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Ulf Skirke
Technologie und Selbstorganisation
Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs


1.2 Technologiekritik und Anforderungen an ein neues Wissenschaftsideal

Die Suche nach einem neuen "Wahrheitskriterium" naturwissenschaftlich-technischer Praxis führt notwendigerweise auf das Problem, sowohl die begrifflich- theoretischen Grundlagen als auch die praktisch instrumentellen Aufwendungen derzeitiger Naturbeherrschung genauer zu untersuchen. "Immer mehr Menschen fällt auch auf, daß die problematischsten Techniken wie Atomtechnik, chemische Technik und Gentechnologie Techniken auf der Basis der exakten und experimentellen Naturwissenschaften sind" (von Gleich 1989 S. 9). Diese Techniken und nicht nur diese stellen also kein spezielles Anwendungsproblem dar, sondern verkörpern eine gewisse "Eingriffstiefe", die bereits im naturwissenschaftlichen Experiment angelegt ist. Dies bedeutet, daß ein neues Fortschrittsmodell bzw. ein Konzept vernünftiger Technikgestaltung sich "in Zukunft noch stärker um die wissenschaftlichen Grundlagen der jeweils zur Debatte stehenden Technologien kümmern" muß (ebenda S. 11). Ausgangspunkt der Kritik von Gleichs ist die Analyse des derzeitig immer noch vorherrschenden spezifisch mechanistischen Denk- und Theorieansatzes in den Naturwissenschaften, deren Rationalität dazu neigt, die konkreten Lebens- und Naturbedürfnisse einer unzulässig vereinfachenden Naturabstraktion unterzuord- [S.12] nen.8 "Im Zentrum der hier vorgetragenen Kritik der Herrschaft der Rationalität im naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß steht somit die experimentelle Zurichtung der Natur auf Isomorphie mit einer linearen mathematischen Struktur" (von Gleich 1989 S. 32 ff.). Dabei ist natürlich nicht in Abrede zu stellen, daß jede naturwissenschaftliche Umgangsweise mit Idealisierungen, Näherungen und hypothetischen Modellen arbeiten muß, sondern die entscheidende Frage lautet: Soll die methodische Erforschung der Natur am vorherrschenden Ideal mechanistischer Rationalität und der derzeitig vorherrschenden linearen "Maschinengemäßheit" angepaßt werden oder muß umgekehrt dem Gegenstand der Betrachtung gemäß die Erkenntnis und Experimentform angepaßt werden? Weiterhin "wäre angesichts dieser Situation die Frage zu stellen, ob nicht ein genetisch- evolutiver Entwurf der Natur prinzipiell gegenstandsgemäßer wäre, vor allem wenn man bei einem solchen auch noch die am modernen Zeitbegriff (Fortschrittsbegriff) orientierten gewaltsamen Linearisierungen überwinden würde" (von Gleich 1989 S. 90). Im Unterschied dazu scheint ein gleichförmiger "abstrakter" Zeitbegriff eine konstituierende Rolle in naturwissenschaftlich-technischen Fortschrittsmodellen zu spielen und die scheinbare Zeitlosigkeit und Reproduzierbarkeit einer passiven, gleichförmigen Materie widerzuspiegeln. Die auf dieser Basis errichteten Technik- und Industriesysteme zeigen nun gerade deshalb Instabilitäten und Krisenanfälligkeit, weil der komplexen Eigengesetzlichkeit der Natur nicht im angemessenen Maße Rechnung getragen wurde. Erst die Anerkennung der Natur "als Partner", als 'Eigenwert' in der naturwissenschaftlich-technischen Praxis kann sinnvolle Alternativen in Forschung und Technologie eröffnen.

Von Gleich fordert eine Abkehr von den "harten" Handlungsweisen der Naturwissenschaften und deren für Mensch und Natur destruktiven Konsequenzen hin zu einer eher "sanften" weniger eingriffstiefen Forschungsweise: "Eher sanft wären somit diejenigen naturwissenschaftlichen Disziplinen, die 1. eher beschreibend, phänomenologisch, klassifikatorisch und begrifflich arbeiten oder nicht experimentell quantifizieren, 2. von einem qualitativen oder zumindestens evolutionärem Naturbegriff geleitet sind, 3. eher Feldforschung betreiben und dabei hauptsächlich (nur) theoretische Abstraktionen vornehmen und/oder auf die Zulässigkeit und Angemessenheit ihrer theoretischen und praktischen Abstraktionen reflektieren (Ganzheitlichkeit) und die 4. mit der auslesenden Realisation arbeiten bzw. deren Experimente eher der systematischen Variation der Phänomene als deren Reinigung und Mathematisierung dienen (Experiment als Dialog)" (ebenda S. 153 ff.). Von Gleich sieht insbesondere in [S.13] den dynamischen Entwicklungs- und Evolutionstheorien der Biologie, Geologie, Geophysik, Meteorologie und der Kosmogonie Ansätze für einen solchen eher 'sanften' Naturwissenschaftsbegriff. Dabei fällt allerdings auf, daß die Umgangsweise mit der Physik offenbleibt und damit zu einem wesentlichen Sektor alternativer Technologien Einschätzungen und Aussagen kaum möglich erscheinen. Zumindest im naturwissenschaftlichen Kernbereich der Physik müssen seine Forderungen "äußerlich" bleiben und lassen sich nicht ohne weiteres in "das innerwissenschaftliche Wertesystem" übersetzen! Als Ansatzpunkt für einen "Paradigmawechsel in der Naturwissenschaft" ist dabei die angemessene Umgehensweise mit dem Naturgegenstand von besonderer Bedeutung. Diese Naturangemessenheit bzw. "Gegenstandsgemäßheit" ist deshalb wichtig, "weil sich darüber die zunächst dem Wissenschaftssystem äußerliche Forderung nach einer "ökologischen Orientierung" in eine wissenschaftsimmanente Forderung in das innerwissenschaftliche Wertesystem übersetzen läßt" (von Gleich 1990 S. 3). Nach von Gleich geht das Wissenschaftsideal einer "gegenstandsgemäßen" Naturwissenschaft bereits auf antike Vorstellungen, insbesondere die von Aristoteles zurück, dessen qualitativer Wissenschaftsbegriff "nicht vornehmlich der technischen Verfügung über den Gegenstand dienen (Verfügungswissen), sondern der Orientierung des Menschen im wohlgeordneten Kosmos (Orientierungswissen) angemessen sein sollte" (von Gleich 1989 S. 159). Im Gegensatz dazu sieht er die historische Linie des cartesianischen Wissenschaftsideals, dessen mechanistische und reduktionistische Vorgehensweise der Naturwissenschaften wesentlich für technologische Anwendungsprobleme, insbesondere des derzeitigen Industriesystems, mit verantwortlich sind.9

Die Grundzüge für ein anderes Wissenschaftsideal als Leitbild alternativer Naturwissenschaften kommen insbesondere in der Konkretisierung der "Gegenstandsgemäßheit" zum Ausdruck:

  1. In jedem Fall ist die Evolution des Naturgegenstands einzubeziehen (Historisierung).
  2. Es ist die Potentialität, die Eigengeschichte und die Eigenproduktivität der Natur zu beachten.
  3. Der Gegenstand ist möglichst so zu belassen, wie er vorgefunden wird, so daß er möglichst wenig zugerichtet und gestört wird.
  4. Der 'Gegen-'Stand müßte zum 'Mit-'Stand im experimentellen Dialog werden (Natur als Partner). [S.14]
  5. Die Situations- und Kontextgebundenheit der Phänomene, ihre lokale, regionale und historische Spezifik ist zu beachten (Besonderheit und Einzigartigkeit der Naturgegenstände).
  6. Problematische Folgen und Nebenwirkungen von Forschungsprozeß und Forschungsergebnissen müssen Bestandteil des experimentellen Dialogs sein.
  7. Naturbild und Naturmodelle müssen sich weitgehend an lebensnaher Natur orientieren.
  8. Das Kriterium der "Einfachheit", bezogen auf mathematische Formulierungen, kann in den wenigsten Fällen Anwendung finden, komplexe und nicht exakte Näherungsverfahren sind zumeist gegenstandsgemäßer.

(Siehe von Gleich 1989 S. 183 ff.).

Obwohl er in den Vorgehensweisen und Ergebnissen der "Chaos- Theorie" oder Theorien über die "Selbstorganisation" der Materie gewisse Fortschritte gegenüber dem mechanistischen Weltbild anerkennt ("immerhin setzt die Betrachtung von Gleichgewichtszuständen den Eingriffen in die Natur Grenzen", ebenda S. 138), beurteilt er diese und andere "systemtheoretischen" Wissenschaftsansätze kritisch. Trotz begrifflicher Annäherung dieser Theorien an Naturcharakteristika wie Besonderheit, Komplexität, evolutionäre Potenz befürchtet von Gleich dennoch, daß sie im Sinne einer technokratischen Effektivierung und ökologisch scheinbar besser ausbalancierten Optimierung noch weiterreichende Natureingriffe ermöglichen könnten (vgl. S 137 ff., S. 172 ff., S. 42). Insbesondere sind drei Problembereiche in bezug auf diese "Systemtheorien" noch ungeklärt: Erstens wird trotz aller Dynamisierung ein relativ starrer "konservativer Naturbegriff, bei dem Veränderungen zuerst immer als Störungen eines angenommenen Gleichgewichts begriffen werden", zugrunde gelegt (von Gleich 1985 S. 53). Dies berge die Gefahr, daß die "technokratische Orientierung des kybernetischen Denkens (Steuerung/Regelung) in Forschung und Anwendung weiterwirkt" (ebenda S. 54). Der zweite Problembereich bewegt sich um die Frage, ob der systemtheoretische Ansatz in seiner "Haltung" gegenüber der Natur tatsächlich so etwas wie eine 'Lockerung des experimentellen Zugriffs' mit sich bringt oder ob dieser Zugriff nicht eher zwar flexibler und intelligenter, aber auch totaler wird" (ebenda). Im dritten Problembereich schließlich geht es "um die spezifische Abstraktheit der Systemtheorie und um die damit einhergehende Vernachlässigung, ja Mißachtung des konkreten Einzelnen und Einzigartigen, die sich in der beliebigen Austauschbarkeit von Systemkomponenten ausdrückt, wenn sie nur die gleiche Funktion erfüllen" (ebenda).

Von Gleich ist zuzustimmen, wenn bestimmte Tendenzen von Chaos- Theorie und Selbstorganisationsforschung, wie sie sich vor allem im letzten Jahrzehnt entwickelt haben, kritisch hinterfragt und auf ihre tatsächlichen Konsequenzen [S.15] hin analysiert werden müssen. Allerdings teile ich diese apodiktische Ablehnung systemtheoretischer Ansätze für einen alternativen wissenschaftlich-technischen Fortschrittsbegriff und einer entsprechenden Praxis nicht, zumal in der modernen Selbstorganisationsforschung ähnliche Überlegungen zu einer "gegenstandsgemäßeren" Naturwissenschaft formuliert werden. Im folgenden Gang der Untersuchung wird genauer zu klären sein, welche Ergebnisse und möglichen Konsequenzen aus Chaostheorie und Selbstorganisationsforschung sich im Detail tatsächlich ergeben, und inwieweit sie für ein neues Paradigma des Verhältnisses zwischen Mensch, Natur und Technik brauchbar sind.10 Immerhin gesteht von Gleich zu, daß gerade ein Ausweiten naturwissenschaftlicher Methodenvielfalt zum Ausgangspunkt für einen notwendigen Paradigmawechsel werden könnte - für die angestrebte grundlegende Veränderung im Erkenntnisideal der Naturwissenschaften - hin zu einer zumindestens weniger "eingriffstiefen" Naturerkenntnis (von Gleich 1990 S. 13).

Im bisherigen Untersuchungsgang hatte die Frage nach der Auflösung einer krisenhaft zugespitzten Dynamik des technischen Fortschritts auf die Analyse der hinter der technischen Entwicklung stehenden Naturwissenschaft geführt. Mögliche Alternativen zum derzeitigen Fortschrittsmodell müssen demnach im engen Zusammenhang und Kontext des naturwissenschaftlichen Forschungsprozesses und insbesondere des ihn leitenden Wissenschaftsideals bzw. "Paradigmas" beurteilt werden, um die den "Stoffwechsel" zwischen Gesellschaft und Natur determinierenden Faktoren bzw. dessen Problemhorizont vollständig zu erfassen und "von innen" her Alternativen zu entwickeln. Von Gleichs Versuch, eine Wissenschaftspraxis aufzuzeigen, die einen "gegenstandsgemäßeren" Umgang mit der Natur zur Folge hat, führt allerdings auf mehrere Probleme.

Der Vorwurf von Gleichs, daß bereits die mathematische Operationalisierung des naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozesses einen nicht gegenstandsgemäßen Objektcharakter der Natur in sich trage, kann so nicht geteilt werden. Immerhin sind andere mathematische Beschreibungsformen im Sinne einer übersetzenden Sprache zwischen Naturphänomen und systematischer gesetzlicher Erfassung denkbar, ohne daß ein mechanistischer Determinismus zugrunde gelegt wird. Ähnliches gilt für seine apodiktische Ablehnung "der" Systemtheorie: Zum einen existieren durchaus unterschiedliche Systembegriffe, zum anderen sehr verschiedene Anwendungen derselben. Da bei seinen Betrachtungen einer alternativen Naturwissenschaft der große Bereich physikalischer Vorgänge ausgespart bleibt, müssen von Gleichs Anforderungen für ein [S.16] neues Wissenschaftsideal zumindestens für diesen bedeutsamen Naturwissenschaftssektor als "äußerlich" erscheinen und gestatten nur sehr eingeschränkt, technologische Alternativen zu formulieren. Schließlich sind seine wenigen Hinweise und Aussagen über Vorgehensweise und theoretische Grundlage der "Chaos- und Selbstorganisationsforschung" nicht ausreichend, um darüber ein abschließendes ablehnendes Urteil fällen zu können.

Letztere Probleme und offene Fragestellungen werden also in den folgenden Kapiteln noch intensiver zu behandeln sein.

Meyer-Abich (1988) reflektiert einen ähnlichen Problemzusammenhang von Wissenschaft und Technik in den modernen Industriegesellschaften, versucht aber durch eine Differenzierung des naturwissenschaftlichen Wahrheitsbegriffs methodische Scheinkonflikte und Kontroversen zu vermeiden.

Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist die Frage, inwieweit es gelingen kann, "mit Wissenschaft und Technik Probleme zu lösen, die wir ohne sie gar nicht hätten" (Meyer- Abich 1988 S. 9). Auch er sieht neue Wege in den bestehenden Wissenschaften bereits angelegt und geht vom historisch gewachsenen und damit auch vergänglichen Wissenschaftsideal mechanistischer Naturerkenntnis aus. Das Erfordernis der Hinwendung zu einem neuen Erkenntnisideal bzw. Paradigma erlangt jedoch vor dem Hintergrund der Krise des wissenschaftlich-technischen Fortschritts einen zusätzlichen Anstoß, da "der bisherige Weg ... in den Abgrund" führt (ebenda). Die Alternative heißt "Holismus", denn es "geht darum, nicht mehr das Ganze von den Teilen her verstehen zu wollen, sondern diese vom Ganzen her". Diese Erneuerung gelte es sowohl im Umgang mit der Natur, in der wissenschaftlichen Praxis und deren technischen Anwendungen als auch im gesellschaftspolitischen Entscheidungsprozeß durchzusetzen.

Im Zentrum bleibt aber die Frage nach der "Zukunft der Wissenschaft", da sich nicht nur die Industriegesellschaft in einer Umweltkrise befindet, sondern auch die Wissenschaft in deren Kontext als krisenhaft angesehen werden muß, als "von ihr Lösungen für Probleme erwartet werden, an deren Entstehung sie selbst beteiligt war, so daß auch wissenschaftlich neue Wege gefunden und gegangen werden müssen" (ebenda S. 80). Ähnlich wie von Gleich sieht er in einer evolutionären Biologie Ansätze für eine neue "Leitwissenschaft", die die traditionelle Rolle von Physik und Chemie ablösen soll und damit deren dominanter lebensferner Be- [S.17] trachtung von Materie und Energie.11 Zentrale Zielsetzung einer anderen Handlungsweise von Wissenschaft und Technik und damit für die Erneuerung der Industriegesellschaft ist dabei die Forderung, "die Gesetze der menschlichen Wirtschaft in Einklang mit denen der Natur zu bringen" (ebenda S. 82). Dies gilt um so mehr, als die technisch-ökonomischen Auswirkungen auf die Natur wiederum entsprechende Handlungsweisen zur Beseitigung dieser Nebenfolgen nach sich ziehen, die ihrerseits neue unerwünschte Nebenwirkungen zur Folge haben.12 Eine wesentliche Ursache für die wissenschaftlich-technische Fehlentwicklung der Industriegesellschaft sieht Meyer-Abich im anthropozentrischen Natur- und Weltbild: "Ein Fehler war es, daß wir in der Industriegesellschaft bisher viel zu sehr von uns aus gedacht und gehandelt haben, nicht in der Verantwortung vor dem Ganzen der Welt, die nicht nur die unsere ist" (ebenda S. 20).

Die entscheidende Differenzierung im Wahrheitsgehalt naturwissenschaftlicher Weltbilder besteht nun darin, daß ein solch menschenzentriertes Weltbild zwar sozialhistorisch erklärbar und begründbar, nicht aber beweisbar ist. Entsprechendes gilt für das "holistische Menschenbild", wonach die übrige Welt unsere natürliche Mitwelt und nicht nur für uns da ist, sondern einen Eigenwert im ganzen hat, den es in unserem Handeln zu berücksichtigen gilt. Beweisbare Gewißheit innerhalb der Naturwissenschaften gilt nach Meyer-Abich nur für Naturgesetze, nicht aber für Naturbild und Wissenschaftsideal, deren "Wahrheit ... eine Frage der Lebenserfahrung ist" (ebenda S. 43). Naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten bewegen sich also in einem Spannungsfeld zwischen beweisbaren "wahren" Naturgesetzen, deren Tat-Sachen mit Hilfe mathematisch experimenteller 'Sprache' in unsere Lebenswelt übersetzt werden und andererseits Wissenschaftsidealen, Leitbildern oder Paradigmen, die im sozialhistorischen Konsens gebildet wurden: "In ihrem Erkenntnishandeln erweist sich die Naturwissenschaft als eine Verbin- [S.18] dung von Wahrheit und Konsens. Abgesehen von der kategorialen Art der Verständigung sind zumindest die Erkenntnisideale und die in der industriellen Wirtschaft wiederkehrenden Handlungsformen der wissenschaftlichen Erkenntnistätigkeit insoweit kontingent, als sie auch anders sein könnten. Sie sind geschichtlich, und hier gibt es Alternativen" (ebenda S. 70). Ein der Natur oder dem Gegenstand angemessenes Wissen kann aber nicht für den "Gegenstand an sich" wahr sein, sondern nur im Kontext unserer Handlungsformen, in denen wir die Naturgegenstände erfahren. "Sowohl die herrschende Wissenschaft als auch die Alternativen, die sich nach anderen Erkenntnisidealen und in anderen Handlungsformen ergeben, wären dann daraufhin zu bewerten, wie weit sie sich im Lebensvollzug der Industriegesellschaft bewähren und dadurch bewahrheiten" (S. 77). Das Naturwissenschaftsideal oder Paradigma der wissenschaftlichen Erkenntnis ist daher für die Analyse und die Gestaltung technischen Fortschritts von besonderer Bedeutung, da in ihm auch die Ausrichtung bzw. Orientierung auf das "Wissenswerte" zum Ausdruck kommt. Demzufolge ist es natürlich von entscheidendem Unterschied, ob die erkenntnisleitenden Motive naturwissenschaftlicher Praxis sog. "Zerstörungswissen" oder "Erhaltungswissen" zugrunde legen. Letzteres gilt es in Abkehr vom "reduktionistischen Programm der Mechanisten" für ein neues wissenschaftlich- technisches Fortschrittsmodell dominant zu machen und das "Erkenntnisideal der Ganzheitlichkeit" für die naturwissenschaftliche Praxis vorherrschend werden zu lassen, um insbesondere der Natur in ihren Lebenszusammenhängen gerecht zu werden.13 Meyer-Abich sieht in einer reformierten, nichtreduktionistischen Biologie eine neue naturwissenschaftliche Leitwissenschaft, da damit neben dem theoretisch begrifflichen Vorteil der Erfassung ganzheitlicher Lebenszusammenhänge auch die praktische Verwirklichung eines neuen naturgemäßeren Technikmodells besser erreichbar scheint. Die traditionelle physikalisch-chemische Rationalität hat u.a. auch deshalb den Anspruch als basiswissenschaftliches Leitbild verwirkt, da sie in ihrem begrifflichen Wesen sich beispielsweise zur Umweltkrise "gleichgültig" verhält oder gar als deren Mitverursacher angesehen werden muß: "In Begriffen der Physik und Chemie ist ein intaktes Ökosystem, z.B. eine kultivierte Landschaft, nicht von einer Müllhalde zu unterscheiden" (S. 97 ff.).

[S.19] Das holistische Paradigma geht aber weit über den naturwissenschaftlich-technischen Kontext hinaus und versucht ebenso kulturelle, soziale und auch emotionale Bedingungen menschlichen Handelns in bezug auf die Naturein- und - rückwirkungen zu berücksichtigen. Aufgrund der "Kulturschwäche der Industriegesellschaft", die insbesondere in der Verdrängung (gefühlsmäßiger) Wahrnehmungen der Natur und ihrem Eigenwert zum Ausdruck kommt, scheint es besonders schwierig, menschliches Verhalten trotz Wissens um die ökologische Krise zu einem neuen holistischen Fortschrittsmodell zu bewegen: "Das Umdenken setzt auch ein Umfühlen voraus" (S. 131). 14 15

In diesem erweiterten Zusammenhang muß auch die persönliche Verantwortung der Wissenschaftler reflektiert werden, da diese sich in einem Geflecht von individuell- sozialer Betroffenheit und deren Werthorizont, naturwissenschaftlichem Fachwissen und dessen dahinterstehenden Wissenschaftsideal sowie prognostizierter Optionen technischer Auswirkungen bewegt. "Der Wissenschaftler ist verantwortlich für genau das, was er getan hat, nicht für mehr und nicht für weniger. Und was hat er getan? Er hat eine Möglichkeit in die Welt gesetzt und diese insoweit verändert, eine Möglichkeit, die zuvor nicht existierte" (S. 140). Von daher gilt es, nicht erst die Folgen technischer Anwendung zu reflektieren, sondern bereits durch interdisziplinäre Kooperation zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, durch sozialwissenschaftliche "Begleitforschung" sowie durch einen demokratischen Abstimmungsprozeß der Öffentlichkeit ein höchstmögliches Maß an Transparenz und Verantwortung im naturwissenschaftlichen Forschungsprozeß selbst zu erreichen.

Trotz tendenziell weiterführender Anregungen bleibt Meyer-Abichs 'Holismuskonzept' zu allgemein und in wesentlichen Lösungsvorschlägen unbefriedigend. Die Gegenüberstellung von "harten" Naturgesetzen und sozialhistorisch veränderlichen "weichen" Wissenschaftsidealen erscheint insofern problematisch, als unklar bleibt, wie beide Wissenskategorien zusammenhängen. Wenn Wissenschaftsideale "nicht beweisbar" sind, was unterscheidet sie von subjektiven, willkürlichen Setzungen? Der Hinweis auf die "Lebenserfahrung" als Begründung für derartige Wissenschaftsideale führt entweder auf die Existenz vieler pluralistischer 'Lebenserfahrungen' und damit vielfältiger Wissenschaftsideale oder auf einen inneren Zusammenhang von gesetzmäßigem Einblick in das Na- [S.20] turgeschehen und plausiblem Wissenschaftsparadigma. Aber genau dieser Zusammenhang von Naturerkenntnis und menschlicher Selbsterkenntnis bleibt bei Meyer-Abich im Dunkeln.

Die anorganische Natur in Physik und Chemie kann nur dann unter ein biologisches Paradigma subsumiert werden, wenn strukturelle Wesensverwandtschaften zwischen anorganischer und organischer Natur aufgezeigt werden können - ohne das eine auf das andere zu reduzieren. Dies läßt sich nicht einfach holistisch konstruieren. Physik und Chemie lassen sich erst dann 'biologisch' eingliedern, wenn sie aus sich heraus Einblick in solche komplexen Naturphänomene gestatten, die Vor- oder Übergangsformen zu den Naturbereichen darstellen, die bisher nur der organischen Natur zuerkannt wurden: Genau dies ist ein wesentlicher Gegenstand der Untersuchungen von Chaos und Selbstorganisation im Anorganischen und deren strukturellen Verwandtschaften im Organischen.

Auch für technologische Alternativen bleibt der Ansatz von Meyer-Abich abstrakt und unscharf: Nach welchen Prinzipien soll eine "holistische" Technik arbeiten? Die herkömmliche Biotechnik vermag nur begrenzt Ansätze für eine globale, naturverträgliche Industrie zu liefern, da diese überwiegend im Anorganischen funktioniert. Das Problem des technologischen Planungs- und Entwicklungsprozesses bleibt völlig ausgeklammert. Aber gerade angesichts einer immer stärkeren Beschleunigung der destruktiven Dynamik des vorherrschenden Fortschrittsmodells wäre die Untersuchung des Verhältnisses von Zeit und Technologie von größter Bedeutung.

"Begleitwissenschaft" in Form einer Kooperation von Natur- und Geisteswissenschaften ist zwar pragmatisch geboten, aber deren inhaltliche und verfahrensmäßige Addition liefert wohl kaum Lösungsansätze für eine nachhaltige Abkehr von einer destruktiven Technologieentwicklung, solange nicht ebenfalls eine innere Verwandtschaft - nichtmechanistischer Art - zwischen den "beiden Kulturen" aufgezeigt werden kann.

Von daher erscheint auch das so formulierte Holismusmodell nicht ausreichend, um daraus eine umfassend naturverträgliche, technologische Alternative bzw. eine überlebensfähige Fortschrittsdynamik zu entwickeln.


8 - "Der Natur wird bei dieser Form von Naturwissenschaft im Experiment jenes uhrwerkhafte mechanisch mathematische Verhalten erst aufgezwungen, das sie nach dem erkenntnisleitenden mechanistischen Weltbild an sich immer schon haben soll" (von Gleich 1985 S. 48).

9 - In ähnlicher Weise argumentiert Hösle: "Ein Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen Verwüstung der Natur ist die cartesische Lehre von der Natur" (Hösle 1991 S. 54 ff.).

10 - In diesem Zusammenhang muß auch auf das Problem hingewiesen werden, daß genauestens zu unterscheiden ist zwischen dem Begriff "System" als methodisch universeller Basiskategorie und der Verwendung als beschreibendes Hilfsmittel und Modell für Zwecke der empirischen Forschung (vgl. Krohn/Küppers) 1989, S. 22 ff.).

11 - Da aber in Physik und Chemie "die Wahrnehmung des Lebens zu kurz gekommen (ist), wie es die Umweltzerstörung zeigt, dann sollten wir zunächst einmal in der Biologie nach Auswegen suchen. Die Umweltprobleme als ökologische Probleme nach einer Teildisziplin der Biologie zu benennen, deutet bereits in diese Richtung. Allerdings ist die heutige Biologie weitgehend durch die Erfolge von Physik und Chemie geprägt ... Unbeschadet der Gültigkeit von Physik und Chemie, auch in den Lebewesen, ist es die spezifische Erwartung an die Biologie, hier jeweils vom ganzen her zu denken, also die physikalisch chemischen Prozesse als Lebensprozesse wahrzunehmen und nicht umgekehrt Lebensprozesse als physikalisch chemische" (ebenda S 82).

12 - "Werden wir in absehbarer Zeit im wesentlichen dafür zu arbeiten haben, daß die Lawine von Neben- und Folgewirkungen, der wir heute noch frohgemut vorauseilen, nicht schneller wird als unser Fortschritt, und wird sie uns nicht schließlich doch einholen?" (ebenda S. 16).

13 - "Der Holismus bestreitet nicht, daß die Gesetze der Physik und Chemie auch in den Lebewesen gelten, hält die Lebenserscheinungen nach diesen Gesetzen allein aber noch nicht für erklärbar. Nach diesem Ansatz sind die Gesetze der Physik zwar aus denen der Biologie abzuleiten, nicht aber die Gesetze der Biologie aus denen der Physik. Anders gesagt: Die Organismen physikalisch zu be- schreiben, gelingt erst dann, wenn die Physik zur Biologie geworden ist" (ebenda S. 91).

14 - "Wirklich betroffen sind wir von der Umweltzerstörung allenfalls dort, wo sie schneller voranschreitet als die gleichzeitige Verkümmerung unserer Wahrnehmungsfähigkeit" (S. 130).

15 - "Es wird höchste Zeit, etwas Licht in die unausdrücklichen Gefühle zu bringen, von denen die Industriegesellschaft sich leiten läßt" (S. 132).