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Tagesspiegel > Cool sein hilft zum Glück – Mit der Kälte leben, statt in ihr erfrieren.
Ein Gespräch mit dem Autor Ulf Poschardt

Sie haben ein Buch über die Kälte geschrieben, eine Kulturgeschichte ...nicht über Kälte, sondern über Cool, eine Ästhetik und eine Haltung, die auf Kälte reagieren. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Kälte übt auf mich eine große Faszination aus. Ich habe mich von klein auf für Dinge interessiert, von denen andere Leute immer behauptet haben, sie sind kalt. Bücher, Häuser, Platten, Helden. Das fing damit an, als ich ganz früh, also faktisch vom ersten Moment der Selbstwerdung als Kind, sozusagen mein Kinderzimmer leer geräumt habe. Leer, sauber, ordentlich.

Was haben Sie 'rausgeräumt?

So viel als möglich. Ich stamme aus einem 68er-Haushalt, und für meine Selbstverwirklichung war eine Korkwand vorgesehen, da sollte ich meine Fantasie ausleben. Ich fand eine weiße Wand cooler, nur ein kleiner »Deep Purple«-Sticker dran, sonst nichts. Die Korkwand blieb leer.

Und was war die Lieblingsmusik des kleinen, coolen Ulf Poschardt?

Um meine Biografie mit dem Anschein von Stringenz zu versorgen, sage ich jetzt: »Kraftwerk«. Die abstrakteste Musik, die denkbar ist. Ein Hippie-Onkel hat »Kraftwerk« und »Tangerine Dream« aufgenommen. Da war ich Zehn. Kurz darauf kam New Wave, der vielleicht pubertärste Sound aller Zeiten. Er wurde zum Soundtrack meiner ersten existienziellen Nöte: Pickel, Sartre, Engtanz-Partys. Meine Vorbilder hatten schwarze Kleider, Haare über den Augen und waren heroisch unglücklich. Also habe ich das auch versucht - mitten in der fränkischen Provinz. Mein Buch ist eine Verneigung vor New Wave.

Wenn zu Ihnen jemand sagt, Sie sind kalt ...

Das habe ich schon oft gehört. Ich bin mir immer nicht sicher, ob das ein Kompliment sein soll oder eine Beleidigung.

Sie schreiben: " »Coolness« ermöglicht den Menschen, mit der Kälte zu leben, statt in ihr zu erfrieren." Und: "Das Leben in der Kälte ist die Lebensform der Zukunft, wenn sich die Zivilisation in der Konsequenz des letzten Jahrhunderts weiterentwickelt."

Das sind Feststellungen. In meinem Buch geht es unter anderem um die Frage: Wie reagiert man auf eine Welt, die - so scheint es manchmal - dazu da ist, viele Menschen zu verletzen? Die Abstraktheit unserer Lebensverhältnisse nimmt zu, und mit diesem Anwachsen der Abstraktion muss die zunehmende Distanz zu Dingen und Menschen besser ausgehalten werden. Oder die Entfernung muss sublimiert werden, wie im Cyber- und Telefonsex. Wir müssen Spaß aus der Entfremdung destillieren.

Und, wie macht man das?

Moment, Sie dürfen mich nicht missverstehen. Ich habe keinen Ratgeber geschrieben. Ich betrachte nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten ein kulturelles Phänomen. Und dabei ist für mich der Begriff Lebenstechnik wichtig. Denn in Zeiten wie den unseren können die Leute irrsinnig gut mit Technik umgehen, sie können alles Mögliche professionell handhaben, nur eines wird immer katastrophaler: das Leben. Egal, wieviel die Leute verdienen, wie erfolgreich sie sind, was am wenigsten gekonnt wird, ist mittlerweile das Leben, um es mal ganz trivial zu sagen. [...] Man setzte das Leben also sozusagen in Anführungszeichen, man betrachtete das Leben als ein Projekt. Die vorrangige Aufgabe der Philosophie [schon in der Antike] war, den Menschen beim Leben zu helfen. Zeitgenössische Theorie darf daran anknüpfen.

Man verlernt die Kunst zu leben. Woran machen Sie das fest?

Damit verbunden ist eine allgemeine Haltungslosigkeit. Das hört sich altmodisch an. Sagen wir Haltungsarmut, das hört sich etwas freundlicher an. Dahinter verbirgt sich eine langweilige Gleichgültigkeit sich selbst gegenüber. Ich glaube, dass das den Menschen so ziemlich alles raubt, was den Spaß zu leben ausmacht, auch die Spannung zur Welt hin aufrechterhält.

Wo genau sehen Sie diese Haltungsarmut?

Der stereotype Blickwinkel auf die Welt normiert die Menschen. Dieser Blick wird auch medial konstruiert. Medien werden zu Agenten einer forcierten Haltungslosigkeit.

Wenn wir schon bei den Medien sind: Sie sind vor drei Monaten als Chefredakteur des »SZ-Magazins« im Zuge der Affäre um die möglicherweise gefälschten Prominenten-Interviews von Tom Kummer entlassen worden. Wenn Sie zurückblicken...

... freue ich mich, dass heute nahezu jeder die Scheinheiligkeit der Debatte erkannt hat. Chefredaktionen wie Verlagsmanager, mit denen ich gesprochen habe, bestätigen: Die Selbstgerechtigkeit der Kritiker war zu groß, die Kritik an uns zu maßlos, die Unterstellungen zu durchschaubar.

Zurück zur Kälte. Sie schreiben: "Gerade der Minimierung des Gefühlsverhaltens kann eine Präzision zu Grunde liegen, deren Aussagekraft durch mangelnde Beherrschung geschwächt wird." Ist für Sie der Weg in die Kälte auch der Weg zum Glück?

Sie können bei einem dialektischen Text nicht einzelne Thesen herausnehmen und Behauptungen daraus machen. Ich schreibe an anderen Stellen auch von den Gefahren der Kälte. Und Glück? Ich kann im Grunde genommen Glück nur als ein Empfinden von höchster Unwahrscheinlichkeit bezeichnen. Um Momente intensiver Glücksgefühle zu erleben, muss zu brachialen Mitteln gegriffen werden.

Pessimisten reden vom allmählichen Untergang des Menschen. Das passt zu manchen Entwicklungen in der Wissenschaft: Der Mensch verwandelt sich in einen Roboter.

Ich denke schon, dass wir in einer Zeit leben, die von beschleunigten Sterbeprozessen bestimmt ist. Der Mensch wird mit immer mehr Schnittstellen zur Technik versehen. Das Kälterwerden des Menschen in Gestalt von Rationalität und Kontrolliertheit ist auch Ergebnis einer immer engeren Synthese zwischen Mensch und Technologie.

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq lässt in seinem Bestseller »Elementarteilchen« den Menschen sterben, der dann, gentechnisch behandelt, eine neue Lebensform annimmt.

Das finde ich eine tröstliche Vorstellung.

Wie bitte? Das soll tröstlich sein?

Der alte Mensch. Es kommt ein neuer. Es stirbt etwas, es entsteht etwas Neues. Ich glaube, die Menschen treten in die Phase ein, nachdem Gott tot ist, werden sie sozusagen die Schöpfer ihrer selbst. Ich wüsste nicht, wo ich eine tröstlichere Utopie finden könnte.

Reden wir von einem lebendigen Menschen. Michael Schumacher, für viele der Inbegriff an kalter Professionalität. Bis er neulich seinen Weinkrampf bekam.

Ich bewundere Michael Schumacher ohne Ende. Er fährt einfach am allerbesten Auto und weigert sich, den Medien mehr zu geben, als seine professionelle Hülle, die nichts von ihm verrät. Er ist ein Panzer aus Eis. Als er geweint hat, konnte ich kaum hinsehen. Da habe ich erst kapiert, auf welch zynische Weise er sonst von seiner Innenwelt ablenkt. Die Rettung war das rote Baseball-Käppi mit der »Dekra«-Aufschrift. Schumi blickte nach unten, und auf einmal war nur mehr das Käppi zu sehen. Das hatte Grazie.

Die Überschrift in der Bildzeitung hieß: "Wir haben Dein Herz gesehen".

Die Tränen, das Elend und die Tragödie des Helden werden zu Trophäen der Medien.

Sie schreiben: "Die Kälte, die zwischen den Geschlechtern entstand, war ein Effekt der einsetzenden Emanzipation der Frau, die sich nicht länger über die Erwartung einer patriarchalen Gesellschaft definiert wissen wollte". Mit diesem Satz werden Sie sich sicher viele Freunde machen: Emanzipation ist Schuld an der Kälte.

Die Emanzipation ist einer der Kältegeneratoren der Moderne: auf jeden Fall. Die Verschiebung der Geschlechterrollen hat Beziehungen schwieriger werden lassen. Cool ist weitgehend eine männliche Haltung und Ästhetik. Dies schließt auch ein zum Teil rührend ungeschicktes Missverständnis der Frauen mit ein.

Herr Poschardt, Sie gelten als eine Art intellektueller Vordenker mancher junger Schriftsteller, etwa der Leute, die das flott-arrogant-elitäre »Tristesse Royale«-Gesprächsbuch veröffentlicht haben.

Was die Arbeit angeht, gibt es keine inhaltlichen Gemeinsamkeiten. Wir stehen ab und zu auf derselben Party herum und tragen manchmal ein ähnliches Hemd, das ist alles.

Sie haben momentan viel Zeit. Ist Ihnen der Abschied vom Chefredakteurdasein schwer gefallen?

Zunächst ja. Ich habe mich morgens immer ein bisschen geschämt, weil ich nicht ins Büro gehen durfte. Da fühlt man sich so versagermäßig. Aber mittlerweile sieht mein Arbeitszimmer wieder wie mein Büro aus. Nach Feierabend schließe ich dort die Tür ab und freue mich auf den nächsten Morgen, wenn ich wieder an den Schreibtisch darf. Sie sehen: Ich liebe Entfremdung.

Das Gespräch führten Christoph Amend und Stephan Lebert. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
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Intro > Weitermachen, mit möglichst wenig Illusionen

Die meisten von uns könnten sich gut vorstellen, hoffen vielleicht gar, es zu sein. Die Industrie bewirbt gerne ihre Produkte damit. »Cool« ist eines dieser Worte, dessen Bedeutung je nach Betonung differiert. Wir kennen Cool Jazz, Cool Runnings, und Nick Lowe kannte sogar den »Jesus of Cool«. Gleichzeitig begegnet man einer Konjunktur der Kälte-Metaphorik bei der Beschreibung gesellschaftlicher, sozialer Verhältnisse, behauptet jedenfalls Ulf Poschardt (»DJ Culture«, »Anpassen«, bis vor kurzem Chefredakteur des SZ-Magazins), der sich in seinem neuen Buch auf eine ausgedehnte Expedition in die Kälte begeben hat. Auf seiner Route begegnen uns u. a. der russische Konstruktivismus, Franz Kafka, James Dean, Joy Division, Marcus Garvey, die hellenistische Stoa, Michael Mann, Matthew Barney, Foucault, Heidegger und Nietzsche, kurz: ein geistesgeschichtliches Panorama von Greil Marcus‘schem Ausmaß. Den Begriff »Cool« hat er dabei mit gutem Grund konsequent in Anführungszeichen gesetzt. Früh liest man folgende Passage: "Die Ästhetik des »Cool« macht die Kälte der Entfremdung stilisierbar und gibt Methoden an die Hand, die Pracht einer Welt, die zum Eispalast (Jean Paul) geworden ist, zu genießen. Das Überwinden einer kalten Gesellschaftsordnung kann nur von denjenigen betrieben werden, die Kälte aushalten und die kalte Welt als notwendige Passage auf dem Weg in eine bessere Welt verstehen." Diese DENNOCH-Haltung des »Cool« verheißt zwar kaum subjektives Glück, dafür aber einen geschichtsphilosophisch unterfütterten SINN (big sinn!) der gewählten (?) »coolen« Existenz. Da lohnt die Rückfrage. ULRICH KRIEST traf auf einen auskunftsfreudigen Ulf Poschardt.

Erst DJ-Culture, dann Mode, jetzt eine Lebenstechnik - folgt diese Themenwahl einer inneren Logik, persönlichen Interessen?

Auch. Wer alle drei Bücher genau gelesen hat, wird merken, dass im vorhergehenden immer der Nukleus des nächsten steckt. In »DJ-Culture« gab es ein Kapitel über Dancefloor-Style, wo das jahrelange Nachdenken über Mode zum ersten Mal in einen Text fließt. In »Anpassen« wiederum gab es ein Kapitel über »Cool als letztem Ausschlussverfahren«. Es markiert fast einen Übergang zu dem aktuellen Buch. Die Texte wachsen organisch aus sich selbst. Natürlich lassen sich Bücher auch biografisch erklären: als einer Logik der Leidenschaften folgend, die zwanghaft beschrieben werden wollen: die Platten, die man hört, die Kleider, die man anzieht, die Haltungen, für die man sich interessiert. Wer »Cool« liest und dabei von romantischen Gefühlen beschlichen wird, liegt auch nicht falsch.

Es gilt als »cool«, etwas zu wissen oder zu besitzen. Auch wird bestimmten Produkten oder Haltungen eine verkaufsfördernde »Coolness« eingeprägt. Was hat das PR-»Cool« mit der DENNOCH-Haltung des »Cool« zu tun? Interagieren beide Facetten? Ist eine Entwicklung denkbar, in der es »cool« ist, »uncool« zu sein?

Im Laufe meiner Arbeit hat der Begriff ein semantisches Eigenleben begonnen. »Cool« hat sich weitgehend von der umgangssprachlichen Benutzung abgekoppelt und findet doch immer wieder dazu zurück. Das »Cool«, das in der Werbung wie sauer Bier angeboten wird, hat kaum etwas zu tun mit dem DENNOCH, das mein Text vorgibt. Und dennoch: das Wort ist identisch und hat dieselben Wurzeln. Die semantische Nutzung des Begriffes in den Medien ist selbst Ergebnis einer Abkühlung: der Begriff ist bis zur Idiotie verkümmert. Aber gerade deshalb hat der Begriff die Chance, dass er einem wieder ans Herz wachsen kann. Die Idee dahinter ist fast romantisch: »cool« müsste wieder »cool« werden dürfen. Uncool ist es schon längst.

Wo situiert sich ihr Meta-Text zum Thema »Cool« zwischen der Ästhetik des Cool und den metaphorischen wie realen gesellschaftlichen Kälte-Erfahrungen?

Texte zu situieren ist nur bedingt Aufgabe des Autors. Die Grundidee war, die Strategien des »Cool« sowohl als Reaktion wie als Ursache gesellschaftlicher Kälte-Erfahrungen vorzustellen. Die kausalen Verknüpfungen und Verschränken weisen demnach immer in beide Richtungen: an die Schauplätze, wo ein »cooler« Stil Leid - entstanden durch gesellschaftliche Kälte - minimieren will, ohne sich nach Wärme sehnen zu müssen. Und an jene Schauplätze, wo »Coolness« zwischenmenschliche Wärme und emotionale Erhitzung abkühlen will. Eine Ästhetik des »Cool« erkennt in der Kälte der Gesellschaft ihr eigenes Schreckensgesicht, ihren traumatischen Kern und wird sich ihrer selbst ungewiss bis in die innerste Fiber, ohne die Form zu verlieren. Das ist die Leistung des »Cool«.

Ich hatte bei der Lektüre den Eindruck eines sanften, aber kontinuierlichen »Travellings« durch Zeit und Raum, mal langsamer und interessierter, dann etwas zügiger, um dann kurz bei einem Text, einem Bild, einem Song zu verweilen. Im Westfälischen gibt es einen Ausdruck für dieses Flanieren, er heißt »von Stöckchen auf Hölzchen«. Gibt es da eine Verbindlichkeit?

Das Bild der Reise stimmt. Bewegung als Spuren des Werdens von Begriffen und Ideen sind für zeitgenössische Theorien zwingend. Sie sind »sanft« in eine Kultur eingeschrieben, die uns vertraut erscheint, aber bei der wir oft vergessen, auf Dinge zu blicken, die direkt vor unseren Augen und Ohren stattfinden. Reisen kennen keine Lücken, sondern definieren sich mehr über die Punkte, die erreicht wurden, als über jene, die ausgelassen wurden. Die Vorstellung einer Reiseroute beinhaltet immer auch die Definition der Dinge, die links liegen gelassen werden müssen: der unbesuchten Gegenden und Umgebungen. Davon gibt es - logischerweise - unendlich viele. Persönliche Vorlieben auch. Spannender sind aber die Momente, an denen man sich Dingen hingibt, die einem bisher dunkel und fremd waren, aber die der Logik des Textes folgend bedacht werden müssen. Jazz war für mich ein solch dunkles Feld. Jetzt liebe ich Coltrane und vor allem Chet Baker.

Stichwort: Joy Division. Von Joy Division stammt gar das Motto der Studie. Wie kamen sie (Jg. 1967) ausgerechnet auf die bemerkenswert uncoolen Joy Division?

»Love Will Tear Us Apart« habe ich als sehr junger Mensch, pubertierend und von Seelennöten geplagt, gehört, und es hat mich sprachlos gemacht wie kaum ein Stück Popmusik zuvor. Ohne erahnen zu können, warum Liebe Menschen auseinanderreißen sollte, habe ich das Stück wieder und wieder gehört, in der festen Zuversicht, irgendeinmal zu verstehen, warum dieses Stück so klingt, wie es klingt. »Cool« ist der Beweis, dass ich es noch immer nicht herausgefunden habe. Gefragt, was Popmusik ausmachen kann, würde ich sagen, dass es einem häufiger ewige Rätsel aufgibt als einem billige Antworten aufschwatzt. Joy Division immer neu misszuverstehen funktioniert nur deshalb, weil es in dem Werk der Band mehr Substanz, Widerstrebendes und Unversöhntes gibt als in vergleichbaren Platten dieser Zeit. Die fast dialektische Aufhebung von Joy Division in New Order - was für ein Name übrigens - war für einen systemverliebten Hegel-Leser ein zu verlockendes Häppchen, um es nicht zu schlucken. Das Buch ist - kitschig verknappt - rund um die Lektüre dieses Songs - auf Platte, als Video und beim Konzertausschnitt - entstanden.

Wie politisch ist, muss »Cool« sein?

»Cool« verdankt seinen politischen Grundzug der Reaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Am Temperament einer Kultur, die auch am Thermometer abgelesen werden kann, erkennt man den Grad von Zerstörung, den eine soziale, politische Formation angerichtet hat bzw. anrichten kann. Die Gewalt, mit der psychisches System wie Körper diszipliniert und kontrolliert werden, offenbart sich am eindrücklichsten in den Wunden, die es zu entdecken gilt. Die Deformationen in dem Bereich, der umgangssprachlich mit dem Begriff der »Seele« identifiziert wird, sind immateriell. Unsere Kultur hat diese Wunden sichtbar gemacht. »Cool« versucht sich darin, nicht nur die Schreie des Schmerzes hörbar zu machen, sondern vor allem das Herunterschlucken des Schmerzes. Aus welchen Motiven auch immer: aus Eitelkeit, aus Stolz, aus Angst, aus Wut, aus Würde. »Cool« ist die Geschichte der Panzerungen, die sich Menschen als Abwehr anlegen, um die Gewalt der Politik, der Medien, der Kultur, der Metaphysik, die Körper und Bewusstsein malträtieren, abzuwehren.

Wunderschön und hochdialektisch schließt ihre Studie: "Dass die Freiheit, als neuzeitliches Megaphantasma, dabei klein geträumt werden muss, ist die Rache der Geschichte an ihrem liebsten Kind." Bitte eine knappe Aufklärung dieser (geschichtsphilosophischen?) Perspektivierung!

Herr Kriest, es gibt keine Aufklärung. Sie haben es geahnt. Deleuze hat es noch dialektischer ausgedrückt: "Die Geschichte ist das, was uns von uns selbst trennt und was wir überschreiten und durchqueren müssen, um uns selbst zu denken." »Cool« ordnet unsere jüngste Geschichte als Archiv unserer Emotional Culture, als ein Museum voller Panzerungen und Schutzschilder, mit denen Menschen verzweifelt versuchen, das eigene Eigene ihres Selbst zu schützen, ohne zu wissen, ob es dieses Eigene in ihnen überhaupt gibt. In diesem Sinn kündet das Ende des Textes von der inneren Zerrissenheit, deren Hoffnung in einer Trostlosigkeit gründet, die Energie für Befreiungsschläge produzieren kann. Die gute Nachricht ist: Zerrissenheit deutet an, dass Dinge in Bewegung sind. Dass die Suche nach einem Happy-End bescheiden angefangen werden muss, schuldet sich der Stabilität unserer gegenwärtigen Zivilisation. Aber es ist ein Anfang. Wie der afroamerikanische Separatist Garvey am Anfang des Buches sagt: »Don’t forget: I’m in perfect fighting condition.« Cool heißt nicht aufgeben, nicht aufhören, weitermachen. Mit möglichst wenig Illusion. Dieses große DENNOCH meint »Cool«. Dieser Impuls hält das Buch abseits aller Nüchternheit fast paradox zuversichtlich. Dass dieses DENNOCH konstant bedroht ist, wird nicht geleugnet. Die Frontstellung der Zukunft ist: wie weit die Coolness, die Vermischung von Mensch und Technik in Humanmechanoiden vorbereiten? »Cool« hört dort auf, wo im futuristischen Eifer die Selbstzerstörung perfektioniert wird.

Das Interview führte Ulrich Kriest. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
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