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> Einleitung Ein Buch über die Kälte »Cool« zu nennen, erscheint als große Dummheit. Es klingt, als hätte bei der Titelgebung schlechtes Schulenglisch Pate gestanden. Schließlich bedeutet »Kälte« etwas ganz anderes als »Coolness«. Das Adjektiv »cool« begann seine Karriere als Bezeichnung popkultureller Phänomene, fand schnell Eingang in die Umgangssprache besonders von Jugendlichen und gilt heute von der Werbung bis zur Politik als vage Umschreibung für etwas positiv Lässiges. Gegen Ende der neunziger Jahre war Kohl »cool«, ebenso wie die PDS oder die jungen Liberalen. Auch für Sondermodelle beliebter Automarken und sogar bei Finanzierungsmodellen von Banken wurde mit der Bezeichnung »cool« die Aura einer selbstbewußten Modernität und Stilisiertheit heraufbeschworen. Kurzum: Die ganze Welt wollte mit einem Mal »cool« erscheinen. »Cool« wurde zu einem der beliebtesten Komplimente. Und der inflationäre Gebrauch beraubte das Attribut jeder Präzision.
Anders erging es der Kälte. Das Bedeutungsfeld blieb überschaubar, ebenso klar definiert wie negativ besetzt. Umgangssprachlich wird der Begriff »Kälte« genutzt, um eine Temperatur zu beschreiben, bei der Menschen frieren. Als Metapher verwendet, beschreibt »Kälte« das zwischenmenschliche Klima in modernen Massengesellschaften. In der politischen Rhetorik waren der »Kalte Krieg« und der »kalte Osten« ebenso eindeutig besetzt, wie der »Prager« und »Moskauer Frühling«, welche die Eiszeit des Staatssozialismus beenden sollten. Kulturell hatte die Kältemetapher Ende der neunziger Jahre Konjunktur. In Filmen wie Der Eissturm oder Fräulein Smillas Gespür für Schnee, die beide 1997 in die Kinos kamen, wurde der Einbruch von Schnee und Eis zum Sinnbild für die Kälte der Gesellschaft. Die Kälte in der Natur ließ anschaulich werden, was zuvor kaum greifbar in den Beziehungen der Menschen als Vernichtungsarbeit aufschien, und ein deutscher Filmkritiker schrieb: »Die Herzen sind kühl, die Beziehungen frostig und das Schweigen klirrt wie Eis.« Wenig später besang Madonna den Frost, der die Herzen der Menschen befallen habe. »You are frozen / When your heart’s not open«, hieß es auf der LP Ray Of Light. Liebe, so mutmaßte der gereifte Popstar, scheitere Ende des 20. Jahrhunderts an der Unmöglichkeit, das gefrorene Herz des begehrten Anderen zum Schmelzen zu bringen.
Die negative Besetzung der Kältemetapher reicht bis in die Anfänge der Neuzeit zurück, doch allgegenwärtig wird sie erst im 20. Jahrhundert. Der Begriff »cool« ist wesentlich jünger und hat doch viel mit der gesellschaftlichen Kälte und dem inflationären Gebrauch der entsprechenden Metapher zu tun. So wie der Begriff in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Verwendung findet, umschreibt »cool« jene Haltungen, die den Eiswinden der Entfremdung trotzen – und dabei der Stigmatisierung entgehen. »Cool« ist der Versuch, den Kältepassagen der Existenz affirmative Strategien entgegenzusetzen. Der Begriff umschreibt einen kulturellen Kode, der sich bei seinem Bezug auf die Kälte zweier, scheinbar widersprüchlicher Arten bedient. Zum einen avanciert die »Kälte« zur Leitlinie einer ästhetischen Haltung, zum anderen erscheint die entsprechende Ästhetik als Leitlinie einer Lebenspraxis, die versucht, das Zerstörungspotential der Kälte für den Menschen zu überwinden. In dieser Spannung zwischen Affirmation und Überwindung des Affirmierten formiert sich die Semantik des »Cool« seit ihrem Entstehen. Die Metamorphosen und Irrwege dieses Prozesses aufzuzeigen, ist Anliegen des vorliegenden Buches.
Im folgenden soll »Kaltes« wie »Cooles« in seinen kaum überschaubaren Diversifikationen eingesammelt werden, wobei das Panorama der beschriebenen Phänomene keinen Anspruch auf Vollzähligkeit erhebt. Der existentielle Frost wird durch so unterschiedliche Bedrohungen wie Anonymität oder Funktionalismus hervorgerufen und wirkt auf das psychische System des Menschen ebenso, wie die meteorologisch meßbare Kälte seine Physis herausfordert. Auch im Umgang mit Eis und Schnee entwickelten sich Strategien, deren Ahnen die Polarforscher und Alpinisten sind. Das Buch versucht die Verschränkungen der realen wie metaphorischen Kältephänomene mit »coolen« Haltungen und Strategien herauszuarbeiten. Damit wird deutlich, daß eine »coole« Lebenspraxis herausgefordert wird durch die Kälte im symbolischen wie im realen Sinn. »Coolness« ermöglicht den Menschen mit der Kälte zu leben, statt in ihr zu erfrieren. Die Ästhetik des »Cool« macht die Kälte der Entfremdung stilisierbar und gibt Methoden an die Hand, die Pracht einer Welt, die zum »Eispalast« (Jean Paul) geworden ist, zu genießen.
Das Überwinden einer kalten Gesellschaftsordnung kann nur von denjenigen betrieben werden, die Kälte aushalten und die kalte Welt als notwendige Passage auf dem Weg in eine bessere Welt verstehen. Die westliche Zivilisation müßte, wie Joseph Beuys es formulierte, erst einen »Kältepol« erreichen, bevor ein neuer sozialer Organismus entstehen könne. Das »Cool« als Haltung, Diskurs und Ästhetik wendet sich, nervös und aufmerksam, den Gefahren zu, die der menschlichen Temperierung drohen, und versucht sie aushaltbar zu machen. Als individuelle Praxis dient die Haltung des »Cool« wie eine Rüstung der Abwendung von Unheil auf psychischer und körperlicher Ebene. Das Exoskelett läßt Berührungen wie Attacken abprallen, schafft eine Distanz, die den Ekel vermeidet und den Nahkampf erlaubt. Der Invasion des psychischen Systems durch Medien und Umwelt wird mit emotionaler Dissidenz begegnet. »Cool« sein heißt, nicht verführt werden können, wenn man es nicht will. Es heißt, nicht verletzt werden können, wenn man es nicht will. Es heißt, Kontrolle als Schutz und Schutz als Kontrolle zu verstehen – analog zu Alpinisten und Polarforschern, die sich mit Schutzbekleidung die tödliche Kälte vom Leib halten, um sich in ihr zu bewegen.
Läßt sich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als Phase emphatischer Kälte-Bejahung, als Labor affirmativer Strategien auffassen, hat sich in dessen zweiter Hälfte eine Praxis entwickelt, die zunehmend souverän mit der Kälte umgeht, ihr affirmativ oder kritisch begegnet, ohne sich nach der vermeintlichen Wärme der alten Zeit zurücksehnen zu müssen. Die Kälte hat ihren Schrecken nicht verloren, aber sie erscheint bewältigbar. Diese Handhabbarkeit der Kälte ist zu einer Existenzfrage unserer Zivilisation geworden; weite Felder der kulturellen Produktion haben sich ihr verschrieben. Die Haltung und die Ästhetik des »Cool« – der Begriff kann aufgrund seiner vagabundierenden Semantik nur in Anführungszeichen verwendet werden – umschreiben somit jene kulturellen Kodes, die dem Terror der Entfremdung mit Selbstvertrauen begegnen. Es geht darum, die Kälte als Effekt von Rationalismus und Funktionalismus zu nutzen, um sich in der Affirmation der Entfremdung selbst zu stilisieren: nicht als Opfer der modernen Zeiten, sondern als ihr Konsument und Vordenker. Entscheidend ist der Moment, in dem aus einer Abwehrhaltung eine Angriffshaltung wird. Nur durch diese Schubumkehr entwickeln sich Freiräume, wird die Gängelung überwunden, die noch im bloß Reaktiven durchschlägt, entsteht Freiheit. Dies ist, wozu die wenigen Ikonen des »Cool« ermutigen. Andere – das wird nicht verschwiegen – sind an dieser Herausforderung gescheitert.

> Das Thermoskelett »Wir alle sterben in einem Panzer von Eis«, schrieb der Genforscher Erwin Chargaff Ende der siebziger Jahre in seinen Memoiren und deutete auf einen Erkaltungsprozeß der Moderne.
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