- und technikwissenschaftlichen dazu beitragen, nichtlineare und komplexe "Fortschrittsmodelle" zu entwickeln.

    [S.47]

  5. Vor dem Hintergrund einer neuen Verantwortungsethik gegenüber technologischen Entwicklungen müssen wesentlich die Verantwortungs-Zeiträume berücksichtigt werden: Da die Antizipation von Zukunft aufgrund von nichtlinearen und chaotischen Rückkopplungseffekten prinzipiell nicht in beliebigen Zeiträumen planbar ist, sind andere und neue Elemente wissenschaftlicher, technischer und gesellschaftlicher Steuerung technologischer Entwicklungen erforderlich.

  6. Ein anderes Naturbild sowie ein neuer Techniktypus können nicht nur im wissenschaftlich-technischen Umfeld entwickelt, sondern müssen "im täglichen Leben eingeübt" werden. Dazu sind ebenso neue Formen der Partizipation und eine "kritische Aufmerksamkeit der gesellschaftlichen Öffentlichkeit" erforderlich (vgl. Zimmerli, S. 406 ff.).

Die Analyse des neuzeitlichen Fortschrittsverständnisses führt also auf einen tiefgreifenden Zusammenhang zu Naturbegriff und Naturgesetzlichkeit - und dies auf drei Ebenen: erstens als Bezug zur natürlichen Evolution, insbesondere zu den Naturprozessen des Lebens, zweitens als Zusammenhang zur technischen und naturwissenschaftlichen Entwicklung mit irreversiblen - beabsichtigten und unbeabsichtigten - Folgen für Mensch und Natur sowie drittens als soziokulturelle Entwicklung des Menschen vor dem Hintergrund der Evolution und technischer Naturaneignung.

Alle drei Bereiche sind in die derzeitige Krise des Fortschritts einbezogen und 'entbergen' - zunächst negativ - das vielschichtige Gefüge dynamischen, d.h. zeitlichen Geschehens. Diese kritische Umbruchsituation läßt sich nicht nur als Krise der Naturbeherrschung verstehen, sondern verweist auf eine neue Dimension der Fortschrittsidee, nämlich als umfassender Versuch einer Zeitbeherrschung: Auf der Basis eines linear kausalen Zeit- und Planungsverständnisses soll ein stetig wachsender Anteil industriell verwerteter Natur in die soziokulturelle Gegenwart geholt werden. Dieser Prozeß erfolgt nicht nur mit wachsender Beschleunigung und zunehmender Verdichtung von Zeitabläufen, sondern offenbart tendenziell anwachsende, nichtlineare und kontraproduktive Rückkopplungseffekte: Dem erreichten Zeitgewinn steht häufig ein erheblicher Zeitverlust für Aufwendungen zur Beseitigung unerwünschter Folgen und Nebenwirkungen gegenüber. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Probleme von Zeit- und Prozeßabläufen eröffnen sich neue Dimensionen und Horizonte für die Tiefe und Breite der Kritik am neuzeitlichen Fortschrittsverständnis. Die Zeit wird als eine zentrale Kategorie technologischer Entwicklung erkennbar.

Insbesondere hat Georg Picht den Zusammenhang zwischen Fortschritts- und Zeitproblematik untersucht und soll deshalb als Orientierung für die weitere Analyse und Begründung des Untersuchungsgegenstandes herangezogen werden.

[S.48] In der Abhandlung "Die Idee des Fortschritts und das Problem der Zeit" (Georg Picht 1980, S. 375 ff.) wird die derzeitige Krise der europäischen Fortschrittsidee vor allem in bezug auf seine geschichtliche und zeitliche Dynamik näher untersucht. Picht hält insbesondere eine "Aufklärung der Aufklärung" für nötig, da "durch die blinde Expansion von Wissenschaft und Technik destruktive Prozesse in Gang gesetzt (wurden), die das Überleben der Gattung Mensch bedrohen. Die ökologische Krise zeigt uns im Spiegel, wie es hinter dem Rücken der modernen Wissenschaft und ihres Bewußtseins aussieht" (S. 9). Von daher reicht die philosophisch-aufklärerische Auseinandersetzung mit der neuzeitlichen Fortschrittsidee in Form einer rein begrifflichen oder kontemplativen Analyse bei weitem nicht aus, sondern die Schwere des Problems zeigt auf den thematischen Standort, wohin uns unsere Verantwortung verweist: "In dem Hier und Jetzt, in dem wir uns mit den Konsequenzen des utopischen Fortschrittsdenkens der europäischen Neuzeit auseinanderzusetzen haben" (S. 377). Ähnlich wie Rapp sieht auch Picht das Problem des Fortschritts auf drei weit auseinanderliegenden Ebenen, die dennoch ineinandergreifen, nämlich auf der fundamentalen Ebene der Evolution, der Ebene der Geschichte sowie derjenigen der politökonomischen und technologischen Prozesse.

Die Evolution insbesondere als Naturgeschichte des Lebens führt uns nicht nur das zeitliche Fortschreiten von Naturprozessen vor Augen, sondern drängt uns auch zur Untersuchung zweier grundlegender Problemstellungen:

  1. Das Fortschreiten der Evolution führt auf die Frage, "wie das ihr immanente Zeitverständnis mit jenem Zeitverständnis zusammenhängt, das im Raumzeitkontinuum der Physik vorausgesetzt wird" (S. 378). Denn es kann keineswegs als selbstverständlich unterstellt werden, daß das Zeitverständnis von organischen Lebensprozessen mit den des anorganischen, kosmologischen Zeitbegriffs übereinstimmt.
  2. Evolution verändert unser Verständnis von "Theorie" in doppelter Weise: Zum einen kann Theorie nicht mehr "die Erkenntnis zeitloser Wahrheit" sein, und auch jede Naturtheorie muß sich vor dem Hintergrund der Naturgeschichte als wesentlich zeitabhängig erweisen; zum anderen begründet die Theorie des evolutiven Fortschreitens Prinzipien wie den Selektionsmechanismus oder die 'Zunahme von Komplexität', die ihrerseits wiederum Konsequenzen und Rückwirkungen auf jedes theoretische Konzept [S.49] des Überlebens nach sich ziehen.30 In ihrem zeitlichen Fortschreiten eröffnet die Evolution immer wieder aufs Neue die Möglichkeit zur Ausbildung höherer Komplexität, die "das Gesamtniveau der Bühne, auf der die Selektion sich abspielt, gleichmäßig in eine Richtung verschiebt, die wir im Hinblick auf die Zunahme von Komplexität als 'oben' bezeichnen" (S. 379). Die evolutive Zeit enthüllt also zwei Modi, nämlich den der Vergangenheit und denjenigen der Zukunft. Der Zeitmodus der Vergangenheit ist eng mit dem Tatbestand der Irreversibilität des realen Naturgeschehens verknüpft, bringt aber auch zum Ausdruck, daß sich das Vergangene in Form einer Art "Gedächtnis" indirekt vergegenwärtigt: "Weil die Natur in der Zeit ist, hat sie Gedächtnis. Sie akkumuliert Strukturen, Erfahrungen und Informationen und deshalb nimmt der Komplexitätsgrad zu" (S. 379).

Jeder technologische Fortschritt wird sich also daran messen lassen müssen, inwieweit er in die zeitlich verdichteten und gewordenen Strukturen der Natur eingreift und dort insbesondere die lebendige Evolution betroffen ist.

Mit dem Zeitmodus der Zukunft wird ein zweites konstitutives Merkmal zeitlicher Evolution angesprochen: Das Selektionsprinzip und die Zunahme von Komplexität kann nur dann aufrechterhalten werden, wenn die Zukunft prinzipiell offen bleibt und weitere Entwicklungsmöglichkeiten existieren, d.h. Emergenz möglich ist (wir werden später sehen, daß dies eng mit der Betrachtung von Selbstorganisationsprozessen in offenen Systemen zusammenhängt).31 Es fragt sich nun, wie der Zeitbegriff der Evolution mit jenem physikalisch- kosmologischen zusammenhängt, der uns erlaubt, die Prozesse der Evolution eindeutig zu datieren. Picht führt hier als Erklärung das Planetensystem und deren Stetigkeit der Bewegungen an, mit deren Hilfe eine Art "kosmische Uhr" konstruiert wurde, die die Zeit als linearen Parameter, als "Maßzahl der Bewegung" formulierte.

Der grundlegende Fehler ist aber nun, diese nach Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten definierte Bewegungszeit (der Planeten) mit dem tiefgründigen und vielschichtigen Zeitcharakter von Evolution und Naturgeschichte zu identifizieren: "In der Idee des Fortschritts wird die Zeit der Evolution unreflektiert auf den Parameter, an dem wir ihren Ablauf messen, projiziert. Daraus entsteht dann die Vorstellung, [S.50] der Fortschritt sei ein linearer Prozeß der automatisch nach oben führt" (S. 380). Diese Vorstellung erweist sich in zweierlei Hinsicht als falsch, nämlich zum einen wird auch in den Naturwissenschaften das lineare Zeitverständnis als bestimmende Zeit-Regel grundsätzlich in Frage gestellt, und zum anderen lassen sich das Fortschreiten der Evolution und Konzepte des Fortschritts in der Geschichte nicht einfach miteinander identifizieren: Geschichte kennzeichnet eine asymmetrische Bruchsituation mit der Naturgeschichte und eröffnet qualitativ neue Möglichkeitsfelder. "Evolution und Geschichte sind inkommensurabel" (S. 381).

Dennoch ist davon auszugehen, daß die technologischen Möglichkeiten der Neuzeit tief in die Evolution eingreifen und damit eine neue Verschränkung von Geschichte und Evolution mit sich bringen, die nicht nur eine neue Entwicklungspotenz, sondern auch eine ungeheure Zerstörungsqualität in sich birgt: "So könnte es gelingen, durch eine Destruktion der Gegenwart die Geschichte überhaupt abzuschaffen. Das ist die Form, in der uns heute die Utopie von der totalen Erdherrschaft des Menschen begegnet. Sie resultiert aus einer Projektion der Denkform der klassischen Physik in die Welt der Geschichte" (Georg Picht 1981, S. 283). Es geht daher am Kern der Sache vorbei, lediglich festzustellen, daß die Menschen eine Geschichte 'haben', sondern: "Sie werden nur solange existieren, als es ihnen gelingt, ihre Geschichte zu gestalten" (ebenda S. 298).

Diese Gestaltung betrifft grundsätzlich alle Sphären des Lebens, aber insbesondere die Gestaltung des Verhältnisses künstlicher Produkte zu natürlichen Prozessen und deren Rückkopplungen vor dem Hintergrund der derzeitigen Überlebenskrise der Menschheit. "Aber in der gegenwärtigen Krise unserer Zivilisation muß eine Fragestellung Vorrang haben, die aus unserer eigenen Gegenwart hervorgeht und uns heute als Orientierungshilfe dienen kann. Ich setze deshalb die Überlegungen des Abschnittes über die Evolution fort und frage, wie die Geschichte der Menschen in der Natur möglich ist" (Georg Picht 1980, S. 382).

Da Menschen Organismen sind, die nicht nur leben, sondern auch wissen, daß sie leben und in der Zeit sind, hängt ihr Überleben von der Gestaltung der Zukunft ab. Es gilt also, den offenen Bereich von Möglichkeiten zu erschließen, der einen tatsächlichen 'Fortschritt' in die Zukunft der Lebensprozesse zuläßt; denn "die Potentialität alles Lebendigen ist implizite Antizipation" (S. 383). Als Strategien der menschlichen Selbstbehauptung nennt Picht drei Formen der Antizipation von Zukunft, nämlich die Prognose, die Utopie und die Planung. Die zukünftige 'Evolution' der Menschen hängt davon ab, "ob ihre Prognosen richtig, ihre Utopien wahr und ihre Planungen den wechselnden Situationen innerhalb ihres Oikos angepaßt sind" (ebenda).

Bei der Kurskorrektur des jetzigen Fortschrittsverständnisses wird es also von entscheidender Bedeutung sein, welche theoretischen und instrumentellen Fähigkeiten für die Anti- [S.51] zipation von Zukunft zur Verfügung gestellt werden, um das Verhältnis Mensch - Natur - Technik zukunftsverträglich zu gestalten. Dazu muß nach Picht ein zentrales Problem gelöst werden: Die Organismen die heute die Erde bevölkern, sind in weit auseinanderliegenden Phasen der Evolution entstanden und können nur deshalb gleichzeitig existieren, weil es eine Vielzahl von ökologischen Konstanten gibt, die sich nur sehr langsam verändern. Wird dieses "Zeitgesetz" der Evolution und des ökologischen Zusammenwirkens empfindlich gestört, ist mit schwerwiegenden Konsequenzen zu rechnen. "Die Symbiosen in einem natürlichen Oikos bauen sich in dieser Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auf, und es wird unabsehbare Folgen haben, daß die Expansion menschlicher Macht die gesamte, unserem Zugriff ausgesetzte Natur, einer bestimmten der gegenwärtigen Phase menschlicher Evolution assimiliert, also Ungleichzeitiges in Gleichzeitiges verwandelt" (S. 385). Picht nimmt hier in weitblickender Weise jüngste Forschungsprogramme zur "Ökologie der Zeit" vorweg.32

Denn wenn die "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen für eine Bedingung von Leben überhaupt" angesehen werden muß, kann dann die derzeitige Idee des Fortschritts, "mit dessen Hilfe die gesamte Menschheit in allen Kulturen dem gleichen Maß und Takt der zeitlichen Prozesse unterworfen wird" (S. 386), grundsätzlich mit einem langfristigen Überlebensprinzip vereinbart werden? Picht verweist hier auf den wichtigen Zusammenhang, daß zwar die Kultursphäre mit prinzipiell neuen Möglichkeitsfeldern über Evolutionsprozesse hinausgehen, sich aber dennoch nicht folgenlos über die ökologischen 'Eigenzeiten' der Lebensprozesse hinwegsetzen kann. Der derzeitige Typus technologischen Fortschritts enthält also die qualitativ neuartige Gefahr in sich, die für die planetarische Entwicklung lebenswichtigen Ungleichzeitigkeiten ökologischer und kultureller Vielfältigkeit in die dauerhafte Gleichzeitigkeit, Gegenwärtigkeit und Monotomie zu transformieren - mit weitreichenden Folgen für Evolution und Geschichte! "Die Gleichzeitigkeit hat, so könnte man sagen, die bisher geltenden Gesetze der geschichtlichen Evolution aus den Angeln gehoben. Man kann deshalb fragen, ob das, was sich heute auf dem Globus abspielt, durch das Wort 'Geschichte' noch angemessen bezeichnet wird. Jedenfalls ist diese Gegenwart nicht mehr die Gegenwart einer Kulturepoche" (Picht 1981, S. 277).

Die technologische Entwicklung gerät zunehmend unter das "Diktat" der physikalisch-mechanistischen Zeit, die Picht aus dem Grunde "entfremdete Zeit" nennt, da sie den Zeitabläufen in Evolution und Geschichte diametral entgegensteht. "Die Evolution der großen Kollektive von Organismen hat bei der Gattung Mensch eine besondere Form: Wir nennen sie 'Geschichte'. In der Erfahrung von Geschichte begegnet uns die Zeit nicht als der lineare gleichförmige Parameter der Phy- [S.52] sik, sondern als unberechenbare und unwiderstehliche Dynamik. Hier spielen sich Prozesse ab, deren Verlauf sich nicht auf den linearen Zeitparameter abbilden läßt. Da aber die technische Welt so eingerichtet ist, als ob in ihr sämtliche Prozesse nach der linearen Zeit reguliert werden könnten, treibt unsere Zivilisation mit wachsender Geschwindigkeit Katastrophen entgegen" (Picht 1981, S. 380). Wenn also die meisten Planungssysteme und Zukunftsprognosen immer noch voraussetzen, "die physikalische Zeit sei die wahre Zeit", führt dies nicht in neue Möglichkeiten der Zukunft - die beispielsweise in der Lage wären, in eine andere überlebensfähige Fortschrittsdynamik einzusteigen -, sondern verlängert aufs Neue bzw. Alte die scheinbar zeitlose Gegenwart. Dies führt auf eine paradoxe Situation: Der "falsche Gebrauch der Zeit" besetzt wegen der "Planungsruinen" und des "Planungsabfalls" immer mehr Zukunft, blockiert jedoch in gleichem Maße die Gestaltung zukünftiger Entwicklung! Der Ausweg aus der derzeitigen Fortschrittsdynamik, in Form einer Vergleichzeitigung von Ungleichzeitigem, einer mechanischen Linearisierung komplexer Zeitstrukturen sowie einer zwanghaften Ausdehnung der Gegenwart, sollte in der Wiedergewinnung verantwortlicher Geschichte, und zwar sowohl von Naturgeschichte also auch menschlicher Geschichte gesehen werden. Dies ist aber weder durch einen Weg zurück in Konzepte der Vergangenheit, noch durch die simple Vorwärtsstrategie einer Gegenwartsfortschreibung zu erreichen, sondern in Anlehnung an Georg Picht sind für einen neuen Fortschrittsbegriff mindestens drei Problembereiche zu klären:

  1. Da das derzeitige Fortschrittsprinzip eine "hochgradige Labilität der heutigen Welt" mit sich bringt und "allen stabilisierenden Tendenzen" widerspricht (Picht 1981, S. 74), müssen die stabilisierenden Elemente zukünftiger Entwicklung gefunden werden, um einen neuen "Gleichgewichtszustand"33 zwischen Mensch, Natur und Technik herzustellen. Für die Herstellung eines solchen Fließgleichgewichtes muß vor allem ein neues Zeitmaß gefunden werden, das eine neue stabile Gewichtung zwischen den verschiedenen Dimensionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zum Ziel hat. Ein solches Maß vernünftiger Entwicklung kann sich nur dort herstellen, "wo die drei Modi der Zeit so ineinandergreifen, daß zwischen ihnen ein Gleichgewicht herrscht" (Picht 1980, S. 389). Erst nach einer grundlegenden Durchleuchtung des Zeitproblems eröffnet sich die wirkliche Möglichkeit nach einer planerischen oder visionären Erschließung der Zukunft bzw. die theoretische und instrumentelle Fähigkeit zur "Antizipation der Zukunft" und damit ihrer Gestaltung.

    [S.53]

  2. Das Problem des derzeitigen Fortschritts, nämlich Natur und künstlich technologische Welt in ein krisenhaftes Verhältnis zu setzen, kann nicht durch Abwendung von technologischen Entwicklungsprozessen, sondern nur durch vernünftige und qualitativ neuartige Weiterentwicklung zu einem "intensiven" Fortschrittstypus gelöst werden. "Die Evolution der Menschen ist ein irreversibler Prozeß. Die Zukunftsprobleme können nicht durch eine technisch-industrielle Regression, sie können nur durch bisher unbekannte Formen des intensiven technologischen Fortschritts bewältigt werden" (Picht 1981, S. 139). Technologie zeigt sich grundsätzlich als Natur- und als Zeitproblem, und kann nur innerhalb dieser Problemverknüpfung in einen neuen wahrhaft fortschrittlichen Techniktypus überführt werden. Es gilt also, ein neues stabilisierendes "Maß" zwischen Natur und Technik, zwischen erster und zweiter Natur, zwischen natürlicher und künstlicher Welt zu erreichen. Dies setzt Wissen sowohl in der künstlichen als auch in der natürlichen Welt voraus, wobei dieses Wissen über die Natur durch eine neuartige technologische "Kommunikation" mit der Natur erlangt werden müßte. "Wenn wir die Menschlichkeit des Menschen in der künstlichen Welt erhalten und ermöglichen wollen, müssen wir die Physik der künstlichen Natur ... besser studieren und müssen zu erkennen versuchen, wie die wahre Natur aus dieser künstlichen Natur hervorgeht" (ebenda S. 126). Dies kann nicht einfach als Verlängerung bisheriger technischer Lösungen verstanden werden, sondern es sind diejenigen Lösungen aus Wissenschaft und Technik zu selektieren und zu fördern, die konstruktive Beiträge zum 'Erhaltungswissen' für ein neues globales Gleichgewicht zu liefern in der Lage sind. Dies bedeutet im Kern eine Abwendung vom mechanistischen Wissenschafts- und Technikverständnis. "Für die Technik ergibt sich ... ein radikaler Wandel der Zielsetzungen und des Bewußtseins. Wer heute rational handeln will, darf nicht mehr dem Traum von unbegrenzten Möglichkeiten nachjagen. Er muß versuchen nachzuholen, was Wissenschaft und Technik in den letzten 200 Jahren versäumten: Die Erforschung dessen, was unentbehrlich ist. ... Nur eine verwandelte Wissenschaft und Technik können die Krise, in die uns der naive Umgang mit ihren Möglichkeiten getrieben hat, überwinden. Eine zur Vernunft gelangten Wissenschaft ist unsere letzte Chance, für die letzte Utopie der menschlichen Geschichte" (ebenda S. 349).

  3. Um Wissenschaft und Vernunft wieder in eine neue Synthese zu überführen, ist eine Art zweiter Aufklärung, eine "Aufklärung der Aufklärung" erforderlich. Das heißt, es ist die Frage zu klären: Wie sind die vernünftigen Errungenschaften der Moderne weiterzuentwickeln, ohne die destruktiven Nebenwirkungen und Rückkopplungen der derzeitigen Fortschrittsdynamik weiterzutreiben? Die Methode zur gegenstandsgemäßen Erfassung der künftigen Weltentwicklung ist für Picht nur im Einzugsbereich der [S.54] 'Struktur offener Systeme' vorstellbar: Denn nur in ihnen läßt sich ein Fließgleichgewicht der Zeitmodi überhaupt definieren. "Die Einheit offener Systeme ruht in der Einheit der Zeit" (S. 319). Picht ist ausdrücklich darin zuzustimmen, wenn es ihm vor allem darauf ankommt, "eine Methode zu entwickeln, nach der wir die tragenden Strukturen der künftigen Welt und ihre Determinanten ermitteln können. Diese Strukturen sind nicht statisch, sondern dynamisch. Erst wenn wir von der 'Physik' dieser Dynamik und ihrem offenen System etwas verstehen, werden wir in der Lage sein, die uns verfügbaren Informationen über die zukünftige Weltentwicklung auszuwerten" (ebenda S. 28).

Letztere Überlegung führt auf eine weitere Problematik, nämlich wie die anorganische und die organische Welt, die nicht lebendige und die lebendige Natur miteinander zusammenhängen und wissenschaftlich erfaßbar sind. Denn erst bei befriedigender Verknüpfung beider Wissensbereiche sind technologische Lösungen denkbar, die sowohl mit anorganischer Sphäre als auch mit Biosphäre verträglich zu machen wären. In erstaunlicher Voraussicht sieht Picht eine derartige Lösung, wo der Mensch als Lebewesen in der Natur seine Stellung begreifen und gleichzeitig seine technologischen Gestaltungsmöglichkeiten verantwortlich gebrauchen lernt, in Manfred Eigens Ansätzen zu einer Theorie der "Selbstorganisation der Materie", worin Picht eine "Brücke zwischen Physik und Biologie" vermutet.

Diese "visionäre" Vermutung Pichts über die Möglichkeiten der Selbstorganisationsforschung soll im folgenden in seiner gesamten Bandbreite näher untersucht werden.


25 - Eine umfassende und subtile Untersuchung der Fortschrittsidee findet sich bei Friedrich Rapp (1992), dessen essentielle Aussagen zum technologischen Fortschritt herangezogen werden, wobei die dort behandelten soziokulturellen Aspekte lediglich als 'Randbedingungen' in die hier dargestellte Betrachtung einfließen.

26 - Der genetische Fortschrittsbegriff bringt die Abfolge des Früher oder Später, das Verursachtsein der jeweiligen Gegenwart durch die Vergangenheit, das zeitlich gerichtete prozessuale Voranschreiten und das wertneutral verstandende Entstehen des Neuen zum Ausdruck. Im Unterschied dazu formuliert der stärkere normative Fortschrittsbegriff, daß dieses Fortschreiten seinem Wesen nach bereits eine Entwicklung zum Höheren und Besseren darstellt. Schließlich meint der deskriptive Fortschrittsbegriff einen quantitativen Zuwachs, d.h. das historisch Spätere stellt lediglich ein Mehr des bereits Vorhandenen dar (vgl. Rapp 1992, S. 26 ff. und Ropohl 1991, S. 243 ff.).

27 - Vgl. Rapp 1992, S. 84 ff.

28 - Dazu mehr im 5. Kapitel

29 - Es sei hier insbesondere auf den Aufsatz von Klaus Meier (1991) verwiesen, der u.a. Chancen für ein neues Erkenntnis- und Gestaltungsmuster der Natur untersucht (S. 247 ff.). Dies wird im dritten bis fünften Kapitel weiter konkretisiert.

30 - Im Vergleich zu Karl Poppers Konzept der Deduktion zitiert Georg Picht Manfred Eigen: "Die genetische Evolution benutzt im darwinschen Selektionsmechanismus ... ein höheres Ausschließungsprinzip als die einfache Falsifikation. Hier wird auf einer sich ständig anhebenden, aber auch im Komplexitätsgrad zunehmenden Wertebene getestet, wobei Varianten unterhalb dieser Ebene zum Test erst gar nicht mehr zugelassen sind" (s. S. 378).

31 - Eine eingehende Diskussion der Zeitmodi im Zusammenhang mit dem Naturbegriff wird in Kapitel 4 erfolgen.

32 - Vgl. Kap. 4.2

33 - Allerdings kann es sich hier nicht um einen 'Gleichgewichtszustand' klassischer Mechanik handeln, sondern - wie wir später sehen werden - könnte die Stabilität global-technologischer Entwicklung mit Hilfe von 'Attraktoren' nichtlinearer Dynamik modelliert werden.