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Ulf Skirke
Technologie und Selbstorganisation
Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs


[S.1]

Kapitel 1:

Zur Kritik des Fortschrittsbegriffs

1.1 Wissenschaftlich-technischer Fortschritt und Krise des Industriesystems

Die gesellschaftliche Umgangsweise mit Naturwissenschaft und Technik hat sich in den - vor allem - letzten zwei Jahrzehnten deutlich verändert. Die eher optimistisch-sorglose Behandlung des technologischen Fortschrittsmodells unserer Industriegesellschaft ist einer kritischen Sichtweise gewichen.1 Aus wissenschaftlichen Fachfragen und technischem Spezialwissen ist ein gesellschaftspolitischer und philosophischer Gegenstand geworden, der nahezu alle Lebensbereiche betrifft und auf die grundlegende Problematik nach dem Weiterbestand der Industriegesellschaft führt. So spricht Nowotny davon, daß die Erfolge von Naturwissenschaft und Technik in der gegenwärtigen historischen Situation eine entscheidende Veränderung des Kontextes zwischen natürlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen bewirkt haben. "Vielleicht stehen wir erstmals an jener Stelle der menschlichen Geschichte, wo sichtbar wird, daß auch Wissenschaft und Technik der Kontingenz der Geschichte unterworfen sind, und wo dennoch Entscheidungen zu treffen und Antworten im Sinne von Verantwortung zu geben sind" (Nowotny 1990). Immler sieht vor allem vor dem Hintergrund der ökologischen Krise eine neue Systemauseinandersetzung zwischen Industriegesellschaft und Natur, die die bisherige Konfliktlinie zwischen Kapitalismus und Sozialismus ablöst. So haben die Industriegesellschaften eine quasi "revoltierende Natur" hervorgebracht, die nun sich selbst zur Wehr setzt und darauf drängt, das herkömmliche Industriesystem abzuschaffen. Seine grundlegende Frage und Problemstellung lautet daher: "Die Industriegesellschaften haben in einer sehr kurzen Zeitspanne den materiellen Zustand der Erde so verändert, daß dieser zur Bedrohung des Lebens geworden ist. Nun wird sich zeigen, ob sie sich selbst so verändern können, daß sie aus dieser epochalen Krise herausfinden" (Immler 1990). In ähnlicher Weise argumentiert Schönherr, der dafür plädiert, die ökologische Krise vor dem Hintergrund der Technik zu analysieren und zu klären, ob die gegenwärtig technisch berechnete und vorgestellte Welt tatsächlich der Natur entspricht, so wie sie ist. Um die Natur von der derzeitigen "technischen Handlungsmanie" zu befreien, soll demokratische Mitbestimmung zu einer Blockierung derzeitiger technischer Praxis führen und entsprechende Nischen [S.2] schaffen, "in denen vielleicht auch nachgedacht, in denen ein anderer Umgang mit Natur gesucht ... werden kann" (Schönherr 1990). Um der globalen Umweltzerstörung entgegenzuwirken, fordern Meyer-Abich und Müller die Änderung des Modells der Industriegesellschaft, was nicht nur ein "neues Fortschrittskonzept", sondern auch einen "Paradigmenwechsel zu neuen sozialen und kulturellen Leitbildern" voraussetzt, da die bisherigen politischen und technologischen Antworten nicht mehr ausreichend sind (Meyer-Abich/Müller 1990).

Noch Anfang der 80er Jahre hatten Strasser und Traube davor gewarnt, einen "Handel mit apokalyptischen Visionen" zu treiben, da weder eine weltweite Katastrophe unmittelbar bevorstehe noch zu wenig Zeit vorhanden sei, um die anstehenden Probleme durch vorsichtiges Suchen von Alternativen bewältigen zu können. "Noch hat sich die Lage nicht so dramatisch zugespitzt, daß langwierige Überzeugungsarbeit und tastendes Suchen nach den richtigen Lösungen als unverantwortliche Zeitverschwendung erscheinen müßten" (Strasser/Traube 1981 S. 291). Demgegenüber scheint diese eher optimistischen Sichtweise über die zeitgerechten Erfolge zukünftiger Alternativmodelle der Industriegesellschaft einer kritisch-pessimistischen Bewußtseinslage gewichen zu sein, die vor allem die Dramatik der Krise des wissenschaftlich-technischen Fortschritts und deren vor allem ökologische Nebenfolgen hervorhebt. Habermas konstatiert die "zwiespältigen Folgen" der neuen Technologien, da die Wahrscheinlichkeit, daß sich "Produktivkräfte in Destruktivkräfte, Planungskapazitäten in Störpotentiale" verwandeln, deutlich gestiegen ist. "Der Horizont der Zukunft hat sich zusammengezogen und den Zeitgeist wie die Politik gründlich verändert. Die Zukunft ist negativ besetzt; an der Schwelle zum 21. Jahrhundert zeichnet sich das Schreckenspanorama der weltweiten Gefährdung allgemeiner Lebensinteressen ab" (Habermas 1985 S. 143 ff.).2

Um eine Analyse sowie die Perspektiven und Alternativen des wissenschaftlich-technischen Fortschrittsmodells näher darlegen zu können, ist zunächst eine begriffliche Rahmensetzung erforderlich, die eine genauere Diagnose des Problemhorizontes und eine Selektion der Kernfragen gestattet.

Auch wenn sie nicht in allen Punkten zustimmungsfähig und begründet erscheint, so stellt doch die umfassende Untersuchung von Lübbe (1990) über die Verfaßtheit der wissenschaftlich-technischen Zivilisation der Gegenwart eine wertvolle begriffliche Einführung in die Thematik dar. Lübbe geht es dabei weniger um einen radikalen Alternativentwurf zur gegenwärtigen Industriegesellschaft und dessen Fortschrittsmodell, sondern um den Versuch einer prag- [S.3] matischen Optimierung der bestehenden fachwissenschaftlichen Instrumente, um aus der kritischen Lage der wissenschaftlich-technischen Zivilisation herauszufinden. Lübbe nennt folgende Faktoren, die die Begründung des epochalen Wandels der Beziehungen zwischen Gesellschaft und technologischer Entwicklung erschließen sollen: "Kultureller Bedeutsamkeitsverlust wissenschaftlicher Weltbilder, Erfahrungsverluste, Komptenzverluste des Commonsense, Zukunftsgewissheitsschwund, Belastungen durch Erfahrungen von Grenzen der Möglichkeiten zur Kompensation dessen mit den Mitteln wissenschaftlicher Beratungsdienstleistungen sowie Leistungen der sog. Futurologie, Rationalitätsverluste somit, überdies mannigfache modernitätsspezifische Risikoerfahrungen mit ihren Folgen eines komplementär dazu anwachsenden Sicherheitsverlanges, die unsere kulturelle Befindlichkeit tiefgreifend verändernden Erfahrungen ökologischer Krisen schließlich - das sind die Faktoren, die in plausibler Weise uns in ein verändertes Verhältnis zu unseren wissenschaftlich-technischen Lebensgrundlagen bringen müssen" (Lübbe S. 151).

Er weist ausdrücklich darauf hin, daß auch die Fehlentwicklungen der Industriegesellschaft bewußtseins- und handlungsmäßig im Gemeinsinn, im "Commonsense" tief verankert sind und daß "Fortschritt" nichts anderes sein kann "als zivilisatorische Evolutionen, der der Gemeinsinn mit seinem praktischen Urteil Approbation erteilt hat" (ebenda S. 61). Allerdings wird die von ihm aufgezeigte Problematik, daß einerseits die erreichte "Wohlfahrt" der Industriegesellschaften Erfolgsgeheimnis und Dynamik des technischen Fortschrittsmodells ausmachen, sich aber andererseits die kritische Lage zuspitzt - gekennzeichnet durch die ökologische Krise, technologische Risiken etc. -, in der sich alle befinden, die aber offensichtlich niemand gewollt hat, nicht weiterverfolgt. Ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis der Fortschrittsdynamik stellt für Lübbe die Untersuchung der Zeitdimension dar, da die realen Orientierungsprobleme der modernen Industriegesellschaft "Nichtprobleme der Orientierung im Raum, vielmehr dominant Probleme in der Zeit" sind (ebenda, S. 134). Gemeint ist zunächst die Frage, wo sich der technische Fortschritt - "zwischen Herkunft und Zukunft" - gegenwärtig befindet und wie sich ein verläßlicher Weg in die Zukunft aufzeigen läßt, der seinerseits noch rechtzeitig Wege aus der Zivilisationskrise beschreitet. Im Zusammenhang mit der Dynamik des wissenschaftlich-technischen Fortschritts sind nach Lübbe vier zentrale Problembereiche für die Ausleuchtung der Zeitdimension relevant: 1. Die Zeitmangelerfahrung und das Zeitknappheitssyndrom des Handelns (S. 64 ff.). 2. Die abnehmende Reichweite unserer Zukunftsvoraussicht (S. 68). 3. Der schrumpfende Zeithorizont der Gegenwart (S. 115). 4. Die Selbsthistorisierung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation (S. 109/113).

[S.4] Im folgenden Gang der Untersuchung werden diese Problempunkte wieder aufzunehmen sein, um andere Interpretationen und Analysen des Verhältnisses von Fortschrittsbegriff und Zeitdimension vertiefen und klären zu können.

Im Unterschied zu Lübbes pragmatischem Diagnose- und Optimierungsansatz versucht Hösle (1991) einen umfassenden Gegenentwurf zum gegenwärtigen Fortschrittsparadigma, wobei Ausgangspunkt seiner theoretisch-begrifflichen Analyse und Endpunkt seiner praktisch-philosophischen Vorschläge die Bewältigung der ökologischen Krise darstellt. Daß der Mensch das erste Mal in seiner Gattungsgeschichte den Planeten in einer entscheidenden Weise gefährden konnte, führt Hösle zu der Fragestellung: "Hat in Anbetracht dieser Situation die Idee des Fortschritts noch einen Sinn?" (Hösle S. 16). Die mit der traditionellen Industriegesellschaft einhergehende globale Umweltzerstörung führt Hösle auf den für ihn entscheidenden Untersuchungshintergrund zurück, "daß ohne eine Philosophie der Technik und der Wirtschaft das Wesen der ökologischen Krise nicht zu fassen ist" (ebenda S. 16). Der "Triumphzug des wirtschaftlich-technischen Denkens" müsse grundsätzlich in Frage gestellt und deren philosophische und politische Wurzeln aufgedeckt werden. Es sei angesichts einer Fülle von empirischen Daten offensichtlich, daß "die Universalisierung des westlichen Lebensstandards nicht möglich ist, ohne daß die Erde ökologisch vollständig kollabiert" (ebenda S. 24 ff.). Allerdings stellt die Umweltkrise nicht nur den negativ-analytischen Hintergrund der gegenwärtigen Fehlentwicklung des Industriesystems dar, sondern sie weist auch positiv den Weg in eine andere Entwicklungsdynamik, deren ökologische Leitbilder die bisherigen traditionell ökonomistischen ablösen soll: "Die ökologische Krise wird zur Ablösung des bisherigen Paradigmas führen. Wir stehen an der Schwelle eines neuen Paradigmas - das Paradigma der Wirtschaft muß dem Paradigma der Ökologie weichen" (ebenda S. 33). Um dieses neue Paradigma zum Erfolg zu führen, müssen die geistesgeschichtlichen Grundlagen der wissenschaftlich-technischen Rationalität offengelegt und radikal mit der Vorstellung gebrochen werden, daß die menschliche Subjektivität - bei all ihrer Zugehörigkeit zur natürlichen Welt -eine einzigartige Sonderstellung im Kosmos habe und sich daher "allem gegenständlichen Seienden", sprich der Natur, entgegensetzen könne (vgl. S. 47). Das gegenwärtig wissenschaftlich-technische Fortschrittsmodell befreit zwar einerseits den Menschen von der Natur, erzeugt aber ständig "Metabedürfnisse", die immer wieder neue Bedürfnisse nach sich ziehen und sich beschleunigende, scheinbar grenzenlose, technische Handlungsschritte auslösen, deren ökologische Nebenfolgen schlagartig die Rückbindung menschlicher Tätigkeit an die natürlichen Gegebenheiten aufzeigen. Allerdings besteht die Lösung des Problems nicht in der Abwendung von Technik und Wissenschaft, sondern fordert deren ökologisch verträgliche Anwendung heraus und führt auf die zwar richtige, aber selbstverständliche Schlußfolgerung, daß "ohne neue Umwelttechnologien die Umwelt nicht zu retten ist" (ebenda S. 114).

[S.5] Grundsätzlich bleibt Hösle bisweilen trotz tendenziell zustimmungswürdiger Leitideen auf der abstrakt allgemeinen Ebene des Sollens stecken, ohne die konkreten Anforderungen an ein verträglicheres Verhältnis von Mensch, Natur und Technik näher zu bestimmen. Der Gedanke der "Versöhnung des Menschen mit der Natur" (S. 145) ist in diesem Zusammenhang weder neu noch läßt er erkennen, in welcher spezifischen Weise das Fortschrittsmodell in seiner bisherigen destruktiven Tendenz zu verändern und in ein neues, eben "ökologisches Paradigma" zu überführen ist.

In demselben Maße wie Entwicklungsrichtung und Ergebnisse des technologischen Wandels "legitimationspflichtig" (Beck 1986 S. 304) werden, gewinnt das wissenschaftlich-technische Handeln eine neue politische und moralische Dimension, die bisher für ökonomisch-technisches Handeln wesensfremd schien. Der "Fortschrittsglauben", als eine Art "irdische Religion der Moderne", wurde in der Vergangenheit insoweit entzaubert, als die gesellschaftlichen und ökologischen Risiken der Industriegesellschaft nicht mehr beherrschbar wurden. "Die Faszination, die der Ersatzgott Fortschritt in der Epoche der Industriegesellschaft auf die Menschheit ausgeübt hat, wird um so erstaunlicher, je näher man seine nur allzu irdische Konstruktion betrachtet" (ebenda S. 345). Die Entgegensetzung von Gesellschaft und Natur in Form der dominanten Überordnung der Gesellschaft führte nicht nur zu einer industriell forcierten Zersetzung der ökologischen und natürlichen Grundlagen des Lebens, sondern auch zu einem krisenhaft negativen Wechselbezug von Natur und Gesellschaft, der eben diese Entgegensetzung beendet: "Natur kann nicht mehr ohne Gesellschaft, Gesellschaft kann nicht mehr ohne Natur begriffen werden" (Beck S. 107). Die sozialökologischen Bedrohungen der industriellen "Zweitnatur" haben mittlerweile Risikopotentiale angehäuft, die in der Lage sind, wenngleich nicht alle Lebensformen, so doch die Gattung Mensch auszulöschen. Beck spricht hier von einem Paradigmawechsel, von der klassischen Industriegesellschaft hin zur "Risikogesellschaft" der Moderne. Mindestens ein "dreifaches Nicht" trennt die ökologischen, atomaren, chemischen und genetischen Großgefahren von den "normalen" Risiken herkömmlicher Industrialisierung. Sie sind erstens örtlich, zeitlich und sozial nicht eingrenzbar, sie betreffen neben Produzenten und Konsumenten auch unbeteiligte Dritte - einschließlich der Ungeborenen; zweitens sind sie nicht zurechenbar nach den Regeln von linearer Kausalität oder wissenschaftlicher Prognose; drittens sind sie aufgrund irreversibler und globaler Zerstörungen im Prinzip nicht mehr kompensierbar (vgl. Beck S. 28 ff.). Aus diesem Grund stehen die technischen Wissenschaften immer deutlicher vor einer tiefgreifenden historischen Zäsur: Entweder sie begegnen den selbst geschaffenen Risikofolgen mit nahezu unwirksamen Nachsorge- und Sanierungsstrategien oder "sie stellen sich den Herausforderungen einer echten präventiven Risikobewältigung" (Beck S. 94 ff.). Leider stehen aber der sehr ausführlichen subtilen und differenzierten [S.6] Analyse Becks nur wenige Vorschläge zu alternativen Handlungsansätzen gegenüber. Diese müssen im wesentlichen in drei Bereichen gesucht werden:

  1. Die "implizite Ethik" der Risikogesellschaft muß aufgedeckt und in ein positives Handlungskonzept gewendet werden.
  2. Zielsetzung, Struktur und Forschungsweise der modernen Wissenschaften ist zu reformieren.
  3. Es bedarf einer neuartigen, selbstorganisierten Kontrolle, sowohl von Gesellschaft als auch von Wissenschaft und Technik, in bezug auf die Bestimmung der Entwicklungsrichtung des industriellen Fortschritts.

Zu 1.:

Hier ist entscheidend die Frage zu beantworten: Wie wollen wir zukünftig leben? Was ist das eigentliche Humanum an der menschlichen Gesellschaft sowie der Eigenwert des Natürlichen in der Natur, das es zu bewahren gilt? "Diese Alt-Neu-Fragen, was ist der Mensch?, wie halten wir es mit der Natur?, mögen hin- und hergeschoben werden zwischen Alltag, Politik und Wissenschaft. Sie stehen im fortgeschrittensten Stadium der Zivilisationsentwicklung wieder ganz oben auf der Tagesordnung - auch bzw. gerade dort, wo sie noch die Tarnkappe mathematischer Formeln und methodischer Kontroversen tragen. Risikofeststellungen sind die Gestalt, in der die Ethik und damit auch: die Philosophie, die Kultur, die Politik -, in den Zentren der Modernisierung - in der Wirtschaft, den Naturwissenschaften, den Technikdisziplinen wieder aufersteht" (Beck S. 37).

Zu 2.:

Die "Risikogesellschaft" verdeutlicht endgültig, daß die bestehende Forschungs- und Wissenschaftspraxis nicht mehr auf einen konsistenten Wahrheitsbegriff verweisen kann: "Sie ist in den vergangenen drei Jahrzehnten von einer Tätigkeit im Dienste der Wahrheit zu einer Tätigkeit ohne Wahrheit geworden" (ebenda S. 271). Die Not dieses "forschungspraktischen Fallibilismus" kann aber durchaus dann zur Tugend werden, wenn sich der apodiktische Anspruch auf Wahrheit öffnet, hin zu einer Wahrheitssuche, die verschiedene gleichwertige Optionen wissenschaftlicher Problemlösungen zuläßt. Es besteht sogar die Chance, daß Wissenschaft "menschlich" wird und "voller Irrtümer und Fehler" steckt. "Auch ohne Wahrheit läßt sich Wissenschaft betreiben, vielleicht sogar besser, ehrlicher, vielseitiger, frecher, mutiger" (ebenda S. 272). Die Methodenvielfalt eröffnet darüber hinaus die Möglichkeit einer besseren und wirksameren Selbstkontrolle sowie einer korrigierenden Selbstkritik wissenschaftlichen Handelns. "Kritik bedeutet Fortschritt. Nur dort, wo Medizin gegen Medizin, Atomphysik gegen Atomphysik, Humangenetik gegen Humangenetik, Informa- [S.7] tionstechnik gegen Informationstechnik steht, kann nach außen hin übersehbar und beurteilbar werden, welche Zukunft hier in der Retorte ist" (ebenda S. 372).

Zu 3.:

Im Unterschied zu einem ökologisch orientierten Staatsinterventionismus, der die Gefahren eines wissenschaftlichen Autoritarismus und überschäumender Bürokratie in sich trägt, plädiert Beck für ein selbst organisiertes Kontrollsystem, daß in "Formen experimenteller Demokratie ... neue Formen direkter Mitsprache und Mitkontrolle jenseits von zentralisierten Steuerungs- und Fortschrittsfiktionen erproben" kann (ebenda, S. 368).

Trotz dieses Einbeziehens technologischer Entwicklung und Folgen in die "Risikogesellschaft" kann jedoch insgesamt das Verhältnis von Technologie inklusive der damit verbundenen Implikationen fortschrittlicher Entwicklung und Gesellschaft bzw. Sozialwissenschaft nicht als geklärt betrachtet werden. Offenbar entzünden sich im gesellschaftlichen Umfeld an der Realität und am Begriff 'Technik' erbitterte politische, ideologische und auch soziale Konflikte. "Mit dem Begriff der Technik verbindet sich offenbar die Polarisierung in die zwei Gruppen, deren eine die Technik für gleichbedeutend mit Fortschritt erachtet und deren andere sie für die Verkörperung von Ungeist, Verantwortungslosigkeit und kulturellem Niedergang hält" (Weingart 1989a, S. 8). Jedoch folgt aus beiden gegensätzlichen Positionen eine gemeinsame Quintessenz: In der hochkomplexen Industriegesellschaft sind technologische Prozesse nicht ohne gesellschaftliche und umgekehrt gesamtgesellschaftliche Entwicklungen nicht ohne technische Entwicklungsprozesse vorstellbar. "Technik als sozialer Prozeß" (Weingart) ist demzufolge weder als einseitiger Technikdeterminismus zu verstehen - nach dem Technikentwicklung den Fortschrittsprozeß determiniert - noch als simpler 'Sozialdeterminismus' technologischer Entwicklung, was eine beliebige soziale Gestaltbarkeit technischer Prozesse bedeuten würde. "Selbst wenn man nicht mehr einem naiven Technikdeterminismus anhängt und längst aus einem technikkritischen Impetus heraus die gesellschaftlichen Instanzen dingfest gemacht hat, die für die Entwicklung der einen oder anderen Technik verantwortlich gemacht werden, ist damit die beliebige Gestaltbarkeit noch nicht gegeben. Auf einmal zeigt sich, daß technische Entwicklungspfade nicht ohne erhebliche Kosten, wenn überhaupt, zurückgegangen oder gar verlassen werden können, daß die 'Natur' nicht nach beliebigen, sozial wünschbaren Parametern verfügbar ist" (ebenda, S. 9). Von daher müsse Technik in die Theorie des sozialen Wandels einbezogen sein, um damit die Trennung zwischen Modellen der Technik als Kausalfaktor sozialen Wandels und Modellen der sozialen Determinierung der Technik aufzuheben. "Eine Theorie sozialen Wandels müßte beide Aspekte, gesellschaftlichen Wandel und Technikentwicklung, als aufeinander bezogene Prozesse auf die gleiche analytische Erklärungsform bringen" (ebenda, S. 12).

[S.8] Insbesondere können für Weingart (1989b) "großtechnische Systeme" als Paradigma der Verknüpfung von Technikentwicklung und sozialem Wandel angesehen werden. Insbesondere ist die Beziehung zwischen technologischen Systemen und ihrer sozialen Umwelt als reziprok, reflexiv und selbstreferentiell zu charakterisieren: "Reziprozität ist über die Orientierung an Normen und Regeln einerseits, über die Erfahrungen in der Verwendung von Technik andererseits gegeben. Reflexiv ist die Beziehung, insofern in den jeweiligen Systemen besondere Verarbeitungsweisen entwickelt werden, mit denen die Orientierung an Normen in einem Fall, Reaktionen auf die Auswirkungen von Techniken im anderen, umgesetzt werden. Dies geschieht im Fall großtechnischer Systeme und ihrer politischen Umwelt in der Form systematischer Wissensproduktion (Technikfolgenabschätzung, Umweltforschung etc. sowie die entsprechende Anpassung der Technik) ... Selbstreferentiell ist die Beziehung in dem Sinne, daß die Verarbeitung jeweils systemspezifisch erfolgt: Das großtechnische System reagiert mit Verbesserung der Technik, das politisch-administrative System mit Verfeinerung der regulativen Normen usw. Dieser Charakter der Beziehung zwischen jedem großtechnischen System und seiner je spezifischen Umwelt impliziert deren gemeinsame Entwicklung. Mit anderen Worten: Technischer und sozialer Wandel sind aufeinander bezogen" (Weingart 1989b, S. 193 ff.).

Da es mir nicht möglich ist, im Rahmen dieser Arbeit eine umfassende Darstellung der Diskussion des Verhältnisses von Gesellschaft und Technologie vorzunehmen, mögen diese beispielhaften Ansätze einer Charakterisierung von 'Technik als sozialer Prozeß' genügen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich daher soziale Prozesse implizit als wichtige Randbedingung für technologischen Fortschritt betrachten, wobei die Kategorie 'Mensch' in aggregierter Weise natürlich-physiologische, vernünftig-reflektierende, kreativ-produzierende sowie sozio-kulturelle Eigenschaften umfaßt und damit eine umfassende Kommunikationsfähigkeit im Mensch-Natur-Technologie-Gefüge zum Ausdruck bringen soll. Ich möchte daher die Kategorie 'Mensch' im weiteren Fortgang als systemische verstanden wissen, die einerseits als 'Element' im Gesamtsystem Mensch-Natur-Technologie und andererseits als Eigensystem bzw. Subsystem humaner 'Eigenwerte' fungieren soll.
In analoger Weise sind die Kategorien 'Natur' und 'Technologie' einzuordnen. Dazu später mehr.

Der begrifflich systematische Ansatz, in der Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik eine eigene gesellschaftliche Dynamik zu erkennen, führt historisch bereits auf die 60er Jahre zurück. Dort hatte beispielsweise auf dem Höhepunkt des sog. "Prager Frühlings", die "Richta-Gruppe" eine kritische Analyse des Zusammenhangs von technischem Fortschritt und industrieller Gesellschaft vorgenommen und eine Abkehr von mechanistischen Wachstumsmodellen vorgeschlagen [S.9] (Richta 1972).3 Im Umfeld des ersten Berichts des 'Club of Rome' entwickelte sich die Diskussion über die Wachstumsgrenzen des Industriesystems sehr bald zu einer genaueren Untersuchung des "Fortschrittsmythos"4, dessen kritisierter, theoretisch begrifflicher Gehalt in der aufkeimenden Ökologiebewegung sehr praktische Bedeutung erhalten sollte. So stellte Hieber die Frage: Ist der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt noch demokratisch kontrollierbar? Und stößt dabei auf das Phänomen der Entfremdung der modernen Naturwissenschaften vom Alltagsbewußtsein und sieht in der "Wiederaneignung der verwissenschaftlichen Umwelt" einen Ausweg aus der umweltzerstörerischen Rolle von Naturwissenschaft und Technik. "Erst wenn es jedenfalls gelungen sein wird, den rasanten technisch-wissenschaftlichen Fortschritt ... in den Verstehenshorizont der handelnden Individuen hereinzuholen, wird eine Grundlage für demokratische Entscheidungen bezüglich einer künftigen, nicht ausschließlich am ökonomischen Nutzen, sondern an ... menschlichen Bedürfnissen und Interessen ausgerichteten Gestaltung der technischen Umwelt vorhanden sein" (Hieber 1980 S. 74). Die in dieser Tradition stehende Denkrichtung, nämlich nach der "Zukunft des Fortschritts" zu fragen (vgl. Strasser/Traube 1981), hat im wesentlichen zwei grundsätzliche Problemlösungsbereiche entwickelt: Zum einen soll Fortschritt in eine demokratische Weiterentwicklung der Gesellschaft und eine entsprechende Kontrolle von Naturwissenschaft und Technik einmünden und zum anderen "im Einklang mit der Natur" stehen und den blochschen Gedanken einer "Allianz-Technik" aufgreifen, um zu einer ökologisch verträglichen Industrieentwicklung zu gelangen.5

Jedoch lassen die obengenannten Darstellungen das Verhältnis von alternativer Technik und wissenschaftlicher Forschungsweise im Kontext deren beider spezifisch konkreter Eigengesetzlichkeit und Dynamik nicht die nötige Klarheit erkennen, so daß auf diese Weise die Forderung nach einem anderen Fortschrittsmodell lediglich als gesellschaftspolitische Zielsetzung erscheint, ohne dabei die spezifischen Probleme des "Stoffwechsels" zwischen Natur und Gesellschaft in bezug auf Naturwissenschaft und Technik genügend konkret berücksichtigt zu haben. Wissenschaftlich-technischer Fortschritt wird auf diese Weise verkürzt zu einem Problem gesellschaftlicher Kontrolle und technischer Anwen- [S.10] dung naturwissenschaftlicher Forschung: "Doch der Weg zur alternativen Technik führte zumeist gar nicht über eine grundsätzliche Kritik der "neuzeitlichen" Wissenschaft. Die Technik, die die Wärmedämmung von Häusern und die Sonnenkollektoren auf ihren Dächern ermöglicht, beruht auf der gleichen Wissenschaft, die auch zum Bau von Atomkraftwerken angewendet wird. Nicht die Wissenschaft als solche, sondern der institutionalisierte Wissenschaftsbetrieb bringt vorzugsweise Atomkraftwerke statt des Sonnenkollektors auf dem Dach hervor" (Strasser/Traube S. 147). Die gegenseitige Durchdringung von wissenschaftlicher Forschungspraxis und technischer Rationalität sowie die Abhängigkeiten gesellschaftspolitischer Konzepte von 'Naturbild' und 'Wissenschaftsideal' bleiben bei dieser "halbwahren" Betrachtungsweise ausgeblendet.

Theoretisch begriffliche wie praktisch politische Analysen und Handlungskonzepte zum Zusammenhang von technischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Auswirkungen erlangen in den 80er Jahren einen zentralen Stellenwert: so z.B. in der Einsetzung von Enquete-Kommissionen im deutschen Bundestag zum Bereich Technikbewertung und Technikfolgenabschätzung6 oder zu "Chancen und Risiken der Gentechnologie"7, deren Ergebnisse und Konsequenzen im Verlauf der weiteren Untersuchung punktuell wieder aufgegriffen werden sollen. Neben dem Aspekt der Technikgestaltung und Technikfolgenabschätzung muß ferner erwähnt werden, daß in umfangreichen Untersuchungsprogrammen versucht wird zu klären, in welcher Weise die "Sozialverträglichkeit" und Technikentwicklung gewährleistet werden kann. Technikentwicklung soll sich "an gesellschaftlichen Grundwerten" orientieren und "auf der Grundlage mittel- und langfristig wünschbarer Zukunftsentwürfe" aktiv gestaltet werden. "Fortschritt bestimmt sich somit nicht nur durch die Förderung einer neuen Technik, sondern auch durch die Vermeidung und Verhinderung riskanter ökologischer, sozialer oder friedensgefährdender Folgen" (vgl. Kreibich, Grundlinien politischer Technikgestaltung in: Zöpel 1988 S. 116).

Trotz dieser m.E. wünschenswerten Zielsetzung nach einer sozial- und umweltverträglicheren technologischen Arbeitsweise darf ein wesentliches Problem nicht übersehen werden, nämlich die Tatsache, daß die genannten gesellschaftspolitischen Forderungen zumeist "von außen" an den Naturwissenschafts- und Technikbetrieb herangetragen werden. Dabei stellt sich die Frage: Kann tatsächlich in jedem Fall unterstellt werden, daß die gesellschaftspolitische Anforderung an ein alternatives Fortschrittsmodell und damit einer geänderten wissenschaftlich-technischen Arbeitsweise auf [S.11] der Basis herkömmlicher Methoden von Naturwissenschaft und Technik überhaupt erfüllbar ist? Immerhin wäre es denkbar, daß, um die obengenannten Forderungen zu erfüllen, naturwissenschaftlich-technische Eingriffe in die Natur selbst sowie Wissenschaftsideal und Forschungspraxis tiefgreifend geändert werden müßten, und nicht nur deren Anwendungen in sozial- und umweltverträgliche Bahnen zu lenken wären. Immerhin ist empirisch festzustellen, daß "vor allem Naturwissenschaftler, die sensibel und beunruhigt den technischen 'Fortschritt' verfolgen und sich ernsthaft Gedanken - und nicht nur Gedanken - machen über eine andere Technik" (Ullrich 1977 S. 393). Dies kann zunächst zumindest als Indiz dafür gewertet werden, daß quasi auch "von innen" nach einem angemessenen Naturwissenschafts- und Technikmodell gesucht wird, das gesellschaftliche Zukunft sichern hilft. Folgerichtig fordert daher Ullrich ein "neu zu bestimmendes Wahrheitskriterium" naturwissenschaftlich-technischer Praxis, um eine tiefgreifende Neuvermittlung "zwischen dem 'Eigenleben der Natur' wie es sich z.B. in Form ökologischer Gesetze darstellt, und den produzierbaren Bedürfnissen der Menschen" tatsächlich zu erreichen (vgl. Ullrich S. 410).


1 - 1981 ergab eine Umfrage des Allensbach-Instituts, daß von 1966 bis 1981 der Anteil derjenigen an der Gesamtbevölkerung, die die Technik für einen Segen halten, von 75 % auf 30 % zurückgegangen ist (vgl. Lübbe 1990 S. 7 ff., Meyer-Abich 1988 S. 16).

2 - Daß dieser Befund auch durch empirische Daten verschiedenster wissenschaftlicher Institutionen bestätigt wird, soll hier nicht näher erwähnt und ausgeführt werden.

3 - Vgl. Ulf Skirke (1975)

4 - Erhard Eppler, Die Qualität des Lebens, in: Aufgabe/Zukunft. Qualität des Lebens. Band 1, Frankfurt am Main 1973.

5 - Nach Joseph Huber (1978) läßt sich die Zielsetzung der ökologisch orientierten Demokratisierungsforderung in vier Punkten zusammenfassen: "1. Humanisierung anstelle von Technokratisierung, 2. Demokratisierung anstelle von Machtzentralisierung und Klassenherrschaft, 3. Effektivierung anstelle von dysfunktionaler Krisenanfälligkeit, 4. Selbstorganisierung anstelle von Veränderungen, die den Betroffenen von außen oben oder unten unorganisch übergestülpt werden" (S. 131).

6 - Vgl. Christoph Zöpel (Hg) Technikkontrolle in der Risikogesellschaft, Bonn 1988 S. 121 ff.

7 - Vgl. Hans-Walter Döring: Technik und Ethik. Die sozialphilosophische und politische Diskussion um die Gentechnologie. Frankfurt/Main 1988.